Anhang: Die Beschneidung des Messias

(1976): In der Vorgeschichte(Lk 1-2) ist die Perspektive im ganzen auf Israel beschränkt, sodass hier über die Erfüllung der Verheißungen an dem einen Gottesvolk geredet wird (1,14.16.32.34.54.65.68f.71-74;  2,25.32.34.38). Lk 2,21 steht in dem engeren Kontext von 2,21-39, wo von  einer Reihe von esetzesverpflichtungen geredet wird: Reinigung, Darstellung im Tempel, Opfer: „Und als sie alles vollendet hatten gemäß dem Gesetz des Herrn, kehrten sie zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret“ (2,39). Eine Hauptangelegenheit in der lkn Vorgeschichte besteht darin, dass das Gesetz erfüllt wird. Wo der Messias Israels erscheint, dort geschieht dem Gesetz Genüge. Die Beschneidung wurde im Urchristentum erst mit der Aufnahme von Heiden in die Gemeinde zu einem Problem. Apg 10,,45 und 11,2 zeigen wie Lukas zu der Frage von Beschneidung und Gesetzesgehorsam steht: Die Heiden werden als Heiden gerettet, ohne Beschneidung. Sie bkommen als Heiden Anteil an den Verheißungen des Gottesvolkes (73f).

In Apg 7,8 wird der Abrahamsbund 'Bund der Beschneidung' genannt. Für Lukas ist Abraham der Empfänger der Heilsverheißung (Lk 1,55.72f;  3,8;  13,16;  19,9;  Apg 3,25;  7,2ff.17;  13,26-33). Abraham ist die Verkörperung Israels, d.h. des Volkes, dem Gott das Heil versprochen hat (Lk 1,54f). In Lk 1,72;  Apg 7,8 und 3,25 geht es um den Abrahamsbund, den 'Bund der Beschneidung'. Die Juden sind Kinder Bundes. In Lk 22,19f geht es um eine Erneuerung des Bundes und diese Erneuerung gilt Israel. Nach Apg 7,8 ist die Beschneidung das Zeichen des 'Verheißungs-Bundes' und sie zeigt, dass das Heil Israel als Gottesvolk gilt. Der 'Bund der Beschneidung' mit den Verheißungen an Abraham wird durch Jesus endgültig erfüllt (75f).

In Apg 21 haben wir es nicht mit Missionsproblematik zu tun, d.h. mit der Aufnahme von Heiden in die Kirche. Paulus wird angeklagt (Apg 21,21), weil er alle Juden in der Diaspora lehrt, sie sollen ihre Kinder nicht beschneiden und nicht mehr nach dem Mosegesetz leben. Das wird als Abfall von Mose bezeichnet. Es ist Lukas wichtig zu zeigen, dass Paulus immer für das Gesetz und für die Beschneidung gekämpft hat (Apg 16,3 die Beschneidung des Timotheus). Die Beschneidung ist für Heidenchristen nicht notwendig (Apg 15,11ff). Die Fortsetzung in Apg 21,22ff zeigt, dass Paulus die Beschneidung und das Gesetz als unbedingt notwendig für Judenchristen ansah, weil die Beschneidung das Zeichen der Verheißung und des Bundes ist. Nicht nur Israel, sondern auch die Kirche macht Anspruch auf den Bund und die Verheißung. Hätte Paulus die Beschneidung und die Verheißung entfernen wollen, wäre für die Kirche auch alle Verheißung und das Anrecht auf den Israelnamen verloren gegangen. Jesus selbst wurde beschnitten, er ist der Erfüller des Abrahamsbundes, so konnte Paulus nach Lukas unmöglich gegen die Beschneidung reden (76f).

Apg 7,8 und 21,21 zeigen, wie entscheidend die Beschneidung für Lukas gewesen ist. Die Sache der Heidenchristen war längst erledigt (Apg 15,1ff). Von Belang aber ist die Lage der Judenchristen in dieser Situation. Denn in der Kirche repräsentieren die Judenchristen das Gottesvolk, d.h. das eine Gottesvolk, das es überhaupt gibt. An den Verheißungen dieses Gottesvolkes haben die Heiden Anteil bekommen. Dass die Verheißungen zu Israel gehören, wird bis zum Überdruß gesagt: Lk 1,32f.51-55.72f;  13,16;  19,9;  22,29f;  Apg 2,22f.36.39;  3,13ff.24ff;  4,10ff.27;  5,30ff;  10,26;  13,17ff.32f usw. Die Verheißungen gehören mit dem 'Bund der Beschneidung' zusammen (77).

Jesus wurde nach acht Tagen beschnitten. Innerhalb des Rahmens der Vorgeschichte zeigt das für Lukas, dass er der wahre Träger der Verheißungen an Israel ist. Er trägt das 'Identitätszeichen' Israels. Deshalb ist es auch für Lukas wichtig zu wissen, dass Jesus niemals gegen das Gesetz des Mose geredet oder gehandelt hat (Apg 6,14). Jesus bedeutet für Israel das Heil (und das Heil auch für die Heiden via Israel). Die Rede von der Beschneidung Jesu gehört in eine Situation, wo die Bedeutung der Beschneidung angezweifelt wird. Jesus ist der jüdische Messias. Er soll auf dem Thron Davids sitzen und wird über das Haus Jakob auf ewig regieren (Lk 1,32). Die Messianität Jesu ist nicht vom Leiden und Sterben Jesu bestimmt, sondern trotz Leiden und Tod ist Jesus der Messias, was Lk 24,21-27 paradigmatisch zum Ausdruck bringt (77f).

Die Verheißungen an Israel werden an dem einzigen Israel, das Lukas kennt, nämlich die Judenchristen, erfüllt. Weil die Kirche die Fortsetzung der Geschichte des Gottesvolkes und selbst Träger der Verheißungen ist, muss Lukas markieren, dass der Messias Jesus der echte und wahre Messias ist. Das zeigt sich u.a. darin, dass er nach dem Gesetz beschnitten worden ist (Lk 2,21) (78).