2.5 Irdische Existenz und Zuordnung zum himmlischen Kult

Der Kult der eschatologischen neuen Heilssetzung (diatheke) im himmlischen Heiligtum wurde eingeweiht. Die Adressaten erhielten die Zugangsberechtigung zum himmlischen Heiligtum und die Befähigung zur Kultteilnahme. Die Adressaten vollziehen diese Teilnahme im Leben auf Erden. Aus der Zugehörigkeit zum himmlischen Kult heraus verstehen sie ihre irdische Existenz als Fremdlingschaft. Die Sarx Christi, seine irdische Existenz, ist der Weg in das himmlische Allerheiligste. Dieser Weg ist in irdischem Gehorsam zu beschreiten. Aus der Zuordnung zum himmlischen Altar (13,10) ergibt sich die Forderung, jede Teilnahme an irdischem Kult zu unterlassen. Stattdessen wird das, was in irdischer Profanität gelebt wurde, als das (spirituelle) Opfer (13,15f) der Adressaten auf dem himmlischen Altar dargebracht. Der Hebr versteht das irdische Sterben Christi als profanes, nicht-opferkultisches Geschehen, zu dem sein himmlisches Selbstopfer komplementär hinzutritt (425f).

a. Himmlisches Vaterland und irdische Fremdheit (11,8-16)

Leben in der Fremde – Erwartung der künftigen Stadt: Abraham zog aus und siedelte sich im “Land der Verheißung“ an, wo er als Fremdling weilte. Er erwartete die von Gott erbaute Stadt, das himmlische Jerusalem (12,22-24). Diese Stadt sahen Abraham und andere nur von ferne. Auf Erden blieben sie fremd und ohne Bürgerrecht. Ebenso gilt auch von uns, dass wir auf Erden keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige ersehnen wir (13,14) (427).

Die Wüstenzeit Israels ist dem Hebr das Paradigma der Glaubensverweigerung auf die göttliche Anrede hin: Das glaubende Hören der göttlichen Anrede wird zur Bedingung des endzeitlichen Eintritts in die himmlische “Ruhe“. Das “Vaterland“ der Adressaten ist die künftige, himmlische Stadt. Dem entspricht auf Erden ein Leben in der Fremde. Und wie Abraham “hinausging“ (11,8), so sind auch die Adressaten aufgefordert “hinauszugehen“ (13,13) (427f).

Das “Hinausgehen“ Abrahams (11,8) bezieht sich nicht auf das Verlassen der irdischen Sphäre zugunsten der himmlischen. Gemeint ist ein Leben in Fremdlingschaft, das Aufgeben jeder irdischen Beheimatung und Sesshaftigkeit. Es gilt, im Glauben zu leben, d.h. auf Erden durch die himmlisch-zukünftigen Größen bestimmt zu leben. Diese irdische Existenz ist als Heimatlosigkeit zu vollziehen. Denn die Heimat der Adressaten wie der Glaubenszeugen (Kp. 11) kann nur die himmlische sein. Bei der Aufforderung zum “Hinausgehen“ (13,13) geht es darum, die durch das irdische Jerusalem repräsentierte irdische Sakralität hinter sich zu lassen und auf Erden sich ausschließlich aus der Zuordnung zum himmlischen Kult zu verstehen. Dieser Zuordnung entspricht ein Leben in irdischer Profanität. Es geht um den Verzicht auf jede irdische Kultteilname. Aus der Hoffnung auf die künftige himmlische Heilsvollendung, auf das “unerschütterliche Reich“, ergibt sich die Aufforderung zur gegenwärtigen Teilnahme am himmlischen Kult (Kp.13). Glaube im Hebr ist das Bestimmtsein des Lebens auf Erden durch das himmlische Hoffnungsgut, so dass die Ausrichtung darauf alle Entscheidungen prägt (429f)

Die Heilsvollendung besteht im Empfang des Verheißungsgutes, das als Eintritt in die “Ruhe Gottes“ (4,1.11) bzw. in das himmlische Allerheiligste in der Folge des Eintretens Christi (6,19f) verstanden ist (431).

b. Zugang zum himmlischen Heiligtum – Ausgang aus dem irdischen “Lager“ (13,7-17)

In 13,12 (wie auch sonst im Hebr) steht das Leiden und Sterben Christi als irdisch-profanes Geschehen seinem himmlischen Opfer gegenüber. Beides wird im Rahmen der Jom Kippur-Typologie dargestellt. Aus der Opposition des sakral umfriedeten Lagers und seines profanen Außerhalb leitet 13,13 die Aufforderung zum Hinausgehen in die Profanität irdischen Daseins ab, die der exklusiven Zuordnung zu himmlischer Sakralität, der Teilnahme am himmlischen Kult, entspricht. Im Kontext 13,7-17 wird die Komplementarität von Leben in irdischer Profanität und Teilnahme am Kult des himmlischen Heiligtums entfaltet (445f).

