3.2 Apg 21,37-40: Paulus spricht mit dem Tribun

Unmittelbar vor dem Kasernentor redet Paulus den Tribun höflich an. Dieser, erstaunt darüber, dass sein Gefangener Griechisch spricht, fragt: ob er nicht “der Ägypter” sei, der “vor diesen Tagen” mit 4.000 Anhängern in die Wüste zog. Paulus gibt sich in elegantem Griechisch als Jude und Bürger der berühmten Stadt Tarsus zu erkennen und bittet, zum Volk reden zu dürfen, was der Tribun sofort gestattet. Als die Menge sieht, dass Paulus Rednerhaltung annimmt, wird sie still, und er beginnt eine aramäische Ansprache (550).

Ein Mann, auf den soeben noch eine fanatische Menge eingeschlagen hat, ist physisch überhaupt nicht mehr fähig, eine solche Rede zu halten. Dieser Grund genügt, um die Rede und das sie vorbereitende Gespräch als unhistorisch zu erweisen. Wie der Tribun auf den Gedanken kommt, sein Gefangener sei ausgerechnet “der Ägypter” ist rätselhaft. Ebenso dunkel bleibt es, warum er plötzlich diese Ansicht aufgibt, als Paulus Griechisch spricht. Weiter ist unbegreiflich, dass der Tribun dem soeben Verhafteten zur Menge zu reden erlaubt, nur weil der sich für einen Juden aus Tarsus ausgibt. Ob der Tribun Aramäisch versteht, ist ein Problem für sich. Die Menge, die soeben noch schrie: “Bringt ihn um”! wird plötzlich still, nur weil Paulus sich zu reden anschickt. Von wo aus man diese Situation prüft, ergibt sich dasselbe: diese Situation ist ungeschichtlich (550f).

Für Lukas kam es nicht darauf an, einen historisch korrekten Abriss der messianischen und unmessianischen Aufstandsbewegungen zu geben. Er hat vielmehr die verschiedenen Gruppen zu einer einzigen Erscheinung vereinigt und damit das Bild einer religiösen Aufruhrbewegung geweckt, die man Paulus zur Last legte. Der Verdacht, Paulus gehöre in diese Gesellschaft, wird sofort aufgegeben. Dass der Tribun seine Vermutung über Paulus äußert, unterrichtet den Leser, der von Anfang an darüber belehrt wird, dass das Christentum nichts mit politischem Messianismus zu tun hat und in diesem seinen unpolitischen Charakter auch sogleich anerkannt worden ist. Nur wer dieses Gespräch als Darstellungsmittel begreift, das die wahre Natur des christlichen “Weges” in anschaulich-lebendiger Kürze von einer entscheidenden Missdeutung befreit, würdigt die lkn Darstellung, wie es ihr gebührt (552).