(3) Der Weg Jesu Christi: Gehorsam, Erhörung und Erhöhung

Das Leiden und Sterben Christi wird soteriologisch interpretiert, dabei unterbleibt jede Deutung im Sinne opferkultischer Sühne. Vielmehr wird der Gehorsam Christi als Erfüllung des Gotteswillens dem irdischen Opferkult entgegengestellt. Bringen die irdischen Hohenpriester (5,1-10) um des Gottesverhältnisses der Menschen willen Opfer dar, so steht dem Christi irdischer Weg in Leiden und Gehorsam gegenüber. Gerade dieser Weg ist es, der seine hohepriesterliche Investitur begründet und seinem hohepriesterlichen Wirken jene soteriologische Qualität verleiht, die den irdischen Hohenpriestern fehlt. In 9,15-17 wird die Heilsbedeutung des Todes Christi mit der juridischen Testaments-Metapher gedeutet. Christi Tod wird (wie in 2,14f) ohne sühnetheologische Deutung als zurückliegendes Heilsereignis verstanden, dessen Geschehen-Sein die Rechtsverbindlichkeit der Heilsverheißung verbürgt (171).

a. Leidensgehorsam, Erhöhung und Fürbitte (5,5-10)

An die Stelle, die im irdischen Kult das Opfer innehatte, treten bei Christus wie bei den ihm zugehörigen Menschen Gottesfurcht, Gehorsam und Gebet. Diese werden als das Verhalten des irdischen Jesus hervorgehoben. Die Opferterminologie wird in 5,7 im übertragenen Sinn verwendet. Dabei wird der Leidensgehorsam Christi als Grund seiner Erhöhung aus dem Tode geschildert. Christi Hohepriestertum begann mit seiner Erhöhung. Die Leidenserfahrung geht in die Fürbitte des Erhöhten ein (172).

Gegenüberstellung von Opferkult und gelebtem Gehorsam (5,1-10): An die Stelle der Solidarität des selbst von Sünde betroffenen irdischen Hohenpriesters mit den sündigen Mitmenschen tritt bei dem sündlosen Jesus (4,15) die Solidarität des Mit-Leidens. Als Leidender flehte er um Rettung. Als Grund für die Erhöhung wird “Gottesfurcht“ angegeben. Damit will das Darbringen von Gebet und Flehen nicht als kultische Darbringung eines Opfers verstanden sein. Christus flehte als leidender Mensch um seine eigene Rettung (Mk14,36 parr). Er bedurfte für sich selbst keines Opfers. In 5,5 kommt es darauf an, die “ihm“ Gehorchenden (10,9) für ihr Leben in irdischer Schwachheit auf den Gehorsam des schwachen, irdischen Jesus zu verweisen, nicht auf einen irdischen Kultvollzug Christi. An die Stelle der Opferdarbringung zur Vergebung der eigenen Sünden treten beim Christus incarnatus sein Flehen um Rettung und seine in Gottesfurcht gelebte Existenz, diese werden zum Grund der Erhörung, d.h. der Rettung durch die Erhöhung aus dem Tode. So stehen Gebet und Flehen für Christi ganze Existenz in Schwachheit und Leiden. Mit “darbringen“ wird seine Selbsthingabe zum Ausdruck gebracht (175).

In Hebr 5,7; 10,5-10 handelt es sich um eine unkultische Hingabe im leiblichen Gehorsam, die im Tod kulminiert, ohne dass dieser als kultische Opferdarbringung verstanden würde. Diese übertragene Verwendung von prosphora (10,10) bzw. prophorein (5,7) ist wesentlich für die theologische Intention des Hebr, am Beispiel des irdischen Jesus gerade den Gehorsam des in irdischer Profanität gelebten Lebens als Zugang zur himmlischen Herrlichkeit zu erweisen. Unkultischer Gehorsam tritt an die Stelle des irdischen Opferkults (178).

War der aaronitische Hohepriester dafür zuständig, für die Menschen Opfer darzubringen, so wird unter der Ordnung des melchisedekischen Hohenpriestertums das Verhalten der Menschen als Gehorsam gegenüber Christus beschrieben (“die ihm Gehorchenden“ 5,9), womit der in irdischer Profanität gelebte Gehorsam an die Stelle des irdischen Opferkults tritt. Damit folgen die Menschen Jesus, dessen irdisches Dasein seinerseits durch Leiden und Gehorsam charakterisiert wird (“er hat an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt“ 5,8). Man gehorcht Christus, indem man wie er gehorcht. Den besonderen Akzent erhält das Verhältnis von Christus und den Seinen durch Gehorchen und Gehorsam (178).