Der wahre Gottesdienst des neuen Bundes (13,7-17): Dem zum Sinai kultisch hinzugetretenen Israel (Hebr 12,18-21) wurde mit dem Bundesschluss die Reinigung des Volkes und die Reinigung und Weihe des Heiligtums zuteil. Der Bund zielte auf den Kultvollzug; die Bundesgemeinde war Kultgemeinde. Auch die Gemeinde des neuen Bundes ist Kultgemeinde; auch sie wurde, ebenso wie das himmlische Heiligtum gereinigt, damit wurde auch der himmlische Kult eingeweiht (9,13f.22f). Die Gemeinde des neuen Bundes ist nicht zum irdischen Sinai, sondern zum himmlischen Zion hinzugetreten, um dort den rechten, Gott wohlgefälligen, den himmlischen Kult zu vollziehen (12,22-28) (447).

Zuordnung zum himmlischen Kult gegen Teilnahme an irdischen sakralen Mählern (13,8f.15f): Die Gegenwart Christi bleibt durch das “Gestern“ bestimmt. Ebenso bleibt seine Zukunft durch seine irdische Geschichte bestimmt. Jesu Tod (13,12) wird im Rahmen der Jom Kippur-Typologie als Zugang zum himmlischen Heiligtum gedeutet. Der himmlische Christus ist und bleibt, der der Irdische war. Das überlieferte Kerygma von Leidensgeschick und Erhöhung Jesu bleibt in Geltung, weil der erhöhte Christus der Hohepriesterchristologie derselbe ist und bleibt, der der Irdische war. Die Adressaten sollen sich auf den himmlischen Altar und dessen Kult ausrichten. Damit wird das Bedürfnis nach fortlaufenden irdischen Kultvollzügen abgewiesen (449f).

Bei den fremden Lehren geht es um ein “Essen vom Altar“, um sakrale Mähler. In 13,9 geht es um ein “Festwerden“ des Herzens, das durch Gnade, nicht durch Speisen zu erlangen ist. Vom Herzen ist die Rede, weil das Herz der Aspekt des Menschen ist, der dem himmlischen Bereich und dem himmlischen Kult zugeordnet ist. Im Hören des Wortes, im Festhalten daran und an der Hoffnung, am Bekenntnis und an der parrhesia (frohes Zutrauen 3,6;10,35) gewinnen die Adressaten bzw. ihre Herzen Anteil an der Festigkeit, die dem Wort Gottes eignet. Dieses Festhalten ist nichts anderes als die Bewährung des Gehorsams im Hinblick auf das himmlische Ziel. Zu dieser Bewährung bedarf es der Gnade (4,16): Christus, der mit den Leidenden mitleiden kann, wird ihnen Gnade gewähren, d.h. Hilfe zum Gehorsam in der Anfechtung. Diese Gnade erlangt man im kultischen “Hinzutreten“ zum himmlischen “Gnadenthron“ (4,16), in der Teilnahme am himmlischen Kult, in dem der Hohepriester Christus als Fürbitter die Gnade vermittelt (451).

Die Communio im irdischen sakralen Mahl und das Hinzutreten zum himmlischen Gnadenthron: Esau ist das negative Gegenbeispiel zu den Glaubensvorbildern von Kp.11, denn er hat das Sichtbar-Vorfindliche dem unsichtbaren Gut vorgezogen. Wer an irdischen sakralen Mählern teilnimmt, handelt töricht wie Esau, denn Zuordnung zum himmlischen Heiligtum und Teilnahme an irdischen Mählern schließen einander aus. Der vorfindlich-habhafte Gewinn ist in Wahrheit Verlust des himmlischen Heils. Die Warnung vor Heilsverlust durch das Essen der Speisen (12,17) gewinnt mit dem Hinweis auf die Speisen der irdischen sakralen Mähler 13,9 konkreten Bezug (452).

13,15f sprechen vom Kult, den die Adressaten allezeit durch Christus vollziehen sollen. Durch Christus als himmlischen Hohenpriester bringen sie im himmlischen Kult Opfer dar. Sie bedürfen keiner Opfer zur Sühne mehr; wohl aber sollen sie aus Dankbarkeit Opfer darbringen. An die Stelle der Teilnahme am irdischen Opferkult und an dessen Kultmahl tritt das dem himmlischen Kult zugeordnete Lobopfer der Lippen und das Opfer der guten Werke. Es handelt sich um den lebenspraktischen Gehorsam (einschließlich Gebet und Lobpreis), von dem schon in 10,5-10 die Rede war. Darin verwirklicht sich das “Hinzutreten“ zum Gnadenthron (4,16) bzw. zum himmlischen Allerheiligsten (10,19-22). Was auf Erden an Gotteslob und Wohltun vollzogen wird, das gelangt als wohlgefälliges Opfer im Himmel vor Gott. Zum himmlischen Heiligtum hinzugetreten, empfangen die Adressaten nicht allein Gnade (4,16; 13,9), sie bringen auch ihren leiblichen, in irdischer Profanität geleisteten Gehorsam sowie Lobpreis und Bekenntnis durch Christus im himmlischen Kult als Lobopfer vor Gott (452f).

