3. Der Prozess gegen Paulus (Apg 21,27-28,31)

E. Haenchen (196514)

Lukas war kein Historiker in unserem Sinne. Als antiker Historiker genoss er Freiheiten, die wir heute nur noch dem historischen Roman zubilligen (673)

3.1 Apg 21,27-36: Die Verhaftung des Paulus 
3.2 Apg 21,37-40: Paulus spricht mit dem Tribun 
3.3 Apg 22,1-21: Die Rede des Paulus im Tempelvorhof
3.4 Apg 22,22-29: Paulus beruft sich auf sein römisches Bürgerrecht
3.5 Apg 22,30-23,11: Paulus vor dem Hohenrat
3.6 Apg 23,12-35: Verschwörung gegen Paulus, Transport nach Cäsarea
3.7 Apg 24,1-23: Die Verhandlung vor Felix
3.8 Apg 24,24-27: Felix und Paulus
3.9 Apg 25,1-12: Die Appellation an den Kaiser
3.10 Apg 25,13-22: Festus und Agrippa
3.11 Apg 25,23-27: Festus stellt Paulus der Versammlung vor
3.12 Apg 26,1-32: Paulus vor Agrippa und Festus
3.13 Apg 27,1-44: Seefahrt und Schiffbruch
3.14 Apg 28,1-10: Paulus auf Malta
3.15 Apg 28,11-16: Von Malta nach Rom
3.16 Apg 28,17-31: Paulus in Rom

3.1 Apg 21,27-36: Die Verhaftung des Paulus

Als Paulus sich am Ende der Reinigungsfrist im Tempel befand, wurde er von ephesischen Juden, die ihn zuvor mit Trophimus in der Stadt gesehen hatten, erkannt. Sie vermuten, er habe den Unbeschnittenen in den heiligen Bereich mit hineingenommen, der für Nichtjuden bei Todesstrafe verboten war, und hetzten mit dieser Anklage die Menge auf. Paulus wird aus dem heiligen Bereich herausgeschleppt, dann schlägt man auf ihn ein. Die Menge hätte ihn umgebracht, wenn nicht die alarmierte römische Wache ihr den Gefangenen abgenommen hätte. Da von der wild durcheinanderbrüllenden Menge nicht zu erfahren war, was es mit ihm für eine Bewandtnis hatte, wurde er zur Vernehmung in die Burg Antonia gebracht (547f).

Lukas steigert den Tumult auf dem Tempelplatz: “Jerusalem ist in Aufruhr”! wird dem Tribun gemeldet. Dieser an der Spitze seiner Soldaten und Offiziere eilt herbei und nimmt die Verhaftung persönlich vor. Als Paulus an die Treppe kommt, wird er von den Soldaten getragen, um vor der Gewalt des andrängenden Volkes bewahrt zu bleiben. Paulus mußte getragen werden, weil er nach dem Lynchversuch der Menge nicht mehr im Stande war, die Stufen selbst zu ersteigen. Das aber konnte Lukas nicht berichten, denn Paulus wird sofort von eben dieser Treppe aus eine Rede halten (548)!

3.2 Apg 21,37-40: Paulus spricht mit dem Tribun

Unmittelbar vor dem Kasernentor redet Paulus den Tribun höflich an. Dieser, erstaunt darüber, dass sein Gefangener Griechisch spricht, fragt: ob er nicht “der Ägypter” sei, der “vor diesen Tagen” mit 4.000 Anhängern in die Wüste zog. Paulus gibt sich in elegantem Griechisch als Jude und Bürger der berühmten Stadt Tarsus zu erkennen und bittet, zum Volk reden zu dürfen, was der Tribun sofort gestattet. Als die Menge sieht, dass Paulus Rednerhaltung annimmt, wird sie still, und er beginnt eine aramäische Ansprache (550).

