(3) Der Leibgedanke und der jüdische Proselytismus

a. Die Nahen und die Fernen
b. Der neue Menschen
c. Der neue Wandel
d. Die Beschneidung
e. Die Taufe
f. Das Opfer

Es ist anzunehmen, dass Paulus bei seiner rabbinischen Ausbildung mit der Problematik des Proselytismus vertraut geworden ist. In der neuen heilsgeschichtlichen Situation, die mit Jesus, dem Messias, angebrochen war, hat er sich von neuem hiermit auseinandersetzen müssen. Von den Juden wurde auf Grund des Gesetzes der kultische Unterschied zwischen Juden und Heiden aufrechterhalten. Paulus aber sah das Verhältnis messianisch, nicht gesetzlich. Darin lag der Unterschied zwischen ihm und der Urgemeinde einerseits und seinen gesetzlichen Gegnern andererseits (59f).

a. Die Nahen und die Fernen:Nun aber im Messias Jesus seid ihr, die ihr einstmals fern wart, nahe geworden in dem Blut des Messias. Er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater“ (Eph 2,13.17f).In Jes 57,19 handelt es sich gleichfalls um Frieden für die Fernen und für die Nahen (wie Apg 2,39). ‚Nahebringen‘ (Eph 2,18) war die übliche Redeweise für ‚einen Nichtjuden als Proselyten annehmen‘. Auch Paulus hat an Nichtjuden gedacht: Denkt daran, „dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,12). Für Paulus sind die Fernen nahegebracht „in dem Blut des Messias“, ohne dass sie Proselyten geworden waren im gesetzlichen Sinn. Paulus ist sich bei seiner Erörterung, dass Juden und Gojim „in einem Leib versöhnt sind mit Gott“ (Eph 2,14-18), dieses Gegensatzes zwischen ihm und der gesetzlichen Auffassung hinsichtlich der Einverleibung der Heiden bewusst gewesen. Das beweist seine These, dass die Gojim in dem einen Leib der Ekklesia „nicht mehr Fremdlinge und Beiwohner, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ sind (Eph 2,19) (60f).

In der Tora werden zwei Gruppen von Gojim unterschieden: einerseits kannte man Fremdlinge, die aus dem Ausland eingewandert, sich in Israel aufhielten und sich eng der theokratischen Lebensgestaltung Israels angeschlossen hatten. Andererseits gab es Eingeborene des Landes, aus den kanaänitischen Völkerschaften stammend, die im Land geduldet wurden (Beiwohner, Eingeborene). In der nachexilischen Zeit wurde der Fremdling zum Fremden, zum Proselyten, der die jüdische Religion in allen Stücken angenommen hat. Der Eingeborene oder Beiwohner wurde der dauernd im Land Israel wohnende Heide (61f).

Eine Zwischengruppe bildeten die unbeschnittenen Fremdlinge, die sich dem Judentum annäherten, mit dem Götzendienst brachen und einige der wichtigsten Gesetz beachteten. Sie waren die ‚Gottesfürchtigen‘, die am jüdischen Gottesdienst teilnahmen, den Sabbat feierten und mehr oder weniger die Speisegebote einhielten, jedoch ohne zur vollen Annahme des Gesetzes verpflichtet zu sein. Für die Juden blieben sie Heiden, wie die Beiwohner, während die Proselyten wie Israel selbst waren. Paulus aber hat der messianischen Gemeinde vorgehalten, dass man in dem einen Leib des Messias die Gojim nicht betrachten durfte als ob sie ‚Fremdlinge und Beiwohner‘ wären. Sie seien im Gegenteil „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19) gworden (62f).

