3.16 Apg 28,17-31: Paulus in Rom

Die christliche Gemeinde in Rom wird überhaupt nicht erwähnt. Paulus ruft die Leiter der Juden zusammen. Paulus war ein schwerverdächtiger Untersuchungsgefangener, durch Juden in einen Prozess auf Leben und Tod verwickelt, und für die römischen Juden alles andere als eine Respektsperson, deren Ruf man sogleich folgt (649).

Paulus berichtet zunächst über seinen Prozess: hier bestimmt der Schriftsteller die Darstellung. In Betracht kommt nur die Anklage wegen eines Vergehens gegen das jüdische Volk und die “väterlichen Sitten”. Gegen sie hat Paulus sich nicht vergangen. Trotzdem ist er “von Jerusalem” als Gefangener den Römern übergeben worden. Als diese ihn freilassen wollten, habe er wegen des jüdischen Widerspruchs an den Kaiser appellieren müssen. Hier wird jenes Bild des Prozesses angedeutet, das Lukas als das endgültige dem Leser einprägen will. In Wirklichkeit haben die Römer Paulus niemals freilassen wollen, sondern der Jude Agrippa hat in einer von Lukas entworfenen Szene - nach der Appellation - behauptet, man hätte Paulus freilassen können, wenn er nicht appelliert hätte. Dann versichert Paulus wieder, er stehe nur wegen der Hoffnung Israels in diesen Ketten vor ihnen - auch dies ist eine lkn Konstruktion, deren Unwirklichkeit auf der Hand liegt. Und so ergibt sich die unbegreifliche Lage: eigentlich ist niemand schuld - denn Paulus will ja auch sein Volk nicht anklagen - und dennoch steht Paulus, auf Tod und Leben verklagt vor Gericht (649f)!

Die römischen Juden haben anscheinend überhaupt noch nichts Ungünstiges über Paulus vernommen, das ist unglaubhaft. Sie scheinen jedoch - und das ist noch befremdlicher - nicht nur von Paulus, sondern von der ganzen christlichen Sekte bisher kaum etwas gehört zu haben und eigentlich nur zu wissen, dass sie überall auf Widerspruch stößt. Eine derartige Unkenntnis der römischen Juden ist unmöglich. Wir haben allen Grund für die Annahme, dass die christliche Botschaft Ende der 40er Jahre nach Rom gekommen ist und als messianische Predigt zu schärfsten Auseinandersetzungen in der Judenschaft geführt hat (650).

Lukas setzt voraus, dass die römischen Juden ernsthaft Belehrung wünschen, großes Interesse zeigen (es kommen nicht nur die “Ersten” zu Paulus, sondern mehr!), und dass Paulus selbst sie ernst nimmt. Lukas ignoriert die christliche Gemeinde in Rom. Dass er damit den Boden des Historischen verlässt, ist deutlich (651).

Die unhistorische Voraussetzung, dass die römischen Juden das Christentum nur vom Hörensagen kenne, trägt auch die zweite Szene und erschüttert sie damit zugleich. Paulus spricht einen ganzen Tag vom Reich Gottes und dem Jesusgeschehen und bringt den Schriftbeweis dafür. Ein Teil der Juden lässt sich überzeugen, der andere nicht, und miteinander streitend gehen beide Gruppen endlich fort, während Paulus die Weissagung Jes 6,9f erfüllt sieht: Gott hat die Juden verstockt; das Heil ist nun für die Heiden da, und “sie werden hören”! Das ist das letzte Wort des Paulus in der Apg. Die Bahn für die Heidenmission ist endgültig frei (651f).

