2.4 Himmlischer Hoherpriester und himmlischer Kult

Der irdische Weg Jesu Christi war ein Weg des Gehorsams, kein priesterlich-opferkultisches Wirken. Die Interpretation der Erhöhung Christi als Hohepriester-Investitur erläutert, warum in dieser Erhöhung die Verherrlichung der Seinen beschlossen liegt. Christus kann die Seinen durch seine Fürbitte, durch die Vergebung der Sünden und durch die Hilfe in Anfechtung retten. Die Deutung der Erhöhung als Hohepriester-Investitur ist daher die Pointe der Kulttheologie des Hebr (8,1f). Sie impliziert, dass Christus ein himmlisches Opfer dargebracht haben muss: das Opfer seiner selbst. Dieses Opfer geschah in seiner Erhöhung, verstanden als Eintritt in das himmlische Allerheiligste. Seither wirkt er als himmlischer Hoherpriester fürbittend im himmlischen Heiligtum (212).

a. Sühne und Vergebung (2,17; 4,14-6)

Hebr 2,17: “Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott zu sühnen die Sünden des Volkes“.

Christus ist durch das Todesleiden hindurchgegangen und kann den Versuchten helfen, den Gehorsam zu bewähren. In 2,17 geht es nicht um opferkultische Sühne, sondern um die Zuwendung der Sündenvergebung durch den himmlischen, den Seinen fürbittend beistehenden Hohenpriester. Christus übt für die Seinen die Funktion des Heilsmittlers aus (214).

Das “damit er Hoherpriester würde“ (2,17) setzt den Weg Jesu Christi bis zum Tod und seinen Tod voraus. Dass dabei mit Bezug auf Christi Hohepriestertum von einem “Werden“ die Rede ist, besagt, dass Christus nach dem Hebr nicht schon von Ewigkeit her und nicht schon während seines irdischen Lebens Hoherpriester war. Christus ist Hoherpriester “nach der Kraft unzerstörbaren Lebens“ (7,16), d.h. kraft seiner Erhöhung zu unzerstörbarem Leben aus dem Tode. Daher währt sein Hohepriestertum ewig. Der Ertrag des irdischen Weges Christi geht in sein himmlisches Hohepriesteramt ein und bestimmt es: Er wurde ein barmherziger Hoherpriester, er kann helfen, weil er gelitten hat und versucht wurde (2,18; 4,16) (215f).

“Damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott“ (2,17): Christus wurde Hoherpriester im Überschritt aus dem Tod in der Erhöhung. Als Hoherpriester vermittelt er zwischen Mensch und Gott. Seine Zuverlässigkeit/Vertrauenswürdigkeit gilt (bei Mose Israel, bei Christus) der Gemeinde (3,6: wir). Sie ergibt sich für die Gemeinde aus dem Vertrauen, das Christus auf seinem irdischen Weg bewährte (2,13) (216f).

Die Situation der Anfechtung und die “Hilfe“ (4,16): Hebr 2,18 (“gelitten“) nimmt auf das “Todesleiden“ Christi (2,9) Bezug. Ebenso bezeichnet Hebr 4,15 (“versucht worden in allem“) ein Versuchtsein in jeder Hinsicht, d.h. bis hin zum Tode. Dabei sind in 2,18 wie in 4,14f die Wir als Versuchte im Blick. Die Versuchung hängt mit Schwachheit und Leiden zusammen (2,18: “er hat gelitten“, 4,15: “mitleiden mit unseren Schwachheiten“), der conditio humana (2,14f). Diese ist bestimmt durch die Begriffe: “Fleisch und Blut, Tod und Furcht“. Der Todesmachthaber übt seine Herrschaft durch die Todesfurcht aus, die die Sterblichen versklavt (“versucht werden“ 2,18; 4,15). Wenn der Hebr in 2,17f; 4,14-16 damit beginnt, seine Hohepriesterlehre zu entfalten, dann sind dabei die Darlegungen von Hebr 2,5-16 über den “Sohn“ als den angefochtenen Menschen schlechthin aufgenommen. Weil er Leiden und Anfechtung kennt, kann Christus den Angefochtenen helfen. “Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben“ (4,16). Als Hoherpriester ist Christus Urheber ewigen Heils (der Gehorsame für die Gehorsamen vgl. 5,8-10). Christi Barmherzigkeit (2,17f) besteht darin, dass er die Angefochtenen durch seine Fürbitte zur Bewährung des Gehorsams stärkt. Nach G. Gäbel ist hier (“...zu sühnen die Sünden des Volkes“ 2,17) ebenfalls die Fürbitte Christi gemeint, durch die er für die Seinen Sündenvergebung bei Gott erwirkt (217f).