Der Proselyt hat an der Heiligkeit Israels Anteil bekommen, sobald er zum Judentum übergetreten war. So sagt auch Paulus hinsichtlich der Gojim in dem einen Leib des Messias, dass sie „Mitbürger der Heiligen“ sind und in diesem Sinn konnte er die messianische Gemeinde als „die Heiligen“ bezeichnen. Bezog die Erbschaft sich ursprünglich im AT auf die Landnahme des Volkes Israel, so ist schon im Judentum die Landnahme dem ‚In-Besitz-Nehmen der Gottesherrschaft‘, der Teilhaberschaft am künftigen Äon, gleichbedeutend geworden. Paulus hat Gen 28,14 auf ‚den Besitz der ganzen Erde‘ bezogen. An Abraham und seine Nachkommen erging die Verheißung, dass er ein Erbe der ganzen Erde, des Kosmos, sein sollte (Röm 4,13). Abraham war aber damals noch unbeschnitten (Röm 4,10). Deshalb war er nicht nur der Vater der Beschnittenen, sondern auch der Unbeschnittenen (Röm 4,11f). Im Gegensatz zu der Beschränkung auf Juden und Proselyten sah Paulus die Erbschaft nun ausgeweitet auf die Gojim, die nicht durch das Gesetz (Röm 4,13f; Gal 3,6-18), sondern „im Messias Jesus“ und „durch das Evangelium“ für ihn „Miterben, Mit-Leib und Mitteilhaber der Verheißung“ sind (Eph 3,6). Das dreimal wiederholte ‚mit‘ bezieht sich darauf, dass die Gojim mit den Juden zu demselben Leib gehören (64f).


b. Der neue Mensch: In den Paulusbriefen ist der Gedanke vom „neuen Menschen“ eng mit dem Leibgedanken verbunden. Es handelt sich dabei um ein „Geschaffen-werden“ (Eph 2,15) und um ein „Anziehen“ des neuen Menschen (Eph 4,24; Kol 3,10). Bei Paulus ist auch die Rede von einem Anziehen des Messias (Röm 13,14; Gal 3,27). An den beiden Stellen Gal 3,27f und Kol 3,10f wird ausgesprochen, dass da, wo man den Messias, oder den neuen Menschen, angezogen hat, nicht der Gegensatz besteht zwischen Jude und Grieche, Beschneidung und Unbeschnittenenheit, Sklave und Freier, männlich und weiblich. Der Messias ist der neue Mensch schlechthin, der aus den Zweien, Juden und Gojim, einen neuen Menschen schafft (Eph 2,15). Es geht hier darum, dass „alle“, die den neuen Menschen angezogen haben, „hinkommen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu einem erwachsenen Mann, zum Mass der Reife der Vollkommenheit des Messias“ (Eph 4,13). Alle sind eins im Messias Jesus und wenn sie ihm zugehören, sind sie auch alle Nachkommen Abrahams (Gal 3,28f). Diese Nachkommenschaft realisiert sich darin, dass alle, deren „Vater“ Abraham ist, in die Fusstapfen des Glaubens ihres Vaters treten (Röm 4,12), wodurch sie „hinkommen zu“ dem neuen Menschen, der der Messias in seiner „Vollkommenheit“ und „Reife“ schlechthin ist (Eph 4,13). Der Messias hat Frieden gemacht, „damit er die Zwei in sich schüfe zu einem neuen Menschen“ (Eph 2,15). Der neue Mensch, den man angezogen hat, ist „nach Gottes Willen geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24) und wird „erneuert nach dem Bild dessen, der ihn geschaffen hat“ (Kol 3,10) (66f).

Adam ist nicht der alte Mensch, den man ausgezogen hat (Eph 4,22; Kol 3,9), sondern der erste Mensch überhaupt (1Kor 15,45-49; Röm 5,12-21). Der neue Mensch ist der Messias, der (Eph 2,15) „die Zwei in sich zu einem neuen Menschen schafft, indem er Frieden machte“. Es ist die Rede von einem „zu einem Fleisch Werden“ (vgl. 1Kor 6,16). Der Messias ist für den Apostel der wahre neue Mensch, der den Fernen Mut macht, sie nahebringt und ihnen den Zugang geöffnet hat zum Vater (Eph 2,18). Der alte Mensch „mit seinen Taten“ (Kol 3,9) und seinen „Waffen der Finsternis“ (Röm 13,12) ist abgelegt, ausgezogen. Der neue Mensch ist jetzt auf dem Plan, wo es nicht mehr heißt „Griechen und Jude, Sklave und Freier, sondern Alles und in Allen der Messias“ (Kol 3,11) (68f).

