2.7 Zum historischen Ort

Für den Hebr ist der irdische, aaronitische Opferkult und damit der Kult in Jerusalem durch das Christusereignis obsolet geworden. Zur Beurteilung des irdischen Opferkults wird eine Kulttheologie ex negativo entworfen. Der Hebr entwickelt eine Kritik am irdischen Opferkult und an dessen soteriologischer Wirksamkeit. Diese Kritik bezieht sich auf die Ausübung des Opferkults im irdischen Heiligtum und der dazugehörigen Reinigungsriten. Die “gegenwärtige Zeit“ (9,9) ist die Zeit, die durch die mosaisch-irdische Kultordnung und ihren Vollzug im irdischen Heiligtum bestimmt ist. Die Möglichkeit der irdisch-sakralen Heilsvermittlung durch irdische opferkultische Praxis nach Maßgabe des mosaischen Kultgesetzes steht dem Hinzutreten zum himmlischen Kult entgegen (484f).

Dieser kritische Bezug auf den irdischen Opferkult als eine bestehende Größe, die der Heilsaneignung durch Teilnahme am himmlischen Kult entgegensteht, lässt sich an zwei Stellen im Hebr besonders deutlich greifen: In 9,9f werden “gegenwärtige Zeit“ und “Zeit der richtigen Ordnung“ als zwei gleichsam überlappende Zeiten geschildert, in denen die Adressaten existieren (einerseits als auf Erden lebende Menschen, andererseits als im himmlischen Jerusalem hinzugetretene Kultteilnehmer. In 13,7-17 entspricht der Aufforderung zur Teilnahme am himmlischen Kult die Aufforderung zum “Hinausgehen“ aus dem irdischen sakral umfriedeten Bezirk des “Lagers“. In frühjüdischer und rabbinischer Kulttheologie wird der Jerusalemer Tempel bzw. die Stadt Jerusalem als das “Lager“ bezeichnet. Dass konkret an die Teilnahme an irdischen sakralen Mählern gedacht ist, zeigt die Auslegung von 13,9: Der Empfang der Gnade am himmlischen Gnadenthron steht im Gegensatz zu der Überzeugung, durch das Verzehren von Speisen irdisch sakraler Mähler Festigkeit des Herzens zu erlangen. Die Mahnung, das Unanschaulich-Himmlische nicht um einer vorfindlich-irdischen Speise willen zu verlieren (12,16), gewinnt durch die Abwertung irdischer sakraler Speisen (13,9) konkreten kultischen Bezug. Die Fremdheit und Schmach, die die Adressaten zu erleiden haben, ergeben sich durch den Auszug aus der identitätsstiftenden sakralen Sphäre (485f).

Die (vermeintliche) Möglichkeit, im irdischen Opferkult Vergebung zu erlangen, wird in 10,4.18 schroff abgewiesen. Hebr 9,24-28 stellt die Einmaligkeit und bleibende Gültigkeit des Selbstopfers Christi und der dadurch erwirkten Vergebung heraus (10,26). Im Hintergrund dieser Argumentation steht die Attraktivität des irdischen Opferkults (486).

Die Argumentation des Hebr bezieht sich, indem sie vom Zeltheiligtum der Wüstenzeit spricht, auf die Situation der Adressaten, die in der “gegenwärtigen Zeit“ leben, die durch den Bestand der mosaisch-irdischen Kultordnung und deren Objektivierung im irdischen Heiligtum bestimmt ist. Der Rückgriff auf die Gründungszeit des Kults (9,2-5) ist ein verbreiteter Topos der Kritik am zeitgenössischen Jerusalemer Tempel und Kult. Drücken frühjüdische Texte die Hoffnung aus, dass der rechte, Gott wohlgefällige Tempel und Kult in eschatologischer Zukunft wieder hergestellt werden wird, so spricht der Hebr davon, dass jener eschatologische Kult durch das einmalige Selbstopfer Christi bereits eingeweiht ist, dass die zur Teilnahme erforderliche Reinheit aufgrund jenes Selbstopfers in der Taufe vermittelt wird und dass die Adressaten durch Christi Erhöhung im himmlischen Allerheiligsten verankert sind, so dass ihre Teilnahme am himmlischen Kult gegenwärtige Wirklichkeit ist (487).

Ph. Vielhauer: In dem Schema von Katabasis und Anabasis spielt die Auferstehung keine Rolle (sie wird in 13,20 nur formelhaft erwähnt) und ist durch die Vorstellung der Himmelfahrt vom Kreuz aus ersetzt, die auch Phil 2,9 vorliegt. Die Erhöhung Christi wird als Einsetzung in die Weltherrschaft und als Einsetzung in die Hohepriesterwürde interpretiert. Der Name, der dem Erhöhtem verliehen wird, ist nicht 'Kyrios' (Phil 2,9-11), sondern 'Sohn' (Hebr 1,4ff). 'Sohn' ist im Hebr Königstitulatur des Erhöhten (245f).