(4) Eine Vertiefung der teleiosis führt eine sakramentale Frömmigkeit ad absurdum

G. Theißen

Die Formel: “Jesus Christus gestern und heute und derselbe und auch in Ewigkeit“ (13,8) kontrastiert mit den “fremden und vielfältigen Lehren“ (13,9). Sie versprechen “durch Speisen“ das Herz zu festigen. In 9,9f wird diese Anschauung zurückgewiesen: Auf Grund von Speisen, Getränken und verschiedenen Waschungen kann der Dienende in seinem Gewissen nicht vollendet werden. Der Wendung “das Herz festigen“ (13,9) entspricht “das Gewissen vollkommen machen“ (9,9). Vollkommen machen und festigen beziehen sich auf die Teilhabe am Heil. In 13,9 wird die Auffassung abgelehnt, dass durch die Sakramente das Heil garantiert werden kann: “nicht durch Speisen, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen“. In 7,18 wird das alte Gebot als “nutzlos“ bezeichnet, “denn das Gesetz hat nichts vollendet“. Ohne Nutzen sein meint die Unfähigkeit, eine erhoffte Vollendung zu geben. In diesem Sinn sind auch die christlichen Sakramente unnütz (76f).

Auf die negative Feststellung, dass Speisen nicht vollenden können, folgt positiv: “wir haben einen Opferaltar“ (13,10). Der Gegensatz ist sinnvoll, wenn die Speisen (wie in 9,9f) als Opfer aufgefasst werden. Im Hebr geschieht der wahre Opferkult im Himmel. Parallel zu “wir haben einen Altar“ steht, “denn wir haben hier keine bleibende Stadt“ (13,14). Der Altar gehört nicht zu dieser Welt, sondern zur zukünftigen Stadt. Er liegt außerhalb des Zeltes. “Wir haben einen Opferaltar, von dem zu essen, die dem Zelt Dienenden kein Recht haben“, d.h. wer dem Zelt dient, bleibt in der irdischen Stadt, wer am wahren Opferaltar teilhat, muss sie verlassen. Die dem Zelt Dienenden sind Vertreter jener mysterienhaften Abendmahlsauffassung, die schon in Kap. 9 verworfen wurde: wer Brot und Trank opfert, handelt dem ersten Zelt gemäß. Er hat keinen Zugang zum Allerheiligsten. In 8,1ff steht Christus als Diener am wahren Zelt den Dienern des Zeltes gegenüber, die vom wahren Altar ausgeschlossen sind. Wie dort, so dient auch hier der Versöhnungstag dazu, die Abwertung der Sakramente zu legitimieren. Weil es sich um Sühneopfer handelt, kann sich der eigentliche Altar nur außerhalb des Lagers befinden: denn die Körper der Tiere werden bei Sühneopfern außerhalb des Lagers verbrannt. Zum Schluss (13,15f) zeigt der Verfasser die Möglichkeit eines christlichen 'Opferkultes' in der Gegenwart: durch Christus, den himmlischen Hohenpriester, opfert die Gemeinde Lob, Bekenntnis und gute Werke (77f).

Der Hebr muss auf dem Hintergrund einer Frömmigkeit verstanden werden, für die der Kult im Mittelpunkt steht: Einführung ins vollkommene Christentum ist hier Einführung in seine sakramentale Praxis geworden. Das Abendmahl gilt in Analogie zum atl Kult als Opfer. Es verleiht Vollkommenheit und Festigkeit. Wer an ihm teilnimmt, wird von himmlischen Kräften durchströmt. Er hat die Sphäre des Vergänglichen und des alten Äons verlassen. Pneumatische Erfahrungen heben ihn über diese Welt hinaus (85).

Der Hebr erinnert an die bekannten Abendmahlsmahnungen. Ihm geht es um deren Forderung, dass der Abendmahlsteilnehmer frei von Sünde ist. Diese Forderung gilt so unbedingt, dass ihre Verletzung Verlust des Heils wäre. Die Grundstimmung des Hebr ist das Erschrecken vor der göttlichen Majestät, vor jener dunklen und lodernden Gewalt, die er im Bild des Feuers beschwört. Das Gericht Gottes erscheint ihm als Brand (6,8), Gottes Eifer als Feuer, das die Widersacher verzehrt (10,27). Am Sinai erschien er in Dunkelheit, Sturm und Feuer, so dass ihn niemand ertragen konnte (12,18-21). Er ist ein verzehrendes Feuer (12,29). Schrecklich ist es, in seine Hände zu fallen (10,31). Wie können wir diesem Gericht entkommen (2,3)? Erst wenn man das Erschrecken vor der Majestät Gottes und vor der Sünde kennt, begreift man die Bedeutung Christi als Hoherpriester (86).