In dem Messias als dem wahren neuen Menschen steht der neue Mensch vor uns in seiner Vollkommenheit, nach dem Bilde Gottes (2Kor 4,4; Kol 1,15). Es kommt für alle Glieder der Ekklesia darauf an, dass auch sie hinkommen zu dieser Reife und zu dem Erwachsensein, „damit wir nicht mehr unmündige Kinder sind“ (Eph 4,14 vgl. Kol 1,28) (69f).


c. Der neue Wandel: Auffallend ist in den Paulusbriefen die immer wiederholte Mahnung zur Demut und die Warnung vor Eigendünkel. „Seid gleichen Sinnes gegeneinander. Sinnt nicht das Hohe, sondern gebt euch hin den Niedrigen, haltet euch selbst nicht für verständig“ (Röm 12,16). Auch den Schwachen gegenüber kommt es darauf an, „gleichen Sinnes zu sein“ (Röm 15,5). Wenn Paulus an die Korinther über Israel als warnendes Vorbild (1Kor 10,1-13) geschrieben hat, so mahnt er sie, dem Götzendienst zu fliehen. Er setzt dabei voraus, dass er zu „Verständigen“ redet (1Kor 10,15). Der ‚Unordnung‘ bei der Feier des Abendmahls in Korinth liegt für Paulus eine „Verachtung“ der Ekklesia Gottes zugrunde (1Kor 11,22) (71).

Die Epheser hat Paulus berufen, zu wandeln „in aller Demut und Sanftmut, in Langmut, einander ertragend in Liebe, sich bemühend zu bewahren die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist“ (Eph 4,2-4). Im 1Kor und Eph zeigt der Zusammenhang dieselben Verhältnisse. Was hier helfen kann, ist nur die Liebe. Es verwundert darum nicht, dass Paulus immer wieder zur Liebe ermahnt und die Liebe als das ‚Einheitsband‘ (Kol 3,14) des Leibes der Ekklesia gepriesen hat (1Kor 13; Röm 13,8-10; Eph 1,4; 3,18; 4,15; 5,2; Kol 2,2; 3,14). Wenn alle zu der Einheit des Glaubens und dem Maß der Reife der Vollkommenheit des Messias kommen, „so sind sie nicht mehr unmündige Kinder“ (Eph 4,14). „Lasst uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ (Eph 4,15). „Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24) (72f).

Die Kollekte des Paulus für die Muttergemeinde in Jerusalem: Es war eine feste Regel, nicht nur für die Proselyten, sondern auch für die Gottesfürchtigen, dass sie die Tempelsteuer bezahlten. Dass Paulus auch in dieser Hinsicht an der jüdischen Praxis festgehalten hat und durch die Kollekte auf die Anerkennung der Mutergemeinde in Jerusalem ein so großes Gewicht gelegt hat, ist bezeichnend für die Weise, wie er die Einheit von Juden und Gojim in dem einen Leib des Messias gesehen hat. Die Kollekte ist ein Tatbekenntnis der Heidenchristen zur Einheit der Ekklesia, eine Anerkennung, dass sie an den Geistesgaben der Heiligen Anteil bekommen haben und dadurch in Israel eingegliedert sind (Röm 15,27) (74).


d. Die Beschneidung: Nach jüdischer Anschauung konnten Heiden nur als Proselyten in den Bund Gottes mit seinem Volk eintreten durch Beschneidung, Tauchbad und Blutbesänftigung, d.h. Opferdarbringung, wie Israel selbst. Die Forderung der Beschneidung als Bedingung für die Aufnahme der Gojim in die Ekklesia hat Paulus immer entschieden abgelehnt (75).

Für Paulus waren die Gojim, die in den einen Leib des Messias aufgenommen waren, den Gottesfürchtigen gleichgestellt. In der durch den Messias herbeigeführten neuen heilsgeschichtlichen Situation galt es besonders, diese Gojim als „Mitbürger der Heiligen und Miterben der Verheißung“ (Eph 2,19; 3,6) zu begrüßen. So würde die alte prophetische Erwartung Gestalt annehmen, dass sich die Völker zusammen mit Israel vor dem König, dem Herrn, beugen (Sach 14,16; Jes 25,6ff) (79f).

Es war Paulus feste Überzeugung, dass die Erwählung Israels nie widerrufen worden ist (Röm 9-11). Er war aber auch davon überzeugt, dass man das heilsgeschichtliche Faktum dieser Erwählung nicht zum Gesetz für andere machen durfte (Röm 4,9-17; Gal 3,17-24). Die Tora war Israel zur Erhaltung der Verheißung gegeben (Gal 3,17f.23f). Sie wendet sich an diejenigen, die unter dem Gesetz leben (Röm 3,19), damit sie sich nicht mit ihren Vorrechten brüsten (Röm 3,1f.9), sondern es ist ihr Vorrecht zu wissen, dass die ganze Welt verschuldet ist vor Gott (Röm 3,19). Die Beschneidung gehört zum Gesetz, denn die Verheißung ist Abraham in seiner Unbeschnittenheit gegeben (Röm 4,10) (81).