Ein Mann, auf den soeben noch eine fanatische Menge eingeschlagen hat, ist physisch überhaupt nicht mehr fähig, eine solche Rede zu halten. Dieser Grund genügt, um die Rede und das sie vorbereitende Gespräch als unhistorisch zu erweisen. Wie der Tribun auf den Gedanken kommt, sein Gefangener sei ausgerechnet “der Ägypter” ist rätselhaft. Ebenso dunkel bleibt es, warum er plötzlich diese Ansicht aufgibt, als Paulus Griechisch spricht. Weiter ist unbegreiflich, dass der Tribun dem soeben Verhafteten zur Menge zu reden erlaubt, nur weil der sich für einen Juden aus Tarsus ausgibt. Ob der Tribun Aramäisch versteht, ist ein Problem für sich. Die Menge, die soeben noch schrie: “Bringt ihn um”! wird plötzlich still, nur weil Paulus sich zu reden anschickt. Von wo aus man diese Situation prüft, ergibt sich dasselbe: diese Situation ist ungeschichtlich (550f).

Für Lukas kam es nicht darauf an, einen historisch korrekten Abriss der messianischen und unmessianischen Aufstandsbewegungen zu geben. Er hat vielmehr die verschiedenen Gruppen zu einer einzigen Erscheinung vereinigt und damit das Bild einer religiösen Aufruhrbewegung geweckt, die man Paulus zur Last legte. Der Verdacht, Paulus gehöre in diese Gesellschaft, wird sofort aufgegeben. Dass der Tribun seine Vermutung über Paulus äußert, unterrichtet den Leser, der von Anfang an darüber belehrt wird, dass das Christentum nichts mit politischem Messianismus zu tun hat und in diesem seinen unpolitischen Charakter auch sogleich anerkannt worden ist. Nur wer dieses Gespräch als Darstellungsmittel begreift, das die wahre Natur des christlichen “Weges” in anschaulich-lebendiger Kürze von einer entscheidenden Missdeutung befreit, würdigt die lkn Darstellung, wie es ihr gebührt (552).

3.3 Apg 22,1-21: Die Rede des Paulus im Tempelvorhof

Paulus ist beschuldigt, den Tempel entweiht zu haben, indem er einen Heiden in den heiligen Bereich mitgenommen habe. Er erwähnt jedoch diesen Vorwurf gar nicht, sondern er schildert seine jüdische Vergangenheit, seine Berufung und schliesslich seine Wendung zur Heidenmission, die ihm im Tempel selbst befohlen wurde (557).

Es lag nicht in der Absicht des Lukas, den Prozess des Paulus genau zu schildern. Es muss sich um einen sehr schweren Vorwurf gehandelt haben, denn Paulus ist in einen Kapitalprozess verwickelt, in dem es um Leben und Tod geht. Lukas hatte nicht das mindeste Interesse daran diese Anklage mit aller historischen Genauigkeit aufzufrischen. Ihm ging es um die Auseinandersetzung des Christentums mit dem Judentum, um das Problem seiner eigenen Gegenwart. Zwischen dem Judentum und dem Christentum stand die christliche Heidenmission, die Aufnahme von Heiden in das Gottesvolk. Paulus war der große Heidenmissionar. Darum war es sachgemäß, dass er hier als der Angeklagte stand, der sich verteidigen mußte. Lukas lässt Paulus nicht auf jenen inzwischen so belanglos gewordenen Vorwurf der Tempelentweihung eingehen, sondern auf die entscheidende Frage nach dem Recht der christlichen Heidenmission. Sie ist nicht aus menschlicher Willkür entsprungen (Kp 10), und der fromme und gesetzesstrenge Jude Paulus hätte von sich aus nie daran gedacht (558)!

Dass Paulus ein solcher frommer Jude war, wird nun in dieser Rede so deutlich wie möglich herausgestellt. Paulus ist allerdings nicht in Jerusalem geboren, aber er ist doch schon seit seiner frühesten Kindheit dort aufgewachsen. Dann hat er dort, zu den Füßen des berühmtesten Rabbi seiner Zeit, studiert, in der genauen Erfüllung des Gesetzes unterwiesen, ein ebensolcher Eiferer für Gott wie die Juden, die ihn soeben noch zu lynchen versuchten. Als ein solcher Eiferer hat er “diesen Weg” - der Christusname wird vermieden - mit den schärfsten Maßnahmen verfolgt, was mit den Worten “bis zum Tod” (4) angedeutet ist. Dann wird der Zug nach Damaskus erzählt - mit Vollmacht vom Hohenpriester und Synhedrion! und das Ereignis vor Damaskus (558).