Angesichts der Erfahrung des unbedingt fordernden Gottes versagen “Speisen und Getränke“. Sie können keine Zuversicht geben, Gott zu nahen und zur Vollendung zu kommen. Vollkommenheit ist nicht die Teilhabe an himmlischen Kräften und pneumatischen Erlebnissen, sondern Freiheit von der Sünde. Sündenvergebung ist durch wiederholte Opfer nicht möglich, sie schaffen nur eine Erinnerung an die Sünden (10,3). Daher kann das Abendmahl als immer wiederholtes Opfer keine Vollkommenheit geben. Die Vertiefung der teleiosis führt eine sakramentale Frömmigkeit ad absurdum (86).

Der Abwertung der Sakramente entspricht eine Aufwertung des einmaligen Christusgeschehens: Nur das Opfer Christi schafft die teleiosis, in deren Mittelpunkt die Sündenvergebung gerückt ist. Jer 31,31ff: Die wichtigste Gabe des Neuen Bundes ist die Sündenvergebung (10,16). Alle Opfer sind dadurch überflüssig geworden. Das himmlische Kultmysterium tritt an die Stelle der mysterienhaften Kultpraxis auf Erden (87).

                   

(5) The Eucharist did not belong to the range of the author's beliefs and experience

We have the 'altar' in the same sense that 'we have' our great high priest
R. Williamson

The altar of the old covenant is to be found within the tent (9,1ff). In the new covenant too the altar is to be found within the tent, only in this case the tent is not a material sanctuary, but is (in) heaven itself, the true tent. When in 8,1ff Christ is said to have taken His seat on the throne of the Majesty “in the heavens“ He is also said to serve in the true sanctuary (9,23f). The true tabernacle is therefore a heavenly tent. The altar which the Christian possesses is, since it belongs to the true tabernacle, a heavenly altar, within the city which is to come (13,14), i.e. the city which is still, for the Christian, coming, to come, since it is situated in heaven, a destination which the Christian pilgrim will reach only in the future. We have the altar in the same sense that we have our great high priest (308).

If the Christian altar is within the heavenly sanctuary it is not necessarily associated with any kind of earthly meal. So the author can say (13,10b) that those who serve the sacred tent (i.e. Jewish priests and worshippers) have no right to eat from this altar. The Jews have no share in our sacrifice (308f).

The author of Hebrews leaves no room in the concept of the Christian believer's possession of an altar for any kind of participation in it by actual eating. He avoids any reference in 13,10 to any table in Christian worship at which Christians eat corresponding to the table of the Jewish sanctuary described in 9,1ff. It is suprising to find that the author of Hebrews, who was quick to see typological relationships between features of the Old Covenant and elements in the New, did not suggest explicitly that the table of the jewish sanctuary is a type of the Lord's Table in the Eucharist. The fact that he did not confirms the impression that the Eucharist did not belong to the range of his beliefs and experience. He does state quite explicitly that “it is good that our souls should gain strength from the grace of God“ (13,9). He does not say that those who share in the Jewish cult have no right to eat from the Table of the Lord. He says that they have no right to eat from the heavenly altar which the Christian possesses. The eating, in the case of the Christian altar, is not physical, literal eating. The verb to eat is used in 13,10 figuratively, as the participle have tasted is in 6,4. The Christian lives by grace (13,9) and this he recieves with no sacramental cult as intermediary, when he approaches boldly the throne of God (4,16) (309).