Wenn Paulus in Kol 2,11f schreibt, dass die Taufe die ‚messianische Beschneidung‘ ist, so will er damit sagen, dass in der Taufe „der Leib des Fleisches“ abgelegt ist. Die Aussage ist polemisch gemeint, genau wie in Phil 3,3: „Wir sind die Beschneidung, die wir im Geist Gottes ihm dienen und uns des Messias Jesus rühmen und nicht aufs Fleisch die Zuversicht setzen“. Das Gesetz, das Israel zur Erhaltung der Verheißung gegeben ist, soll nicht den Boden bilden, aus dem man sich gegenüber den gesetzlosen Heiden Rum ableitet (Röm 3,9.19f.27), weil es dann, umgeben mit einer Vielzahl von Satzungen, zu einem Dokument der Feindschaft gemacht wird, zu einem Hindernis für das Teilhaben der Gojim am Heil (Eph 2,14). Das Gesetz in diesem verzerrten Sinn hat der Messias außer Kraft gesetzt, nicht das Gesetz überhaupt (Eph 2,15 vgl. Röm 8,4; 13,8; Gal 5,14) (83f).

Am Unterschied zwischen Juden und Griechen hat Paulus laut dem „erst dem Juden und auch dem Griechen“ immer festgehalten, wie auch an der verschiedenen Aufgabe und daher dem verschiedenen Platz von Mann und Frau (1Kor 11,3; Kol 3,18), von Sklaven und Herren (Kol 3,22 - 4,1). Der Sklave sollte sich als Sklave, der Herr sich als Herr ‚im Messias‘ bewähren. Der Abschnitt 1Kor 7,17-24 zeigt, dass es sich nicht um einen Verlust der natürlichen Persönlichkeit handelt, sondern um die Gewissheit, dass Gott jeden ruft auf seinem eigenen Weg. Die Berufung Gottes reißt den Menschen nicht aus seiner natürlichen Lage (85f).

Nach pln Auffassung ist der Leib des Messias der Ort, die Gemeinschaft, wo Juden und Gojim, Sklaven und Freie, Männer und Frauen das Gesetz Gottes erfüllen. Paulus hat bei den messianischen Gemeinschaften in Antiochia und in Rom diese Sachlage vorgefunden (86f).


e. Die Taufe: 1Kor 12,13: „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie und sind alle mit einem Geist getränkt“. Bei dem Getauft-werden „zu einem Leib bzw. „auf einen Leib hin“ handelt es sich um das durch die Taufe erstrebte Ziel, damit ein Leib werde. Der Vergleich der Taufe mit der Geschichte der Auswanderung des Volkes Israel aus Ägypten weist auf den Gedanken einer Einswerdung des Volkes unter Mose durch die Taufe „in der Wolke und in dem Meer“ (1Kor 10,2f) hin, wie das wiederholte ‚alle‘ und damit der Sinn des Abschnittes 1Kor 10,1-11 zeigt. Auch in Gal 3,27f wird die Einheit betont: „Denn ihr alle, die ihr auf den Messias getauft seid, habt den Messias angezogen. Da gibt es nicht Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, männliche oder weiblich. Denn ihr seid alle Einer im Messias“. Der Gegensatz zwischen dem alten Menschen und dem Wandel in dem neuen Leben, das zur „Vernichtung des Leibes der Sünde“ führt (Röm 7,4), weist hin auf einen Zusammenhang mit anderen Stellen, in denen es sich um die Einheit des Leibes handelt. „Der Leib der Sünde“ ist hier zu verstehen in demselben Sinn wie „der Leib des Fleisches“ (Kol 2,11) im Gegensatz zum Leib des Messias (87f).

