(5) Irdische Existenz und Zuordnung zum himmlischen Kult

Der Kult der eschatologischen neuen Heilssetzung (diatheke) im himmlischen Heiligtum wurde eingeweiht. Die Adressaten erhielten die Zugangsberechtigung zum himmlischen Heiligtum und die Befähigung zur Kultteilnahme. Die Adressaten vollziehen diese Teilnahme im Leben auf Erden. Aus der Zugehörigkeit zum himmlischen Kult heraus verstehen sie ihre irdische Existenz als Fremdlingschaft. Die Sarx Christi, seine irdische Existenz, ist der Weg in das himmlische Allerheiligste. Dieser Weg ist in irdischem Gehorsam zu beschreiten. Aus der Zuordnung zum himmlischen Altar (13,10) ergibt sich die Forderung, jede Teilnahme an irdischem Kult zu unterlassen. Stattdessen wird das, was in irdischer Profanität gelebt wurde, als das (spirituelle) Opfer (13,15f) der Adressaten auf dem himmlischen Altar dargebracht. Der Hebr versteht das irdische Sterben Christi als profanes, nicht-opferkultisches Geschehen, zu dem sein himmlisches Selbstopfer komplementär hinzutritt (425f).

a. Himmlisches Vaterland und irdische Fremdheit (11,8-16)

Leben in der Fremde – Erwartung der künftigen Stadt: Abraham zog aus und siedelte sich im “Land der Verheißung“ an, wo er als Fremdling weilte. Er erwartete die von Gott erbaute Stadt, das himmlische Jerusalem (12,22-24). Diese Stadt sahen Abraham und andere nur von ferne. Auf Erden blieben sie fremd und ohne Bürgerrecht. Ebenso gilt auch von uns, dass wir auf Erden keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige ersehnen wir (13,14) (427).

Die Wüstenzeit Israels ist dem Hebr das Paradigma der Glaubensverweigerung auf die göttliche Anrede hin: Das glaubende Hören der göttlichen Anrede wird zur Bedingung des endzeitlichen Eintritts in die himmlische “Ruhe“. Das “Vaterland“ der Adressaten ist die künftige, himmlische Stadt. Dem entspricht auf Erden ein Leben in der Fremde. Und wie Abraham “hinausging“ (11,8), so sind auch die Adressaten aufgefordert “hinauszugehen“ (13,13) (427f).

Das “Hinausgehen“ Abrahams (11,8) bezieht sich nicht auf das Verlassen der irdischen Sphäre zugunsten der himmlischen. Gemeint ist ein Leben in Fremdlingschaft, das Aufgeben jeder irdischen Beheimatung und Sesshaftigkeit. Es gilt, im Glauben zu leben, d.h. auf Erden durch die himmlisch-zukünftigen Größen bestimmt zu leben. Diese irdische Existenz ist als Heimatlosigkeit zu vollziehen. Denn die Heimat der Adressaten wie der Glaubenszeugen (Kp. 11) kann nur die himmlische sein. Bei der Aufforderung zum “Hinausgehen“ (13,13) geht es darum, die durch das irdische Jerusalem repräsentierte irdische Sakralität hinter sich zu lassen und auf Erden sich ausschließlich aus der Zuordnung zum himmlischen Kult zu verstehen. Dieser Zuordnung entspricht ein Leben in irdischer Profanität. Es geht um den Verzicht auf jede irdische Kultteilname. Aus der Hoffnung auf die künftige himmlische Heilsvollendung, auf das “unerschütterliche Reich“, ergibt sich die Aufforderung zur gegenwärtigen Teilnahme am himmlischen Kult (Kp.13). Glaube im Hebr ist das Bestimmtsein des Lebens auf Erden durch das himmlische Hoffnungsgut, so dass die Ausrichtung darauf alle Entscheidungen prägt (429f)

Die Heilsvollendung besteht im Empfang des Verheißungsgutes, das als Eintritt in die “Ruhe Gottes“ (4,1.11) bzw. in das himmlische Allerheiligste in der Folge des Eintretens Christi (6,19f) verstanden ist (431).

b. Zugang zum himmlischen Heiligtum – Ausgang aus dem irdischen “Lager“ (13,7-17)

In 13,12 (wie auch sonst im Hebr) steht das Leiden und Sterben Christi als irdisch-profanes Geschehen seinem himmlischen Opfer gegenüber. Beides wird im Rahmen der Jom Kippur-Typologie dargestellt. Aus der Opposition des sakral umfriedeten Lagers und seines profanen Außerhalb leitet 13,13 die Aufforderung zum Hinausgehen in die Profanität irdischen Daseins ab, die der exklusiven Zuordnung zu himmlischer Sakralität, der Teilnahme am himmlischen Kult, entspricht. Im Kontext 13,7-17 wird die Komplementarität von Leben in irdischer Profanität und Teilnahme am Kult des himmlischen Heiligtums entfaltet (445f).

Der wahre Gottesdienst des neuen Bundes (13,7-17): Dem zum Sinai kultisch hinzugetretenen Israel (Hebr 12,18-21) wurde mit dem Bundesschluss die Reinigung des Volkes und die Reinigung und Weihe des Heiligtums zuteil. Der Bund zielte auf den Kultvollzug; die Bundesgemeinde war Kultgemeinde. Auch die Gemeinde des neuen Bundes ist Kultgemeinde; auch sie wurde, ebenso wie das himmlische Heiligtum gereinigt, damit wurde auch der himmlische Kult eingeweiht (9,13f.22f). Die Gemeinde des neuen Bundes ist nicht zum irdischen Sinai, sondern zum himmlischen Zion hinzugetreten, um dort den rechten, Gott wohlgefälligen, den himmlischen Kult zu vollziehen (12,22-28) (447).

