3.7 Apg 24,1-23: Die Verhandlung vor Felix

Die Szene in Kp 24 lässt die Gegner und Paulus in Wechselrede vor dem Vertreter Roms zu Wort kommen. Für die Juden führt ausschliesslich der Rhetor Tertullus das Wort. Er versteht sein Handwerk und ist ein gefährlicher Gegner. Die eigentliche Anklage gliedert sich in zwei Teile: 1. Paulus ist Vorkämpfer der Nazoräersekte, der überall bei den Diasporjuden Unruhen erregt und sich damit als eine “Pestbeule” der Gesellschaft erweist. 2. Er hat versucht, den Tempel zu entweihen (585).

Paulus beginnt mit einer capitatio benevolentiae: Felix ist schon “viele Jahre Richter für dieses Volk” gewesen, er kennt also die Verhältnisse. Darum verteidigt Paulus sich zuversichtlich. Paulus geht zunächst auf die Anklage “Aufruhr” ein. Er weist nach, dass er in den wenigen Tagen seiner Anwesenheit nirgends als Redner aufgetreten ist, weder im Tempel noch in den Synagogen oder in der Stadt. Paulus kommt zum nächsten Punkt: er räumt ein, dass er dem “väterlichen Gott” nach dem “Weg” dient. Lukas verwendet den Begriff “Weg” so gern, weil er die neue Jesusreligion als eine eigene Größe bezeichnet und sie trotzdem nicht vom Judentum losreißt. Der Begriff erinnert aufs stärkste an atl Wendungen wie “die Wege des Herrn”, die das Judentum als die gelebte wahre Religion hinstellten. Dieser Weg hat Paulus nicht aus dem Judentum hinausgeführt; er glaubt alles im Gesetz und Propheten. Für den Christen Lukas ist Tod und Auferstehung des Messias Jesus überall in der heiligen Schrift vorhergesagt (vgl. Lukas 24,27). Paulus kann sagen, er habe dieselbe Hoffnung wie seine Gegner. Weil Paulus die Auferstehung aller (und damit das Gericht) erwartet, bemüht er sich, vor Gott und Mensch ein gutes Gewissen zu haben (585f).

Zur angeblichen Tempelschändung: Paulus der Pilger kam nach vielen Jahren, um Almosen für sein Volk und Opfer zu bringen. Bei diesem frommen Tun fanden ihn, einen soeben “geheiligten” Mann, im Tempel einige kleinasiatische Juden, die hier fehlen, also nichts bezeugen können. Die anwesenden Juden können nur bezeugen, dass sich Paulus als Pharisäer zur Totenauferstehung bekannt hat. Damit erklingt zum Schluss noch einmal das Thema, das Judentum und Christentum nach Lukas verbindet und ihre wesentliche Einheit hervorhebt.

Felix gibt der Klage nicht statt, sondern teilt seinen Vertagungsbeschluß mit. Bis er Lysias gehört hat, wird das Urteil verschoben. Paulus kommt in erleichterte Haft (586).

Zum Vorwurf, dass er der Anführer der Nazoräer sei, äußert sich Paulus nicht. Lukas hat nichts dagegen, dass man in Paulus den Repräsentanten des Christentums sieht. Denn es geht in diesen Kapiteln nicht nur um den Menschen Paulus, sondern um die Sache des Christus. Der neue Glaube, das wird hier wiederum betont, ist kein Verrat am alten. Die Auferstehungshoffnung ist die Klammer, die beide zusammenhält. Dass die Sadduzäer nicht an die Auferstehung glauben, besagt nur, dass es sich um eine innerjüdische Glaubensfrage handelt, und in eine solche braucht Rom sich nicht einzumischen, wo immer sie aufbricht. So ist auch die Frage nach dem ‘Aufruhr’ in der Diaspora mitbehandelt (587).