It seems that there is no evidence in Hebrews of involvement, on the part of the community of Christians to which the epistle was addressed, in eucharistic faith and practice. This is a conclusion based not merely on the epistle's silence. The argument of the epistle seems to be directed against a view of the Christian religion which regards the Eucharist as a means by which the benefits of Christ's sacrifice are communicated sacramentally to the worshipper. By faith the worshipper has direct access to the throne of grace, with no need of physical mediation of a sacramental, cultic kind. In this present life the bliss of glory is still an object of faith and hope, though by faith the throne of grace may be approached even here. But there is no suggestion anywhere in the epistle that at regular intervals, in eucharistic worship the believer anticipates on earth what will be his fully in heaven (309f)

The sacrifice of Christ was of a kind that rendered obsolet every form of cultus that placed a material means of sacramental communion between God and the worshipper. Did he not mean by his words 9,9f that when the time of reformation arrived it would mean an end of outward ordinances? His understanding of the sacrifice of Christ did lead him to the view that the only sarifices left to be offered to God are those he mentions in 13,15f. The author of Hebrews judged that the work of Christ renders an earthly cultus of any kind unnecessary. The Levitical rites are fulfilled in Christ Himself, not in the outward ordinances of his Church (319f).

For the Christian, according to Hebrews, the Gospel always comes as a promise, to be received in faith; it can never be anticipated materially in a sacramental cultus (312).

                   

(6) Kein Herren-Leib-Essen in der Hebräerbriefgemeinde

F. Schröger

Das Opfer, das wir Christen als das allein wahre und wirkungskräftige kennen, schließt seiner Natur nach jedes Opfermahl aus, “denn von den Tieren, deren Blut für die Sünde in das Heiligtum durch den Hohenpriester hineingebracht wird, deren Leiber werden außerhalb des Lagers verbrannt“ (13,11), d.h. für den Alten Bund, dass das Fleisch der Sündopfer dem Genuss der Priester entzogen und außerhalb des Lagers verbrannt wurde und in typologischer Aussage für den Neuen Bund: Christus hat das Opfer – sich selbst – für die Sündigen dargebracht außerhalb des Tores – sein Fleisch ist nicht für Opfermahlzeiten bestimmt. Man darf den atl Schriftbeweis, der mit Lev 16,27 geführt wird, und seine Anwendung auf das Opfer Christi nicht voneinander trennen (171).

In 13,11f kommt es dem Verf. darauf an, zu zeigen, auf welche Weise Gemeinschaft mit Christus zu suchen ist – nicht mit Speisen-Essen, sondern durch die geistige Entscheidung, der Nachfolge Jesu in Leiden und Tod. Die richtige Konsequenz aus der Anwendung von Lev 16,27 in diesem Zusammenhang lautet, dass, wie es analog bei den dem Zelt Dienenden war, die das Fleisch von dem für ihre Sünden dargebrachten Opfer nicht essen durften, sondern draußen vor der Stadt verbrennen mussten, so ist es auch den Christen nicht erlaubt, vom 'Fleisch' des sich für ihre Sünden opfernden Herrn zu essen. Es wird klar gesagt: es gibt kein Herren-Leib-Essen in der Hebräerbriefgemeinde. Es ist anzunehmen, dass der Verfasser eine Praxis des Abendmahls kennt, dagegen aber polemisiert und in der von ihm angesprochenen Gemeinde nicht praktiziert wissen will (172).

Hebr 13,9-11 enthält das stärkste Argument gegen das Vorhandensein einer Eucharistiefeier in der Hebräerbriefgemeinde. Auch das touto in Hebr 9,20, das an die Einsetzungsworte zu erinnern scheint, ist nich im eucharistischen Sinn zu verstehen, denn im Zusammenhang von Kp 9 steht das Zitat aus Ex 24,8 (“Dies ist das Blut des Bundes, den Gott geboten hat“ um zu zeigen, dass zwar wie der Alte, so auch der Neue Bund durch Blut eingeweiht wurde, “dies“ Blut aber einen unendlich besseren Bund bewirkt, da er “nicht durch das Blut von Böcken und Jungstieren, sondern durch sein eigenes Blut“ (9,12) d.i. das Blut Jesu, gestiftet wurde (173).

