3.3 Apg 22,1-21: Die Rede des Paulus im Tempelvorhof

Paulus ist beschuldigt, den Tempel entweiht zu haben, indem er einen Heiden in den heiligen Bereich mitgenommen habe. Er erwähnt jedoch diesen Vorwurf gar nicht, sondern er schildert seine jüdische Vergangenheit, seine Berufung und schliesslich seine Wendung zur Heidenmission, die ihm im Tempel selbst befohlen wurde (557).

Es lag nicht in der Absicht des Lukas, den Prozess des Paulus genau zu schildern. Es muss sich um einen sehr schweren Vorwurf gehandelt haben, denn Paulus ist in einen Kapitalprozess verwickelt, in dem es um Leben und Tod geht. Lukas hatte nicht das mindeste Interesse daran diese Anklage mit aller historischen Genauigkeit aufzufrischen. Ihm ging es um die Auseinandersetzung des Christentums mit dem Judentum, um das Problem seiner eigenen Gegenwart. Zwischen dem Judentum und dem Christentum stand die christliche Heidenmission, die Aufnahme von Heiden in das Gottesvolk. Paulus war der große Heidenmissionar. Darum war es sachgemäß, dass er hier als der Angeklagte stand, der sich verteidigen mußte. Lukas lässt Paulus nicht auf jenen inzwischen so belanglos gewordenen Vorwurf der Tempelentweihung eingehen, sondern auf die entscheidende Frage nach dem Recht der christlichen Heidenmission. Sie ist nicht aus menschlicher Willkür entsprungen (Kp 10), und der fromme und gesetzesstrenge Jude Paulus hätte von sich aus nie daran gedacht (558)!

Dass Paulus ein solcher frommer Jude war, wird nun in dieser Rede so deutlich wie möglich herausgestellt. Paulus ist allerdings nicht in Jerusalem geboren, aber er ist doch schon seit seiner frühesten Kindheit dort aufgewachsen. Dann hat er dort, zu den Füßen des berühmtesten Rabbi seiner Zeit, studiert, in der genauen Erfüllung des Gesetzes unterwiesen, ein ebensolcher Eiferer für Gott wie die Juden, die ihn soeben noch zu lynchen versuchten. Als ein solcher Eiferer hat er “diesen Weg” - der Christusname wird vermieden - mit den schärfsten Maßnahmen verfolgt, was mit den Worten “bis zum Tod” (4) angedeutet ist. Dann wird der Zug nach Damaskus erzählt - mit Vollmacht vom Hohenpriester und Synhedrion! und das Ereignis vor Damaskus (558).

Ananias erscheint hier ganz als frommer Judenchrist. Der durch ihn repräsentierte Kreis, in den Paulus durch seine Berufung kam, war genau so gesetzesfromm, wie es Paulus bisher gewesen war. Die Bekehrung bedeutete also hiernach keinen vollständigen religiösen Bruch mit der Vergangenheit des Paulus; sie lässt ihn nicht dem Gesetz neu gegenübertreten, sondern nur Jesus, der mit dem atl klingenden messianischen Würdenamen “der Gerechte” genannt wird. Paulus soll allen Menschen das bezeugen, was er gesehen und gehört hat. Die entscheidende Wendung zur Heidenmission lässt Lukas erst in einer neuen Szene eintreten. Paulus kehrt von Damaskus nach Jerusalem zurück und erlebt dort im Tempel, den er als frommer Jude selbstverständlich aufsucht, eine Verzückung, in der ihm Jesus (wieder wird er nicht mit Namen genannt) gebietet, Jerusalem sofort zu verlassen, weil die Juden sein Zeugnis doch nicht annehmen. Paulus wendet ein: er habe doch die Christen erbittert verfolgt. Diese Verfolgung und der Anteil des Paulus daran erscheint insofern noch größer als in Kp 9, als eine Menge von Todesurteilen vorausgesetzt wird (4f). Diesem Verfolger sollten die Juden doch eigentlich Glauben schenken, wenn er nun von Jesus Zeugnis ablegt. Der Herr befiehlt: “Geh, ich sende dich weit zu den Heiden”. Damit ist in einer ganz neuen, allem früher Erzählten gegenüber durchaus selbstverständlichen Weise die pln Heidenmission auf einen unmittelbaren Befehl Jesu an ihn zurückgeführt (559).

So ist nicht nur die Heidenmission erneut gerechtfertigt, sondern zugleich auch der Punkt erreicht, wo Lukas wieder in die Rahmenerzählung einlenkt: dass Jesus - ausgerechnet bei einer Entrückung im Tempel! - Paulus zu den Heiden fortgeschickt haben soll, genügt, um die Menge erneut in wildes Gebrüll ausbrechen zu lassen: V 22 entspricht genau 21,36.

Lukas hatte in 21,28 die Juden aus Ephesus den Paulus nicht nur wegen Trophimus anklagen lassen - dieser Vorwurf wird mit einem ‘dazu auch noch’ nur angefügt -, sondern dass er gegen das Volk, das Gesetz, den Tempel lehre, war der eigentliche Vorwurf. Diese Anklage lässt sich nach 21,21 dahin verstehen, dass Paulus die Juden dem Gesetz und Tempelkult entfremdet, wobei das Unterlassen der Beschneidung besonders erwähnt wird. Aber die Lehre gegen das Volk, also das auserwählte jüdische Volk, das Gesetz und den Tempel lässt sich auch dahin verstehen, dass sie die beschneidungsfreie Heidenmission meint: bei ihr wird ja der Vorzug des jüdischen Volkes geleugnet, das Gesetz nicht mehr befolgt und damit der Tempelkult bedeutungslos. Wenn Paulus in Kp 22 also die christliche Heidenmission verteidigt, so entspricht das mithin sogar der jüdischen Anklage, die Lukas in Kp 21 genannt hatte. Man sieht, dass Lukas das Problem, mit dem sich Kp 22 beschäftigt, bereits in Kp 21 ins Auge gefasst hatte: es ist sein eigenes, das seiner eigenen Zeit (559f).

Diese Rede verwebt kunstvoll die Vergangenheit des Paulus und die Gegenwart des Lukas miteinander. Paulus verteidigt sich gegen Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden. Im Grunde spricht er gar nicht von einer damals schon überholten Vergangenheit - der Tempel lag längst in Trümmern, als Lukas die Apg schrieb -, sondern von der für Lukas und die Christen seiner Zeit brennenden Frage: lässt sich das Christentum in ungebrochener Kontinuität mit dem Judentum verstehen? Wenn das möglich ist, dann kann die christliche Lehre als innerjüdische Sekte und damit als religio licita anerkannt werden. Hier wird gezeigt, dass der größte christliche Heidenmissionar, ein frommer und gesetzestreuer Jude war, den nur wegen des jüdischen Unglaubens ein göttlicher Befehl zu den Heiden sandte. Wenn es sich aber so verhält, dann gibt es keine grundsätzliche Kluft zwischen Judentum und Christentum, dann ist die Kontinuität zwischen beiden ungebrochen und das Christentum kann beanspruchen, als Judentum toleriert zu werden (560).