Die Sühneaussage in 2,17: Die Konstruktion von verbalen Sühneaussagen mit Ausdrücken für Sünde und Schuld als direktes Akkusativobjekt ist der LXX wie in Texten vom Toten Meer in nicht-opferkultischen Kontexten anzutreffen. Sie bezeichnet die Gnade gegenüber dem Sünder bzw. die Vergebung der Sünden. Vor diesem Hintergrund ist Hebr 2,17 in den nicht-opferkultischen Sprachgebrauch einzuordnen. Die Sünden sühnen heißt in Bezug auf die Sünden gnädig sein bzw. die Sünden vergeben (224).

Fordert die Kulttheologie des Hebr, das “Sühnen“ auf das Opfer Christi als einmaligen Sühneakt zu beziehen? Folgende Beobachtungen sprechen dagegen: Auffällig ist bei der Betonung der Jom Kippur-Typologie die starke Zurückhaltung des Hebr bei der Sühneterminologie. 2,17 bietet den einzigen verbalen Beleg. In 9,5 “Gnadenthron“ (Sühnedeckel) geht es um die Keruben, die das hilasterion überschatten. Von der Funktion des hilasterion am Jom Kippur verlautet nichts. In der Schilderung des irdischen Kultvollzugs am Jom Kippur (9,6f) wird es nicht erwähnt. Ebensowenig wird die Blutsprengung am Jom Kippur (Lev 16,14f) im Hebr explizit erwähnt (9,7 spricht von einer Darbringung des Blutes, ohne diese näher zu schildern) (224f).

In Hebr 8,12 steht das Zitat aus Jer 31,34, wo Gott verheißt, im Blick auf die Unrechtstaten Israels gnädig zu sein und ihrer Sünden nicht mehr zu gedenken. Die LXX übersetzt das hebräische “vergeben“ mit “gnädig sein“. Gemeint ist die gnädige Zuwendung und Vergebungsbereitschaft. In der neuen kultischen Heilssetzung (diatheke) beruht die Vergebungsbereitschaft Gottes auf dem einmaligen Selbstopfer Christi. Seine Wirkung wird nicht mit der Sühneterminologie beschrieben. Die Sühneterminologie wird im Hebr (abgesehen von 2,17) nicht zur Beschreibung des Wirkens Christi herangezogen (225).

Wo der Hebr die Wirksamkeit des Kultgeschehens und/oder des Wirkens Christi schildert, bedient er sich der Reinigungsterminologie. Das gilt für den irdischen Kult (9,13.22; 10,2) wie für das Wirken Christi (1,3; 9,14.23; 10,22). Gereinigt wird das himmlische Heiligtum (9,23) bzw. das Gewissen (9,14). Der irdische Kult zielt auf die Reinigung des Gewissens, vermag sie aber nicht zu erwirken (9,13; 10,2). Das Reinigungsmittel ist Blut (9,13f.22). Die Aussage von 9,22 zielt auf die Blutriten im Rahmen des Opferkults, die gemeinhin als Sühneriten angesprochen werden, die der Hebr aber dezidiert als Reinigungsriten versteht (225).

In Hebr 1,3 bezeichnet “die Reinigung von den Sünden vollbracht habend“ das einmalige Selbstopfer Christi nach seiner Wirkung. Was gereinigt wird, wird nicht gesagt; nach 9,14 das Gewissen der Menschen und das Heiligtum (9,23). Während die Reinigung nach 1,3 der Inthronisation einmalig vorausging und fortan gültig bleibt, beschreibt “zu sühnen“ (2,17) ein fortdauerndes Wirken, das die einmalige Sündenreinigung durch das Selbstopfer Christi immer neu (nicht opferkultisch) zur Geltung bringt (226).

Christus wurde ein barmherziger und zuverlässiger Hoherpriester, indem er in allem den Brüdern gleich wurde und zwar “um zu sühnen...“. Wollte man die Sühneaussage auf das einmalige Opfer Christi beziehen, so widerspräche dem der Gebrauch des Infinitiv Präsens, der ein fortgesetztes Sühnewirken in der Gegenwart beschreibt. Dieses kann nicht mit der einmaligen Sündenreinigung (1,3) gleichgesetzt werden. Es geschieht, indem Christus den Seinen fortwährend hilft (2,18; 4,16), d.h. ihnen Gnade und Vergebung zuwendet (226).

Der Befund in 2,17 ist eindeutig: “zu sühnen die Sünden des Volkes“ meint die Zuwendung von Gnade und Vergebung. Dies geschieht in Bezug auf das Gottesverhältnis der hilfsbedürftigen Menschen durch die Fürbitte des erhöhten Hohenpriesters (226).