Der “Sohn“ nahm die von der conditio humana bestimmte Existenz, das Leben im Fleisch, an (5,7f). Auf sein Flehen hin wurde er um seiner Gottesfurcht willen aus dem Tode erhöht. Irdischer Weg (Leiden und Gehorsam) und Erhöhung Christi gehören zusammen (s. 2,5-16). Der im Fleisch und Leiden bewährte Gehorsam, der bis in den Tod führte, wird zum Grund der Erhörung, der aus dem Tod rettenden Erhöhung (2,9). Durch Leiden vollendet, wird Christus “Urheber ewigen Heils“ (5,9). Jesu soteriologische Bedeutung wird als Folge der gehorsamen Selbsthingabe beschrieben – er litt, obwohl er der Sohn war, aber weil er zum Hohenpriester werden sollte (179).

Die Psalmzitate in 5,5f.10 als Erhöhungsaussagen: Zusammen mit Ps 2,7 zitiert der Hebr Ps 110,1 und Ps 110,4 als Gottesrede, mit der Christus in sein hohepriesterliches Amt eingesetzt wurde. Die Erhöhung ist hohepriesterliche Investitur. Um seines Gehorsams willen wurde der Erniedrigte aus dem Leiden erhöht (wie auch in Phil 2,6-11). Diese Tradition interpretiert der Hebr neu, indem er die Erhöhung als Einsetzung ins himmlische Hohepriesteramt deutet. Er schreibt damit dem Erhöhten die Qualität des Heilsmittlers zu. Diese besteht darin, dass er den Leidenden helfen kann, weil er selbst durchs Leiden hindurch erhöht wurde (180).

Interzession als Wirken des himmlischen Hohenpriesters: Kp. 7 erläutert die Überlegenheit des melchisedekischen Hohenpriesters über den aaronitischen Hohenpriester in 7,25 mit der Fähigkeit, als Erhöhter durch seine Fürbitte immerdar retten zu können, die durch ihn zu Gott nahen (“Urheber ewigen Heils“ 5,9). Der himmlische Interzessor vermittelt den Menschen die Gnade (4,16), die sie benötigen, um in Schwachheit (4,15) den Gehorsam zu bewähren (5,9). Hebr 5,7 zeigt Jesus als irdischen Beter um Rettung, weil darin seine himmlische Interzession vorbereitet ist. Er war selbst in der Situation, die jetzt die der Adressaten ist, die seiner Fürbitte bedürfen. Als schwachen, leidenden um Rettung aus dem Todesgeschick flehenden Menschen will Hebr 5,7 den irdischen Jesus schildern. Auch die Adressaten (ab 10,19) sollen ihre irdische Schwachheit im Gehorsam bestehen. Das kann auch ihnen Zugang zum Himmel werden – durch die Fürbitte des mitleidenden himmlischen Hohenpriesters. Christus hat im Leiden Gottesfurcht und Gehorsam bewährt. Gebet und Flehen meinen die ganze irdische Existenz. Deren Darbringung ist Selbsthingabe auf Erden, nicht priesterlicher Kultvollzug (180f).

b. Testament und Bund (9,15-17)

Wie schon in 2,14f beschreibt der Hebr in 9,15-17 das profane Sterben Christi als Heilsereignis, ohne es opferkultisch bzw. sühnetheologisch zu deuten. Die Erfüllung des Willens Gottes im Leben und Sterben Christi verwirklicht den neuen Bund; er erschließt die Vergebung und verbürgt rechtsgültig das himmlische “Erbe“ (181f).

Verbindung von Bundes- und Testamentsthematik: 9,15 (“Mittler eines neuen Bundes“) nimmt die Bundesthematik auf und leitet mit der Rede vom Tod und vom Erbe zur Testamentsthematik über. 9,15 schildert den Tod Christi als Bedingung des Heilsempfangs, der als “erlangen des ewigen Erbes“ bezeichnet wird (182).

Der Testamentsgedanke begründet, warum aus dem Gestorben-Sein Christi das Empfangen des verheißenen “Erbes“ folgt. Der neue Bund hat sein Wesen darin, dass an die Stelle der Gott nicht wohlgefälligen Opfer des irdischen Kults die Selbsthingabe im gelebten Gehorsam tritt, der bei Jesus in den Tod führte. Damit ist der Gotteswille erfüllt und zugleich der neue Bund aufgerichtet (183).

Das Aufrichten des Bundes verdeutlicht 9,15-17 mit dem Inkraftsetzen des Testaments durch das Eintreten des Todesfalls. Da der Inhalt der Verheißung des neuen Bundes in der Vergebung besteht (8,12; 10,17), ist mit der Aufrichtung des neuen Bundes die unter dem ersten Bund angehäufte Sündenlast getilgt und so ist der Antritt der Erbschaft verbürgt. Die Vergebung erfolgt ohne sühnetheologische Begründung. Der Akzent liegt auf dem objektiven Geschehen-Sein des Todes Christi. Die Erfüllung der Bundesverheißung ist durch die Aufrichtung des neuen Bundes im Leidens- und Todesgehorsam Christi rechtsgültig – gleichsam testamentarisch – verbürgt (183f).