Zuordnung zum himmlischen Kult gegen Teilnahme an irdischen sakralen Mählern (13,8f.15f): Die Gegenwart Christi bleibt durch das “Gestern“ bestimmt. Ebenso bleibt seine Zukunft durch seine irdische Geschichte bestimmt. Jesu Tod (13,12) wird im Rahmen der Jom Kippur-Typologie als Zugang zum himmlischen Heiligtum gedeutet. Der himmlische Christus ist und bleibt, der der Irdische war. Das überlieferte Kerygma von Leidensgeschick und Erhöhung Jesu bleibt in Geltung, weil der erhöhte Christus der Hohepriesterchristologie derselbe ist und bleibt, der der Irdische war. Die Adressaten sollen sich auf den himmlischen Altar und dessen Kult ausrichten. Damit wird das Bedürfnis nach fortlaufenden irdischen Kultvollzügen abgewiesen (449f).

Bei den fremden Lehren geht es um ein “Essen vom Altar“, um sakrale Mähler. In 13,9 geht es um ein “Festwerden“ des Herzens, das durch Gnade, nicht durch Speisen zu erlangen ist. Vom Herzen ist die Rede, weil das Herz der Aspekt des Menschen ist, der dem himmlischen Bereich und dem himmlischen Kult zugeordnet ist. Im Hören des Wortes, im Festhalten daran und an der Hoffnung, am Bekenntnis und an der parrhesia (frohes Zutrauen 3,6;10,35) gewinnen die Adressaten bzw. ihre Herzen Anteil an der Festigkeit, die dem Wort Gottes eignet. Dieses Festhalten ist nichts anderes als die Bewährung des Gehorsams im Hinblick auf das himmlische Ziel. Zu dieser Bewährung bedarf es der Gnade (4,16): Christus, der mit den Leidenden mitleiden kann, wird ihnen Gnade gewähren, d.h. Hilfe zum Gehorsam in der Anfechtung. Diese Gnade erlangt man im kultischen “Hinzutreten“ zum himmlischen “Gnadenthron“ (4,16), in der Teilnahme am himmlischen Kult, in dem der Hohepriester Christus als Fürbitter die Gnade vermittelt (451).

Die Communio im irdischen sakralen Mahl und das Hinzutreten zum himmlischen Gnadenthron: Esau ist das negative Gegenbeispiel zu den Glaubensvorbildern von Kp.11, denn er hat das Sichtbar-Vorfindliche dem unsichtbaren Gut vorgezogen. Wer an irdischen sakralen Mählern teilnimmt, handelt töricht wie Esau, denn Zuordnung zum himmlischen Heiligtum und Teilnahme an irdischen Mählern schließen einander aus. Der vorfindlich-habhafte Gewinn ist in Wahrheit Verlust des himmlischen Heils. Die Warnung vor Heilsverlust durch das Essen der Speisen (12,17) gewinnt mit dem Hinweis auf die Speisen der irdischen sakralen Mähler 13,9 konkreten Bezug (452).

13,15f sprechen vom Kult, den die Adressaten allezeit durch Christus vollziehen sollen. Durch Christus als himmlischen Hohenpriester bringen sie im himmlischen Kult Opfer dar. Sie bedürfen keiner Opfer zur Sühne mehr; wohl aber sollen sie aus Dankbarkeit Opfer darbringen. An die Stelle der Teilnahme am irdischen Opferkult und an dessen Kultmahl tritt das dem himmlischen Kult zugeordnete Lobopfer der Lippen und das Opfer der guten Werke. Es handelt sich um den lebenspraktischen Gehorsam (einschließlich Gebet und Lobpreis), von dem schon in 10,5-10 die Rede war. Darin verwirklicht sich das “Hinzutreten“ zum Gnadenthron (4,16) bzw. zum himmlischen Allerheiligsten (10,19-22). Was auf Erden an Gotteslob und Wohltun vollzogen wird, das gelangt als wohlgefälliges Opfer im Himmel vor Gott. Zum himmlischen Heiligtum hinzugetreten, empfangen die Adressaten nicht allein Gnade (4,16; 13,9), sie bringen auch ihren leiblichen, in irdischer Profanität geleisteten Gehorsam sowie Lobpreis und Bekenntnis durch Christus im himmlischen Kult als Lobopfer vor Gott (452f).

Zuordnung zum himmlischen Altar und Heimatlosigkeit außerhalb der irdischen Stadt (13,10.14): Der Zugang zum himmlischen Jerusalem und seinem Altar und die Teilhabe an der irdischen sakralen Sphäre schließen einander aus. “Wir“ sind zum himmlischen Jerusalem hinzugetreten und “haben“ den himmlischen Altar (13,10), wie wir auf Erden keine bleibende Stadt haben, diese vielmehr verlassen und aus der Ausrichtung auf das himmlische Jerusalem leben sollen (13,13f). “Wir haben einen Altar“, einen himmlischen Altar, dem zugeordnet zu sein, auf der Verbindung mit dem himmlischen Hohenpriester Christus beruht und Berechtigung zur Teilnahme am himmlischen Kult besagt. “Wir“ haben Anteil am Priestertum und -dienst des himmlischen Heiligtums und an dessen Altar. Der Altar des himmlischen Heiligtums, den wir haben, ist der, zu dem wir priesterlich “hinzutreten“ (455).

Die “dem Zelt Dienenden“ sind die Priester des irdischen Heiligtums. Irdisches Zeltheiligtum und himmlischer Altar stehen einander gegenüber (13,10) wie irdisches Abbild und himmlisches Urbildheiligtum (8,2.4f). Jeder der beiden Kulte hat seine eigene Priesterschaft: “Uns“ bzw. die “dem Zelt Dienenden“. Die Priesterschaft des irdisch-abbildhaften Zeltes vermag zum himmlischen Urbild-Heiligtum und zu seinem Altar nicht hinzuzutreten, weil der Mangel des irdischen Kults darin besteht, dass er den Zutritt zum himmlischen Heiligtum nicht erschließen kann (9,1-10, 10,1-4). Die Communio mit heiligen Speisen irdischer sakraler Mähler vermag nicht Anteil zu geben am himmlischen Kult und seiner Heilsvermittlung (13,10). Aber “wir“ haben zu diesem Kult und seinem Altar Zutritt und wir treten dort priesterlich hinzu. Auf dem himmlischen Altar werden die Gott wohlgefälligen Opfer der Adressaten (13,15f) dargebracht. Das ist der himmlische Kult, der den irdischen sakralen Mählern gegenübersteht. Ein Mahl der Adressaten wird nicht Thema des Hebr (456f).