Ananias erscheint hier ganz als frommer Judenchrist. Der durch ihn repräsentierte Kreis, in den Paulus durch seine Berufung kam, war genau so gesetzesfromm, wie es Paulus bisher gewesen war. Die Bekehrung bedeutete also hiernach keinen vollständigen religiösen Bruch mit der Vergangenheit des Paulus; sie lässt ihn nicht dem Gesetz neu gegenübertreten, sondern nur Jesus, der mit dem atl klingenden messianischen Würdenamen “der Gerechte” genannt wird. Paulus soll allen Menschen das bezeugen, was er gesehen und gehört hat. Die entscheidende Wendung zur Heidenmission lässt Lukas erst in einer neuen Szene eintreten. Paulus kehrt von Damaskus nach Jerusalem zurück und erlebt dort im Tempel, den er als frommer Jude selbstverständlich aufsucht, eine Verzückung, in der ihm Jesus (wieder wird er nicht mit Namen genannt) gebietet, Jerusalem sofort zu verlassen, weil die Juden sein Zeugnis doch nicht annehmen. Paulus wendet ein: er habe doch die Christen erbittert verfolgt. Diese Verfolgung und der Anteil des Paulus daran erscheint insofern noch größer als in Kp 9, als eine Menge von Todesurteilen vorausgesetzt wird (4f). Diesem Verfolger sollten die Juden doch eigentlich Glauben schenken, wenn er nun von Jesus Zeugnis ablegt. Der Herr befiehlt: “Geh, ich sende dich weit zu den Heiden”. Damit ist in einer ganz neuen, allem früher Erzählten gegenüber durchaus selbstverständlichen Weise die pln Heidenmission auf einen unmittelbaren Befehl Jesu an ihn zurückgeführt (559).

So ist nicht nur die Heidenmission erneut gerechtfertigt, sondern zugleich auch der Punkt erreicht, wo Lukas wieder in die Rahmenerzählung einlenkt: dass Jesus - ausgerechnet bei einer Entrückung im Tempel! - Paulus zu den Heiden fortgeschickt haben soll, genügt, um die Menge erneut in wildes Gebrüll ausbrechen zu lassen: V 22 entspricht genau 21,36.

Lukas hatte in 21,28 die Juden aus Ephesus den Paulus nicht nur wegen Trophimus anklagen lassen - dieser Vorwurf wird mit einem ‘dazu auch noch’ nur angefügt -, sondern dass er gegen das Volk, das Gesetz, den Tempel lehre, war der eigentliche Vorwurf. Diese Anklage lässt sich nach 21,21 dahin verstehen, dass Paulus die Juden dem Gesetz und Tempelkult entfremdet, wobei das Unterlassen der Beschneidung besonders erwähnt wird. Aber die Lehre gegen das Volk, also das auserwählte jüdische Volk, das Gesetz und den Tempel lässt sich auch dahin verstehen, dass sie die beschneidungsfreie Heidenmission meint: bei ihr wird ja der Vorzug des jüdischen Volkes geleugnet, das Gesetz nicht mehr befolgt und damit der Tempelkult bedeutungslos. Wenn Paulus in Kp 22 also die christliche Heidenmission verteidigt, so entspricht das mithin sogar der jüdischen Anklage, die Lukas in Kp 21 genannt hatte. Man sieht, dass Lukas das Problem, mit dem sich Kp 22 beschäftigt, bereits in Kp 21 ins Auge gefasst hatte: es ist sein eigenes, das seiner eigenen Zeit (559f).

Diese Rede verwebt kunstvoll die Vergangenheit des Paulus und die Gegenwart des Lukas miteinander. Paulus verteidigt sich gegen Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden. Im Grunde spricht er gar nicht von einer damals schon überholten Vergangenheit - der Tempel lag längst in Trümmern, als Lukas die Apg schrieb -, sondern von der für Lukas und die Christen seiner Zeit brennenden Frage: lässt sich das Christentum in ungebrochener Kontinuität mit dem Judentum verstehen? Wenn das möglich ist, dann kann die christliche Lehre als innerjüdische Sekte und damit als religio licita anerkannt werden. Hier wird gezeigt, dass der größte christliche Heidenmissionar, ein frommer und gesetzestreuer Jude war, den nur wegen des jüdischen Unglaubens ein göttlicher Befehl zu den Heiden sandte. Wenn es sich aber so verhält, dann gibt es keine grundsätzliche Kluft zwischen Judentum und Christentum, dann ist die Kontinuität zwischen beiden ungebrochen und das Christentum kann beanspruchen, als Judentum toleriert zu werden (560).