Der Akzent der Argumentation von 9,15-17 liegt darauf, die rechtliche Verbindlichkeit der mit Christi Sterben gegebenen Erfüllung der Verheißung herauszustellen – darum hier die juridische Argumentation. Auf das Sterben als irdisch-profanes Geschehen wird dies gegründet, weil der Inhalt des neuen Bundes (die Erfüllung des Gotteswillen jenseits irdischen Opferkultes) mit dem unkultischen irdischen Gehorsam Christi bis zum Tode (10,5-10) gegeben ist. Infolgedessen bewirkte der Tod Christi mit der Aufrichtung des neuen Bundes auch die Erfüllung der an diese geknüpften Verheißung der Sündenvergebung. Für die Adressaten, die den eschatologischen Eingang in die himmlische Welt erst vor sich haben, wird hier die irdische Seite dieses Weges herausgestellt, als Garantie dessen, dass auch ihnen der Zugang zum “Erbe“ der himmlischen Heimat – aus ihrer Schwachheit heraus – gleichsam rechtlich verbürgt ist (184).

c. Die Hingabe des Soma (10,1-18)

Der Hebr versteht das Sterben Christi als den Höhepunkt seines leiblichen Gehorsams, der als unkultische Selbsthingabe an Gott die Erfüllung des Gotteswillens ist und so dem irdischen Opferkult gegenübersteht, der dem Willen Gottes nicht entspricht (185).

An die Stelle des ineffizienten irdischen Kults tritt ein andersartiges Geschehen (10,1-4). Das den irdischen Kult begründende mosaische Kultgesetz (10,1) hat nur einen Schatten der künftigen Güter, nicht aber die “Gestalt der Dinge“ selbst. Diese Inferiorität hat soteriologische Ineffizienz zur Folge (“Deshalb kann es die, die opfern, nicht für immer vollkommen machen... Denn es ist unmöglich, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen“ (10,4) (185).

Leiblicher Gehorsam statt Opferkult (10,8-10): Der Hebr gibt mit dem Psalmzitat (40,7-9) seiner Kritik am irdischen Opferkult Ausdruck. Dieser entspricht weder Gottes Willen, noch wird er wohlgefällig von Gott angenommen. Der Hebr legt das Psalmzitat dem in die Welt eintretenden Christus in den Mund: Gott, so weiß Christus, hat weder Schlachtopfer noch Brandopfer gewollt. Indem Christus in die Welt eintritt, nimmt er das von Gott bereitete Soma an. Setzte der masoretische Text die von Gott gegrabenen Ohren, die Fähigkeit, den Gotteswillen zu vernehmen, dem Opferkult entgegen, so sieht der Hebr im Soma die Möglichkeit, den Willen Gottes aktiv auszuführen. So tritt das Soma und damit das Tun des Willens Gottes an die Stelle von Schlacht- und Brandopfern (192).

Der Verf. des Hebr legt dem in die Welt eintretenden Christus das Psalmzitat in den Mund (10,5), d.h. es ist auf sein Leben in der Welt im menschlichen Soma zu beziehen. Christi Absicht, den Willen Gottes zu tun (10,7.9), bezieht sich auf seinen Eintritt in die Welt, auf seine somatische Existenz. Die innerweltliche somatische Existenz dient insgesamt der Erfüllung des Gotteswillens und gerade die gehorsame im Tode kulminierende Existenz ist als “Darbringung“ des Soma seine Selbsthingabe. Dies ist die wahre, unkultische “Darbringung“, die Gott auf Erden vollzogen haben will (193).

Wenn im neuen Bund der Wille Gottes in die Herzen geschrieben ist (Jer 31,33f), dann geht es nicht mehr um irdischen Opferkult, sondern um das Tun des Gotteswillens. So ist die Verheißung bei Jeremia erfüllt und zugleich aller irdischer Opferkult durch die wahre “Darbringung“ in der Erfüllung des Gotteswillens ersetzt. Das geschah in Christi gehorsamer Selbsthingabe bis zum Tode, mit der er den Willen Gottes erfüllte, wodurch der neue Bund Wirklichkeit geworden ist (196).

