3.9 Apg 25,1-12: Die Appellation an den Kaiser

Dass Festus schon drei Tage nach seiner Landung Jerusalem aufsucht und nur acht Tage zur Erledigung der dortigen Regierungsgeschäfte braucht, macht klar: der neue Herr ist ein rascher und energischer Arbeiter. Er wird auch den verschleppten Prozess des Paulus unverzüglich schnell zur Entscheidung bringen. Die Juden wünschen die Überführung des Gefangenen nach Jerusalem, um ihn unterwegs ermorden zu können. Ahnungslos zerstört Festus diesen Plan, indem er die Ankläger auffordert, mit ihm nach Cäsarea zu kommen. Auf diese Weise kommt es zur Verhandlung in Cäsarea. Anklage und Verteidigung werden nur eben angedeutet. Es fehlt nur noch, dass der Prokurator jetzt, nachdem er beide Parteien selbst gehört hat, das Urteil fällt. Statt dessen fragt der Statthalter den Angeklagten, ob er mit einer Verlegung des Prozesses nach Jerusalem einverstanden sei (595f).

Bei Lukas bleibt unverständlich: 1. warum nach Abschluss der Verhandlung kein Urteil erfolgt, sondern eine Verlegung des Prozesses ins Auge gefasst wird, 2. warum Paulus nicht einfach auf Fortführung des Prozesses in Cäsarea besteht, sondern an den Kaiser appelliert.

Lukas dürfte erfahren haben, dass Paulus an den Kaiser appelliert hat. Das war dem dramatischen Erzähler hoch willkommen: es ergab eine packende Szene voller Spannung. Wenn Paulus appelliert hatte, dann gegen eine Entscheidung des Statthalters. Das war aber unerträglich, weil Lukas die römischen Beamten als Entlastungszeugen in Anspruch nahm. Hier drohte der energische und redliche Festus in die Reihen der Paulus-Gegner abzuwandern. Das konnte Lukas nur verhindern, indem er die betreffende Entscheidung des Festus als eine solche darstellte, die keine Entscheidung war. Festus fragt nur, und eine Frage ist keine Entscheidung. Paulus aber beantwortet die Frage, als wäre sie eine Entscheidung. Darum appelliert Paulus an den Kaiser. So kann Lukas den Festus jetzt weiter als Entlastungszeugen verwerten. Diese Verwertung wird jetzt erst ganz ungehindert möglich. Auch Festus will den Juden gefällig sein. Dabei lässt Lukas es in der Schwebe, was eigentlich die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem besagt. Es genügt, dass darin eine tödliche Gefahr für Paulus heraufzuziehen scheint. Damit ist die Appellation des Paulus gerechtfertigt und verständlich (597f).