Zuordnung zum himmlischen Altar und Heimatlosigkeit außerhalb der irdischen Stadt (13,10.14): Der Zugang zum himmlischen Jerusalem und seinem Altar und die Teilhabe an der irdischen sakralen Sphäre schließen einander aus. “Wir“ sind zum himmlischen Jerusalem hinzugetreten und “haben“ den himmlischen Altar (13,10), wie wir auf Erden keine bleibende Stadt haben, diese vielmehr verlassen und aus der Ausrichtung auf das himmlische Jerusalem leben sollen (13,13f). “Wir haben einen Altar“, einen himmlischen Altar, dem zugeordnet zu sein, auf der Verbindung mit dem himmlischen Hohenpriester Christus beruht und Berechtigung zur Teilnahme am himmlischen Kult besagt. “Wir“ haben Anteil am Priestertum und -dienst des himmlischen Heiligtums und an dessen Altar. Der Altar des himmlischen Heiligtums, den wir haben, ist der, zu dem wir priesterlich “hinzutreten“ (455).

Die “dem Zelt Dienenden“ sind die Priester des irdischen Heiligtums. Irdisches Zeltheiligtum und himmlischer Altar stehen einander gegenüber (13,10) wie irdisches Abbild und himmlisches Urbildheiligtum (8,2.4f). Jeder der beiden Kulte hat seine eigene Priesterschaft: “Uns“ bzw. die “dem Zelt Dienenden“. Die Priesterschaft des irdisch-abbildhaften Zeltes vermag zum himmlischen Urbild-Heiligtum und zu seinem Altar nicht hinzuzutreten, weil der Mangel des irdischen Kults darin besteht, dass er den Zutritt zum himmlischen Heiligtum nicht erschließen kann (9,1-10, 10,1-4). Die Communio mit heiligen Speisen irdischer sakraler Mähler vermag nicht Anteil zu geben am himmlischen Kult und seiner Heilsvermittlung (13,10). Aber “wir“ haben zu diesem Kult und seinem Altar Zutritt und wir treten dort priesterlich hinzu. Auf dem himmlischen Altar werden die Gott wohlgefälligen Opfer der Adressaten (13,15f) dargebracht. Das ist der himmlische Kult, der den irdischen sakralen Mählern gegenübersteht. Ein Mahl der Adressaten wird nicht Thema des Hebr (456f).

Der Tod Christi (13,12) entspricht nicht der Darbringung auf einem Altar, sondern der unkultischen Verbrennung in der Profanität des Außerhalb (13,11), wo es keinen Altar geben kann. 13,10 gehört nach Komposition wie Thematik mit 13,14 zusammen. Deshalb darf man das Leiden “außerhalb“ (13,12) nicht mit dem Altar verbinden und es gegen die Intention des Hebr zu einem kultischen Opfer machen. Nicht der Kult bzw. das Kultmahl in irdischer Sakralität, sondern der Gehorsam außerhalb der sakral eingefriedeten Sphäre des “Lagers“ in Profanität und Schmach, entspricht der Zuordnung zum himmlischen Kult, ist der Ort, von dem aus das “Hinzutreten“ geschieht. Die Verse 13, 11-13 zeigen am Vorbild Christi, wie profaner Gehorsam auf Erden und himmlisches Kultgeschehen zugeordnet sind. Sie begründen, dass die Adressaten den irdischen sakralen Bereich verlassen müssen, dass ihr Tun in irdischer Profanität das Gott wohlgefällige Opfer ist (13,15f). Das ist ihre Teilnahme am himmlischen Kult, auf die 13,10 zielt (458).

Hebr 13,11-13 setzt die Diskurse über Heiligkeitszonen und Zugangsmöglichkeiten voraus, gibt ihnen aber einen neuen Sinn. Denn “wir“ haben den Zugang schon zum urbildlichen himmlischen Heiligtum. Die durch Christus begründete Reinheit und Vergebung übertrifft alle Sühne- und Reinigungsriten des irdischen Kults. Zugleich ergibt sich die Aufforderung zum Hinausgehen, in Umkehrung des Richtungssinnes der auf den irdischen Heiligkeitsmittelpunkt gerichteten Bewegung (460).

