2.2 Der Tod Jesu Christi

a. Die Notwendigkeit des Todes Jesu im Willen Gottes

Alles Heilsgeschehen steht unter dem Willen Gottes (de-i). Für Lukas ist es immer die Sendung des Vaters und des Geistes, die dem Leben Jesu den zu gehenden Weg vorschreibt. Die ganze Verkündigung der Basileia Gottes steht unter dem göttlichen Muss der Sendung (4,43). Das gesamte Heilswirken, das Lukas in Wegterminologie zur Sprache bringt, gibt Jesus notwendig auf, heute und morgen zu wandern, um dann schließlich in Jerusalem umzukommen (Lk 13,33) (155).

Das de-i ist auch für das Leiden und Sterben Jesu wichtig. Ab Lk 9,22 wird das Leiden als gottgewollte Notwendigkeit verkündet 17,25; 22,37; 24,7.26.44; Apg 17,3. Durch zusätzliche Formulierungen (Lk 9,31; 12,50; 18,31; 22,22) wird die Unausweichlichkeit des kommenden Leidens betont. Jesus geht gemäß dem unabänderlichen Willen Gottes in den Tod (Apg 2,23; 3,18; 4,28). Sein Tod ist schon in den Schriften der Propheten verkündet worden (Apg 3,18; 13,29). Sein Tod bedeutet Erfüllung der Schriften (Lk 22,37; 24,44) und gehört notwendig zur Erfüllung seiner Lebenssendung hinzu. Gott handelt auch in ihm als der Herr der Geschichte (156).

b. Die Rätselhaftigkeit des Todes Jesu

Der Tod Jesu lässt sich nicht aus der Schrift deduzieren noch sonstwie im einzelnen beweisen. Er bleibt immer ein dunkles, rätselhaftes Ereignis (156).

Lukas stellt das Leiden des Messias wiederholt als Geheimnis dar. Zusammen mit der mkn Vorlage spricht er 9,45 davon, dass die Jünger die Leidensweissagung Jesu nicht verstehen. Die gleiche Bemerkung fügt er über Markus hinaus auch 18,34 an die dritte Leidensweissagung an. Während in der Verklärungsperikope Mose und Elia mit Jesus über seinen Exodus in Jerusalem (Lk 9,31f) sprechen, schlafen die Jünger und nehmen beim Erwachen nur seine Doxa wahr. Die Notwendigkeit und Bedeutung des kommenden Leidens wird von ihnen nicht gesehen. In Lk 22,24ff stellt Lukas nochmals das völlige Unverständnis der Jünger dem Leiden Jesu gegenüber heraus. Der Vorhersage Jesu über seine tiefste Ohnmacht und Erniedrigung setzen die Jünger den verständnislosen Hinweis auf die beiden Schwerter entgegen (22,38) (157).

In dem Unverständnis dem Leiden und Sterben Jesu gegenüber spiegelt sich die Grundsituation des Glaubens der Kirche gegenüber dem Ereignis des Kreuzes. Wie die Apg zeigt, bleibt die Verkündigung des verworfenen und gekreuzigten Messias eine ärgerniserregende Herausforderung (157).

c. Die Verursachung des Todes Jesu durch die menschliche Schuld

Der menschliche Unglaube, der sich in der Nazareth-Perikope erstmals gegen Jesus erhebt, begleitet von dort an unablässig seinen Weg und wird zu einem machtvollen Faktor, der schließlich mit über den ‚Ausgang’ in Jerusalem entscheidet. Von der Verwerfung in Nazareth an bleiben die Feinde Jesu beständig um ihn. Lukas verbindet die Äußerungen ihres Unglaubens zu einer durchlaufenden Geschehniskette, die schließlich unmittelbar in die Passion hineindrängt. Auf die Heilspredigt in Nazareth hin werden die Zuhörer mit Wut erfüllt (4,28). Lukas interpretiert den Unglauben der Bewohner von Nazareth konkret als Verwerfung, der Jesus diesmal noch entgeht (4,30), die aber eine bleibende Auseinandersetzung einleitet und schließlich zur endgültigen Verwerfung führt. Es geht Lukas um die Geschichte des wachsenden Widerstandes, der in der Katastrophe endet (159f).

Der Tod Jesu wird zum sichtbaren Ausdruck dessen, dass er als Christus abgewiesen wird. Er ist die letzte Konsequenz seiner Abweisung. Der Unglaube, der sich Jesus ständig entgegenstellt, wird kausal mitbestimmend dafür, dass es zur Kreuzigung kommt (160).