Der Tod Christi (13,12) entspricht nicht der Darbringung auf einem Altar, sondern der unkultischen Verbrennung in der Profanität des Außerhalb (13,11), wo es keinen Altar geben kann. 13,10 gehört nach Komposition wie Thematik mit 13,14 zusammen. Deshalb darf man das Leiden “außerhalb“ (13,12) nicht mit dem Altar verbinden und es gegen die Intention des Hebr zu einem kultischen Opfer machen. Nicht der Kult bzw. das Kultmahl in irdischer Sakralität, sondern der Gehorsam außerhalb der sakral eingefriedeten Sphäre des “Lagers“ in Profanität und Schmach, entspricht der Zuordnung zum himmlischen Kult, ist der Ort, von dem aus das “Hinzutreten“ geschieht. Die Verse 13, 11-13 zeigen am Vorbild Christi, wie profaner Gehorsam auf Erden und himmlisches Kultgeschehen zugeordnet sind. Sie begründen, dass die Adressaten den irdischen sakralen Bereich verlassen müssen, dass ihr Tun in irdischer Profanität das Gott wohlgefällige Opfer ist (13,15f). Das ist ihre Teilnahme am himmlischen Kult, auf die 13,10 zielt (458).

Hebr 13,11-13 setzt die Diskurse über Heiligkeitszonen und Zugangsmöglichkeiten voraus, gibt ihnen aber einen neuen Sinn. Denn “wir“ haben den Zugang schon zum urbildlichen himmlischen Heiligtum. Die durch Christus begründete Reinheit und Vergebung übertrifft alle Sühne- und Reinigungsriten des irdischen Kults. Zugleich ergibt sich die Aufforderung zum Hinausgehen, in Umkehrung des Richtungssinnes der auf den irdischen Heiligkeitsmittelpunkt gerichteten Bewegung (460).

Wie Christus in die Gottespräsenz des himmlischen Allerheiligsten eintrat, so werden es auch “Wir“ in der eschatologischen Vollendung tun. Doch schon jetzt sind die Adressaten zum himmlischen Jerusalem “hinzugetreten“ (12,22), sind sie berufen, sich dem himmlischen Thron zu nahen (4,16). Die Adressaten können jetzt nicht “eintreten“ (eiserchesthai) im Sinne des eschatologischen Eingangs ins himmlische Allerheiligste. Daher müssen sie gegenwärtig ihre Zugehörigkeit zum Himmlischen unter irdischen Bedingungen als “Hinausgehen“ (exerchesthai) vollziehen. “Wir“ sind berufen, in die Sphäre der Profanität “außerhalb des Tores“ hinauszugehen. Dort hat Jesus gelitten. Jesus ist einen profanen Tod gestorben, der durch die Schmach des Kreuzes (12,2) gekennzeichnet war. Christi himmlischer, hohepriesterlicher Herrlichkeit entsprechen auf Erden Leiden, Sterben und Schmach. Wie Christi Tod auf Erden profan und schmachvoll war (13,12), so gilt es für die Adressaten, irdische Sakralität zu verlassen, ihre Heimat allein in der himmlischen Stadt (13,14) zu suchen und allein im Kult am himmlischen Altar (13,10) Gnade zu empfangen (460f).

Leiden “außerhalb des Tores“ und himmlischer Kultakt Christi (13,12), Zuordnung von irdischem “Außerhalb“ und himmlischer Orientierung: Der Hebr nimmt das Sterben Christi als profanes, schmähliches Leiden in den Blick (2,9; 12,2; 13,13). Das Opfer Christi versteht er als himmlisches Geschehen. Christi Leiden “außerhalb des Tores“ entspricht der Verbrennung der Kadaver der irdischen Opfertiere. Der Eintritt Christi in das himmlische Allerheiligste und die von ihm vollzogene Sühne entspricht dem Hineinbringen des Blutes in das irdische Allerheiligste. Während der Hohepriester in das Allerheiligste eintritt mit dem Blut der Opfertiere (9,7), ist Christus “mit seinem eigenen Blut“ in das himmlische Allerheiligste eingetreten (9,11f) “und hat eine ewige Erlösung erworben“. Die im Tode kulminierende Selbsthingabe der profanen irdischen Existenz wird im himmlischen Kult als Opfer dargebracht (463f).

Der Weg der Sarx Christi wird unser Weg zum himmlischen Heiligtum, wenn wir, gleich ihm, in irdischer Profanität gehorsam sind. Wie er den Ertrag seines irdischen Weges im Himmel als Selbstopfer Gott darbrachte, so wird auch unser in irdischer Profanität vollzogenes Tun zum wohlgefälligen Opfer vor Gott im himmlischen Kult (464f).

Die Situation der Adressaten ist bestimmt durch die Infragestellung ihres Heilsbesitzes durch die Profanität der eigenen irdischen Existenz und durch die Konfrontation mit irdischer Sakralität und deren Angeboten der Heilsvermittlung. Bei der Frage nach dem Hintergrund der sakralen Mähler derer, “die dem Zelt dienen“, handelt es sich um eine gegenwärtige Frage, von deren Beantwortung der Heilsbesitz abhängt und die deshalb zur Warnung Anlass gibt. Es kann nur um jüdischen Kult gehen, da das Zelt und die “ihm Dienenden“ für den irdischen Kult der ersten Diatheke stehen. Die Identifikation des “Lagers“ der Wüstenzeit mit der Stadt verweist auf Jerusalem als Stadt des Tempels und damit als sakrales Zentrum des Judentums, auch in der Diaspora: We can think of the sacrificial meals in the temple. But if the readers are far away in the Dispersion, the reference is probably to synagogue meals, held especially at festival times to give the whorshippers a stronger sense of solidarity with the whorship of the temple of Jerusalem where the whole sacrificial system, with its daily offerings, is performed on behalf of Jews everywhere (465f).

