3.9 Apg 25,1-12: Die Appellation an den Kaiser

Dass Festus schon drei Tage nach seiner Landung Jerusalem aufsucht und nur acht Tage zur Erledigung der dortigen Regierungsgeschäfte braucht, macht klar: der neue Herr ist ein rascher und energischer Arbeiter. Er wird auch den verschleppten Prozess des Paulus unverzüglich schnell zur Entscheidung bringen. Die Juden wünschen die Überführung des Gefangenen nach Jerusalem, um ihn unterwegs ermorden zu können. Ahnungslos zerstört Festus diesen Plan, indem er die Ankläger auffordert, mit ihm nach Cäsarea zu kommen. Auf diese Weise kommt es zur Verhandlung in Cäsarea. Anklage und Verteidigung werden nur eben angedeutet. Es fehlt nur noch, dass der Prokurator jetzt, nachdem er beide Parteien selbst gehört hat, das Urteil fällt. Statt dessen fragt der Statthalter den Angeklagten, ob er mit einer Verlegung des Prozesses nach Jerusalem einverstanden sei (595f).

Bei Lukas bleibt unverständlich: 1. warum nach Abschluss der Verhandlung kein Urteil erfolgt, sondern eine Verlegung des Prozesses ins Auge gefasst wird, 2. warum Paulus nicht einfach auf Fortführung des Prozesses in Cäsarea besteht, sondern an den Kaiser appelliert.

Lukas dürfte erfahren haben, dass Paulus an den Kaiser appelliert hat. Das war dem dramatischen Erzähler hoch willkommen: es ergab eine packende Szene voller Spannung. Wenn Paulus appelliert hatte, dann gegen eine Entscheidung des Statthalters. Das war aber unerträglich, weil Lukas die römischen Beamten als Entlastungszeugen in Anspruch nahm. Hier drohte der energische und redliche Festus in die Reihen der Paulus-Gegner abzuwandern. Das konnte Lukas nur verhindern, indem er die betreffende Entscheidung des Festus als eine solche darstellte, die keine Entscheidung war. Festus fragt nur, und eine Frage ist keine Entscheidung. Paulus aber beantwortet die Frage, als wäre sie eine Entscheidung. Darum appelliert Paulus an den Kaiser. So kann Lukas den Festus jetzt weiter als Entlastungszeugen verwerten. Diese Verwertung wird jetzt erst ganz ungehindert möglich. Auch Festus will den Juden gefällig sein. Dabei lässt Lukas es in der Schwebe, was eigentlich die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem besagt. Es genügt, dass darin eine tödliche Gefahr für Paulus heraufzuziehen scheint. Damit ist die Appellation des Paulus gerechtfertigt und verständlich (597f).

3.10 Apg 25,13-22: Festus und Agrippa

Dadurch, dass diese Szene und die nächste dem Abschied des Paulus von Cäsarea noch vorausgehen, enden die Beziehungen des Paulus nicht mit einer Dissonanz. Außerdem war es höchst wünschenswert, wenn sich noch eine hohe jüdische Persönlichkeit zu Gunsten des Paulus äußerte. Lukas hat den letzten jüdischen König auftreten lassen. Als die Staatsgeschäfte besprochen sind, erzählt Festus dem Gast von seinem interessanten Gefangenen, der ihm viel Sorge macht. Keine Quelle erzählt das Privatgespräch der beiden. Lukas ist hier selbstständig am Werk (601).