Im Wirken des himmlischen Hohenpriesters ist der Ertrag seiner Niedrigkeit und seines Leidens für die Gemeinde in ihrer Schwäche und Anfechtung bleibend und hilfreich präsent. So erweist die Hohepriesterchristologie die soteriologische Bedeutsamkeit der Erhöhung aus dem irdischen Todesleiden auf. Im Hinzutreten zum im Himmel inthronisierten Christus empfängt die Gemeinde immer neu seine Hilfe: Beistand in der Versuchung zur Bewährung des Gehorsams und Vergebung der Sünden aufgrund seines einmaligen Selbstopfers (227).

b. Hoherpriester auf ewig (7,11ff; 6,19f)

Durch die Hoffnung sind wir im himmlischen Allerheiligsten verankert. Dorthin ist Jesus um unseretwillen als Vorläufer eingetreten (6,20). Die Erhöhung Christi wird in Kp. 7-10 kulttheologisch als Eintritt in das himmlische Heiligtum, in das Allerheiligste beschrieben und damit kulttypologisch dem Weg des irdischen Hohespriesters am Jom Kippur verglichen (227).

Aufgrund göttlichen Eidschwurs ist Christus Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks (6,20; 7,11-28). Christi Hohepriestertum und Kult tritt an die Stelle der mosaisch-aaronitischen Kultgesetzgebung (7,28). Die Überlegenheit des besseren Bundes beruht auf der Unwandelbarkeit des Hohepriestertums, das Christus begründet (229f).

Christi einmaliges Selbstopfer ist suffizient (7,26f.28). Die durch nichts beeinträchtigte Reinheit und Heiligkeit, die zum Wesen seines Hohepriestertums gehört, erlangte Christus durch die Erhöhung. Daher ist dieses Hohepriestertum ein himmlisches (231).

Christi Hohepriestertum ist ewig, weil er ewig lebt (7,8.23f). Dies gilt erst für Christi Wirken nach dem Hindurchgang durch das Todesgeschehen. Erst dieses ist hohepriesterliches Wirken “nach der Weise Melchisedeks“. Der Suffizienz seines Selbstopfers entsprechen die Einmaligkeit seines irdischen Weges und die Unzerstörbarkeit seines Lebens seit der Erhöhung. Der Eidschwur, der über das Gesetz hinausgeht, begründet das ewige Hohepriestertum des Sohnes im Gegensatz zum Hohepriestertum der schwachen Menschen, das auf das Gesetz gegründet ist. Der Eidschwur Ps 110,4 ermöglicht es, dem levitischen (Hohe-)Priestertum und seiner Grundlage (dem Kultgesetz der Schrift) ein anderes Hohepriestertum, ebenfalls auf der Schriftgrundlage, gegenüberzustellen. Die alte kultische Satzung wird annulliert (7,18) (232).

Das Hohepriestertum “nach der Weise Melchisedeks“ ist dem himmlischen Wirken des erhöhten Christus (7,25 seinem fürbittenden Wirken; 7,27; 8,3 seinem himmlischen Selbstopfer) zugeordnet. Es begründet durch die fortwährende Fürbitte die bleibende Hoffnung auf Zutritt zum himmlischen Heiligtum. Darin erweist sich seine Überlegenheit (232f).

c. himmlischer Kult und himmlisches Opfer (8,1-6)

8,3f: Das Opfer Christi wurde vom himmlischen Hohenpriester im himmlischen Heiligtum dargebracht. Die Hohepriesterchristologie als Interpretament der Erhöhungsvorstellung schließt diese soteriologisch auf (236).

Wäre in 8,3 an irdisches Geschehen gedacht, wie fügte sich das zum Kontext von 8,1-6? Ein wesentlicher Charakter des Hohenpriesters besteht in der Darbringung von Gaben und Opfern (8,3). So musste auch Christus als solcher (Hoherpriester) etwas darbringen. Das konnte er nicht auf Erden, wo diese Darbringung nach dem Gesetz nur von den levitischen Priestern geschieht (8,4). Darin liegt kein Hindernis gegen seine hohepriesterliche Würde, da er dieses Amt nicht im irdischen, sondern im himmlischen Heiligtum verwaltet (8,6). Da scheint es klar zu sein, dass der Verf. das hier gemeinte hohepriesterliche “Darbringen“ Christi nicht als auf Erden, sondern als im Himmel verrichtet betrachtet und dass es sich daher nicht darauf beziehen kann, dass der Erlöser den Kreuzestod gelitten hat, sondern darauf, dass er seinen auf Erden dahin gegebenen Leib und sein vergossenes Blut danach bei seinem Eintritt in das himmlische Heiligtum dem Vater als Opfer dargestellt hat. Diese Darbringung (das Selbstopfer Christi 7,27) gehört im Sinnes des Verf. des Hebr nicht auf die Seite des irdischen Priesterdienstes, sondern auf die Seite der himmlischen Liturgie des zur Rechten Gottes Erhöhten (237).