Eröffnung des Zugangs zur sakralen Sphäre (10,10.14): Der durch das Todesleiden Christi hindurch erschlossene Zugang zur himmlischen Herrlichkeit kommt auch den Seinen zugute. Dass die Seinen in seinen Weg eingeschlossen sind, sagt Hebr 2,11 mit den Bezeichnungen: “der heiligt und die geheiligt werden“ aus. Die Verschränkung der Zuordnung zum himmlisch-sakralen Bereich mit dem “Hinausgehen“ in den Bereich irdischer Profanität ist im Weg Christi vorgebildet (13,12f). Der Zugang zur himmlischen Herrlichkeit wird erschlossen durch den irdischen Gehorsam Christi. Mit der Erfüllung des Gotteswillens in der Selbsthingabe Christi ist der neue Bund erschlossen, der dann im Akt der himmlischen Kulteinweihung in Geltung gesetzt wird (198f).

Die Selbsthingabe (“Darbringung“ des Leibes) Christi (10,10) ist es, wodurch die Heiligung bewerkstelligt wird. Wie die Jünger Joh 17,14-16 an der Heiligung und Sendung Jesu Anteil gewinnen, so sind auch nach Hebr 10,10 wir durch Christi Selbsthingabe geheiligt, ebenso wie nach Hebr 2,9f die “vielen Brüder“ in die Verherrlichung Christi hineingenommen sind (200).

Irdisches Leiden und himmlisches Opfer Christi sind soteriologisch suffizient (10,11-14). Das “Sitzen zur Rechten“ (2,8.10; 10,12f) ist ebenso aufgegriffen wie das “Vollkommen-Machen“ (2,10; 10,14). 10,11-14 stellt heraus, dass ein fortgesetzter Opferkult aufgrund des Wirkens Christi nicht mehr erforderlich ist. Dafür wird im Anschluss (10,15-17) das Zeugnis des Heiligen Geistes im Jeremia-Zitat in Anspruch genommen. Es geht um das Ende irdischen Opferkultes aufgrund der soteriologischen Suffizienz des Heilswerks Christi (200f).

d. “Der Weg seiner Sarx“ (10,19f.21f)

Der “Weg seiner Sarx“, d.h. der durch Christi irdisches Leben und Sterben gebahnte Weg des irdischen Gehorsams, ist der nun für uns eröffnete Weg ins Allerheiligste. Der Zugang zum himmlischen Heiligtum wird im irdischen Gehorsam gewonnen, nicht im irdischen Opferkult (203).

Der Weg seiner Sarx“ bezeichnet die irdische Daseinsweise, die Christus mit der Inkarnation an- und auf sich nahm (2,14; 5,7). Den Zugang zum himmlischen Allerheiligsten hat Christus für uns neu eingerichtet als einen noch nicht dagewesenen und lebendigen Weg, den Weg seines leiblichen Gehorsams in der irdischen Existenz (206).

Zur Einrichtung des neuen Weges durch den leiblichen Gehorsam Christi im Fleisch kommt der Freimut hinzu, den wir besitzen (10,19), um den Eintritt in das himmlische Allerheiligste zu vollziehen “durch das Blut Jesu“. Mit der Sarx Christi war sein irdisches Dasein angesprochen. Die Rede von seinem Blut bezieht sich auf sein himmlisches Opfer sowie auf die durch sein Blut bewirkte Reinigung des himmlischen Heiligtums und der Gewissen der Adressaten (9,13f.22f; 12,24) (207).

Der Hebr sagt nicht, dass es gelte Christus nachzufolgen. Er fasst das Verhältnis der Seinen zu Christus in die Abfolge des Gehorsams gegen Christus nach seiner Erhöhung (“Als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden“ 5,9). Den durch Christus eröffneten Weg beschreitet man, indem man, gleich ihm, irdisch im Gehorsam lebt (209).

e. Ertrag

Das irdische Geschehen von Leiden und Sterben Christi wird im Hebr nicht opferkultisch bzw. sühnetheologisch gedeutet. Der irdische Weg Jesu Christi ist die gehorsame Erfüllung des Willens Gottes im Leben und Leiden und erreicht seinen Höhepunkt in der “Darbringung“ des Leibes Christi, d.h. in seiner Selbsthingabe, die er auf Erden vollzog. Diese tritt auf Erden an die Stelle des irdischen Opferkults. Damit ist die in der ersten Heilssetzung (diatheke) begründete irdische Kultordnung obsolet. Der Hebr versteht das irdische Leiden und Sterben Jesu als Grund seiner Erhöhung. Diese ist seine Einsetzung in sein himmlisches Amt, Beginn seines Hohepriestertums. Als himmlischer Hoherpriester bringt er seine Erfahrung der conditio humana fürbittend für die Seinen zur Geltung. In seinem Weg durch Schwachheit und Leiden ist der angefochtenen Gemeinde der eigene Weg zu himmlischer Herrlichkeit vorgezeichnet (211).