Jesus hat das wahre Opfer dargebracht (5,7; 9,14.25.28; 10,10.14) ein für allemal (7,27; 9,12; 10,10). Deshalb (1) “lasst uns hinausgehen zu ihm außerhalb des Lagers und seine Schmach tragen“ (13,13). Weil wir hier keinen Altar haben (13,10), auf den wir unsere Opfer legen könnten, sollen wir ein Opfer darbringen durch Nachfolge des ausgestoßenen und geschmähten Jesus. (2) “Durch ihn (Jesus) wollen wir nun Gott allezeit ein Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen Gott“ (13,15f). Mit der Zufügung “Frucht der Lippen“ wird betont, dass das Aussprechen der Dankbarkeit gegen Gott gemeint ist. Neben dem Opfer des dankbaren Preisens gibt es noch andere gottgefällige Opfer, nämlich Wohltun und Mitteilen. Diese Opfer werden “durch ihn“ = Christus, den Hohenpriester, Gott dargebracht und nicht durch andere Priester. “Allezeit“ will besagen, dass diese “Opfer“ ständig und unablässig zu verrichten sind im Gegensatz zu den atl, die an bestimmte Zeiten und Materien gebunden waren (179f).

In der Hebräerbriefgemeinde gibt es das Essen des Leibes Christi als Opferspeise nicht. Es wird vielmehr in polemischer Weise gesagt, dass die Gemeinschaft mit Christus nicht durch ein Essen seines Leibes vermittelt wird, sondern dass die Nachfolge in Schmach und Leiden das wahre Opfer der an Christus Glaubenden ist (180).

Nach dem Hebr gibt es einen Kult, aber dieser ist in das Jenseits verlegt und dort versammelt sich auch die Kultgemeinde (12,18-24). Gottesdienst hier heißt proleptisch Teilnahme an dem Gottesdienst dort und wird verstanden als ein (22) “Hinzutreten zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem und zu den vielen tausend Engeln, zur Festversammlung (23) und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind und zu dem Richter aller, Gott, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten (24) und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus,...“ (180f).

                   

(7) Es ist ausgeschlossen, an der Heilswirklichkeit auf kultische Weise teilzunehmen

Christologische und kultkritische Ausrichtung des beständigen Gottesdienstes der Gemeinde im betenden Lobpreis Gottes und im Wohltun
G. Schunack

Der unwandelbaren Selbigkeit Jesu Christi (13,8) stehen vielfältige und fremde Lehren gegenüber (13,9). Gegenüber der Verführung durch Lehren, die im Widerspruch zum Fundament des Glaubens stehen, ist es gut und heilsam, dass das Herz durch Gnade gefestigt wird. Gnade ist stets Gnade Gottes und hier das Mittel, wodurch das Herz gefestigt wird. In diesem Sinn ist Gnade die gegenwärtige, personale Erfahrung des Heils Gottes – als Hilfe zur rechten Zeit zu finden im Hinzutreten zum Thron der Gnade Gottes(4,16), zu erfahren in der Wirkung des Geistes (10,29) und im Erfahrungsraum der Gemeinde (12,15). Unwandelbarer Grund der Erfahrung der Gnade ist das als hohepriesterliches Heilswerk Jesu Christi ausgelegte Ereignis seines Todes (2,9) (224f).

Diejenigen, die “mit Speisen umgehen und sich daran halten“, repräsentieren eine kultische Praxis, die ihnen keinen Nutzen brachte, weil sie durch ihr kultisches Handeln das, was durch Gottes Gnade geschieht, nicht erreicht haben. Die “Speisen“ sind Symbol eines gottesdienstlichen Kults, der ins Leere geht und schon damals, in der Zeit der alten Verfügung, keinen Nutzen brachte. Denn es geht dabei “nur um Speisen und Getränke und Waschungen“, um “Gaben und Opfer, die nicht imstande sind, den Menschen im Gewissen zu vollenden“ (9,9f), d.h. “von den toten Werken zu reinigen, um dem lebendigen Gott zu dienen“ (9,14). Der Rückbezug auf die alte Kultordnung, die “in fleischlichen Satzungen“ (9,10) und im Gesetzt besteht, das “nichts vollendete“ (7,19), unterstreicht, dass kultisches Handeln das nicht erreicht, was allein durch Gottes Gnade geschieht (225f).

Hebr 13,10:Wir (die christliche Gemeinde) haben einen Altar, von dem zu essen diejenigen keine Vollmacht haben, die dem Zelt dienen“. Der himmlische Altar ist in metaphorischer Bedeutung die “Opferstätte“, auf der dargebracht ist, was in Wirklichkeit und ein für allemal die Teilhabe am Heil gewährt. Der Ort dieser “Opferstätte“ ist da, wo das Heil vollendet wurde, in Christi Tod als dem Heilsereignis der hohepriesterlichen Darbringung seiner selbst und da, wo diesem Heilsgeschehen Folge geleistet wird. Es ist ausgeschlossen, an der Heilswirklichkeit auf kultische Weise teilzunehmen. Das Essen ist kultische Metapher eines Verhaltens, das im Widerspruch zur Gnade und zur Heilswirklichkeit steht. Nur der Hohepriester Christus ist im metaphorischen Sinn “Diener (Liturg) am wahren Zeltheiligtum“ (8,2) (226f).