3.11 Apg 25,23-27: Festus stellt Paulus der Versammlung vor

Diese theatralische Vorführung ist merkwürdig. Festus erklärt es in V 27 für sinnlos, einen Gefangenen ohne Begleitschreiben nach Rom zu senden. Es war nicht sinnlos, sondern verstieß gegen seine Pflicht. Der Statthalter mußte einen solchen Bericht schicken. Der Prokurator hatte keine Anklage gegen Paulus zu formulieren, er hatte nur den Stand bis zur Appellation zu beschreiben. Für solch einen Bericht aber waren Unterlagen vorhanden: Akten wie der Bericht des Tribunen über die Verhaftung des Paulus, oder die Anklage, die die Juden unter Felix eingereicht hatten, und das Protokoll über die Aussagen des Paulus bei seinen verschiedenen Vernehmungen. Die Urteilsfindung war ihm aus der Hand genommen, sie war allein Aufgabe des Kaisers. Damit wird V 26 wie V 27 im Munde des Festus unmöglich und bleibt nur verständlich als Wort des Schriftstellers, der sich ein solches Begleitschreiben falsch vorstellte. Wenn aber Festus die Schuldfrage für den Begleitbrief überhaupt nicht zu klären brauchte, verliert die gesamte Szene ihren Grund. Denn Agrippa sollte ja nur für Festus ermitteln, was dieser im Bericht an den Kaiser über die Schuldfrage zu schreiben hatte (604f).

Lukas war überzeugt, dass das Christentum für die ganze Welt von entscheidender Bedeutung ist. Dann konnte er aber diese Überzeugung im Stil der damaligen Literatur nur aussprechen und seiner Zeit mitteilen, indem er Paulus wieder und wieder mit den Staatsmännern und Fürsten konfrontierte und mit Asiarchen auf freundschaftlichem Fuß wie mit Gleichgestellten verkehren ließ und ihn so über die Winkelexistenz hinaushob, in der sich das Große nicht ereignen kann (605).

3.12 Apg 26,1-32: Paulus vor Agrippa und Festus

Paulus war durch die Appellation der Jurisdiktion des Festus entnommen. Also hatte dieser die Schuldfrage gar nicht mehr zu beurteilen. Damit fehlt jeder Anlass, dafür den in Wirklichkeit gar nicht geeigneten König Agrippa zu bemühen. Auch die Durchführung dieser Szene spricht gegen einen historischen Kern. Von einem wirklichen Urteilsspruch redet Lukas nicht. Er weiß (32), dass der Fall dem Festus aus der Hand genommen ist. So bleibt eine Gerichtsverhandlung ohne Kläger und Zeugen übrig. Nur der Angeklagte spricht. Ohne Anklage beginnend, endet diese Szene mit einem für Paulus günstigen inoffiziellen Gespräch (616f).

Es geht hier nicht um den historischen Prozess des Paulus, sondern um den Kampf des Judentums gegen die christliche Mission, die Paulus als siegreicher Anwalt vertritt. Lukas hat seine Rede sorgfältig entworfen und genau auf das Auditorium abgestimmt.

Die Lebensgeschichte des Paulus wird nur angedeutet. Das Diasporajudentum des Paulus ist ausgelöscht. Wer 23,3 nicht mehr im Ohr hat, muss meinen, Paulus sei von Geburt an in Jerusalem gewesen. Dann folgt das lkn Argument, Paulus vertrete nur die pharisäische Hoffnungslehre (die hier zur Hoffnung des ganzen Zwölfstämme-Volkes wird). Lukas fügt ein in noch grelleren Farben gehaltenes Bild der pln Christenverfolgung an - ohne eine solche Steigerung wäre die Rede gegen die frühere abgefallen. Ananias muss fortbleiben: nur wenn der himmlische Befehl unmittelbar an Paulus selbst ergeht, leuchtet es ein, dass er “der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam ward” (19) (617).