3.4 Apg 22,22-29: Paulus beruft sich auf sein römisches Bürgerrecht

Die Menge gerät aufs neue in rasende Wut und gebärdet sich wie toll. Daraufhin befiehlt der Tribun, Paulus in die Kaserne zu bringen und dort peinlich zu verhören. Schon bindet man ihn zur Geißelung fest. In diesem Augenblick höchster Spannung fragt Paulus den mit der Exekution beauftragten Feldwebel, ob man hier mit römischen Bürgern, noch dazu ohne Untersuchung, derart umgehe. Nun erfolgt der Umschlag: mit einemmal ist Paulus wieder ein geachteter und korrekt, ja höflich behandelter Mann. Der benachrichtigte Tribun eilt selbst herbei, lässt sich die überraschende Tatsache, dass Paulus ein römischer Bürger ist, bestätigen und hebt den Wert dieses Bürgerrechts damit hervor, dass er der hohen Summe gedenkt, für die er selbst es erworben hat. Aber diese Bemerkung lässt Paulus erneut als überlegen erscheinen: er ist sogar ein geborener Römer! Kein Wunder, dass es der Tribun nun mit der Angst bekommt, weil er diesen Mann in Ketten gelegt hat (563)!

Lukas hat die Rede und die sie vorbereitende Szene selbst entworfen. Es ist erstaunlich, wie er die geringen Möglichkeiten verwertet hat, welche die einmal begonnene Handlung bot. Der wirkungsvolle Abschluss der Rede, die neu ausbrechende Wut der Menge, bestätigt das Wort des Herrn, die Juden würden das Zeugnis des Paulus nicht annehmen. Zugleich gibt sie dem Tribun Anlass, nun die Geißelung des Gefangenen anzuordnen, um so die Wahrheit aus ihm herauzuholen. Lukas hat das Motiv, dass die römische Behörde über den Fall des Paulus keine Klarheit gewinnen kann, immer wieder verwendet (23,1.28; 24,22; 25,20-26). Hier dient es dazu, das römische Bürgerrecht des Paulus an den Tag zu bringen. Als guter Erzähler, der die Spannung aufs höchste steigen lässt, lässt Lukas seinen Helden erst im letzten Augenblick das lösende Wort sprechen. Für Lukas genügte das Bürgerrecht von Tarsus, um die Nichtidentität des Paulus mit dem “Ägypter” nachzuweisen. Darum hat er sich das römische Bürgerrecht für eine weitere Szene aufgespart, in der es die Korrektheit der römischen Behörde erweist und zugleich eine unerhört spannende Situation schafft (563f).

3.5 Apg 22,30-23,11: Paulus vor dem Hohenrat

Der Tribun möchte wissen, was die Juden gegen Paulus haben. Den “Römer” darf er zwar nicht mehr peinlich verhören, aber er konnte ihn doch vernehmen. Auf diesen Gedanken kommt er nicht. Statt dessen beruft er das Syhedrion ein. Es wäre naiv anzunehmen, der Kommandeur der römische Wachtruppe hätte die Befugnis gehabt, das Synhedrion antreten zu lassen. Außerdem ist diese Maßnahme unzweckmäßig: der Hoherat war bei dem Tumult auf dem Tempelplatz nicht dabei, abgesehen vielleicht vom Tempelhauptmann. Wenn der Tribun sich mit diesem besprochen hätte, so wäre das sachdienlich gewesen. Aber er versammelt das Synhedrion und wohnt als unreiner Heide selbst der Sitzung bei (568).

Die Verhandlung beginnt sehr eigenartig. Ohne von jemandem aufgefordert zu sein, fängt Paulus an zu sprechen. Paulus versichert, er habe immer ein gutes Gewissen gehabt. Daraufhin lässt ihn der Hohepriester auf den Mund schlagen, ohne dass der Tribun den römischen Bürger schützt. Paulus (“man schmäht uns, so segnen wir” 1Kor 4,12) antwortet mit einer Verfluchung, die den Gegnern so den Atem verschlägt, dass sie nur schwach protestieren; er habe doch den Hohenpriester vor sich. Die Antwort des Paulus, er habe nicht gewusst, dass er der Hohepriester sei, ist so unglaubhaft, dass sie die Theologen zu verzweifelten Anstrengungen veranlasst hat: vielleicht sei Paulus kurzsichtig gewesen und habe darum den Hohenpriester nicht erkannt, oder er habe im Stimmgewirr nicht wahrnehmen können, wer den Befehl gab, ihn auf den Mund zu schlagen. Paulus entschuldigt sich und verbindet damit zugleich einen Beweis seiner Schriftgelehrsamkeit (568f).

