Anhang: Der unbekannte Paulus

(1980): Das meiste vom Leben und Werk des Paulus gehört zum unbekannten Paulus. Die Paulusbriefe sind Gelegenheitsschriften. Sie sind von einzelnen geschichtlichen Situationen bestimmt, sowohl im Leben der zugeschriebenen Gemeinde als auch im Leben des schreibenden Apostels (29).

Es liegt nahe anzunehmen, dass die scharfen Angriffe auf die Juden im 1Thess 2,14-16 im Galaterbrief ihre theologische Form und Schwere bekommen haben. Nach dem Galaterbrief sollte jede Rede von einer Verbindung zwischen Evangelium und dem alten Israel, zwischen Rechtfertigung und der fortwährenden Bedeutung der Beschneidung, zwischen den Nachkommen Abrahams und dem alten Gottesvolk, unmöglich sein. Dann aber kommt für Paulus die Kehre im Römerbrief: Paulus vermochte die Intention des Galaterbriefes im Römerbrief nicht weiterzuführen. Es geht um das Problem Röm 9-11, die drei Kapitel, zu denen wir bei Paulus keine Parallele finden, die aber z.T. aus seiner jüdischen Lebensführung erklärlich sind. Im Röm haben wir die meisten jüdischen Traditionsstücke. Dazu finden wir im Röm und im Gal eine ausgedehnte Exeges vom Alten Testament. Es ist auffällig, dass der jüdische Einfluss auf die Kirche in der dritten Generation am stärksten ist, dass die Bedeutung der Jerusalemer Gemeinde nach dem Konzil größer wird als vorher. Es scheint sich so zu entwickeln, dass das Judenchristentum, das numerisch gesehen abnimmt, theologisch ständig wächst. Paulus ist von einem starken Judenchristentum beeinflusst worden und ist auf Versöhnung eingestellt. Was er der Römergemeinde darlegt, ist weniger paulinisch als der Galaterbrief. Dieser Teil von Paulus (Röm 9-11) macht das lukanische Paulusbild verständlich (46f).

Paulus hat sich im Römerbrief mit seinem leidenschaftlichen Kampf für die Einheit der Kirche einer judenchristlichen Theologie genähert, insofern als er das Schicksal Israels positiv in seine Theologie einordnet. Die christologisch-ekklesiologisch stramme Konsequenz in der Rede von Israel, Gesetz und Kirche im Galaterbrief wird erheblich gemildert. Das Gesetz spielt im Römerbrief eine positive Rolle, obwohl es für Paulus klar ist, dass es kein Heil aus Gesetzeswerken gibt. Röm 11,25: das ganze Israel soll errettet werden. In der Rede von der Rettung des ungöttlichen Gottesvolkes finden wir eine bedingunglose Durchführung des Themas justificatio impii. Die Kirche aber lebt immer noch im Schatten des künftigen Gerichts nach den Werken. Der Römerbrief ergibt eine neue Seite im Wirken des Paulus, eine Erweiterung des 'älteren' Paulus. Für uns ist diese Kehre bei Paulus wichtig. Die steigende theologische Stoßkraft des Judenchristentums, die während des Wirkens des Paulus kommt, schlägt auf ihn selbst zurück. Es ist für Paulus entscheidend, Jerusalem zu zeigen, dass er nicht lehrt, Gott habe sein Volk verworfen. Das 'fleischliche' Israel soll eines Tages errettet werden (48).