Neu und wichtig ist, dass “nichts von diesen Dingen im Winkel geschehen ist” (26). Dieses Wort erhellt die lkn Darstellung in der Apg von Anfang an: der Auferstandene war 40 Tage bei seinen Jüngern und fuhr vor vielen Zeugen gen Himmel. Zu Pfingsten erlebten Tausende (2,41) das brausende Kommen des Geistes und seine Wirkung. Die Apostel taten Wunder vor allem Volk (3,9; 5,15: 19.11f) und sprachen zu Tausenden von Zuhörern (4,4) usw. Die ganze Geschichte des Christentums spielt sich in der Öffentlichkeit und vor hohen und höchsten Herrschaften ab. Das Christentum ist keine Winkelangelegenheit mehr, sondern ein Faktor in der Weltgeschichte. Was Paulus geschrieben hatte (“Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen” 1Kor 1,26) ist in der lkn Zeit überholt. In Lukas macht sich ein neues Selbstbewusstsein der Christen geltend. Das Christentum findet Gehör auf dem Areopag und am Hofe des Statthalters. Paulus hat den Statthalter Sergius Paulus zum Glauben gebracht, auf die Prokonsuln Felix und Festus einen tiefen Eindruck gemacht und beinahe den König Agrippa bekehrt (617f).

Unter der lkn Voraussetzung, dass die Christen nur dasselbe verkünden wie Moses und die Propheten, nämlich den Messias und seine Auferstehung, ist eine solche Bekehrung durchaus denkbar: Agrippa glaubte als frommer Jude den Propheten, und die Propheten sind mit den Christen einig. Lukas lässt den König sagen: “Fast bringst du mich dazu, den Christen zu spielen”. Dieses zwischen Ja und Nein, Ernst und Humor spielende Wort nimmt Paulus auf und antwortet mit derselben Verbindung von Ernst und Humor: “Möchtet ihr über kurz oder lang alle werden wie ich abgesehen von diesen Fesseln”. Dieser Paulus weiß, wie man sprechen muss, um bei Hofe wohlgelitten zu sein. Darum bestätigt man ihm auch seine völlige Unschuld, und ohne die leidige Appellation wäre er jetzt frei! Der Leser soll den Eindruck mitnehmen: Paulus war ohne alle Schuld, obwohl er nicht frei kam (618)!

Von 21,27-26,32 variiert Lukas ein und dasselbe Thema: das Verhältnis zwischen Rom, den Juden und den Christen: Die Juden klagen die Christen an und Rom wird als Richter angerufen. Aber in Wirklichkeit steht es nach Lukas anders: Das (von Paulus vertretene) Christentum hat keine Verfehlungen gegen das römische Recht begangen. Die theologischen Differenzen der Juden und Christen bleiben zuletzt als einziger Anklagepunkt übrig. Dafür aber erweist sich die römische Behörde als unzuständig: die Auferstehungsfrage ist ihnen unbegreiflich (618f).

Auf eine Bekehrung der Juden hoffte Lukas nicht mehr. Die Stunde der Bekehrung, die ihnen in Gottes Heilsplan gewährt war, hatten sie nicht genutzt. Obwohl Paulus in Kp 22 zum jüdischen Volk, in 23 zum Synhedrion und in 26 zu König Agrippa spricht, wirbt Lukas mit all dem nicht um eine Bekehrung in letzter Minute. Als Lukas schrieb, lag der Tempel in Trümmern, und kein Christ wurde mehr wegen seiner Stellung zum Tempel angeklagt. Lukas hatte Paulus, den erfolgreichsten Missionar, als die eigentlich treibende Kraft der christlichen Mission dargestellt. Da war es fatal, dass er verhaftet, gefangengehalten, nach Rom gebracht und schliesslich hingerichtet wurde. Insofern war es unbedingt nötig, dass seine Unschuld überzeugend an den Tag kam. Lukas will der Gemeinde eine Lebensmöglichkeit innerhalb des römischen Imperiums erwirken. Warum sollte Rom den christlichen ‘Weg’ nicht tolerieren? Weil die Juden die Christen anklagten? Dem liess sich mit dem Nachweis begegnen, dass gerade die strengste Richtung im Judentum, der Pharisäismus, sich im Glauben an die Auferstehung mit dem Christentum traf. In Kp 23 und 26 hat Lukas das nachdrücklich dargestellt (619f).