Durch die Schuld der Juden hat Gott selber zur Erfüllung gebracht, was er schon in den Schriften des AT vorherverkündigt hat. Lukas hebt beide Momente für die Deutung des Todes Jesu hervor, weil sonst die Erlösung als gottgewollte und menschlich vollzogene Geschichte zerstört würde. Lukas deutet die Schrifterfüllung (22,22) als Vorherbestimmung durch Gott (wie es beschlossen ist), auf die unvermittelt das Wehe über den Verräter folgt (161f).

Der ganze Weg Jesu steht unter dem Willen Gottes und erhält gerade in der Notwendigkeit der Verkündigung des Reiches Gottes (Lk 4,43) schon vor dem Leiden eine in sich geschlossene Eigenständigkeit. Er ist Heilsoffenbarung, ohne von Anfang an die Notwendigkeit des Kreuzes einzuschließen. Zwischen der Doxa, von der Simeon (2,32) spricht, und der Doxa, die der Auferstandene (24,26) den Jüngern verständlich machen will, liegen geschichtliche Erfahrungen, Entwicklungen und Wandlungen. Zunächst beinhaltet das de-i, unter dem der Weg Jesu steht, nur die Untergebenheit unter den Willen des Vaters (2,49) und die Aufgabe, der Welt das Heil als gegenwärtig anzusagen (4,43). Seine Sendung bedeutet schon endgültige Heimsuchung Gottes für sein Volk (1,68.78; 7,16). Der konkrete Vollzug dieser Sendung bis in den Tod wird entscheidend dadurch mitbestimmt, dass Jerusalem die Stunde seiner Heimsuchung nicht erkannt hat (19,44). Deshalb wird die Notwendigkeit des Leidens und Sterbens Jesu erst von einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens an ausgesagt (9,22.31.44.51). Sie erwächst aus dem Konflikt zwischen dem Heilswillen Gottes und dem Unglauben der Menschen (162f).

Mit der Verwerfung in Nazareth setzt die Auseinandersetzung Jesu mit dem Bösen in der Gestalt menschlichen Unglaubens und menschlicher Schuld ein, die bis zu seinem Tod allein entscheidend bleibt. Die Macht Satans offenbart sich im Verrat des Judas (22,22). In ähnlichen Formen war sie schon immer in den Gegnern Jesu wirksam. Die Kräfte, die schließlich zum Tod Jesu führen, sind die gleichen, die schon von der Verwerfung in Nazareth an gegenwärtig sind und dieses Geschehen unaufhaltsam erzwingen. Jesus muss seinen Weg im geschichtlichen Wirkzusammenhang menschlicher Schuld gehen, in der sich die Unheilsmacht (Satan) inkarniert (163).

d. Der Tod Jesu im Zusammenhang mit der atl Heils- und Unheilsgeschichte

Wie schon die Väter die Propheten verfolgt und darin ihren Ungehorsam gegen Gott und ihren Unglauben dokumentiert haben, so wird auch Jesus und seine Botschaft abgelehnt. Lukas betont Sendung und Schicksal Jesu als Prophet z.B. in der Nazareth-Perikope, wo die Parallelität zwischen dem Tun Jesu und dem der Propheten Elia und Elisa aufgezeigt wird, auf die dann die Verwerfung folgt. Auch Lk 7,16 und 24,19 bekennen ihn als Propheten, dessen Schicksal es ist, in Jerusalem umzukommen (13,13f) (164).

Am deutlichsten zeichnet die Rede des Stephanus (Apg 7,1ff) das Todesgeschick Jesu als konsequente Fortsetzung und Erfüllung der Geschichte Israels als einer Kette von Handlungen des Unglaubens und der Heilsverweigerung. Dabei muss das Leben Jesu zunächst in einer Linie mit der ständigen Berufung zum Heil gesehen werden, die mit Abraham beginnt (7,1-8) und sich machtvoll in der Errettung Israels aus Ägypten fortsetzt (7,36). Typologisch wird die Heilsfunktion des Mose als des Gesandten Gottes dargelegt und in Parallelität zum Wirken Jesu deutbar. So wie es Mose in den Sinn kommt „sich nach seinen Brüdern, den Israeliten, umzusehen“ (7,23), so sucht Gott mit dem Kommen Jesu sein Volk heim (1,68.78; 7,16). So wie Gott dem Volk durch die Hand des Mose die Soteria bringen will (7,25), so geschieht es auch in der Sendung Jesu (Lk 1,69.71.77; 19,9; Apg 4,12; 13,26; 16,17). Jesus ist wie Mose mächtig in Wort und Tat (Apg 7,22; Lk 24,19). Die Stephanusrede deutet die Sendung Jesu als aus der Geschichte des Alten Bundes unmittelbar fortgesetztes Heilshandeln Gottes (165).