Ertrag: Die Adressaten leben in der Welt als Fremde, bestimmt durch ihre Zugehörigkeit zum Himmel. Sie sollen ausziehen aus der irdischen Stadt, fort von ihrem sakralen Zentrum, denn sie sind kultisch hinzugetreten zum himmlischen Heiligtum und Kult. Ihre irdische Existenz vollziehen sie als Fremdheit bzw. unkultisch-profan. Das ist Komplement ihrer himmlischen Verankerung. Ihre Existenz ist vom Himmlischen bestimmt. Die Heimat der Adressaten ist die himmlische Stadt. Hier sind sie bereits jetzt priesterlich hinzugetreten. Durch den himmlischen Hohenpriester Christus bringen sie bereits jetzt ihren Gehorsam, ihr Lob und ihr Wohltun als Opfer auf dem himmlischen Altar dar (466).

                   

(6) Ergebnisse

Die kosmische Erschütterung leitet nach dem Hebr nicht eine Neuschöpfung bzw. paradiesische Umgestaltung der Welt ein, sondern eine Verwandlung, bei der nur das “Unerschütterliche“ bestehen bleibt (12,27). Durch den Wegfall der irdisch-vorfindlichen Welt wird das “unerschütterliche Reich“ (12,28), die himmlische Stadt, die in irdischer Fremdlingschaft erwartet wurde (11,9f.14-16), allein übrigbleiben und von den Adressaten in Empfang genommen werden. Gott hat ihnen eine Stadt im Himmel bereitet (11,16), doch diese kommt weder auf die Erde herab noch legitimiert sie ein irdisches Heiligtum (469f).

Der Verf. spricht vom irdischen Heiligtum, weil und sofern es auf das himmlische verweist (9,2-10). Das irdische Heiligtum und sein Kult sind angesichts des himmlischen Heiligtums und des darin von Christus vollzogenen hohepriesterlichen Dienstes obsolet geworden. Die kultische Gemeinschaft mit den Engeln bzw. mit den Himmlischen hat ihren Ort im himmlischen Jerusalem, zu dem die Adressaten bereits hinzugetreten sind. In der Teilnahme am himmlischen Kult kommen die Zuordnung zum himmlischen Hohenpriester Christus und die Geltung seines Heilswerks zum Ausdruck. Die Kritik am gegenwärtig-irdischen Tempelkult wird zur Kritik an irdischem Kult überhaupt vertieft (470f).

Nach dem Hebr ist es die Pointe des irdischen Heiligtums, über sich hinaus auf das himmlische zu verweisen. Thema des Hebr ist das himmlische Kultgeschehen und dessen Überlegenheit und bleibende Geltung. Die Unzulänglichkeit des irdischen Kults ergibt sich aus seinem irdischen Charakter schlechthin. Die Rede des Hebr vom himmlischen Heiligtum in seinem Gegenüber zum irdischen entspringt der Wahrnehmung einer unüberbietbaren eschatologischen Heilsfülle. Das himmlisch-eschatologische Heilsgeschehen ist um seiner selbst willen von Belang. Die Adressaten dürfen sich als Teil der Kultgemeinde des himmlischen Jerusalems verstehen (471f).

a. Grundeinsichten

(1) Christi auf Erden gelebtes Leben sowie seine nicht-opferkultische Hingabe bis zum Tod und im Tod sind der Grund seiner Erhöhung. Durch die Erhöhung wird seine auf Erden vollzogene Selbsthingabe zum Inhalt seines himmlischen Opfers. Sein irdischer Weg führte Christus zum himmlischen Hohepriesteramt, das die Bedeutsamkeit seines irdischen Weges fortwährend zur Geltung bringt. So tragen die Aussagen über Christi irdisches Leben, Leiden und Sterben und die über seine Erhöhung und deren Konsequenzen gleichermaßen Gewicht. Aller wahrer Kult, alle wahre Sakralität sind mit der Erhöhung Christi in den Himmel verlegt. Was erst der irdische Weg Jesu Christi ermöglichte – den Zutritt zum himmlischen Heiligtum -, das hatte der irdische Kult erstrebt, ohne es bewirken zu können (473).

(2) Wie Christus auf seinem irdischen Weg Gehorsam bewährte, den Willen Gottes erfüllte und deshalb zum himmlischen Hohenpriester erhöht wurde, so ist der auf Erden gelebte Gehorsam für die Adressaten der Zugang zum himmlischen Heiligtum und Kult, der Weg zu himmlischer Herrlichkeit. Daraus folgt: die Paränese fordert von den Adressaten ein gehorsames Leben auf Erden, wie es Christus führte. Dementsprechend tritt an die Stelle des bisherigen irdischen Opferkults kein neuer irdischer Kult, sondern eine gehorsame Existenz in irdischer Fremdlingschaft, fern von irdischer Beheimatung und irdischer Sakralität (473).

