3.12 Apg 26,1-32: Paulus vor Agrippa und Festus

Paulus war durch die Appellation der Jurisdiktion des Festus entnommen. Also hatte dieser die Schuldfrage gar nicht mehr zu beurteilen. Damit fehlt jeder Anlass, dafür den in Wirklichkeit gar nicht geeigneten König Agrippa zu bemühen. Auch die Durchführung dieser Szene spricht gegen einen historischen Kern. Von einem wirklichen Urteilsspruch redet Lukas nicht. Er weiß (32), dass der Fall dem Festus aus der Hand genommen ist. So bleibt eine Gerichtsverhandlung ohne Kläger und Zeugen übrig. Nur der Angeklagte spricht. Ohne Anklage beginnend, endet diese Szene mit einem für Paulus günstigen inoffiziellen Gespräch (616f).

Es geht hier nicht um den historischen Prozess des Paulus, sondern um den Kampf des Judentums gegen die christliche Mission, die Paulus als siegreicher Anwalt vertritt. Lukas hat seine Rede sorgfältig entworfen und genau auf das Auditorium abgestimmt.

Die Lebensgeschichte des Paulus wird nur angedeutet. Das Diasporajudentum des Paulus ist ausgelöscht. Wer 23,3 nicht mehr im Ohr hat, muss meinen, Paulus sei von Geburt an in Jerusalem gewesen. Dann folgt das lkn Argument, Paulus vertrete nur die pharisäische Hoffnungslehre (die hier zur Hoffnung des ganzen Zwölfstämme-Volkes wird). Lukas fügt ein in noch grelleren Farben gehaltenes Bild der pln Christenverfolgung an - ohne eine solche Steigerung wäre die Rede gegen die frühere abgefallen. Ananias muss fortbleiben: nur wenn der himmlische Befehl unmittelbar an Paulus selbst ergeht, leuchtet es ein, dass er “der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam ward” (19) (617).

Neu und wichtig ist, dass “nichts von diesen Dingen im Winkel geschehen ist” (26). Dieses Wort erhellt die lkn Darstellung in der Apg von Anfang an: der Auferstandene war 40 Tage bei seinen Jüngern und fuhr vor vielen Zeugen gen Himmel. Zu Pfingsten erlebten Tausende (2,41) das brausende Kommen des Geistes und seine Wirkung. Die Apostel taten Wunder vor allem Volk (3,9; 5,15: 19.11f) und sprachen zu Tausenden von Zuhörern (4,4) usw. Die ganze Geschichte des Christentums spielt sich in der Öffentlichkeit und vor hohen und höchsten Herrschaften ab. Das Christentum ist keine Winkelangelegenheit mehr, sondern ein Faktor in der Weltgeschichte. Was Paulus geschrieben hatte (“Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen” 1Kor 1,26) ist in der lkn Zeit überholt. In Lukas macht sich ein neues Selbstbewusstsein der Christen geltend. Das Christentum findet Gehör auf dem Areopag und am Hofe des Statthalters. Paulus hat den Statthalter Sergius Paulus zum Glauben gebracht, auf die Prokonsuln Felix und Festus einen tiefen Eindruck gemacht und beinahe den König Agrippa bekehrt (617f).

Unter der lkn Voraussetzung, dass die Christen nur dasselbe verkünden wie Moses und die Propheten, nämlich den Messias und seine Auferstehung, ist eine solche Bekehrung durchaus denkbar: Agrippa glaubte als frommer Jude den Propheten, und die Propheten sind mit den Christen einig. Lukas lässt den König sagen: “Fast bringst du mich dazu, den Christen zu spielen”. Dieses zwischen Ja und Nein, Ernst und Humor spielende Wort nimmt Paulus auf und antwortet mit derselben Verbindung von Ernst und Humor: “Möchtet ihr über kurz oder lang alle werden wie ich abgesehen von diesen Fesseln”. Dieser Paulus weiß, wie man sprechen muss, um bei Hofe wohlgelitten zu sein. Darum bestätigt man ihm auch seine völlige Unschuld, und ohne die leidige Appellation wäre er jetzt frei! Der Leser soll den Eindruck mitnehmen: Paulus war ohne alle Schuld, obwohl er nicht frei kam (618)!

Von 21,27 - 26,32 variiert Lukas ein und dasselbe Thema: das Verhältnis zwischen Rom, den Juden und den Christen: Die Juden klagen die Christen an und Rom wird als Richter angerufen. Aber in Wirklichkeit steht es nach Lukas anders: Das (von Paulus vertretene) Christentum hat keine Verfehlungen gegen das römische Recht begangen. Die theologischen Differenzen der Juden und Christen bleiben zuletzt als einziger Anklagepunkt übrig. Dafür aber erweist sich die römische Behörde als unzuständig: die Auferstehungsfrage ist ihnen unbegreiflich (618f).

Auf eine Bekehrung der Juden hoffte Lukas nicht mehr. Die Stunde der Bekehrung, die ihnen in Gottes Heilsplan gewährt war, hatten sie nicht genutzt. Obwohl Paulus in Kp 22 zum jüdischen Volk, in 23 zum Synhedrion und in 26 zu König Agrippa spricht, wirbt Lukas mit all dem nicht um eine Bekehrung in letzter Minute. Als Lukas schrieb, lag der Tempel in Trümmern, und kein Christ wurde mehr wegen seiner Stellung zum Tempel angeklagt. Lukas hatte Paulus, den erfolgreichsten Missionar, als die eigentlich treibende Kraft der christlichen Mission dargestellt. Da war es fatal, dass er verhaftet, gefangengehalten, nach Rom gebracht und schliesslich hingerichtet wurde. Insofern war es unbedingt nötig, dass seine Unschuld überzeugend an den Tag kam. Lukas will der Gemeinde eine Lebensmöglichkeit innerhalb des römischen Imperiums erwirken. Warum sollte Rom den christlichen ‘Weg’ nicht tolerieren? Weil die Juden die Christen anklagten? Dem liess sich mit dem Nachweis begegnen, dass gerade die strengste Richtung im Judentum, der Pharisäismus, sich im Glauben an die Auferstehung mit dem Christentum traf. In Kp 23 und 26 hat Lukas das nachdrücklich dargestellt (619f).

Lukas lebt nicht mehr in der Welt des Paulus. Der Tempel in Jerusalem steht nicht mehr, und alles im Gesetz des Mose, was mit dem Tempelkult zusammenhängt, ist gegenstandslos geworden. Die Aufnahme unbeschnittener Heiden in die christliche Gemeinde hat Gott selbst herbeigeführt. Die atl Forderung der Beschneidung kommt für Nichtjuden nicht mehr in Betracht. Die Heidenchristen erfüllen die ihnen im Gesetz gestellten Forderungen. Also kann man ihnen nichts vorwerfen (21,25). Die sittlichen Gebote des Gesetzes haben bei den Christen selbstverständliche Geltung (620).