Lukas lebt nicht mehr in der Welt des Paulus. Der Tempel in Jerusalem steht nicht mehr, und alles im Gesetz des Mose, was mit dem Tempelkult zusammenhängt, ist gegenstandslos geworden. Die Aufnahme unbeschnittener Heiden in die christliche Gemeinde hat Gott selbst herbeigeführt. Die atl Forderung der Beschneidung kommt für Nichtjuden nicht mehr in Betracht. Die Heidenchristen erfüllen die ihnen im Gesetz gestellten Forderungen. Also kann man ihnen nichts vorwerfen (21,25). Die sittlichen Gebote des Gesetzes haben bei den Christen selbstverständliche Geltung (620).

3.13 Apg 27,1-44: Seefahrt und Schiffbruch

Kaum ist Paulus der Auslieferung an die Juden entgangen, da droht auf der Fahrt nach Rom ein Sturm, ihn und das ganze Schiff zu vernichten. Paulus sieht die Gefahr voraus und warnt. Um seinetwillen rettet Gott auch die Mitreisenden. Paulus verhindert die Flucht der Matrosen und flößt vor der Landung auf Malta allen die rechte Zuversicht ein. Als zuletzt die Soldaten die Gefangenen töten wollen, damit sie nicht fliehen, lässt Gott durch den Centurio alle sicher ans Land bringen und erfüllt damit seine eigene Verheißung (22.34): Paulus, der Gefangene, rettet alle (633)!

Lukas besaß einen Erlebsnisbericht über diese Reise. Paulus war kein vornehmer Reisender mit besonderer Autorität, sondern ein des Aufruhrs angeklagter Gefangener. Darum hatte er bei der Entscheidung nicht mitzureden. Gerade jene erbaulichen Zusätze, die Paulus feiern, sind Zutaten des Vf zu einem Erinnerungsbericht, der von Paulus nichts Besonderes melden konnte, wohl aber Fahrt, Gefahr und Rettung aller schilderte. Die Unwirklichkeit der Szene sieht man am leichtesten in den Vv 21-26: Paulus hält auf stampfendem Schiff im heulenden Sturm eine Rede, als stünde er auf dem Areopag. Der von Lukas übernommene Erinnerungsbericht ging von V 9a direkt zu V 12 über. V 12 sprach von einer Mehrheit, die zum Überwintern nach Phönix weiterfahren wollte. Eine Beratung hat stattgefunden. Natürlich nahmen nur die maßgebenden Männer daran teil. Das waren für Lukas: Paulus, der Centurio, der Reeder und der Kapitän. Aus prophetischer Verbundenheit mit Gott sah Paulus das Kommende voraus. Er hat gewarnt: das Schiff wird mit Mann und Maus untergehen! Nun konnte Paulus sich in einer zweiten Rede (21-26) dahin korrigieren, dass Gott um seinetwillen, weil er vor dem Kaiser Zeugnis ablegen sollte (24), alle Mitfahrenden retten wolle. Paulus konnte die Aufforderung, guten Mutes zu sein (22), damit begründen, dass ihm die Rettung inzwischen offenbart worden war (23f) (633f).

Wahrscheinlich war Paulus ebenso wie die anderen Gefangenen gefesselt und außer Stande, beliebig Reden an das Volk zu halten. Kp 27 ist im hohem Maße literarisch. Es sind gerade die von Lukas eingeschobenen Paulusreden, die diesem Abschnitt den Charakter des Literarischen geben. Die eingeschobenen Szenen entsprechen genau dem lkn Paulusbild. Paulus steht immer im Mittelpunkt. Er ist nie um Rat verlegen. Er spielt die Rolle des wahren Römers auf einem römischen Schiff. Sogar der Centurio schaut zu ihm auf. Paulus ist der Retter des Lebens aller (635).