                   

(4) Himmlischer Hoherpriester und himmlischer Kult

Der irdische Weg Jesu Christi war ein Weg des Gehorsams, kein priesterlich-opferkultisches Wirken. Die Interpretation der Erhöhung Christi als Hohepriester-Investitur erläutert, warum in dieser Erhöhung die Verherrlichung der Seinen beschlossen liegt. Christus kann die Seinen durch seine Fürbitte, durch die Vergebung der Sünden und durch die Hilfe in Anfechtung retten. Die Deutung der Erhöhung als Hohepriester-Investitur ist daher die Pointe der Kulttheologie des Hebr (8,1f). Sie impliziert, dass Christus ein himmlisches Opfer dargebracht haben muss: das Opfer seiner selbst. Dieses Opfer geschah in seiner Erhöhung, verstanden als Eintritt in das himmlische Allerheiligste. Seither wirkt er als himmlischer Hoherpriester fürbittend im himmlischen Heiligtum (212).

a. Sühne und Vergebung (2,17; 4,14-6)

Hebr 2,17: “Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott zu sühnen die Sünden des Volkes“.

Christus ist durch das Todesleiden hindurchgegangen und kann den Versuchten helfen, den Gehorsam zu bewähren. In 2,17 geht es nicht um opferkultische Sühne, sondern um die Zuwendung der Sündenvergebung durch den himmlischen, den Seinen fürbittend beistehenden Hohenpriester. Christus übt für die Seinen die Funktion des Heilsmittlers aus (214).

Das “damit er Hoherpriester würde“ (2,17) setzt den Weg Jesu Christi bis zum Tod und seinen Tod voraus. Dass dabei mit Bezug auf Christi Hohepriestertum von einem “Werden“ die Rede ist, besagt, dass Christus nach dem Hebr nicht schon von Ewigkeit her und nicht schon während seines irdischen Lebens Hoherpriester war. Christus ist Hoherpriester “nach der Kraft unzerstörbaren Lebens“ (7,16), d.h. kraft seiner Erhöhung zu unzerstörbarem Leben aus dem Tode. Daher währt sein Hohepriestertum ewig. Der Ertrag des irdischen Weges Christi geht in sein himmlisches Hohepriesteramt ein und bestimmt es: Er wurde ein barmherziger Hoherpriester, er kann helfen, weil er gelitten hat und versucht wurde (2,18; 4,16) (215f).

Damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott“ (2,17): Christus wurde Hoherpriester im Überschritt aus dem Tod in der Erhöhung. Als Hoherpriester vermittelt er zwischen Mensch und Gott. Seine Zuverlässigkeit/Vertrauenswürdigkeit gilt (bei Mose Israel, bei Christus) der Gemeinde (3,6: wir). Sie ergibt sich für die Gemeinde aus dem Vertrauen, das Christus auf seinem irdischen Weg bewährte (2,13) (216f).

Die Situation der Anfechtung und die “Hilfe“ (4,16): Hebr 2,18 (“gelitten“) nimmt auf das “Todesleiden“ Christi (2,9) Bezug. Ebenso bezeichnet Hebr 4,15 (“versucht worden in allem“) ein Versuchtsein in jeder Hinsicht, d.h. bis hin zum Tode. Dabei sind in 2,18 wie in 4,14f die Wir als Versuchte im Blick. Die Versuchung hängt mit Schwachheit und Leiden zusammen (2,18: “er hat gelitten“, 4,15: “mitleiden mit unseren Schwachheiten“), der conditio humana (2,14f). Diese ist bestimmt durch die Begriffe: “Fleisch und Blut, Tod und Furcht“. Der Todesmachthaber übt seine Herrschaft durch die Todesfurcht aus, die die Sterblichen versklavt (“versucht werden“ 2,18; 4,15). Wenn der Hebr in 2,17f; 4,14-16 damit beginnt, seine Hohepriesterlehre zu entfalten, dann sind dabei die Darlegungen von Hebr 2,5-16 über den “Sohn“ als den angefochtenen Menschen schlechthin aufgenommen. Weil er Leiden und Anfechtung kennt, kann Christus den Angefochtenen helfen. “Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben“ (4,16). Als Hoherpriester ist Christus Urheber ewigen Heils (der Gehorsame für die Gehorsamen vgl. 5,8-10). Christi Barmherzigkeit (2,17f) besteht darin, dass er die Angefochtenen durch seine Fürbitte zur Bewährung des Gehorsams stärkt. Nach G. Gäbel ist hier (“...zu sühnen die Sünden des Volkes“ 2,17) ebenfalls die Fürbitte Christi gemeint, durch die er für die Seinen Sündenvergebung bei Gott erwirkt (217f).