Im Verrat und in der Ermordung Jesu erreicht das seinen Höhepunkt, was die bisherige Geschichte des Volkes bestimmt hat: Die Israeliten widerstehen dem Heiligen Geist und verfolgen deshalb die von Gott gesandten Propheten (Apg 7,51-53). Es geht um eine Geschichte des Unglaubens (166).

Das Murren (Lk 5,30; 15,2; 19,7), mit dem bei Lukas die Pharisäer und andere Gegner auf das Heilshandeln Jesu antworten, hat eine lange Vorgeschichte im AT. Nahezu alle Propheten gehen davon aus, dass Israel durch seine Schuld sich von Gott abwandte und den Bund gebrochen hat und dass ein ganz neues Heilshandeln Gottes nötig ist, wenn die Heilsgeschichte weitergehen soll. Die ganze Heilsgeschichte erscheint als ein einziger großer Fehlschlag (166f).

Es liegt in der Absicht des Lukas, den Tod Jesu und das Martyrium des Stephanus als Fortsetzung der alten Linie der Unheilsgeschichte und des Unglaubens Israels zu sehen. Wie die Beziehungslosigkeit des Hauptteils der Rede zur konkreten Situation der Anklage gegen Stephanus in 6,13f zeigt, will Lukas hier über zeitbedingte Problematik hinaus umfassend die geschichtliche Entwicklung darstellen, die zum Tode Jesu geführt hat (7,51-53) (168f).

e. Der Tod Jesu als Vollendung des Weges in die Erniedrigung

Jesu Weg in den Tod ist Heilserfüllung, weil er darin bis in die letzte Erniedrigung vorbehaltlos den Heilsauftrag Gottes durchträgt. Nirgends erwähnt Lukas den Gedanken vom stellvertretenden Sühneleiden des Gottesknechtes. Lukas übernimmt einzelne Elemente der Theologie vom leidenden Gottesknecht und überträgt sie auf den leidenden Christus. Jeder Gedanke einer stellvertretenden Sühne oder eines Opfers fehlt (171).

„Er ist zu den Gesetzlosen gerechnet worden. Denn, was von mir geschrieben ist, das wird vollendet“ (Lk 22,37/Jes 53,12). „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen zählen? Denn sein Leben wird von der Erde hinweggenommen“ (Apg 8,32f/Jes 53,7f). In den beiden Jesajazitaten wird allein der Gedanke der Verwerfung und Erniedrigung klar fassbar. Der Gesetzlose meint eine Qualifikation des Menschen, die die Trennung von der Gemeinschaft mit dem Gottesvolk beinhaltet. Wenn Jesus in seinem Tod unter die Gesetzlosen gezählt wird, so bedeutet das seinen Ausschluss aus der Heilsgemeinschaft des Volkes Israel. In diesem Sinne interpretiert auch Apg 2,23 seinen Tod als Auslieferung an die Gesetzlosen und darin als endgültige Verwerfung und Verstoßung. Sein Leben endet damit in äußerster Erniedrigung, denn von den geltenden religiösen Vorstellungen her ist der Tod eines Gesetzlosen sinn- und heillos (173).

In Apg 8,32f ist die Erniedrigung im Bild des stummen Leidens ausgesprochen. Die Erniedrigung wird durch die Vorstellung des zur Schlachtbank geführten Schafes zum Ausdruck äußerster Geduld und Hilflosigkeit. Lukas genügt für die Deutung des Todes Jesu die Herausstellung dieses einen entscheidenden Merkmals. Der Kreuzestod Jesu erscheint als letzte Steigerung und Konsequenz seines Lebensweges in Niedrigkeit. Jesus stirbt als der erniedrigte, leidende, nicht aber als der sühneleidende Gottesknecht (173f).

f. Die Darstellung der Passion und des Sterbens Jesu als Versuchung

Bei Lukas erscheint die Passion als ins Extrem fortgeführte Versuchung. Sie ist in neu betonter Weise das Werk des Versuchers, der Jesus 4,13 verlassen hat und nun 22,3 von Judas Iskarioth Besitz ergreift, um die Endauseinandersetzung heraufzubeschwören. Lk 22,28: „Ihr seid es, die ihr ausgeharrt habt in meinen Versuchungen“ lässt sich als Fortführung der Versuchungen verstehen, die den ganzen Weg Jesu begleitet haben. Jesus spricht die Jünger hier als diejenigen an, die mit ihm in seinen Versuchungen standgehalten haben. Jesus meint die einzelnen Stadien auf dem Weg der ständig deutlicher hervortretenden Verwerfung (174).