Die Taufe als ein Hineingestellt-Werden in den Leib des Messias hat den Charakter eines Initiationsaktes und ist darin der jüdischen Proselytentaufe ähnlich (die Taufe ist die Eintrittspforte zu einer der Tendenz nach universalen Gemeinschaft). Das Proselytentauchbad war ein Eintritt in das Bündnis Gottes mit seinem Volk: ‚Wie eure Vorfahren in das Bündnis getreten sind durch Beschneidung, Tauchbad und Blutbesänftigung, so sollen auch die Proselyten in den Bund durch Beschneidung, Tauchbad und Blutbesänftigung eintreten‘. Ebenso hat auch Paulus zur Bezeichnung der Taufe als Eintritt in das Bündnis Gottes auf die jüdische Heilsgeschichte hingewiesen (1Kor 10,1-4) (89f).

Wir alle sind in/mit einem Geist zu einem Leib getauft worden“ (1Kor 12,13). Eph 4,4 „Ein Leib und ein Geist...“. An diesen beiden Stellen ist die Bedeutung der Taufe als ein Hineingestellt-Werden in den einen Leib erkennbar. Die zum messianischen Glauben Gekommenen sind „versiegelt mit dem heiligen Geist der Verheißung“ (Eph 1,13 vgl. 4,30) und so sind auch sie Anteilhaber geworden an dem Erbe, zu dem die Juden schon vorherbestimmt waren (Eph 1,11f). „Denn durch ihn haben wir beide (Juden und Gojim) durch einen Geist in einem Geist den Zugang zum Vater“ (Eph 2,18). Die Beiden sind in den einen Leib hineingetauft worden (90f).

Es ist der alte Mensch, der in der Taufe mit dem Messias gekreuzigt ist, „damit der Leib der Sünde unwirksam gemacht würde“ (Röm 6,6). So heißt es in Kol 2,11f: durch die Beschneidung des Messias ist „der Leib des Fleisches abgelegt und seid auch ihr mit ihm begraben in der Taufe“. An beiden Stellen wird die fleischliche Einheit des in der Feindschaft fixierten unversöhnlichen alten Menschen (vgl. Eph 2,14-16) abgelegt und ersetzt durch die Einheit des einen Leibes, in den man durch die Taufe hineingestellt ist. Jede Darstellung der pln Taufauffassung ist verfehlt, die vom subjektiv-naturhaften Tauferlebnis und nicht in erster Linie von der objektiven heilsgeschichtlichen Situation ausgeht.

Als Initiationsakt ist die Taufe auch eine Reinigung (Eph 5,26). Auch darin ist sie dem Proselytentauchbad und den jüdischen Tauchbädern ähnlich und müsste historisch auf die levitischen Reinigungsbäder zurückgeführt werden. Paulus nennt die Taufe ‚auf Mose‘ (1Kor 10,2) neben der Taufe „auf den Messias“ (Röm 6,3; Gal 3,27) ohne dass von einem anderen Unterschied die Rede ist als dem des Namens, auf welchen die Taufe stattgefunden hat (92f).

Wir können bei der Taufe auf den Messias nur von einer gewissen Analogie mit der Taufe der Proselyten und ihrer Bedeutung von Initiations- und Reinigungsakt reden. Wenn die messianische Taufe nicht betrachtet werden soll als eine Proselytenaufnahme ohne Beschneidung, sondern als Tauchbad im Zusammenhang mit den levitischen Reinigungsbädern, wie auch das Proselytentauchbad selbst, so wird verständlich, dass bei der Johannestaufe und bei der messianischen Taufe „zu einem Leibe“ (1Kor 12,13) auch Juden getauft wurden. Sie wurden dadurch nicht den zu Israel übertretenden Heiden gleich gemacht, noch wurden sie sozusagen aus dem Judentum herausgetauft, sondern die Anteilhabe an der messianischen Gemeinschaft des einen Leibes aus Juden und Griechen, Sklaven und Freien, wurde bei den Juden sowie bei den ‚Gottesfürchtigen‘ markiert durch ein Tauchbad (94).