Die Sühneaussage in 2,17: Die Konstruktion von verbalen Sühneaussagen mit Ausdrücken für Sünde und Schuld als direktes Akkusativobjekt ist der LXX wie in Texten vom Toten Meer in nicht-opferkultischen Kontexten anzutreffen. Sie bezeichnet die Gnade gegenüber dem Sünder bzw. die Vergebung der Sünden. Vor diesem Hintergrund ist Hebr 2,17 in den nicht-opferkultischen Sprachgebrauch einzuordnen. Die Sünden sühnen heißt in Bezug auf die Sünden gnädig sein bzw. die Sünden vergeben (224).

Fordert die Kulttheologie des Hebr, das “Sühnen“ auf das Opfer Christi als einmaligen Sühneakt zu beziehen? Folgende Beobachtungen sprechen dagegen: Auffällig ist bei der Betonung der Jom Kippur-Typologie die starke Zurückhaltung des Hebr bei der Sühneterminologie. 2,17 bietet den einzigen verbalen Beleg. In 9,5 “Gnadenthron“ (Sühnedeckel) geht es um die Keruben, die das hilasterion überschatten. Von der Funktion des hilasterion am Jom Kippur verlautet nichts. In der Schilderung des irdischen Kultvollzugs am Jom Kippur (9,6f) wird es nicht erwähnt. Ebensowenig wird die Blutsprengung am Jom Kippur (Lev 16,14f) im Hebr explizit erwähnt (9,7 spricht von einer Darbringung des Blutes, ohne diese näher zu schildern) (224f).

In Hebr 8,12 steht das Zitat aus Jer 31,34, wo Gott verheißt, im Blick auf die Unrechtstaten Israels gnädig zu sein und ihrer Sünden nicht mehr zu gedenken. Die LXX übersetzt das hebräische “vergeben“ mit “gnädig sein“. Gemeint ist die gnädige Zuwendung und Vergebungsbereitschaft. In der neuen kultischen Heilssetzung (diatheke) beruht die Vergebungsbereitschaft Gottes auf dem einmaligen Selbstopfer Christi. Seine Wirkung wird nicht mit der Sühneterminologie beschrieben. Die Sühneterminologie wird im Hebr (abgesehen von 2,17) nicht zur Beschreibung des Wirkens Christi herangezogen (225).

Wo der Hebr die Wirksamkeit des Kultgeschehens und/oder des Wirkens Christi schildert, bedient er sich der Reinigungsterminologie. Das gilt für den irdischen Kult (9,13.22; 10,2) wie für das Wirken Christi (1,3; 9,14.23; 10,22). Gereinigt wird das himmlische Heiligtum (9,23) bzw. das Gewissen (9,14). Der irdische Kult zielt auf die Reinigung des Gewissens, vermag sie aber nicht zu erwirken (9,13; 10,2). Das Reinigungsmittel ist Blut (9,13f.22). Die Aussage von 9,22 zielt auf die Blutriten im Rahmen des Opferkults, die gemeinhin als Sühneriten angesprochen werden, die der Hebr aber dezidiert als Reinigungsriten versteht (225).

In Hebr 1,3 bezeichnet “die Reinigung von den Sünden vollbracht habend“ das einmalige Selbstopfer Christi nach seiner Wirkung. Was gereinigt wird, wird nicht gesagt; nach 9,14 das Gewissen der Menschen und das Heiligtum (9,23). Während die Reinigung nach 1,3 der Inthronisation einmalig vorausging und fortan gültig bleibt, beschreibt “zu sühnen“ (2,17) ein fortdauerndes Wirken, das die einmalige Sündenreinigung durch das Selbstopfer Christi immer neu (nicht opferkultisch) zur Geltung bringt (226).

Christus wurde ein barmherziger und zuverlässiger Hoherpriester, indem er in allem den Brüdern gleich wurde und zwar “um zu sühnen...“. Wollte man die Sühneaussage auf das einmalige Opfer Christi beziehen, so widerspräche dem der Gebrauch des Infinitiv Präsens, der ein fortgesetztes Sühnewirken in der Gegenwart beschreibt. Dieses kann nicht mit der einmaligen Sündenreinigung (1,3) gleichgesetzt werden. Es geschieht, indem Christus den Seinen fortwährend hilft (2,18; 4,16), d.h. ihnen Gnade und Vergebung zuwendet (226).

Der Befund in 2,17 ist eindeutig: “zu sühnen die Sünden des Volkes“ meint die Zuwendung von Gnade und Vergebung. Dies geschieht in Bezug auf das Gottesverhältnis der hilfsbedürftigen Menschen durch die Fürbitte des erhöhten Hohenpriesters (226).