3.14 Apg 28,1-10: Paulus auf Malta

Die Erzählung von den Ereignissen nach der Landung und vom Aufenthalt auf Malta verbindet Lukas mit Wundergeschichten: Bei der Szene am Feuer steht Paulus allein im Vordergrund. Dass der Centurio nicht mehr genannt wird, ist dadurch bedingt, dass Lukas von nun an bis zum Schluss des Buches die Gefangenschaft des Paulus möglichst zurücktreten lässt. Weil Paulus selbst Reisig für das Feuer sammelt, kommt es zu jenem Zwischenfall mit der Schlange, deren giftiger Biss Paulus nicht schadet. Zunächst halten die Malteser Paulus für einen von der Gottheit verfolgten Mörder, dann für einen Gott. Dass die Geschichte mit dem triumphierenden Satz schließt: “sie sagten, er sei ein Gott”, ist heidnisch empfunden, nicht christlich. Es ist für Lukas bezeichnend, wie ungebrochen er Paulus als einen Wundertäter schildern kann (638f).

In der zweiten Szene hat der Erzähler nur Augen für Paulus, der den fiebernden Vater des hohen Beamten durch Handauflegung und Gebet heilt und danach noch alle Kranken der Insel. Lukas sagt nichts von einer Verkündigung des Evangeliums. Für ihn ist einzig die Fülle der Wunderheilungen wichtig, die Paulus vollbringt. Paulus wirkt bei alledem nicht mehr wie ein Gefangener, sondern nur wie ein mächtiger Wundermann, der rings um sich Segen verbreitet (640).

3.15 Apg 28,11-16: Von Malta nach Rom

Paulus und die Seinen reisen wie freie Leute. Erst V 16b erinnert daran, dass Paulus noch in Haft ist, wenn auch in einer milden. Dieser Reisebericht ist dem von der Fahrt nach Jerusalem zum Verwechseln ähnlich. Lukas hat V 14a eingeschoben, damit während dieser Woche die Ankunft des Paulus den römischen Christen gemeldet werden konnte: sie wussten ja nicht von selbst, dass Paulus in Italien eingetroffen war (642).

Lukas hat an das Wort “Rom”, das er in dem benutzen Reisebericht fand V 15 angeschlossen, von dem in der Quelle nichts stand. Die Doppelangabe dieses Verses Forum Appii und Tres Tabernae, beruht vielleicht darauf, dass Lukas kein so detailliertes Bild vor Augen hatte, als er die beiden bekanntesten Stationen an der Via Appia zwischen Rom und Neapel nannte. Mit V 16a hat er dann seine Vorlage wieder erreicht.

Man könnte Lukas Schweigen über die Gemeinde in Rom - er spricht nur von Christen aus Rom, aber nicht von einer organisierten Gemeinde daselbst! - kritisch dahin auslegen, dass die Beziehungen zwischen ihr und Paulus keineswegs herzlich waren. Aber Lukas hätte sich gehütet, eine solche Spannung auch nur anzudeuten. Obwohl Paulus als Gefangener nach Rom kommt, beginnt er dort mit der christlichen Verkündung und krönt so in der Welthauptstadt sein Werk als der große Missionar des Christentums. Lukas hat sein Bild der pln Weltmission konsequent durchgeführt (643).

3.16 Apg 28,17-31: Paulus in Rom

Die christliche Gemeinde in Rom wird überhaupt nicht erwähnt. Paulus ruft die Leiter der Juden zusammen. Paulus war ein schwerverdächtiger Untersuchungsgefangener, durch Juden in einen Prozess auf Leben und Tod verwickelt, und für die römischen Juden alles andere als eine Respektsperson, deren Ruf man sogleich folgt (649).