Neu und im Widerspruch zum Eingang des Abschnitts ist die Feststellung des Paulus: “Du sitzt hier, um mich nach dem Gesetz zu richten” und “ich stehe vor Gericht...” (6). Damit ist unter der Hand der Charakter der Szene verwandelt worden: sie ist zum Tribunal geworden und Paulus muss sich verantworten. Nicht wegen des Vorfalls im Tempel, sondern weil er ein Expharisäer ist und die pharasäische Lehre von der Totenauferstehung und die messianische Hoffnung vertritt. Sofort beginnen die Pharisäer und Sadduzäer leidenschaftlich miteinander zu disputieren, als ob sie nicht seit vielen Jahren schon im Hohenrat zusammen gearbeitet hatten und ihre theologischen Unterschiede hinreichend kannten! Außerdem wussten beide Parteien gut genug, dass die Stellung des Paulus zum Gesetz für sie unannehmbar war und dass gerade sie ihm die Todfeindschaft des Judentums eintrug. Darum ist die Art, wie hier die Pharisäer als Verteidiger des Paulus auftreten und sogar die Christophanie vor Damaskus rechtfertigen, eine historische Unmöglichkeit. Das Pro und Contra nimmt derartige Formen an, dass der Tribun die Wache aus der Burg Antonia herabkommen lassen muss, um Paulus der aufgeregten Parteinahme für oder gegen ihn zu entreißen (10) (569).

Lukas will kein Verhandlungsprotokoll geben. Für ihn ist die Anklage gegen Paulus nicht eine Sache der Vergangenheit, sondern die Gegenwartsfrage des Christentums. Dass sich das Christentum vom Judentum, von der wahren Religion, getrennt hat, das ist der wirkliche Vorwurf, gegen den Lukas das Christentum in seinem Anführer Paulus verteidigen will. Diese Rechtfertigung gibt Lukas nicht in einer theologischen Darlegung, sondern in einer Reihe von lebendigen und packenden Bildern und Szenen. Als Schriftsteller weiß Lukas um das Gesetz der Steigerung. Die Auseinandersetzung auf höchster Ebene, d.h. vor Statthaltern und Königen, darf nicht am Anfang stehen; sie kann erst den krönenden Abschluss bilden. Schon in der Verhandlung vor dem Hohenrat muss deutlich werden, dass Paulus zu Unrecht! als Angeklagter vor den Vertretern des Judentums steht. Das Durcheinander (Vers 9), das entsteht, hilft Lukas zur Veranschaulichung seiner These, dass das Judentum in dieser Frage keine Einheit bildet (569f).

Der Tribun, der die Lage nicht durchschaut, sondern erst Aufklärung darüber sucht, kommt als Leiter der Versammlung nicht in Betracht. Aber auch der Hohepriester nicht. Er und mit ihm das Judentum wird sich bis Kp 25 umsonst bemühen, das Heft in die Hand zu bekommen. Mittelpunkt der Szene kann nur Paulus sein, und so lässt Lukas ihn kühn mit dem Satz beginnen, dass er bis auf diesen Tag vor Gott mit gutem Gewissen gewandelt ist. Lukas beschreibt mit diesem Satz die Kontinuität von Judentum und Christentum, wie sie bruchlos zunächst in Paulus mit exemplarischer Deutlichkeit zu Tage getreten ist. Wenn Paulus mit diesem Satz im Recht ist, dann hat der Hohepriester und die ganze jüdische Anklage, die er vertritt, ihr Recht verloren. Dass es sich tatsächlich so verhält, wird in der Antwort des Paulus deutlich: mit einem prophetischen Wort kündigt Paulus dem stolzen Ananias das göttliche Gericht an (23,3) (570).