Im Wirken des himmlischen Hohenpriesters ist der Ertrag seiner Niedrigkeit und seines Leidens für die Gemeinde in ihrer Schwäche und Anfechtung bleibend und hilfreich präsent. So erweist die Hohepriesterchristologie die soteriologische Bedeutsamkeit der Erhöhung aus dem irdischen Todesleiden auf. Im Hinzutreten zum im Himmel inthronisierten Christus empfängt die Gemeinde immer neu seine Hilfe: Beistand in der Versuchung zur Bewährung des Gehorsams und Vergebung der Sünden aufgrund seines einmaligen Selbstopfers (227).

b. Hoherpriester auf ewig (7,11ff; 6,19f)

Durch die Hoffnung sind wir im himmlischen Allerheiligsten verankert. Dorthin ist Jesus um unseretwillen als Vorläufer eingetreten (6,20). Die Erhöhung Christi wird in Kp. 7-10 kulttheologisch als Eintritt in das himmlische Heiligtum, in das Allerheiligste beschrieben und damit kulttypologisch dem Weg des irdischen Hohespriesters am Jom Kippur verglichen (227).

Aufgrund göttlichen Eidschwurs ist Christus Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks (6,20; 7,11-28). Christi Hohepriestertum und Kult tritt an die Stelle der mosaisch-aaronitischen Kultgesetzgebung (7,28). Die Überlegenheit des besseren Bundes beruht auf der Unwandelbarkeit des Hohepriestertums, das Christus begründet (229f).

Christi einmaliges Selbstopfer ist suffizient (7,26f.28). Die durch nichts beeinträchtigte Reinheit und Heiligkeit, die zum Wesen seines Hohepriestertums gehört, erlangte Christus durch die Erhöhung. Daher ist dieses Hohepriestertum ein himmlisches (231).

Christi Hohepriestertum ist ewig, weil er ewig lebt (7,8.23f). Dies gilt erst für Christi Wirken nach dem Hindurchgang durch das Todesgeschehen. Erst dieses ist hohepriesterliches Wirken “nach der Weise Melchisedeks“. Der Suffizienz seines Selbstopfers entsprechen die Einmaligkeit seines irdischen Weges und die Unzerstörbarkeit seines Lebens seit der Erhöhung. Der Eidschwur, der über das Gesetz hinausgeht, begründet das ewige Hohepriestertum des Sohnes im Gegensatz zum Hohepriestertum der schwachen Menschen, das auf das Gesetz gegründet ist. Der Eidschwur Ps 110,4 ermöglicht es, dem levitischen (Hohe-)Priestertum und seiner Grundlage (dem Kultgesetz der Schrift) ein anderes Hohepriestertum, ebenfalls auf der Schriftgrundlage, gegenüberzustellen. Die alte kultische Satzung wird annulliert (7,18) (232).

Das Hohepriestertum “nach der Weise Melchisedeks“ ist dem himmlischen Wirken des erhöhten Christus (7,25 seinem fürbittenden Wirken; 7,27; 8,3 seinem himmlischen Selbstopfer) zugeordnet. Es begründet durch die fortwährende Fürbitte die bleibende Hoffnung auf Zutritt zum himmlischen Heiligtum. Darin erweist sich seine Überlegenheit (232f).

c. himmlischer Kult und himmlisches Opfer (8,1-6)

8,3f: Das Opfer Christi wurde vom himmlischen Hohenpriester im himmlischen Heiligtum dargebracht. Die Hohepriesterchristologie als Interpretament der Erhöhungsvorstellung schließt diese soteriologisch auf (236).

Wäre in 8,3 an irdisches Geschehen gedacht, wie fügte sich das zum Kontext von 8,1-6? Ein wesentlicher Charakter des Hohenpriesters besteht in der Darbringung von Gaben und Opfern (8,3). So musste auch Christus als solcher (Hoherpriester) etwas darbringen. Das konnte er nicht auf Erden, wo diese Darbringung nach dem Gesetz nur von den levitischen Priestern geschieht (8,4). Darin liegt kein Hindernis gegen seine hohepriesterliche Würde, da er dieses Amt nicht im irdischen, sondern im himmlischen Heiligtum verwaltet (8,6). Da scheint es klar zu sein, dass der Verf. das hier gemeinte hohepriesterliche “Darbringen“ Christi nicht als auf Erden, sondern als im Himmel verrichtet betrachtet und dass es sich daher nicht darauf beziehen kann, dass der Erlöser den Kreuzestod gelitten hat, sondern darauf, dass er seinen auf Erden dahin gegebenen Leib und sein vergossenes Blut danach bei seinem Eintritt in das himmlische Heiligtum dem Vater als Opfer dargestellt hat. Diese Darbringung (das Selbstopfer Christi 7,27) gehört im Sinnes des Verf. des Hebr nicht auf die Seite des irdischen Priesterdienstes, sondern auf die Seite der himmlischen Liturgie des zur Rechten Gottes Erhöhten (237).