Wie Christus in die Gottespräsenz des himmlischen Allerheiligsten eintrat, so werden es auch “Wir“ in der eschatologischen Vollendung tun. Doch schon jetzt sind die Adressaten zum himmlischen Jerusalem “hinzugetreten“ (12,22), sind sie berufen, sich dem himmlischen Thron zu nahen (4,16). Die Adressaten können jetzt nicht “eintreten“ (eiserchesthai) im Sinne des eschatologischen Eingangs ins himmlische Allerheiligste. Daher müssen sie gegenwärtig ihre Zugehörigkeit zum Himmlischen unter irdischen Bedingungen als “Hinausgehen“ (exerchesthai) vollziehen. “Wir“ sind berufen, in die Sphäre der Profanität “außerhalb des Tores“ hinauszugehen. Dort hat Jesus gelitten. Jesus ist einen profanen Tod gestorben, der durch die Schmach des Kreuzes (12,2) gekennzeichnet war. Christi himmlischer, hohepriesterlicher Herrlichkeit entsprechen auf Erden Leiden, Sterben und Schmach. Wie Christi Tod auf Erden profan und schmachvoll war (13,12), so gilt es für die Adressaten, irdische Sakralität zu verlassen, ihre Heimat allein in der himmlischen Stadt (13,14) zu suchen und allein im Kult am himmlischen Altar (13,10) Gnade zu empfangen (460f).

Leiden “außerhalb des Tores“ und himmlischer Kultakt Christi (13,12), Zuordnung von irdischem “Außerhalb“ und himmlischer Orientierung: Der Hebr nimmt das Sterben Christi als profanes, schmähliches Leiden in den Blick (2,9; 12,2; 13,13). Das Opfer Christi versteht er als himmlisches Geschehen. Christi Leiden “außerhalb des Tores“ entspricht der Verbrennung der Kadaver der irdischen Opfertiere. Der Eintritt Christi in das himmlische Allerheiligste und die von ihm vollzogene Sühne entspricht dem Hineinbringen des Blutes in das irdische Allerheiligste. Während der Hohepriester in das Allerheiligste eintritt mit dem Blut der Opfertiere (9,7), ist Christus “mit seinem eigenen Blut“ in das himmlische Allerheiligste eingetreten (9,11f) “und hat eine ewige Erlösung erworben“. Die im Tode kulminierende Selbsthingabe der profanen irdischen Existenz wird im himmlischen Kult als Opfer dargebracht (463f).

Der Weg der Sarx Christi wird unser Weg zum himmlischen Heiligtum, wenn wir, gleich ihm, in irdischer Profanität gehorsam sind. Wie er den Ertrag seines irdischen Weges im Himmel als Selbstopfer Gott darbrachte, so wird auch unser in irdischer Profanität vollzogenes Tun zum wohlgefälligen Opfer vor Gott im himmlischen Kult (464f).

Die Situation der Adressaten ist bestimmt durch die Infragestellung ihres Heilsbesitzes durch die Profanität der eigenen irdischen Existenz und durch die Konfrontation mit irdischer Sakralität und deren Angeboten der Heilsvermittlung. Bei der Frage nach dem Hintergrund der sakralen Mähler derer, “die dem Zelt dienen“, handelt es sich um eine gegenwärtige Frage, von deren Beantwortung der Heilsbesitz abhängt und die deshalb zur Warnung Anlass gibt. Es kann nur um jüdischen Kult gehen, da das Zelt und die “ihm Dienenden“ für den irdischen Kult der ersten Diatheke stehen. Die Identifikation des “Lagers“ der Wüstenzeit mit der Stadt verweist auf Jerusalem als Stadt des Tempels und damit als sakrales Zentrum des Judentums, auch in der Diaspora: We can think of the sacrificial meals in the temple. But if the readers are far away in the Dispersion, the reference is probably to synagogue meals, held especially at festival times to give the whorshippers a stronger sense of solidarity with the whorship of the temple of Jerusalem where the whole sacrificial system, with its daily offerings, is performed on behalf of Jews everywhere (465f).

Ertrag: Die Adressaten leben in der Welt als Fremde, bestimmt durch ihre Zugehörigkeit zum Himmel. Sie sollen ausziehen aus der irdischen Stadt, fort von ihrem sakralen Zentrum, denn sie sind kultisch hinzugetreten zum himmlischen Heiligtum und Kult. Ihre irdische Existenz vollziehen sie als Fremdheit bzw. unkultisch-profan. Das ist Komplement ihrer himmlischen Verankerung. Ihre Existenz ist vom Himmlischen bestimmt. Die Heimat der Adressaten ist die himmlische Stadt. Hier sind sie bereits jetzt priesterlich hinzugetreten. Durch den himmlischen Hohenpriester Christus bringen sie bereits jetzt ihren Gehorsam, ihr Lob und ihr Wohltun als Opfer auf dem himmlischen Altar dar (466).