Wieder ergreift Paulus die Initiative, er ruft nur einen einzigen Satz in die Versammlung hinein: “Ich bin ein Pharisäer, aus einer streng pharisäischen Familie; ich stehe vor Gericht wegen der (messianischen) Hoffnung und der Auferstehung der Toten” (23,6). Es geht Lukas um die Wahrheit, dass zwischen Juden und Christen die Brücken nicht abgebrochen sind. Es ist die Überzeugung des Lukas, dass zwischen Pharisäismus und Christentum Gemeinschaft im Letzten möglich ist: auch die Pharisäer hoffen auf den Messias, warten auf die Auferstehung der Toten. Darin sind sie mit den Christen einig. Ihr Fehler ist nur, in dieser Hoffnung und diesem Glauben sind sie Jesus gegenüber nicht konsequent. Die Auferstehung Jesu und seine damit bewiesene Messianität ist dem jüdischen Glauben nicht zuwider (571).

Das macht Lukas in einer bewegten Massenszene sichtbar. Das Judentum gibt in sich zwei Richtungen Raum: der einen ist Auferstehung, Geist, Engel eine Glaubenswirklichkeit, der andern nicht. Dann steht aber die erste Gruppe notwendig auf Seiten der Christen, und d.h. hier des Paulus und muss für ihn eintreten: “Wir finden nichts Verwerfliches an diesem Mann” (23,9)! Selbst die Christuserscheinung vor Damaskus erlaubt eine pharisäische Interpretation.

Der wilde Tumult zwischen Pharisäern und Sadduzäern zeigt, dass das Christentum eine innerjüdische Angelegenheit ist. Die herbeigerufene Wachkompanie - damit Rom! - rettet Paulus das Leben (571f).

3.6 Apg 23,12-35: Verschwörung gegen Paulus, Transport nach Cäsarea

Genau und mit betonender Wiederholung (23,12f.14.21) wird von dem jüdischen Komplott erzählt. Die Verschwörer wollen nicht essen und trinken bis sie Paulus umgebracht haben. Damit sie eine Gelegenheit zum Mord haben, soll das Synhedrion den Tribun bitten, Paulus zur weiteren Information in den Hohenrat zu schicken; unterwegs soll er überfallen werden. Das Synhedrion geht auf den Mordplan ein, ohne dass die soeben gezeigte Sympathie der Pharisäer für Paulus sich geltend machte. In Lukas Augen war der Hoherat von so verblendeter Wut erfüllt, dass er auch vor der Beihilfe zum Mord nicht zurückschreckte (577).

Der Anschlag wird einem Neffen des Paulus bekannt. Durch die Vermittlung des Paulus und eines Centurio gelangt dessen Wissen zum Tribun. Den Mordplan macht Lukas geschickt zum Anlass für den Tribun, den Gefangenen schnell und heimlich zum Statthalter zu schicken. Der Tribun mußte den römischen Bürger Paulus auf jeden Fall nach Cäsarea senden, wenn die jüdische Behörde die Aburteilung des Gefangenen für sich beanspruchte; für solche Fragen war er nicht zuständig. Indem aber dieser Transport mit der Verschwörung gekoppelt wird, verwandelt sich eine langweilige Routineangelegenheit in eine Erzählung voll atemloser Spannung; zugleich konnte Lukas das Eintreten der römischen Behörde für Paulus im hellsten Licht zeigen. Nun rettet Rom dem Apostel schon zum dritten Mal das Leben (21,32f im Tempel, 23,10 im Hohenrat, und hier 23,22)! Der Tribun legt in seinem Begleitbrief die Verhandlung genau so aus, wie Lukas es wünscht: Paulus, der römischer Bürger, hat nichts getan, was Tod oder Kerker verdiente. Sein Konflikt mit den Juden gründet in innerjüdischen Differenzen, wie sie zwischen Pharisäern und Sadduzäern bestehen. Damit wird Paulus durch den höchsten Vertreter Roms, der bisher mit dem Prozess zu tun hatte, entlastet (577f).