Ein priesterlich-kultisches Wirken Christi auf Erden ist im Hebr nicht im Blick. Das einmalige Opfer Christi ist nicht in seinem irdischen Sterben und Tod zu sehen. Mit 8,4 ist 8,3 das Thema der (hohe-) priesterlichen Opferdarbringung gemeinsam. Aufgrund von 8,4 kann auch in 8,3 im Blick auf Christus eine himmlische Opferdarbringung gemeint sein (249).

Hebr 8,1-6 bringt die Gegenüberstellung von zweierlei Priestertum und Kult (5,5-10 und Kp.7) auf den Begriff: Der levitische, durch das mosaische Kultgesetz begründete Kult ist irdisch und findet im irdischen Abbild-Heiligtum statt. Der durch göttlichen Eidschwur begründete Kult des melchisedekischen Hohenpriesters ist himmlisch und findet im himmlischen Urbild-Heiligtum statt. Wie das irdische Heiligtum Abbild des himmlischen ist, so ist das irdische Kultgeschehen des Jom Kippur schattenhaftes Abbild des himmlischen Selbstopfers Christi (254).

Die Hohepriesterchristologie wird zum Interpretament traditioneller Erniedrigungs- und Erhöhungsaussagen. Die kulttheologische Deutung von Christi himmlischem Wirken erschließt die soteriologische Bedeutsamkeit der in dem “Sitzen zur Rechten“ ausgesprochenen Erhöhung. Die Pointe des Hebr ist das gegenwärtige (8,1) himmlische Wirken des Erhöhten als Hoherpriester (254).

Christus tritt kraft seines eigenen Blutes und mit diesem in das himmlische Allerheiligste ein. Daneben steht der Vergleich des irdischen Leidens Christi mit der Verbrennung der Kadaver der Opfertiere (13,11f) – nicht mit der Opferschlachtung, die der Hebr nicht erwähnt. In 2,17 handelt es sich um eine Aussage über das fortwährende interzessorische Wirken Christi. Die Jom Kippu-Typologie des Hebr greift gegebenes Material auf, ist jedoch in Auswahl und Deutung eigenständig (278).

d. Der Eintritt ins Allerheiligste und das Selbstopfer Christi (9,11f)

Die Überführung der im Blut repräsentierten Hingabe des somatischen Lebens Christi in das himmlische Allerheiligste ist als solche sein himmlischer Opfervollzug (279).

Dem Hebr genügt es zu sagen, dass Christus mit seinem eigenen Blut in das himmlische Allerheiligste eingetreten ist. Typologisch entspricht das der Darbringung des Blutes durch den Hohenpriester im irdischen Allerheiligsten. Das Blut gilt kultischer Theologie als Träger und Repräsentant der physisch-somatischen Lebendigkeit (Lev 17,11). Der Hebr differenziert zwischen Christus selbst als Hoherpriester und Blut Christi. Letzteres repräsentiert als Opfermaterie die Hingabe seines Lebens. In der Aussage, Christus sei eingetreten “durch sein eigenes Blut“, kommt beides zur Geltung. Die im Blut repräsentierte gehorsame Selbsthingabe seiner irdischen Existenz erschließt Christus den Zugang zum himmlischen Allerheiligsten “kraft seines eigenen Blutes“. Sein Eintreten in das himmlische Allerheiligste “mit seinem eigenen Blut“ entspricht dem als Opferdarbringung gedeuteten Eintritt des irdischen Hohenpriesters ins Allerheiligste und hat somit die Qualität einer Opferdarbringung. Christi unkultische Selbsthingabe auf Erden hat im himmlischen Geschehen ihre kultische Ergänzung (290).

Das Selbstopfer Christi zeichnet sich dadurch aus, dass es “durch ewigen Geist“ vollzogen wurde (9,14). Das gehört zu seiner Überlegenheit über die Opfer und Reinigungsriten des irdischen Kults, die dem Bereich der Sarx zugehören. Das Selbstopfer Christi hat an der geistig-ewigen Natur der himmlischen Dinge Anteil, da es selbst himmlisches Geschehen ist. Der Kraft ewigen Geistes entsprechenden Art des Selbstopfers Christi korrespondiert das Vermögen seines Blutes, das Gewissen reinigen zu können. Das Gewicht liegt ganz auf dem Eintritt ins Allerheiligste, den der Hebr als Darbringung, damit als Vollzug des himmlischen Selbstopfers Christi, versteht (292).