Der Gedanke der Versuchung und des Versuchtseins wird in der Ölbergszene breit entfaltet (Lk 22,39-46). Der Beginn der Passion wird in 22,40 unter das Mahnwort gestellt: „Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt!“. Die gleiche Mahnung ist in 22,46 wiederholt. Sie ist das Thema der Ölbergszene und Überschrift für das Kommende (174f).

Auf seine Mahnung, durch Gebet die Versuchung zu bestehen (22,40), geht Jesus selber hin und betet. Die folgenden Worte von dem Stärkung bringenden Engel, der gesteigerten Todesangst und dem intensiveren Beten (43f) stehen im Dienst des Grundgedankens: durch Gebet die Versuchung bestehen. Jesus durchleidet vorwegnehmend die kommende Verwerfung und Kreuzigung (175f).

In der Verspottung Jesu am Kreuz 23,35-39 betont Lukas dreimal die Gegenüberstellung von ironisch gemeinter Hoheitsanrede und expliziter Herausforderung zur Selbsthilfe (35.37.39). Auch in 4,1ff bestand die Versuchung in der dreimaligen Herausforderung, die Hoheit als Sohn Gottes zu missbrauchen bzw. Vollmacht und Doxa durch die Unterwerfung unter den Satan zu erlangen. Es geht darum, ob Jesus seine Heilssendung gemäß dem Willen des Vaters in Niedrigkeit vollbringt, oder ob er in die äußere Machtdemonstration ausweicht. „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen“ (4,12). Gott nicht zu versuchen bedeutet, selbst versucht zu sein. Die Rettung der Menschheit ist nur möglich im Verzicht auf jede Form von eigenmächtiger Selbsthilfe. Wirkliche Erhöhung und Rettung kann nur von Gott kommen. In 23,46 antwortet Jesus auf alle Herausforderung zur Selbsthilfe mit der Hingabe an den Vater (176f).

g. Der Tod Jesu als Dienst für die Seinen

Wie Jesus unter den Jüngern der Dienende ist, findet in seinem Leiden und Sterben seinen anschaulichen Ausdruck. Seine Erniedrigung im Tod wird zeigen, in welch radikalem Sinn der Größte zum Jüngsten und der Älteste zum Diener wird (Lk 22,26) und darin Herrschen als Dienen vollzieht (177f).

Der Tod Jesu bedeutet dienende Hingabe für die Seinen. Die theologische Deutung des Todes Jesu vollzieht sich auch innerhalb der Erfahrung menschlicher Grundhaltung bzw. unheilvoller Fehlhaltungen und im Widerspruch zu ihnen. Der Verrat des Judas und der Streit der Jünger bieten Lukas eine Möglichkeit, den Tod Jesu in seiner positiven Bedeutung näher zu verdeutlichen (180).

In der Abschiedsrede des Paulus in Milet (Apg 20,17-38) wird die Hingabe Jesu (28) erinnert, um von daher den Dienst der Ältesten zu begründen. Der Hinweis darauf, dass die Kirche „durch das Blut Jesu erworben“ worden ist, kann nicht als Ausdruck einer rechtfertigenden Sühnevorstellung gelten, sondern er charakterisiert den Kreuzestod als Zeichen einer bis zum Äußersten gehenden Liebe und Hingabe für die Kirche (182f).

h. Der Tod Jesu als Erfüllung seiner Sendung

Die Verben erfüllen und vollenden werden in Verbindung mit der Schrifterfüllung und einer variierenden Wegterminologie ausgesagt. Das Todesleiden Jesu bringt die Erfüllung dessen, was die Schriften und Propheten vorhergesagt haben und ist zugleich auch die Vollendung des Lebensweges Jesu. In Jerusalem wird er seinen „Ausgang“ erfüllen (9,31). Dort werden sich die Tage seiner „Hinaufnahme“ erfüllen (9,51). In dem Logion 12,50 erscheint der Tod als die Vollendung der ersehnten ‚Taufe’, mit der Jesus getauft werden muss. Durch sein Leiden geht er in seine Herrlichkeit ein (24,26) (169).

In der lkn Theologie wird Gottes Heilszusage in der Sendung Jesu und in seinem Weg zu den Verlorenen verwirklicht. Diese Sendung ist der Weg in Niedrigkeit, der vom menschlichen Unglauben abgelehnt wird. In diesem Sinn bedeutet der Tod Jesu zunächst Höhepunkt und Vollendung der menschlichen Schuld (Lk 13,33ff; Apg 13,27ff) und der Macht des Bösen. Die Macht des Bösen setzt in Lk 22,3f zu ihrem letzten Angriff an. Die Verhaftung Jesu ist die Stunde seiner Feinde und der „Macht der Finsternis“ (22,53) (170).

