3.5 Apg 22,30-23,11: Paulus vor dem Hohenrat

Der Tribun möchte wissen, was die Juden gegen Paulus haben. Den “Römer” darf er zwar nicht mehr peinlich verhören, aber er konnte ihn doch vernehmen. Auf diesen Gedanken kommt er nicht. Statt dessen beruft er das Syhedrion ein. Es wäre naiv anzunehmen, der Kommandeur der römische Wachtruppe hätte die Befugnis gehabt, das Synhedrion antreten zu lassen. Außerdem ist diese Maßnahme unzweckmäßig: der Hoherat war bei dem Tumult auf dem Tempelplatz nicht dabei, abgesehen vielleicht vom Tempelhauptmann. Wenn der Tribun sich mit diesem besprochen hätte, so wäre das sachdienlich gewesen. Aber er versammelt das Synhedrion und wohnt als unreiner Heide selbst der Sitzung bei (568).

Die Verhandlung beginnt sehr eigenartig. Ohne von jemandem aufgefordert zu sein, fängt Paulus an zu sprechen. Paulus versichert, er habe immer ein gutes Gewissen gehabt. Daraufhin lässt ihn der Hohepriester auf den Mund schlagen, ohne dass der Tribun den römischen Bürger schützt. Paulus (“man schmäht uns, so segnen wir” 1Kor 4,12) antwortet mit einer Verfluchung, die den Gegnern so den Atem verschlägt, dass sie nur schwach protestieren; er habe doch den Hohenpriester vor sich. Die Antwort des Paulus, er habe nicht gewusst, dass er der Hohepriester sei, ist so unglaubhaft, dass sie die Theologen zu verzweifelten Anstrengungen veranlasst hat: vielleicht sei Paulus kurzsichtig gewesen und habe darum den Hohenpriester nicht erkannt, oder er habe im Stimmgewirr nicht wahrnehmen können, wer den Befehl gab, ihn auf den Mund zu schlagen. Paulus entschuldigt sich und verbindet damit zugleich einen Beweis seiner Schriftgelehrsamkeit (568f).

Neu und im Widerspruch zum Eingang des Abschnitts ist die Feststellung des Paulus: “Du sitzt hier, um mich nach dem Gesetz zu richten” und “ich stehe vor Gericht...” (6). Damit ist unter der Hand der Charakter der Szene verwandelt worden: sie ist zum Tribunal geworden und Paulus muss sich verantworten. Nicht wegen des Vorfalls im Tempel, sondern weil er ein Expharisäer ist und die pharasäische Lehre von der Totenauferstehung und die messianische Hoffnung vertritt. Sofort beginnen die Pharisäer und Sadduzäer leidenschaftlich miteinander zu disputieren, als ob sie nicht seit vielen Jahren schon im Hohenrat zusammen gearbeitet hatten und ihre theologischen Unterschiede hinreichend kannten! Außerdem wussten beide Parteien gut genug, dass die Stellung des Paulus zum Gesetz für sie unannehmbar war und dass gerade sie ihm die Todfeindschaft des Judentums eintrug. Darum ist die Art, wie hier die Pharisäer als Verteidiger des Paulus auftreten und sogar die Christophanie vor Damaskus rechtfertigen, eine historische Unmöglichkeit. Das Pro und Contra nimmt derartige Formen an, dass der Tribun die Wache aus der Burg Antonia herabkommen lassen muss, um Paulus der aufgeregten Parteinahme für oder gegen ihn zu entreißen (10) (569).

Lukas will kein Verhandlungsprotokoll geben. Für ihn ist die Anklage gegen Paulus nicht eine Sache der Vergangenheit, sondern die Gegenwartsfrage des Christentums. Dass sich das Christentum vom Judentum, von der wahren Religion, getrennt hat, das ist der wirkliche Vorwurf, gegen den Lukas das Christentum in seinem Anführer Paulus verteidigen will. Diese Rechtfertigung gibt Lukas nicht in einer theologischen Darlegung, sondern in einer Reihe von lebendigen und packenden Bildern und Szenen. Als Schriftsteller weiß Lukas um das Gesetz der Steigerung. Die Auseinandersetzung auf höchster Ebene, d.h. vor Statthaltern und Königen, darf nicht am Anfang stehen; sie kann erst den krönenden Abschluss bilden. Schon in der Verhandlung vor dem Hohenrat muss deutlich werden, dass Paulus zu Unrecht! als Angeklagter vor den Vertretern des Judentums steht. Das Durcheinander (Vers 9), das entsteht, hilft Lukas zur Veranschaulichung seiner These, dass das Judentum in dieser Frage keine Einheit bildet (569f).

Der Tribun, der die Lage nicht durchschaut, sondern erst Aufklärung darüber sucht, kommt als Leiter der Versammlung nicht in Betracht. Aber auch der Hohepriester nicht. Er und mit ihm das Judentum wird sich bis Kp 25 umsonst bemühen, das Heft in die Hand zu bekommen. Mittelpunkt der Szene kann nur Paulus sein, und so lässt Lukas ihn kühn mit dem Satz beginnen, dass er bis auf diesen Tag vor Gott mit gutem Gewissen gewandelt ist. Lukas beschreibt mit diesem Satz die Kontinuität von Judentum und Christentum, wie sie bruchlos zunächst in Paulus mit exemplarischer Deutlichkeit zu Tage getreten ist. Wenn Paulus mit diesem Satz im Recht ist, dann hat der Hohepriester und die ganze jüdische Anklage, die er vertritt, ihr Recht verloren. Dass es sich tatsächlich so verhält, wird in der Antwort des Paulus deutlich: mit einem prophetischen Wort kündigt Paulus dem stolzen Ananias das göttliche Gericht an (23,3) (570).

Wieder ergreift Paulus die Initiative, er ruft nur einen einzigen Satz in die Versammlung hinein: “Ich bin ein Pharisäer, aus einer streng pharisäischen Familie; ich stehe vor Gericht wegen der (messianischen) Hoffnung und der Auferstehung der Toten” (23,6). Es geht Lukas um die Wahrheit, dass zwischen Juden und Christen die Brücken nicht abgebrochen sind. Es ist die Überzeugung des Lukas, dass zwischen Pharisäismus und Christentum Gemeinschaft im Letzten möglich ist: auch die Pharisäer hoffen auf den Messias, warten auf die Auferstehung der Toten. Darin sind sie mit den Christen einig. Ihr Fehler ist nur, in dieser Hoffnung und diesem Glauben sind sie Jesus gegenüber nicht konsequent. Die Auferstehung Jesu und seine damit bewiesene Messianität ist dem jüdischen Glauben nicht zuwider (571).

Das macht Lukas in einer bewegten Massenszene sichtbar. Das Judentum gibt in sich zwei Richtungen Raum: der einen ist Auferstehung, Geist, Engel eine Glaubenswirklichkeit, der andern nicht. Dann steht aber die erste Gruppe notwendig auf Seiten der Christen, und d.h. hier des Paulus und muss für ihn eintreten: “Wir finden nichts Verwerfliches an diesem Mann” (23,9)! Selbst die Christuserscheinung vor Damaskus erlaubt eine pharisäische Interpretation.

Der wilde Tumult zwischen Pharisäern und Sadduzäern zeigt, dass das Christentum eine innerjüdische Angelegenheit ist. Die herbeigerufene Wachkompanie - damit Rom! - rettet Paulus das Leben (571f).