Paulus berichtet zunächst über seinen Prozess: hier bestimmt der Schriftsteller die Darstellung. In Betracht kommt nur die Anklage wegen eines Vergehens gegen das jüdische Volk und die “väterlichen Sitten”. Gegen sie hat Paulus sich nicht vergangen. Trotzdem ist er “von Jerusalem” als Gefangener den Römern übergeben worden. Als diese ihn freilassen wollten, habe er wegen des jüdischen Widerspruchs an den Kaiser appellieren müssen. Hier wird jenes Bild des Prozesses angedeutet, das Lukas als das endgültige dem Leser einprägen will. In Wirklichkeit haben die Römer Paulus niemals freilassen wollen, sondern der Jude Agrippa hat in einer von Lukas entworfenen Szene - nach der Appellation - behauptet, man hätte Paulus freilassen können, wenn er nicht appelliert hätte. Dann versichert Paulus wieder, er stehe nur wegen der Hoffnung Israels in diesen Ketten vor ihnen - auch dies ist eine lkn Konstruktion, deren Unwirklichkeit auf der Hand liegt. Und so ergibt sich die unbegreifliche Lage: eigentlich ist niemand schuld - denn Paulus will ja auch sein Volk nicht anklagen - und dennoch steht Paulus, auf Tod und Leben verklagt vor Gericht (649f)!

Die römischen Juden haben anscheinend überhaupt noch nichts Ungünstiges über Paulus vernommen, das ist unglaubhaft. Sie scheinen jedoch - und das ist noch befremdlicher - nicht nur von Paulus, sondern von der ganzen christlichen Sekte bisher kaum etwas gehört zu haben und eigentlich nur zu wissen, dass sie überall auf Widerspruch stößt. Eine derartige Unkenntnis der römischen Juden ist unmöglich. Wir haben allen Grund für die Annahme, dass die christliche Botschaft Ende der 40er Jahre nach Rom gekommen ist und als messianische Predigt zu schärfsten Auseinandersetzungen in der Judenschaft geführt hat (650).

Lukas setzt voraus, dass die römischen Juden ernsthaft Belehrung wünschen, großes Interesse zeigen (es kommen nicht nur die “Ersten” zu Paulus, sondern mehr!), und dass Paulus selbst sie ernst nimmt. Lukas ignoriert die christliche Gemeinde in Rom. Dass er damit den Boden des Historischen verlässt, ist deutlich (651).

Die unhistorische Voraussetzung, dass die römischen Juden das Christentum nur vom Hörensagen kenne, trägt auch die zweite Szene und erschüttert sie damit zugleich. Paulus spricht einen ganzen Tag vom Reich Gottes und dem Jesusgeschehen und bringt den Schriftbeweis dafür. Ein Teil der Juden lässt sich überzeugen, der andere nicht, und miteinander streitend gehen beide Gruppen endlich fort, während Paulus die Weissagung Jes 6,9f erfüllt sieht: Gott hat die Juden verstockt; das Heil ist nun für die Heiden da, und “sie werden hören”! Das ist das letzte Wort des Paulus in der Apg. Die Bahn für die Heidenmission ist endgültig frei (651f).

Es ist sehr merkwürdig, dass Paulus alle Juden als verstockt bezeichnet, während doch die einen “sich überzeugen ließen”. Lukas muss zwei widerstreitende Gedanken vereinen. Einmal ist die christliche Botschaft nach seiner Darstellung in wesentlicher Übereinstimmung mit dem Judentum. Das hatte Lukas in der fiktiven Szene vor dem Synhedrion (23,7ff) durch die Zustimmung veranschaulicht, die die Pharisäer Paulus zuteil werden lassen. Hier hat Lukas sich nicht die Mühe gemacht, wieder den Gegensatz von Pharisäern und Sadduzäern einzuführen. Er passt auch für Rom schlecht. Dann blieb ihm nur übrig, dass er einfach eine jüdische Gruppe Paulus zustimmen liess. Andererseits aber lag es keineswegs in seiner Absicht, hier eine jüdische Bekehrung zu schildern. Im Gegenteil, er wollte die jüdische Verschlossenheit gegen die christliche Botschaft darstellen, die die Heidenmission erzwingt. Beides zusammen ergab die Spannung in unserem Text, dass manche Juden sich überzeugen ließen und doch alle als verstockt behandelt werden (652).