Im Vollzug des Unglaubens erfüllen sich die Tage seiner (Jesu) Hinaufnahme (9,51) und darin werden die Schriften erfüllt (Lk 22,37; 24,27.44ff; Apg 3,18). Die Erfüllung der Schriften beinhaltet das Paradox, dass die Geschichte des menschlichen Unglaubens zugleich die Verwirklichung und Vollendung des göttlichen Heilsplanes bringt (171).

Jesus erleidet hier alles (9,31), um so seine Sendung zu vollenden. Jesus übergibt durch alle Versuchungen hindurch dem Vater seinen Geist (184).

Die redaktionellen Veränderungen, durch die Lukas der Passion den Charakter eines Martyriums gibt, wollen Jesus als Märtyrer für seine Sendung zeigen und offenbaren gerade nicht die Heilsbedeutung seines Leidens und Sterbens. Heil liegt für Lukas darin, dass im ganzen Lebensweg Jesu dem Menschen die Soteria zugesprochen wird und dass Jesus dieses Angebot konsequent bis in den Tod offenhält. Gegen die Versuchung und Herausforderung des Unglaubens bleibt sein Leben bis in die äußerste Erniedrigung Dienst für die Seinen. Der allgemeine Unglaube bewirkt nicht, dass Gott dem Menschen das Heil entzieht, sondern es kommt zu dem Paradox, dass Gott den bis zum äußersten gehenden Unglauben des Menschen in der Leidens- und Hingabebereitschaft Jesu zur Offenbarung seines grenzenlosen Heilswillen werden lässt (185f).

Jesus ist für Lukas nicht irgendein sterbender Gerechter, sondern der eschatologische Heilsträger Gottes. Wenn er in der Stunde seiner endgültigen Verwerfung für diejenigen betet, die ihn verwerfen, so ist das Ausdruck seines vorbehaltlosen Heilswillens. Die Vergebungsbitte für die Henker (23,34) erweist ihre Ursprünglichkeit dadurch, dass sie den Retter und Helfer der Sünder bis zur letzten Stunde getreu seiner Sendung handelnd zeigt. Der am Kreuz Verworfene und ganz Erniedrigte spricht gerade in dieser seiner Erniedrigung das Heil zu. Am Kreuz zeigt sich in letzter Schärfe, dass der Weg Jesu unwiderruflich das Angebot der Erlösung bleibt. Der Leidensweg Jesu wird zur bleibenden Grundmöglichkeit allen Heils. Denn hier offenbart sich, dass im Handeln Jesu der Heilswille Gottes stärker ist als alle Unheilsgeschichte (186).

Dem Heilswort Jesu geht das anerkennende Wort des Schächers voraus. Der Erniedrigte wird für denjenigen zum Heil, der sich ihm in der eigenen Erniedrigung gläubig öffnet. Wenn der am Kreuz Erniedrigte noch Heil zuspricht, so zeigt sich darin, dass es keine Macht des Unheils gibt, die den Heilswillen Gottes aus der Geschichte hinausdrängen könnte. Gottes verzeihende und rettende Liebe setzt sich in der Kreuzeserniedrigung Jesu als bleibende Gegenwart und bleibendes Angebot durch. Der Empfang dieses Heils hängt davon ab, ob dieses Angebot der erniedrigten Liebe Gottes gläubig angenommen wird (186f).

i. Jesus als der heilige und gerechte Knecht Gottes

„Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen“ (23,47). ‚Gerecht’ ist allgemeiner und umfassender Ausdruck eines besonderen Gottesverhältnisses. Zacharias und Elisabeth sind gerecht vor Gott (1,6). Simeon ist gerecht und gottesfürchtig (2,25), was sich darin zeigt, dass er den Trost Israels erwartet und dass der Heilige Geist auf ihm ruht (189).

Gerechtigkeit in der Darstellung der atl Frömmigkeit ist ein Verhältnisbegriff. Die Norm des Handelns bestimmt sich aus dem Gemeinschaftsverhältnis des Einzelnen in Bezug auf Gott und das Volk. Lk 1,17 trägt in diesem Zusammenhang noch den Gedanken des Gehorsams ein. Die innige Gottesbeziehung des Menschen äußert sich darin, dass er das Heil von Gott erwartet und in der Haltung des Vertrauens und Gehorsams vor Gott lebt. Das Bekenntnis des Hauptmanns (23,47) gilt dem Menschen Jesus, der hier seine einzigartige Gottverbundenheit offenbart und darin alle Ansätze des menschlichen Gerechtseins vor Gott zur Erfüllung bringt. Diese Vollendung des Weges Jesu am Kreuz ist zugleich auch Erfüllung der Heilssendung von Gott. Jesu Weg ist von Anfang an der Weg des gottgesandten und mit dem Geist gesalbten Retters. Jesus erfüllt als Gerechter am Kreuz seine Heilssendung. Darin wird die Heilszuwendung Gottes erfahren und gläubig verherrlicht (189f).