Ein priesterlich-kultisches Wirken Christi auf Erden ist im Hebr nicht im Blick. Das einmalige Opfer Christi ist nicht in seinem irdischen Sterben und Tod zu sehen. Mit 8,4 ist 8,3 das Thema der (hohe-) priesterlichen Opferdarbringung gemeinsam. Aufgrund von 8,4 kann auch in 8,3 im Blick auf Christus eine himmlische Opferdarbringung gemeint sein (249).

Hebr 8,1-6 bringt die Gegenüberstellung von zweierlei Priestertum und Kult (5,5-10 und Kp.7) auf den Begriff: Der levitische, durch das mosaische Kultgesetz begründete Kult ist irdisch und findet im irdischen Abbild-Heiligtum statt. Der durch göttlichen Eidschwur begründete Kult des melchisedekischen Hohenpriesters ist himmlisch und findet im himmlischen Urbild-Heiligtum statt. Wie das irdische Heiligtum Abbild des himmlischen ist, so ist das irdische Kultgeschehen des Jom Kippur schattenhaftes Abbild des himmlischen Selbstopfers Christi (254).

Die Hohepriesterchristologie wird zum Interpretament traditioneller Erniedrigungs- und Erhöhungsaussagen. Die kulttheologische Deutung von Christi himmlischem Wirken erschließt die soteriologische Bedeutsamkeit der in dem “Sitzen zur Rechten“ ausgesprochenen Erhöhung. Die Pointe des Hebr ist das gegenwärtige (8,1) himmlische Wirken des Erhöhten als Hoherpriester (254).

Christus tritt kraft seines eigenen Blutes und mit diesem in das himmlische Allerheiligste ein. Daneben steht der Vergleich des irdischen Leidens Christi mit der Verbrennung der Kadaver der Opfertiere (13,11f) – nicht mit der Opferschlachtung, die der Hebr nicht erwähnt. In 2,17 handelt es sich um eine Aussage über das fortwährende interzessorische Wirken Christi. Die Jom Kippu-Typologie des Hebr greift gegebenes Material auf, ist jedoch in Auswahl und Deutung eigenständig (278).

d. Der Eintritt ins Allerheiligste und das Selbstopfer Christi (9,11f)

Die Überführung der im Blut repräsentierten Hingabe des somatischen Lebens Christi in das himmlische Allerheiligste ist als solche sein himmlischer Opfervollzug (279).

Dem Hebr genügt es zu sagen, dass Christus mit seinem eigenen Blut in das himmlische Allerheiligste eingetreten ist. Typologisch entspricht das der Darbringung des Blutes durch den Hohenpriester im irdischen Allerheiligsten. Das Blut gilt kultischer Theologie als Träger und Repräsentant der physisch-somatischen Lebendigkeit (Lev 17,11). Der Hebr differenziert zwischen Christus selbst als Hoherpriester und Blut Christi. Letzteres repräsentiert als Opfermaterie die Hingabe seines Lebens. In der Aussage, Christus sei eingetreten “durch sein eigenes Blut“, kommt beides zur Geltung. Die im Blut repräsentierte gehorsame Selbsthingabe seiner irdischen Existenz erschließt Christus den Zugang zum himmlischen Allerheiligsten “kraft seines eigenen Blutes“. Sein Eintreten in das himmlische Allerheiligste “mit seinem eigenen Blut“ entspricht dem als Opferdarbringung gedeuteten Eintritt des irdischen Hohenpriesters ins Allerheiligste und hat somit die Qualität einer Opferdarbringung. Christi unkultische Selbsthingabe auf Erden hat im himmlischen Geschehen ihre kultische Ergänzung (290).

Das Selbstopfer Christi zeichnet sich dadurch aus, dass es “durch ewigen Geist“ vollzogen wurde (9,14). Das gehört zu seiner Überlegenheit über die Opfer und Reinigungsriten des irdischen Kults, die dem Bereich der Sarx zugehören. Das Selbstopfer Christi hat an der geistig-ewigen Natur der himmlischen Dinge Anteil, da es selbst himmlisches Geschehen ist. Der Kraft ewigen Geistes entsprechenden Art des Selbstopfers Christi korrespondiert das Vermögen seines Blutes, das Gewissen reinigen zu können. Das Gewicht liegt ganz auf dem Eintritt ins Allerheiligste, den der Hebr als Darbringung, damit als Vollzug des himmlischen Selbstopfers Christi, versteht (292).