Der Gedanke, bei der Taufe ganzer Familien (vgl. 1Kor 1,16) die Kinder auszuschließen, lag antikem Denken fern. Dass die Kinder mit zu dem einen Leib getauft wurden, hatte in der hellenistischen Welt, in der die messianische Gemeinde lebte und missionierte, nichts Befremdendes und im Judentum, aus dem sie hervorgegangen war und in dessen Gedankenwelt sie geistlich lebte, verstand es sich von selbst, wie namentlich die Anlogie der Proselytentaufe zeigt. Beim Übertritt der Eltern wurden auch die Kinder getauft, wie in der Mischna festgestellt wird. Von den nach dem Übertritt der Eltern erzeugten Kindern verlangte man kein Tauchbad, weil sie in jeder Hinsicht als Israeliten galten. Darin liegt ein Unterschied zum messianischen Tauchbad (94f).


f. Das Opfer: Außer der Beschneidung und dem Tauchbad wurde von den Proselyten ein Opfer gefordert bei ihrem Übertritt zum Judentum. Es musste ein Brandopfer sein bzw. ein Taubenpaar. Da es nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. nicht mehr möglich war, Opfer darzubringen, musste der Proselyt Geld an Stelle des Opfers zurücklegen, damit er es darbringen könnte, wenn der Tempel wieder aufgebaut würde. Ein Proselyt ist behindert Geheiligtes zu essen, bis er sein Vogelopfer dargebracht hatte. Das bedeutet, dass der Eintritt des Proselyten in die Gemeinschaft Israels von der Opferdarbringung abhängig war. Die Opferdarbringung ist die Grundlage für das Tauchbard und das Tauchbad ist sozusagen Begleiterscheinung des Opfers. Der Heide ermangelt der Sühne bis das Blut seines Opfers geschwenkt ist gegen den Altar (97f).

Ihr seid nahe geworden durch das Blut des Messias“ (Eph 2,13). ‚Nahebringen‘ war eine feste Terminologie bei der Annahme eines Proselyten. Dass die Fernen (die Gojim) nahe werden durch das Blut, kann nur der Terminologie hinsichtlich der Opferdarbringung des Proselyten entnommen sein. Der Zusammenhang zeigt, dass Paulus sich polemisch gegen „die sog. Beschneidung“ richtet, durch die den Heiden in der Ekklesia die Gemeinschaft verweigert wurde, weil sie Unbeschnittene waren. Paulus behauptet in Kol 2,11, dass die Gojim in dem Leib des Messias ‚beschnitten‘ sind, indem sie den Leib des Fleisches abgelegt haben. Die ‚Opferdarbringung‘ für diese Gojim hat stattgefunden, weil sie Anteil bekommen haben an dem Blut des neuen Bundes, dem Blut des Messias. Deshalb sind sie in die Gemeinschaft der messianischen Ekklesia aufgenommen und dürfen ‚Geheiligtes essen‘. Kol 1,20ff: die Fremden und die Feinde sind versöhnt „durch den Leib seines Fleisches“, weil der Messias Frieden gebracht hat „durch sein Kreuzesblut“, damit er sie „heilig, tadellos und einwandfrei vor sich stellte“ (vgl. Lev 22,17-25) (99f).

In Eph 1,9f handelt es sich um das Geheimnis des Willens Gottes, der sich vorgenommen hat, in dem Messias alles „unter ein Haupt zusammenzufassen“. Die Enthüllung dieses Geheimnisses hat gezeigt, wie reich die Gnade Gottes ist (1,7f). und dementsprechend „haben wir in dem Messias Jesus die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Übertretungen“. Auch hier finden wir die Opferterminologie mit den ihr entnommenen Wendungen „heilig und tadellos“ (1,4). Röm 3,25: In einer Erörterung, in der Paulus erst Juden und Griechen beschuldigt hat, führt er sodann aus, dass es nicht nur für die Juden, sondern auch für die Gojim Hoffnung gibt, weil Gott nicht nur ein Gott der Juden, sondern auch der Heiden ist. Er hat den Messias Jesus vorgestellt als „Sühne in seinem Blut“, um darin seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden zu zeigen, die früher geschehen waren unter der Geduld Gottes. (Solange der Heide ‚ermangelnd der Sühne‘ war, stand er außerhalb der Gemeinschaft. Wenn er aber durch die Opferdarbringung in die Gemeinschaft aufgenommen worden war, so glich er einem kleinen Kind, einem Neugeborenen. Die Schuld der Sünden war ihm genommen. Es handelt sich beim Proselytenopfer und bei der dem zugrunde liegenden Opferdarbringung durch Mose bei der Bundesschließung (Ex 24,6ff vgl. 1Kor 10,1-11), wie dann auch später beim Opfer des Messias, nicht um eine Genugtuung, sondern um die Herstellung einer Gemeinschaft, der Gemeinschaft des Bündnisses Gottes (100f).