Jesus ist der geistgesalbte Gottesknecht (4,18ff), dessen Hoheit als „der Heilige Gottes“ (4,34), als „Sohn Gottes“ und als „Christus“ (4,41) in der Vollmacht über die Dämonen hervortritt (191).

Die Aussage vom Christus Gottes (Lk 9,20; Apg 3,18) entspricht der Verwendung von Knecht Gottes bei Lukas. In dieser Wendung spiegelt sich noch etwas von der ursprünglich funktionalen Bedeutung des Christus als des Gesalbten und Gesandten Gottes. Die leitende Vorstellung bei Lukas ist die, dass Jesus als der Christus Gottes und der Knecht Gottes das in der Schrift verheißene, von Gott ausersehene zentrale heilsgeschichtliche Werkzeug Gottes ist. Auch Apg 3,26 sieht (in Zusammenschau des irdischen und erhöhten Jesus Christus) die Bestimmung des Knechtes darin, dass er erweckt und gesandt ist, um das Volk Israel zu segnen. Jesus ist der heilige und gerechte Knecht Gottes, weil er unter der besonderen Salbung und Heilssendung durch Gott und seinen Geist steht (192).

Der Gottesknecht lebt in reinem Gehorsam dem ihm gewordenen Auftrag. Der Gottesknecht ist mit Gott darin verbunden, dass er seinem Wort Gehör und Gehorsam schenkt, und ist mit seinem Volk dadurch verbunden, dass er ihm durch seinen Mund Gottes Wort übergibt (192).

Für Lukas liegt die Erfüllung dieses Auftrags in der Verknüpfung von Knechtsein und Leiden, weil sie im Vollzug der menschlichen Unheilsgeschichte nur im Widerspruch von göttlicher Heilssendung und menschlicher Ablehnung verwirklicht werden kann. Als der von Gott gesandte Knecht ist Jesus auch der um seiner Sendung willen Verworfene. Schon die christologische Konzeption des 4. Kp macht klar, dass er durch die Geistsalbung als Heiliger Gottes und als Christus Herr über die Dämonen ist, zugleich aber verworfen wird und als der Christus leiden muss. Lukas ist der einzige unter den Evangelisten, der den Christustitel unmittelbar mit der Notwendigkeit des Leidens verbindet (Lk 24,26.46; Apg 3,18; 17,3; 26,23). So wie Lk 4,18ff die Geistsendung Jesu durch Jes 61,1f interpretiert, so deutet Apg 4,25ff das Zitat aus Ps 2,1f die Verwerfung des heiligen, von Gott gesalbten Knechtes Jesus als des Christus des Herrn. Gegen ihn als dem Knecht haben sich die Heiden und das Volk Israel verschworen, und er muss seinen Weg in die Erniedrigung (Jes 53) vollenden (Lk 22,37; Apg 8,32f) (192f).

Jesus ist als der geistgesalbte Christus in der Niedrigkeit seines menschlichen Lebensweges zu den Armen und Erniedrigten gesandt (Lk 4,18; Apg 10,38). In der Situation der menschlichen Unheilsgeschichte, die sich dem Heilszuspruch Gottes widersetzt, kann Jesus die Sendung Gottes und damit seinen Heilswillen nur durchsetzen, indem er bis in den Tod dem Auftrag des Vaters treu bleibt, ohne sich gegen das ihm zugefügte Unrecht zur Wehr zu setzen. Damit wird nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Heilsbedeutung seines Leidens und Sterbens sichtbar. Die erlösende Kraft seiner äußersten Erniedrigung liegt darin, dass Jesus die ihm zugefügte ungerechte Gewalt ohne Widerstand erträgt und so den unbedingten Heilswillen Gottes offenbart. Die Schuld des Menschen soll dadurch weggenommen werden, dass der erniedrigte Knecht sie hinnimmt und aushält und nicht mit Gegenwehr darauf reagiert. Gottes Heilswille ist größer als das menschliche Unrecht, weil er in der Erniedrigung seines Knechtes nicht durch Gericht und Verwerfung auf die unrechte Gewalt antwortet, sondern mit der Geduld des Ertragens. Durch alle Versuchung, die in der Ablehnung durch den menschlichen Unglauben und in der Herausforderung zur Selbstrettung und Selbsterhöhung liegt, vollzieht Jesus die Sendung als Knecht im Dienst für die Seinen bis in den Tod und bleibt damit Gottes endgültiges Wort des Heils und der Rettung für die Menschheit. Die äußerste Erniedrigung des Knechtes ist Erfüllung der Sendung, in der das Heil stärker ist als die menschliche Schuld und Unheilsgeschichte, weil er sie leidend erträgt (193f).