(3) Wie Christus seine auf Erden im Gehorsam hingegebene Existenz als Opfer im himmlischen Kult darbrachte, so bringen die Adressaten ihren Lobpreis und ihr Wohltun durch seine Vermittlung auf dem himmlischen Altar dar. Auch für die Adressaten gilt, dass der wahre Kult und die wahre Sakralität in den Himmel verlegt sind. Die Existenz der Adressaten in irdischer Fremdlingschaft und irdischer Profanität ist kultisch geprägt, insofern sie im himmlischen Allerheiligsten verankert und zum himmlischen Jerusalem hinzugetreten sind und so am himmlischen Kult teilnehmen (474).

b. Der rechte Gottesdienst – Möglichkeit und Wirklichkeit

Durch die Erhöhung Christi wurde das einmalige, eschatologische Opfer im Himmel vollzogen. Damit ist der Gott wohlgefällige Kult eingeweiht. Kraft der Erhöhung Christi sind auch wir (die Adressaten) im himmlischen Heiligtum verankert und kraft des Selbstopfers Christi sind wir gereinigt und zur Kultteilnahme befähigt. Aufgrund der in Christi irdischem Weg und himmlischen Werk verfassten Heilsfülle wird von uns gegenwärtig nichts anderes gefordert als der gelebte Gehorsam, das Festhalten an der Hoffnung, zu dem der himmlische Hohepriester verhilft (der Hoffnung, am Ende aufgrund des Heilswerks Christi ins himmlische Allerheiligste zu gelangen) und das Betätigen des Freimuts, gegenwärtig zum himmlischen Kult hinzuzutreten. Das Hinzutretenzum himmlischen Kult umfasst den Lebens- und Glaubensvollzug: Gebet, Lobpreis und im Gehorsam gelebtes Leben (474).

Das Betätigen des Freimuts bedeutet, sich durch irdische Schwachheit nicht anfechten zu lassen, bei irdisch-sakraler Heilsvermittlung nicht Zuflucht zu suchen, auf die Teilnahme an irdischem Kult, irdisch-sakralen Riten zu verzichten. Die Adressaten sollen sich ganz von ihrer Zugehörigkeit zum himmlischen Kult bestimmen lassen. Nur im himmlischen Kult können die Adressaten schon jetzt Anteil haben an der Heilsvollendung, können sie Vergebung der Sünden und die Hilfe zur Bewährung erlangen, die sie benötigen, um am Ende in das himmlische Allerheiligste einzugehen (475).

c. Das himmlische Selbstopfer Christi und die Funktion opferkultischer Kategorien für den Hebr

Der Hebr deutet die Erhöhung Christi aus dem Tod als Eintritt in die kultisch verstandene Gottespräsenz, das himmlische Allerheiligste. Damit ist die Erhöhung zugleich seine hohepriesterliche Investitur und die Darbringung seines himmlischen Selbstopfers. Denn mit seinem Eintritt in das himmlische Allerheiligste überführt Christus die auf Erden erfolgte nicht-opferkultische Hingabe seines Lebens in Gestalt seines Blutes in die himmlische Gottespräsenz und bringt sie so als Opfer dar. Umgekehrt wird der einmalige irdische Weg Christi durch sein einmaliges himmlisches Selbstopfer ewig gültig gesetzt und geltend gemacht. Wahrer Kult, wahre Sakralität ist nun ausschließlich in der himmlischen Sphäre konzentriert. Die irdische Sphäre wird desakralisiert (475f).

Was im eigentlichen Sinn und mit vollem Recht als Opfer bezeichnet zu werden verdient, ist nach dem Hebr nur im eschatologischen, himmlischen Selbstopfer Christi vollzogen worden. Weil er das irdische Geschehen der Selbsthingabe Christi nicht opferkultisch deutet, kann der Hebr nun von seinem vollkommenen himmlischen Opfer sprechen. Nur hier ist der Sinn des Opferkults erfüllt. Der irdische Opferkult konnte nur in Abschattungen das himmlische Kultgeschehen darstellen. Nun aber ist der wahre, himmlische Opferkult an die Stelle des unvollkommenen irdischen getreten. Das besagt, dass das Verhältnis der Adressaten schon jetzt ganz durch ihre Zugehörigkeit zum himmlischen Hohenpriester bestimmt ist, zu dessen “Gnadenthron“ sie hinzutreten und durch dessen Vermittlung sie selbst am himmlischen Kult teilnehmen (476).

d. Der Erhöhte als Hoherpriester

Das Bekenntnis zum Erhöhten erweist sich als Bekenntnis zum im Himmel gegenwärtig für uns hohepriesterlich wirkenden Christus. Seine eschatologische Inthronisation erweist sich als heilvoll für uns. Die Neuinterpretation des Kerygmas von Erniedrigung und Erhöhung Christi zielt auf die Wahrnehmung seines gegenwärtigen himmlischen Wirkens, auf das “haben“ als Audruck gegenwärtigen himmlischen Heilsbesitzes (8,1; 13,10). Durch sein einmaliges Opfer hat Christus die Seinen vollendet; es bedarf keiner Ergänzung (10,12.14). Die Hohepriesterchristologie erschließt, inwiefern schon jetzt von Vollendung die Rede sein kann. In dem Ausdruck “Gnadenthron“ (4,16) kommt die kulttheologische Deutung der Erhöhung prägnant zum Ausdruck: Als Hoherpriester verstanden, ist der Inthronisierte der, der pro nobis wirkt. Das hohepriesterliche Wirken Christi ist der Modus, in dem er gegenwärtig seine eschatologische Herrschaft für die Seinen heilvoll ausübt. Dies heilvolle Wirken beruht auf seiner Vergangenheit, bestimmt dadurch die Gegenwart und umgreift die Zukunft: “Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit“ (13,8) (477f).