3.7 Apg 24,1-23: Die Verhandlung vor Felix

Die Szene in Kp 24 lässt die Gegner und Paulus in Wechselrede vor dem Vertreter Roms zu Wort kommen. Für die Juden führt ausschliesslich der Rhetor Tertullus das Wort. Er versteht sein Handwerk und ist ein gefährlicher Gegner. Die eigentliche Anklage gliedert sich in zwei Teile: 1. Paulus ist Vorkämpfer der Nazoräersekte, der überall bei den Diasporjuden Unruhen erregt und sich damit als eine “Pestbeule” der Gesellschaft erweist. 2. Er hat versucht, den Tempel zu entweihen (585).

Paulus beginnt mit einer capitatio benevolentiae: Felix ist schon “viele Jahre Richter für dieses Volk” gewesen, er kennt also die Verhältnisse. Darum verteidigt Paulus sich zuversichtlich. Paulus geht zunächst auf die Anklage “Aufruhr” ein. Er weist nach, dass er in den wenigen Tagen seiner Anwesenheit nirgends als Redner aufgetreten ist, weder im Tempel noch in den Synagogen oder in der Stadt. Paulus kommt zum nächsten Punkt: er räumt ein, dass er dem “väterlichen Gott” nach dem “Weg” dient. Lukas verwendet den Begriff “Weg” so gern, weil er die neue Jesusreligion als eine eigene Größe bezeichnet und sie trotzdem nicht vom Judentum losreißt. Der Begriff erinnert aufs stärkste an atl Wendungen wie “die Wege des Herrn”, die das Judentum als die gelebte wahre Religion hinstellten. Dieser Weg hat Paulus nicht aus dem Judentum hinausgeführt; er glaubt alles im Gesetz und Propheten. Für den Christen Lukas ist Tod und Auferstehung des Messias Jesus überall in der heiligen Schrift vorhergesagt (vgl. Lukas 24,27). Paulus kann sagen, er habe dieselbe Hoffnung wie seine Gegner. Weil Paulus die Auferstehung aller (und damit das Gericht) erwartet, bemüht er sich, vor Gott und Mensch ein gutes Gewissen zu haben (585f).

Zur angeblichen Tempelschändung: Paulus der Pilger kam nach vielen Jahren, um Almosen für sein Volk und Opfer zu bringen. Bei diesem frommen Tun fanden ihn, einen soeben “geheiligten” Mann, im Tempel einige kleinasiatische Juden, die hier fehlen, also nichts bezeugen können. Die anwesenden Juden können nur bezeugen, dass sich Paulus als Pharisäer zur Totenauferstehung bekannt hat. Damit erklingt zum Schluss noch einmal das Thema, das Judentum und Christentum nach Lukas verbindet und ihre wesentliche Einheit hervorhebt.

Felix gibt der Klage nicht statt, sondern teilt seinen Vertagungsbeschluß mit. Bis er Lysias gehört hat, wird das Urteil verschoben. Paulus kommt in erleichterte Haft (586).

Zum Vorwurf, dass er der Anführer der Nazoräer sei, äußert sich Paulus nicht. Lukas hat nichts dagegen, dass man in Paulus den Repräsentanten des Christentums sieht. Denn es geht in diesen Kapiteln nicht nur um den Menschen Paulus, sondern um die Sache des Christus. Der neue Glaube, das wird hier wiederum betont, ist kein Verrat am alten. Die Auferstehungshoffnung ist die Klammer, die beide zusammenhält. Dass die Sadduzäer nicht an die Auferstehung glauben, besagt nur, dass es sich um eine innerjüdische Glaubensfrage handelt, und in eine solche braucht Rom sich nicht einzumischen, wo immer sie aufbricht. So ist auch die Frage nach dem ‘Aufruhr’ in der Diaspora mitbehandelt (587).

3.8 Apg 24,24-27: Felix und Paulus

Felix war der zweite der vier großen Zeugen für die Unschuld des Paulus. Dieses Zeugnis besaß nur dann Wert, wenn der Statthalter zunächst als korrekter und aus Sachkenntnis wohlwollender Beamter erschien. Darum hat Lukas zunächst alle ungünstigen Züge aus seinem Bild ferngehalten, obwohl er sie kannte (V 26). Felix hatte einen Grund, Paulus nicht freizugeben: er wollte sich mit den Juden gutstellen und opferte darum den als unschuldig Erkannten. Paulus wäre freigelassen worden, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit gegangen wäre (590f).

Nach zweijähriger Amtszeit wurde Porcius Festus Nachfolger des Felix.