In den Worten des Hauptmanns (Lk 23,47): „Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen“ liegt der Bezug auf das Handeln Jesu am Kreuz. Der Gekreuzigte verzichtet auf jeden Versuch, sich machtvoll durchzusetzen, er betet verzeihend für seine Verfolger (34), er spricht dem Schächer das Heil zu (43) und gibt sich dem Vater in die Hände (46). Die Worte des Hauptmanns sind Bekenntnis zu dem, der seine messianische Sendung in der größten Erniedrigung vollendet und darin das Heil zugewendet hat (194).

Erlösung wird hier nicht von der Sühnevorstellung oder vom stellvertretenden Sühneleiden her zur Sprache gebracht. Gott wirkt das Heil, indem er seinen Knecht sendet. Der Knecht setzt dieses Heil in der Unheilsgeschichte der Welt durch, indem er es leidend durch alle Schuld hindurch offenhält. Gott erträgt im Leiden Jesu die Schuld des Menschen und löscht sie darin aus. Seine Liebe ist stärker als die menschliche Schuld, weil sie selbst in der Erniedrigung Jesu unter diese Schuld und durch sie dennoch das Angebot der Liebe bleibt. Im Tode Jesu als Martyrium für seine Sendung vollzieht sich Erlösung, indem Gott allein aus Gnade gegen alle Widerstände im Blut des von ihm Gesandten den neuen Bund begründet (Lk 22,20) (194f).

j. Die menschlich-exemplarische und göttlich-heilstiftende Bedeutung des Todes Jesu

Jesus ist immer im uneingeschränkten Sinne Mensch und zugleich der in der Kraft des Geistes gezeugte und bevollmächtigte Retter. So geht er auch in die Passion als Mensch und als der gottgesandte Knecht. Nur die Zusammenschau beider Wirklichkeiten vermag die Bedeutung seines Todes umfassend auszusagen (195).

Der Heilsweg Jesu für den Menschen ist zunächst einmal der Weg Jesu als Mensch. Er geht den Weg für die Seinen, indem er ihn exemplarisch als Mensch geht. Insofern sind Leiden und Sterben auch sein ganz persönliches Geschick. Dies aber nicht unter biographischen Gesichtspunkten, sondern als Wesenselement der Soteriologie. Denn indem Jesus als Mensch leidet, vollzieht und begründet er eine neue Weise des Menschseins. Lukas zeichnet den Menschen als denjenigen, der sich auf seine Eigenmächtigkeit zurückziehen will und sich darin vor Gott und dem Mitmenschen verschließt. Jesus geht in der Passion den entgegengesetzten Weg. In der bestandenen Versuchung, im Dienst und in der äußersten Erniedrigung vollzieht er die Grundmöglichkeit des Menschseins, aus der allein die rettende und befreiende Erhöhung durch Gott hervorgehen kann. Seine Bereitschaft, bis zur letzten Erniedrigung in den Tod zu gehen und sein menschliches Scheitern dem Vater in die Hände zu legen, ist neue Verwirklichung des Menschseins. Jesu Leiden ist nicht irgendein Hilfsmittel für den Menschen, sondern auch immer Vollzug des Weges der Erniedrigungen in der Geschichte, auf dem er Menschsein vor Gott erfüllt und auf dem der Mensch sich für alle Zukunft mitnehmen lassen muss. In der Passion handelt nicht nur Gott am Menschen, sondern im Leiden Jesu liegt auch die Antwort Jesu als Mensch gegenüber dem rettenden und befreienden Heilshandeln Gottes. Christologie, Soteriologie und Anthropologie greifen hier unmittelbar ineinander, weil dem Heilswillen Gottes auch eine bestimmte menschliche Grundhaltung entsprechen muss, die Jesus in Einheit mit seiner Sendung erfüllt (195f).

Jesu Tod lässt die menschliche Schuldverfallenheit sichtbar werden und erhebt die Forderung, dass der Mensch im Licht des leidenden Christus seine schuldhafte Eigenmächtigkeit durch die Umkehr im Glauben aufgibt. So wie schon im Evangelium der Zuspruch des Heils nur in der Niedrigkeit des Weges Jesu und damit in der Absage an die schuldhafte Selbsterhöhung ergeht und die Umkehr fordert, so liegt für die Apg der Heilsempfang in einem Glauben, der immer auch ein sich Abwenden und Umkehren bedeutet. Der Glaube steht in einem zweifachen Bezug zur Erniedrigung Jesu in seinem Leiden und Sterben. Er ist Glaube an den verworfenen, gekreuzigten, auferweckten und erhöhten Jesus Christus und Glaubensnachfolge, die von Lukas besonders als Leidensnachfolge gekennzeichnet wird: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Nicht das Martyrium soll hervorgehoben werden, wohl aber die Bereitschaft, sich täglich auf den Weg des Leidens und der Erniedrigung Jesu einzulassen. Kreuzesnachfolge ist das Leben bestimmende Leidensnachfolge (196f).