Der Hebr greift die Tradition über den irdischen Jesus und seine Erhöhung auf und bringt sie mittels der Kulttheologie in die Darstellung des erhöhten Christus und seines gegenwärtigen Wirkens ein. Christi gegenwärtige, himmlische Identität bleibt bestimmt durch seine Geschichte (“gestern“). Darum kann er uns in Leiden und Versuchungen beistehen. Diesen Beistand empfangen wir im Hinzutreten zum himmlischen Gnadenthron (4,14-16; 5,5-10). Der himmlische Hohepriester bringt sein einmaliges Selbstopfer für die Seinen vor Gott zur Geltung. Er vermittelt ihnen Vergebung und Hilfe in der Anfechtung. Beides ermöglicht ihnen die Teilnahme am himmlischen Kult und einst den eschatologischen Eingang in das himmlische Allerheiligste (478).

e. Irdische Existenz und himmlischer Kult

Auf Erden sind die Adressaten Fremde, solange der Eingang in die himmlische Heimat aussteht (11,8-10). Sie leben außerhalb des “Lagers“, der irdischen, kultisch umfriedeten Zone, ohne Anteil an deren Sakralität (13,11-13). Doch leben sie schon jetzt auch in der himmlischen Welt, sofern sie (die dort verankert sind und Heimatrecht besitzen) zum himmlischen Kult “hinzugetreten“ sind, sich zur kultischen Festversammlung (12,22) des himmlischen Jerusalem zählen dürfen. Die Adressaten können und sollen am himmlischen Kult teilnehmen, weil sie einen Hohenpriester im Himmel haben (8,1f), durch dessen Vermittlung sie die Gnade empfangen, die zum Festhalten an der Zugehörigkeit zum himmlischen Heiligtum nötig ist (4,14-16) und durch den sie den Ertrag ihres im Gehorsam gelebten irdischen Lebens auf dem himmlischen Altar darbringen (13,15f) (478f).

Dazu bedarf es des Festhaltens an der Hoffnung, des Vertrauens auf das göttliche Verheißungswort, kurz, des Glaubens. Im irdischen Leben sich von der himmlischen Wirklichkeit bestimmen zu lassen, das heißt im Hebr glauben. Im Glauben und Festhalten ist der Glaubende bereits vom himmlischen Hoffnungsgut bestimmt. Indem die Adressaten festhalten an dem Wort, das selbst “fest“ (2,2) ist, gewinnen auch sie ihrerseits Anteil an jener Festigkeit, die dem Verheißungswort eignet. Das Festhalten an der Verheißung und an dem Heilsgut in seinem objektiven Gegebensein, gibt den Glaubenden schon jetzt an der Qualität des himmlischen Hoffnungsgutes Teil. Das Verhältnis der in der Welt lebenden Adressaten zur himmlischen Sphäre ist zu beschreiben als Ausrichtung auf die Heimat aus der Ferne heraus, als Glaube, als Festhalten, als Festwerden des Herzens, als Empfang der im Himmel herbeigeführten Reinheit (am Herzen) sowie als Hinzugetreten-Sein zum himmlischen Kult und als Teilnahme an ihm. In allen diesen Zusammenhängen geht es um die Zugehörigkeit zur himmlischen Sphäre, um das Bestimmtwerden durch sie (479).

Die endzeitliche Erschütterung des Geschaffenen (12,27) wird bewirken, dass die nicht erschütterlichen Dinge bleiben. Es sind dies die Dinge, die schon jetzt an der Unerschütterlichkeit des himmlischen Reiches Anteil haben (12,28). Es sind die Adressaten selbst und ihr Leben, soweit es von der Ausrichtung am Himmlischen bestimmt ist, die nicht erschüttert werden. Denn sie haben durch die ihnen vom Himmel her verliehene Festigkeit schon Teil an der Qualität des “unerschütterlichen Reiches“. Himmlische Festigkeit und himmlische Reinheit erlangt man nur aufgrund des himmlischen Selbstopfers Christi, durch das Hinzutreten zum himmlischen Gnadenthron. Die Kulttheologie des Hebr hat die Vermittlung von gegenwärtig-irdischem Leben und eschatologisch-himmlischer Heilsvollendung zum Thema (480).

f. Die Bund-Theologie und der Zusammenhang von Eschatologie, Kulttheologie und anthropologischem Zugang zur Christologie

Im irdischen Weg von Leiden und Sterben Christi ist der Wille Gottes und damit die Verheißung des neuen Bundes erfüllt; das ist in der Erhöhung und im himmlischen , kultischen Wirken Christi für alle Zeit wirksam in Geltung gesetzt. Es gilt, in der irdischen Sphäre zu leben, bestimmt von der eschatologischen Heilsvollendung, deren Wirklichkeit im himmlischen Kult verfasst ist (480f).

Christus ist als der, der unter irdischen Bedingungen den Willen Gottes gehorsam erfüllt hat, der Mensch schlechthin (2,5-16). Die gehorsame Erfüllung des Gotteswillens (Bedingung und Grund der Erhöhung Christi) wird in Hebr 10,5-10 als die rechte, Gott wohlgefällige Darbringung auf Erden verstanden, die dem irdischen Opferkult als seine endzeitliche Überbietung gegenübersteht. Wer dem himmlischen Kult zugehört, lebt auf Erden in dem Gehorsam, den auch Christus auf Erden bewährte. So wird die menschliche Existenz in Schwachheit und Leiden als Bedingung und Modus des Zugangs zum himmlischen Kult gedeutet. Denn wer in irdischer Schwachheit so lebt, wie es Christus tat, der ist auf dem “Weg seiner (Christi) sarx“; dessen irdische Existenz ist schon bestimmt von der himmlischen Heilssetzung (diatheke). Wer so lebt entflieht nicht der irdisch-vorfindlichen conditio humana, sondern erkennt in ihr die unvermeidliche Gestalt des Fremdseins in der Welt. Unter dieser condition humana ist die Zugehörigkeit zum himmlischen Kult auf Erden zu vollziehen. Gerade so gewinnt man Anteil an der eschatologischen Herrlichkeit, die dem Menschengeschlecht verheißen und die in der Erhöhung des einen 'Menschen' Jesus Christus erfüllt ist (481).

