1.2 Die Eschatologie der Grundschrift

Die Grundschrift spricht kaum ausdrücklich von der Eschatologie, es geht ihr ja ausschließlich um den Nachweis, dass Jesus der Messias, der von Moses verheißene Prophet-Messias ist. Aber wir können ihre Anschauung indirekt erfahren aus der Auseinandersetzung des Evangelisten mit dem hinter der Grundschrift stehenden Judenchristentum. Sehr oft sind es mit doppeltem Amen eingeleitete Worte im Mund Jesu, in denen der Evangelist die eschatologische Anschauung des Judenchristentums der Grundschrift mehr oder weniger wörtlich wiedergibt, freilich nur zu dem Zweck, um in der Person und Verkündigung Jesu als gegenwärtig und erfüllt aufzuzeigen, was das Judenchristentum erst von der eschatologischen Zukunft erwartete (360).

Die traditionelle futurische Eschatologie kommt zum Ausdruck in der Erwartung des Gottesreichs (der Gottesherrschaft) und in der Erwartung der Parusie Jesu als des Menschensohns mit den damit verbundenen Akten der allgemeinen Totenauferweckung und des letzten Gerichts. Voraussetzung für das Eingehen in das Gottesreich ist der Empfang der in der judenchristlichen Gemeinde geübten Taufe, die als Fortsetzung der von Jesus getätigten messianischen Taufe (Jh 3,22f;  4,1), der Taufe mit heiligem Geist (Jh 1,33), zu verstehen ist und das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias beinhaltet. Das jhn Judenchristentum erwartet die Wiederkunft Jesu vom Himmel her (Parusie) als des Menschensohns (MSs), der die Toten erwecken und das letzte Gericht halten wird. Das geht aus Texten hervor, die als korrigierende Neuinterpretation des Glaubens des Judenchristentums verstanden werden müssen (361):

Jh 1,51: Amen, Amen, ich sage euch, ihr werdet sehen den Himmel geöffnet und die Engel Gottes hinaufsteigend und herabsteigend auf den (über dem) MS“. Nach G. Richter handelt es sich hier um eine Aussage über die Parusie Jesu als des MSs am Ende der Zeiten. Jh 5,25: Amen, Amen, ich sage euch: Es kommt die Stunde und jetzt ist sie (da), dass die Toten hören werden die Stimme des Gottessohnes (des MSs), und die sie hören werden, die werden leben“. In diesem Satz liegt der Wortlaut der futurisch-eschatologischen Erwartung des Judenchristentums vor, die der Evangelist durch seine Variierung und Zusätze als (im Gottessohn Jesus) gegenwärtig und erfüllt verkündet. Und wenn der Evangelist die bereits in der Gegenwart ausgeübte eschatologische Richterfunktion Jesu mit dem Satz begründet: „weil er der Menschensohn ist“ (5,27), dann liegt die Beweiskraft dieses Satzes in dem judenchristlichen Glauben, dass Jesus als der am Ende der Zeiten vom Himmel kommende MS der eschatologische Richter ist. Jh 11,24: Auf die Worte Jesu: „dein Bruder wird auferstehen“ (V 23) sagt Marta zu Jesus: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am letzten Tag“. Der Evangelist lässt dieses Bekenntnis nur deshalb von Marta aussprechen, um zu verkünden, dass die Erwartung jetzt – im Glauben an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes – zur Erfüllung kommt (361f).

Jh 12,34: Der Evangelist lässt Jesus die Notwendigkeit des Erhöhtwerdens verkünden (12,32). Er lässt die Volksmenge verstehen, dass damit Jesu Kreuzestod (bzw. sein Weggang aus der Welt) gemeint ist. Die Volksmenge antwortet (V34): „Wir haben gehört aus dem Gesetz, dass der Christus bleibt in Ewigkeit, wie kannst du sagen, dass der MS erhöht werden muss? Wer ist dieser MS“? Der Satz ist (in Bezug auf den Kreuzestod Jesu) der geläufige Einwand des Judentums gegen die vom Judenchristentum der Grundschrift verkündetet Messianität Jesu. Der Evangelist verbindet diesen jüdischen Einwand mit dem Einwand des Judenchristentums gegen die bereits gegenwärtige MSfunktion Jesu (= gegen die Sohn-Gottes-Christologie) und stellt so das Judenchristentum auf eine Stufe mit dem ungläubigen Judentum. In der Antwort, die der Evangelist Jesus geben lässt (V35), wird auf die Frage des V34 nicht eingegangen, es wird nur wieder betont, dass sich in der Gegenwart (in der Entscheidung für oder gegen Jesu Gottessohnschaft) das Eschaton vollzieht, d.h.: die Parusie Jesu als des MSs, wie sie das Judenchristentum erwartet, findet jetzt statt. Wenn Jh 3,14-18 vom Evangelisten stammen sollte, wäre auch dieser Text auf dem Hintergrund des judenchristlichen Einwandes zu verstehen, dass der historische Jesus wegen seines Kreuzestodes nicht der vom Himmel herabgekommene MS sein kann, weil dieser MS nicht mehr stirbt, sondern in Ewigkeit bleibt (362f).

Die Gegenwart als Zeit des Heilsanbruches: Jesus (als der Prophet-Messias) ist die Erfüllung der Weissagungen des Moses und der Propheten (Jh 1,45). Er ist es, der mit heiligem Geist tauft (1,32f;  3,22ff;  4,1) (der Geist ist eschatologische Heilsgabe). Diese Tauftätigkeit Jesu wird in der judenchristlichen Gemeinde der Grundschrift fortgeführt (Jh 3,22ff), weil diese Taufe die unerlässliche Voraussetzung für das Eingehen in das Gottesreich ist (Jh 3,3ff). In den Zeichen, die Jesus als Ausweis seiner Messianität wirkt, wird die Herrlichkeit (doxa) Gottes offenbar (Jh 11,4.40) Das Schauen der doxa ist wiederum eine Verheißung für die eschatologische Heilszeit, wie in der Moses-Messias-Typologie der Grundschrift zum Ausdruck kommt, dass das Wirken Jesu und das Dasein der judenchristlichen Gemeinde Heilscharakter haben. Doch das alles ist nur der Anbruch des Heils. Die volle und endgültige Heilsverwirklichung erfolgt erst in der Zukunft, wenn Jesus wiederkommt als der MS (365).