Hebr 13,11-13: Nach Lev 16,27 sollen die Kadaver der Sündopfertiere außerhalb des Lagers verbrannt werden. “Außerhalb des Lagers“ bezeichnet im Horizont kultischer Anschauung den Bereich außerhalb des vom Heiligen gewährten und geschützten Lebensraums, also die Dimension des Unheiligen, Unreinen und Profanen. Die Unterscheidung zwischen dem Bereich des Heiligen und dem des Unheiligen und Profanen wird zum biblisch autorisierten Argument, um eindeutig zur Sprache zu bringen: Das Heilsgeschehen, Jesu Heiligung des Volks durch sein eigenes Blut, hat seinen Ort außerhalb jedes kultisch geheiligten Raums. Entscheidend ist die theologische Ortsbestimmung, dass der geschichtliche Jesus außerhalb des Jerusalemer Heiligtums am Ort kultischer Unreinheit und Heillosigkeit den Tod erlitt. Die Paradoxie, dass er gerade an diesem Ort “das Volk durch sein Blut heiligte“, ist die Negation jeder kultischen Heilsvermittlung. Aufgehoben ist die kultisch-religiöse Unterscheidung zwischen heilig und profan; der Ort der Heiligung ist radikal verändert. Der Ort des Leidens Jesu bestimmt, wo Gott in Wirklichkeit begegnet, wo die Heilswirklichkeit gegenwärtig ist und der alltägliche Gottesdienst der Gemeinde stattfindet. Zu Jesus aus dem Lager hinausgehen heißt, aus dem Lager kultischer Religiosität herauszugehen. Aufgerufen wird, einen Weg zu gehen, der an der Wirklichkeit des leidenden, das Kreuz ertragenden Jesus orientiert ist und in dieser Wirklichkeit zu ihm führt (227f).

Durch ihn (Christus) lasst uns beständig Gott ein Lobopfer darbringen, das ist eine Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Das Wohltun und Mitteilen aber vergesst nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen“ (13,15f). Erneut wird kultische Sprache in Gebrauch genommen, um ein Geschehen zur Sprache zu bringen, das nicht nur ganz und gar unkultisch ist, sondern die Aufhebung jedes kultischen Gottesdienstes bedeutet. Das, was die Gemeinde darzubringen hat, ist “durch ihn“, den Hohenpriester Jesus, der durch sein eigenes Blut das Volk geheiligt hat (13,12), sowohl ermöglicht als auch vermittelt (229).

Der Gottesdienst der christlichen Gemeinde wird in dreifacher Weise neu bestimmt (1) Was dort die exklusive Funktion der Priester ist, nämlich Opfer darzubringen, ist nun Sache der ganzen Gemeinde und jedes einzelnen in ihr. (2) durch den Hohenpriester Jesus , der auch nicht priesterlich legitimiert war (7,13f), ist die hierarchische Position des Priesters gegenüber der Gemeinde aufgehoben und das priesterliche Amt auf die Gemeinde übergegangen. (3) Das Opfer ist nicht mehr ein kultisch-religiös sanktioniertes Opfer von Gewalt, sondern besteht im dankbaren Lobpreis Gottes (229).

Schließlich ist der christliche Gottesdienst nicht an heilige Zeiten und heilige Räume gebunden. Auf keinerlei Weise ist er eine heilige Handlung, die Heil begründet oder bewirkt. Er geschieht beständig und allezeit. Gottesdienst als Dank für die Erfahrung der Gnade kommt im Lobpreis und “im Wohltun und Mitteilen“ zum Ausdruck (230).

Als Antwort auf die Erfahrung der Gnade gehört unabdingbar beides zum beständigen, täglichen Dienst zu Gottes Wohlgefallen: das lobpreisende Bekenntnis zu Gottes Namen und die praktische Bewährung der Gemeinschaft in der Bruderliebe (230).