Auf Erden wird der Neue Bund vollzogen im nicht-opferkultischen, gelebten Gehorsam. Dieser wird im himmlischen Kult als Opfer dargebracht und erhält darin himmlisch-ewige Qualität. So gewinnt das irdische Leben unter dem neuen Bund schon jetzt Anteil an der ewigen Heilsvollendung in der Orientierung auf den himmlischen Kult hin und im Hinzutreten zu ihm. Diese ewige Heilsvollendung ist im Himmel gegenwärtige Wirklichkeit. Am Ende wird sie die alleinige Wirklichkeit sein. Schon jetzt schließt sie diejenigen ein, die sich in der irdischen Sphäre von ihr bestimmen lassen (481).

g. Der Vollzug des himmlischen Kults

Der Vollzug des himmlischen Kults umfasst das einmalige, himmlische Selbstopfer Christi wie sein fortwährendes hohepriesterliches Wirken. Letzteres besteht aus seiner Fürbitte für die Seinen sowie aus der Darbringung ihres irdischen Gehorsams und Lobpreises als Opfer im himmlischen Kult, die er vermittelt. Im himmlischen Kult wird der gelebte Gehorsam als das wahre Opfer dargebracht. Die irdische Sphäre wird am Ende aufgehoben. Wenn sie erschüttert werden wird, dann wird vergehen, was in ihr nicht an himmlischer Festigkeit teilhat. Das Tun des Gotteswillens hat ewige Bedeutung, es bleibt. Die Darbringung als Opfer im himmlischen Kult ist gleichsam die Verwandlung des vergänglich, irdischen Daseins in bleibendes, himmlisch-ewiges. Ermöglichung und Paradigma dessen ist die Erhöhung Christi zur Darbringung seiner selbst im Himmel (482).

h. Die theologische Leistung des Hebr

Der Verf. hat das überkommene christologische Kerygma neu ausgelegt und zwar so, dass mittels der Kulttheologie deutlich wird, dass und wie die Adressaten an der im Himmel gegenwärtigen Heilsvollendung schon jetzt Anteil haben, obgleich ihr eschatologischer Eingang in diese Heilsvollendung noch bevorsteht. Diese Kulttheologie erlaubt es dem Hebr, Kultkritik zu rezipieren und die Hingabe im gelebten Leben dem irdischen Opferkult entgegen zu stellen, um die auf Erden gelebte Hingabe zum Gegenstand des himmlischen Opferkultes zu erklären. Der Ausschluss vom Kult und vom “Lager“ ist in Wahrheit die Kehrseite der Zugehörigkeit zum himmlischen Heiligtum, himmlischen Kult und himmlischen Jerusalem. Das Leben im Fleisch, in Schwachheit und Versuchlichkeit ist in Wahrheit der Weg, der zur himmlischen Herrlichkeit führt (482f).

                   

(7) Zum historischen Ort

Für den Hebr ist der irdische, aronitische Opferkult und damit der Kult in Jerusalem durch das Christusereignis obsolet geworden. Zur Beurteilung des irdischen Opferkults wird eine Kulttheologie ex negativo entworfen. Der Hebr entwickelt eine Kritik am irdischen Opferkult und an dessen soteriologischer Wirksamkeit. Diese Kritik bezieht sich auf die Ausübung des Opferkults im irdischen Heiligtum und der dazugehörigen Reinigungsriten. Die “gegenwärtige Zeit“ (9,9) ist die Zeit, die durch die mosaisch-irdische Kultordnung und ihren Vollzug im irdischen Heiligtum bestimmt ist. Die Möglichkeit der irdisch-sakralen Heilsvermittlung durch irdische opferkultische Praxis nach Maßgabe des mosaischen Kultgesetzes steht dem Hinzutreten zum himmlischen Kult entgegen (484f).

Dieser kritische Bezug auf den irdischen Opferkult als eine bestehende Größe, die der Heilsaneignung durch Teilnahme am himmlischen Kult entgegensteht, lässt sich an zwei Stellen im Hebr besonders deutlich greifen: In 9,9f werden “gegenwärtige Zeit“ und “Zeit der richtigen Ordnung“ als zwei gleichsam überlappende Zeiten geschildert, in denen die Adressaten existieren (einerseits als auf Erden lebende Menschen, andererseits als im himmlischen Jerusalem hinzugetretene Kultteilnehmer. In 13,7-17 entspricht der Aufforderung zur Teilnahme am himmlischen Kult die Aufforderung zum “Hinausgehen“ aus dem irdischen sakral umfriedeten Bezirk des “Lagers“. In frühjüdischer und rabbinischer Kulttheologie wird der Jerusalemer Tempel bzw. die Stadt Jerusalem als das “Lager“ bezeichnet. Dass konkret an die Teilnahme an irdischen sakralen Mählern gedacht ist, zeigt die Auslegung von 13,9: Der Empfang der Gnade am himmlischen Gnadenthron steht im Gegensatz zu der Überzeugung, durch das Verzehren von Speisen irdisch sakraler Mähler Festigkeit des Herzens zu erlangen. Die Mahnung, das Unanschaulich-Himmlische nicht um einer vorfindlich-irdischen Speise willen zu verlieren (12,16), gewinnt durch die Abwertung irdischer sakraler Speisen (13,9) konkreten kultischen Bezug. Die Fremdheit und Schmach, die die Adressaten zu erleiden haben, ergeben sich durch den Auszug aus der identitätsstiftenden sakralen Sphäre (485f).

Die (vermeintliche) Möglichkeit, im irdischen Opferkult Vergebung zu erlangen, wird in 10,4.18 schroff abgewiesen. Hebr 9,24-28 stellt die Einmaligkeit und bleibende Gültigkeit des Selbstopfers Christi und der dadurch erwirkten Vergebung heraus (10,26). Im Hintergrund dieser Argumentation steht die Attraktivität des irdischen Opferkults (486).