Es ist sehr merkwürdig, dass Paulus alle Juden als verstockt bezeichnet, während doch die einen “sich überzeugen ließen”. Lukas muss zwei widerstreitende Gedanken vereinen. Einmal ist die christliche Botschaft nach seiner Darstellung in wesentlicher Übereinstimmung mit dem Judentum. Das hatte Lukas in der fiktiven Szene vor dem Synhedrion (23,7ff) durch die Zustimmung veranschaulicht, die die Pharisäer Paulus zuteil werden lassen. Hier hat Lukas sich nicht die Mühe gemacht, wieder den Gegensatz von Pharisäern und Sadduzäern einzuführen. Er passt auch für Rom schlecht. Dann blieb ihm nur übrig, dass er einfach eine jüdische Gruppe Paulus zustimmen liess. Andererseits aber lag es keineswegs in seiner Absicht, hier eine jüdische Bekehrung zu schildern. Im Gegenteil, er wollte die jüdische Verschlossenheit gegen die christliche Botschaft darstellen, die die Heidenmission erzwingt. Beides zusammen ergab die Spannung in unserem Text, dass manche Juden sich überzeugen ließen und doch alle als verstockt behandelt werden (652).

Warum hat Lukas die Tätigkeit des Paulus in Rom in dieser unhistorischen Weise dargestellt? Die letzte Szene des Buches stimmt genau mit jener im pisidischen Antiochia (13,46) und mit der in Korinth (18,6) überein. Dreimal hat Lukas in der Apg ausführlich die Erfahrung geschildert, dass sich die Juden gegen das Evangelium verschließen. Der erste dieser Fälle ereignet sich auf der ersten Missionsreise in Kleinasien, der zweite in der Mitte der pln Tätigkeit in Griechenland, der dritte hier an ihrem Ende in Italien. Das ist kein Zufall, sondern das Werk eines bewusst schaffenden, auf Kunstmittel nicht verzichtenden Autors. Diese drei Szenen machen, stellvertretend für alle entsprechenden, die Grunderfahrung des Paulus und der christliche Mission überhaupt sichtbar. Gegen den Willen der christlichen Missionare wird ihre Verkündigung durch die Ablehnung der Juden zu den Heiden abgedrängt.

Damit, dass Lukas hier die Missionserfahrung des Paulus darstellt, ist nun gegeben, dass er Paulus auch in Rom missionierend vor den Juden auftreten lässt. Paulus ist in Rom kein freier Mann mehr, deshalb muss er die Juden in sein Quartier kommen lassen. Damit wird der Anfang unseres Abschnitts als notwendiges Glied der lkn Komposition durchsichtig. Andererseits kann aber Paulus die Juden nicht einfach zusammenrufen, um ihnen zu predigen. So tritt als Grund der Einladung die Unterrichtung über seine Lage ein. Für Lukas ist es ein Widersinn, dass der Apostel nicht freigelassen wurde. Paulus ist für Lukas eine derartige Respektsperson, dass sich die “Ersten der Juden” selbstverständlich sogleich auf seine Aufforderung hin bei ihm einstellen. Lukas hat stets sein Glaubensbild des Paulus vor Augen und nicht das Bild, das die Gegner des Paulus nach 2Kor 10,10 besessen haben: “Seine Briefe, sagen sie, wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich” (652f).

Die Lage, dass Paulus als Missionar vor den römischen Juden spricht, kann nur eintreten, wenn Paulus bei ihnen noch nicht in Misskredit gekommen ist. Die römischen Juden dürfen auch das Christentum noch nicht genau kennen. Dem entspricht V 22. Damit ist die Missionssituation hergestellt: Unkenntnis der christliche Botschaft, verbunden mit dem Willen, etwas darüber zu erfahren.

Lukas hat die römischen Christen beim Kommen des Paulus nach Rom kurz berücksichtigt, sie eilen Paulus entgegen und geben ihm mit ihrem Anblick Mut. Damit hat Lukas der römischen Gemeinde - außerhalb Roms - die ihr zukommende Erwähnung zuteil werden lassen. Als er den römischen Aufenthalt des Paulus schildert, braucht er sie nicht mehr (653).

Es war Lukas gelungen, die Fahrt des Paulus von Cäsarea nach Rom zu einem Triumph des Gottesmannes zu gestalten. Die Gefangenschaft muss dazu dienen, seine Aktivität im hellsten Licht zu zeigen. Der Leser schließt das Buch mit der Überzeugung, dass Paulus in den zwei Jahren dieses Aufenthaltes es erlebt hat, dass “die Heiden hören”. In Rom wirkt Paulus “ungehindert”, das besagt, dass die römische Staatsmacht dem jungen Christentum wohlwollend gegenüberstand und seine Verkündung zuliess (654).