2.8 Die Imitation Jesu im Brief an die Hebräer

A. Schulz

: Der verherrlichte Herr hat seine Vollendung durch Gott empfangen (2,10; 5,9; 7,28) und vermittelt als der durch den Leidensgehorsam vollendete Hohepriester seinen Brüdern die eschatologische Heiligung (2,10f; 10,14) (293).

5,8f: Der Sohn Gottes hat in seiner Erniedrigung als Mensch den Gehorsam gegen den Willen des Vaters erlernt. Nachdem er von diesem vollendet worden ist, d.h. durch seine Einsetzung in die göttliche Herrlichkeit, ist Jesus zum Urheber des Heils für alle geworden, die ihm gehorsam sind. In diesem Text findet sich kein Imperativ, keine unmittelbare Aufforderung zur Nachahmung des Gehorsams gegenüber Gott, doch wird man die Angleichung im Ausdruck als einen mittelbaren Aufruf an die Leser zu einem dem Beispiel Jesu entsprechenden Bemühen verstehen dürfen. Sie sollen ihren Glaubensgehorsam gegen ihren Herrn Christus am Vorbild des gehorsamen Jesus neu entfachen (293f).

“Lasst uns den vor uns liegenden Wettkampf laufen“ (12,1): Gott hat der Gemeinde die Bewährung ihres Glaubens verordnet. Sie hat den Kampf “in Geduld“ auf sich zu nehmen und durchzustehen. Alle “hemmende Last“, die den vollen Einsatz der sittlichen Kräfte ausschließt, haben die Leser abzulegen. Auch steht der Gemeinde im Glaubensstreit eine “Wolke von Zeugen“ zur Seite. Diesen Gestalten aus der Heilsgeschichte eignet im Rahmen des Bildes vom Wettkampf zugleich die Stellung von Zuschauern in der Arena (294).

Die Christen haben vor allem auf Jesus zu blicken. Aus seinem vorbildlichen Verhalten in einer verwandten Situation sollen die Gläubigen für ihre eigene Entscheidung die rechten Folgerungen ziehen. Der Hohepriester Jesus, der als Mensch die Stadien sittlicher Bewährung an sich erfahren hat (2,14f; 2,18; 4,15f; 5,7f) ist als solcher der für seine Gemeinde vorbildliche Führer und Vollender ihres Glaubens (294f).

Die verschiedenen Stufen des Daseins Christi (12,2): “der wegen der vor ihm liegenden Freude, das Leiden in Schmach und Schande (als Gipfel der Erniedrigung) erduldete“ und anschließend “sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat“. Die Leser, die alles für den Glaubenskampf Hinderliche zu verlassen haben, sollen auf Jesus, den Anfänger und Vollender ihres Glaubens blicken, der sich um seines göttlichen Heilsauftrags willen der ihm eigenen “Freude“, seiner göttlichen Doxa, entkleidet und dafür zunächst das schimpfliche Ende eines Verbrechers auf sich genommen hat. Die Leser sind gehalten, gleich ihrem Hohenpriester im Hinblick auf das ihnen von Gott bestimmte vollendete Heil als Kampfpreis die für den Anhänger Jesu notwendig gegebenen Schwierigkeiten geduldig zu ertragen und nicht mutlos zu werden (295f).

Der Vers 12,3 fordert eine intensive Betrachtung des Beispiels Jesu (“denkt“), durch die die Gemeinde vor einer vorzeitigen Ermüdung bewahrt werden soll. Sie haben von Jesus die Standhaftigkeit zu erlernen. Das gesamte messianische Wirken Jesu wird vom ungläubigen Widerspruch der Sünder, der Feinde Gottes, gegen den göttlichen Boten geprägt (296).

“Daher lasst uns hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (13,13f). Die Leser sollen sich bewusst werden, dass die in Christi Erlösungstat gründende neue Heilsordnung für den Menschen des neuen Bundes eine schon gegenwärtige Wirklichkeit ist, deren abschließende Vollendung er im Glauben entgegenharrt. Diese Stadt des Hebr ist nicht nur zukünftig, sondern bereits jetzt ist sie eine himmlische Wirklichkeit und als solche die eigentliche, der gegenüber das Irdische nur Abbild (8,5), Schatten (8,5;10,1) und Gleichnis (9,9) ist (97f).