Warum hat Lukas die Tätigkeit des Paulus in Rom in dieser unhistorischen Weise dargestellt? Die letzte Szene des Buches stimmt genau mit jener im pisidischen Antiochia (13,46) und mit der in Korinth (18,6) überein. Dreimal hat Lukas in der Apg ausführlich die Erfahrung geschildert, dass sich die Juden gegen das Evangelium verschließen. Der erste dieser Fälle ereignet sich auf der ersten Missionsreise in Kleinasien, der zweite in der Mitte der pln Tätigkeit in Griechenland, der dritte hier an ihrem Ende in Italien. Das ist kein Zufall, sondern das Werk eines bewusst schaffenden, auf Kunstmittel nicht verzichtenden Autors. Diese drei Szenen machen, stellvertretend für alle entsprechenden, die Grunderfahrung des Paulus und der christliche Mission überhaupt sichtbar. Gegen den Willen der christlichen Missionare wird ihre Verkündigung durch die Ablehnung der Juden zu den Heiden abgedrängt.

Damit, dass Lukas hier die Missionserfahrung des Paulus darstellt, ist nun gegeben, dass er Paulus auch in Rom missionierend vor den Juden auftreten lässt. Paulus ist in Rom kein freier Mann mehr, deshalb muss er die Juden in sein Quartier kommen lassen. Damit wird der Anfang unseres Abschnitts als notwendiges Glied der lkn Komposition durchsichtig. Andererseits kann aber Paulus die Juden nicht einfach zusammenrufen, um ihnen zu predigen. So tritt als Grund der Einladung die Unterrichtung über seine Lage ein. Für Lukas ist es ein Widersinn, dass der Apostel nicht freigelassen wurde. Paulus ist für Lukas eine derartige Respektsperson, dass sich die “Ersten der Juden” selbstverständlich sogleich auf seine Aufforderung hin bei ihm einstellen. Lukas hat stets sein Glaubensbild des Paulus vor Augen und nicht das Bild, das die Gegner des Paulus nach 2Kor 10,10 besessen haben: “Seine Briefe, sagen sie, wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich” (652f).

Die Lage, dass Paulus als Missionar vor den römischen Juden spricht, kann nur eintreten, wenn Paulus bei ihnen noch nicht in Misskredit gekommen ist. Die römischen Juden dürfen auch das Christentum noch nicht genau kennen. Dem entspricht V 22. Damit ist die Missionssituation hergestellt: Unkenntnis der christliche Botschaft, verbunden mit dem Willen, etwas darüber zu erfahren.

Lukas hat die römischen Christen beim Kommen des Paulus nach Rom kurz berücksichtigt, sie eilen Paulus entgegen und geben ihm mit ihrem Anblick Mut. Damit hat Lukas der römischen Gemeinde - außerhalb Roms - die ihr zukommende Erwähnung zuteil werden lassen. Als er den römischen Aufenthalt des Paulus schildert, braucht er sie nicht mehr (653).

Es war Lukas gelungen, die Fahrt des Paulus von Cäsarea nach Rom zu einem Triumph des Gottesmannes zu gestalten. Die Gefangenschaft muss dazu dienen, seine Aktivität im hellsten Licht zu zeigen. Der Leser schließt das Buch mit der Überzeugung, dass Paulus in den zwei Jahren dieses Aufenthaltes es erlebt hat, dass “die Heiden hören”. In Rom wirkt Paulus “ungehindert”, das besagt, dass die römische Staatsmacht dem jungen Christentum wohlwollend gegenüberstand und seine Verkündung zuliess (654).