Die Argumentation des Hebr bezieht sich, indem sie vom Zeltheiligtum der Wüstenzeit spricht, auf die Situation der Adressaten, die in der “gegenwärtigen Zeit“ leben, die durch den Bestand der mosaisch-irdischen Kultordnung und deren Objektivierung im irdischen Heiligtum bestimmt ist. Der Rückgriff auf die Gründungszeit des Kults (9,2-5) ist ein verbreiteter Topos der Kritik am zeitgenössischen Jerusalemer Tempel und Kult. Drücken frühjüdische Texte die Hoffnung aus, dass der rechte, Gott wohlgefällige Tempel und Kult in eschatologischer Zukunft wieder hergestellt werden wird, so spricht der Hebr davon, dass jener eschatologische Kult durch das einmalige Selbstopfer Christi bereits eingeweiht ist, dass die zur Teilnahme erforderliche Reinheit aufgrund jenes Selbstopfers in der Taufe vermittelt wird und dass die Adressaten durch Christi Erhöhung im himmlischen Allerheiligsten verankert sind, so dass ihre Teilnahme am himmlischen Kult gegenwärtige Wirklichkeit ist (487).

Ph. Vielhauer: In dem Schema von Katabasis und Anabasis spielt die Auferstehung keine Rolle (sie wird in 13,20 nur formelhaft erwähnt) und ist durch die Vorstellung der Himmelfahrt vom Kreuz aus ersetzt, die auch Phil 2,9 vorliegt. Die Erhöhung Christi wird als Einsetzung in die Weltherrschaft und als Einsetzung in die Hohepriesterwürde interpretiert. Der Name, der dem Erhöhtem verliehen wird, ist nicht 'Kyrios' (Phil 2,9-11), sondern 'Sohn' (Hebr 1,4ff). 'Sohn' ist im Hebr Königstitulatur des Erhöhten (245f).

                   

(8) Die Imitation Jesu im Brief an die Hebräer

A. Schulz

Der verherrlichte Herr hat seine Vollendung durch Gott empfangen (2,10; 5,9; 7,28) und vermittelt als der durch den Leidensgehorsam vollendete Hohepriester seinen Brüdern die eschatologische Heiligung (2,10f; 10,14) (293).

5,8f: Der Sohn Gottes hat in seiner Erniedrigung als Mensch den Gehorsam gegen den Willen des Vaters erlernt. Nachdem er von diesem vollendet worden ist, d.h. durch seine Einsetzung in die göttliche Herrlichkeit, ist Jesus zum Urheber des Heils für alle geworden, die ihm gehorsam sind. In diesem Text findet sich kein Imperativ, keine unmittelbare Aufforderung zur Nachahmung des Gehorsams gegenüber Gott, doch wird man die Angleichung im Ausdruck als einen mittelbaren Aufruf an die Leser zu einem dem Beispiel Jesu entsprechenden Bemühen verstehen dürfen. Sie sollen ihren Glaubensgehorsam gegen ihren Herrn Christus am Vorbild des gehorsamen Jesus neu entfachen (293f).

“Lasst uns den vor uns liegenden Wettkampf laufen“ (12,1): Gott hat der Gemeinde die Bewährung ihres Glaubens verordnet. Sie hat den Kampf “in Geduld“ auf sich zu nehmen und durchzustehen. Alle “hemmende Last“, die den vollen Einsatz der sittlichen Kräfte ausschließt, haben die Leser abzulegen. Auch steht der Gemeinde im Glaubensstreit eine “Wolke von Zeugen“ zur Seite. Diesen Gestalten aus der Heilsgeschichte eignet im Rahmen des Bildes vom Wettkampf zugleich die Stellung von Zuschauern in der Arena (294).

Die Christen haben vor allem auf Jesus zu blicken. Aus seinem vorbildlichen Verhalten in einer verwandten Situation sollen die Gläubigen für ihre eigene Entscheidung die rechten Folgerungen ziehen. Der Hohepriester Jesus, der als Mensch die Stadien sittlicher Bewährung an sich erfahren hat (2,14f; 2,18; 4,15f; 5,7f) ist als solcher der für seine Gemeinde vorbildliche Führer und Vollender ihres Glaubens (294f).

Die verschiedenen Stufen des Daseins Christi (12,2): “der wegen der vor ihm liegenden Freude, das Leiden in Schmach und Schande (als Gipfel der Erniedrigung) erduldete“ und anschließend “sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat“. Die Leser, die alles für den Glaubenskampf Hinderliche zu verlassen haben, sollen auf Jesus, den Anfänger und Vollender ihres Glaubens blicken, der sich um seines göttlichen Heilsauftrags willen der ihm eigenen “Freude“, seiner göttlichen Doxa, entkleidet und dafür zunächst das schimpfliche Ende eines Verbrechers auf sich genommen hat. Die Leser sind gehalten, gleich ihrem Hohenpriester im Hinblick auf das ihnen von Gott bestimmte vollendete Heil als Kampfpreis die für den Anhänger Jesu notwendig gegebenen Schwierigkeiten geduldig zu ertragen und nicht mutlos zu werden (295f).

Der Vers 12,3 fordert eine intensive Betrachtung des Beispiels Jesu (“denkt“), durch die die Gemeinde vor einer vorzeitigen Ermüdung bewahrt werden soll. Sie haben von Jesus die Standhaftigkeit zu erlernen. Das gesamte messianische Wirken Jesu wird vom ungläubigen Widerspruch der Sünder, der Feinde Gottes, gegen den göttlichen Boten geprägt (296).

“Daher lasst uns hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (13,13f). Die Leser sollen sich bewusst werden, dass die in Christi Erlösungstat gründende neue Heilsordnung für den Menschen des neuen Bundes eine schon gegenwärtige Wirklichkeit ist, deren abschließende Vollendung er im Glauben entgegenharrt. Diese Stadt des Hebr ist nicht nur zukünftig, sondern bereits jetzt ist sie eine himmlische Wirklichkeit und als solche die eigentliche, der gegenüber das Irdische nur Abbild (8,5), Schatten (8,5;10,1) und Gleichnis (9,9) ist (97f).