Das Heil liegt darin, dass Jesus im Verzicht auf jeden Versuch der Selbstrettung die Verwerfung leidend ertragen, sich in seiner Erniedrigung vertrauend dem rettenden Gott übergeben und damit die Heilssendung Gottes in der Unheilsgeschichte durchgetragen hat. Daher muss sich der menschliche Glaube nun darin verwirklichen, dass er den in Jesus erniedrigten Knecht als den von Gott gesandten und erhöhten Retter annimmt und sich damit auch auf den Weg einlässt, auf dem Jesus in der ständig fortschreitenden Verwerfung und Ohnmacht das Heil erwirkt hat. Passion Jesu ist nicht nur Ereignis, durch das etwas für den Menschen geschehen ist, sondern sie kommt in der jeweiligen geschichtlichen Situation immer neu zur Verwirklichung, wenn der Mensch die im Leiden Jesu vollzogene Antwort an Gott nach- und mitvollzieht. Leiden und Sterben Jesu werden als erniedrigte Offenheit vor Gott zum bleibenden Grundvollzug aller menschlich-gläubigen Existenz (198f).

Der Tod Jesu ist die letzte Konsequenz seiner Heilssendung für die Armen, nicht nur Hingabe an Gott. Die Hingabe des Sohnes ist auch Auftrag und damit Wirkmacht des Vaters. Jesus ist von Anfang an Träger des Geistes. Kraft dieses Geistes erfüllt er seine Sendung im Tod, der damit ein wesentlicher Schritt auf dem Wege ist, wie der Geist sich die Geschichte eröffnet. Der Weg Jesu ist nicht nur einmaliger Ursprung des Heils, sofern Jesus ihn auf Gott hin gegangen ist, sondern wesentlich auch sofern er als Sendung von Gott Einbruch Gottes in die Welt bedeutet. Nicht erst die Auferweckung ist Antwort des Vaters auf den Gehorsam des Sohnes im Tod, sondern der Tod selbst ist schon Antwort Gottes in seinem Sohn, durch allen Unglauben und alle Unheilsgeschichte hindurch die Sendung von Lk 4,18ff zu erfüllen. Der Tod Jesu ist bereits der Sieg des Geistes, der ihn gesandt hat, den Armen die Heilsbotschaft zu bringen und sie im Tode für die Geschichte offenzuhalten. In der Passion setzt Gott selbst wirkend seine Liebe durch, die den Erniedrigten verzeihend das Heil zusprechen lässt (Lk 23,43). Nur weil der Erniedrigte noch Zuspruch des Heils an die Welt bedeutet, wird auch der Erhöhte die Soteria verleihen, und nicht nur, weil der Erniedrigte von Gott angenommen und erhöht wird. Denn nur in der Erniedrigung in seinem Sohn offenbart und vollzieht Gott seinen Heilswillen als die grundlegende Kraft seiner Liebe in der Geschichte (199f).

In der Passion Jesu ereignet sich für Lukas das Leiden des Christus und nicht irgendeines Menschen. Lukas beabsichtigt das ganze Leben Jesu bis zu seiner Erfüllung im Tode als messianische Heilssendung darzustellen. Jesus stirbt nicht einfach als Mensch, sondern in Vollendung seiner Sendung, die sich von Lk 1,35 über Lk 2,11; 3,22; 4,18ff.41; 24,26.46; Apg 2,22; 3,18; 4,26; 10,38; 17,3 und 26,23 als erlösende Sendung in der Kraft des Geistes Gottes entfaltet. Jesu Weg in die Niedrigkeit des Lebens und in die Erniedrigung des Todes ist die Vollzugsform, wie Gott durch ihn seinen Heilswillen in der Unheilsgeschichte verwirklicht. Daher ist seine Erhöhung nicht vergöttlichende Belohnung für den erniedrigten Menschen Jesus, sondern schon seine Erniedrigung enthüllt sich als Tat der bis zum Letzten gehenden Liebe Gottes, die ihn sendet und die er durchsetzt, die ihre volle soteriologische Bedeutung erst mit der Auferweckung und Erhöhung des erniedrigten Knechtes offenbar werden lässt (201).