1.3 Die Eschatologie des Evangelisten

Alles, was das Judenchristentum der Grundschrift von der eschatologischen Zukunft erwartet, geschieht nach der Darstellung des Evangelisten bereits in der Gegenwart. In der Person und Verkündigung Jesu (bzw. in der Verkündigung des Evangelisten und seiner Gemeinde(n) über Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes) ist das Eschaton mit allen seinen verschiedenen Einzelakten endgültig gegenwärtig (nicht erst im Anbruch) und im Verhalten der Menschen zu Jesus und seiner Botschaft (Glaube oder Unglaube) vollzieht sich jetzt schon definitiv die Vollendung des eschatologischen Heils oder Unheils. Es gibt keine eschatologische Zukunft mehr, sie ist 'jetzt' schon da. Die Verkündigung dieser präsentischen Eschatologie steht beim Evangelisten ganz im Dienst der Christologie. Er will nur zum Ausdruck bringen, wer Jesus ist (365).

Für den Evangelisten sind die Parusie Jesu (als des vom Himmel herabgekommenen MSs) und die eschatologischen Werke der Totenerweckung und des letzten Gerichts gegenwärtiges Geschehen. Im Kontext von 1,35-50 will der Evangelist alle bisherigen Aussagen der Grundschrift über Jesus korrigieren und überbieten. Jesus ist mehr als der Messias, er ist der MS, d.h.: er ist vom Himmel herabgekommen. Die größeren Dinge (1,50b), die die Jünger sehen werden, sind nach der Intention des Evangelisten nicht mehr die Zeichen und andere messianische Taten als Bestätigung der Messianität Jesu, sondern die eschatologischen Akte, die Jesus in seiner Funktion als der MS vollzieht. Dass der Evangelist in 1,51 nicht bloß an die Parusie denkt, sondern auch schon an die eschatologische Totenerweckung und das Gericht (wodurch sich Jesus als der MS ausweist), geht auch aus 5,20-22 hervor, wo diese beiden Akte „größere Werke“ (5,20b) genannt werden. Der Evangelist beteuert (1,51: „Amen, Amen“), dass nicht die Tradition des Judenchristentums der Grundschrift den wahren Sachverhalt wiedergibt, sondern dass allein die vom Evangelisten verkündete (Jesus in den Mund gelegte) Neuinterpretation der Intention Jesu entspricht, dass also die traditionelle Zukunftserwartung Gegenwart und Wirklichkeit geworden ist (365f).

Die präsentische Eschatologie des Evangelisten findet in Jh 5,24-27 ihren markantesten Ausdruck. Durch die drei Wörter: „und jetzt ist sie“ (V25), die der Evangelist in ein schon formuliertes Bekenntnis des grundschriftlichen Judenchristentums einfügt, verkündet er, dass jetzt schon die eschatologische Totenerweckung und das eschatologische Gericht stattfinden. Wer an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes glaubt, hat jetzt schon das eschatologische Heilsgut des Lebens. Die Vollmacht Jesu, das Heilsgut des Lebens (das das Leben Gottes ist und Lebensgemeinschaft mit Gott bedeutet) verleihen zu können, hat ihren Grund in seiner Gottessohnschaft. Als der Sohn hat er das Leben des Vaters in sich (5,26). In gleicher Weise (als der Sohn des Vaters und im Auftrag des Vaters V30) übt er auch die Funktion des Richters aus, die nach der Tradition die (ebenfalls von Gott übertragene) Funktion des MSs ist (5,27). Mit dem „Amen, Amen“ (5,24 und 25) will der Evangelist aufs höchste beteuern, dass nicht die traditionelle Zukunfts-Eschatologie des Judenchristentum der Intention von Lehre und Werk sowie der Bedeutung der Person Jesu entspricht, sondern nur die vom Evangelisten verkündete präsentische Eschatologie (367).

In den VV 11,24-27 dürften Bekenntnisformeln des jhn Judenchristentums vorliegen, die der Evangelist durch die VV 25f und das in V27 eingefügte „Sohn Gottes“ im Sinn seiner spezifischen Christologie und Eschatologie korrigiert. Wenn der Evangelist hier Jesus sich als „die Auferstehung und das Leben“ bezeichnen lässt (V25), so heißt das, dass für die Glaubenden die (von Maria = vom jhn Judenchristentum) erwartete Auferstehung am Jüngsten Tag jetzt, in der Gegenwart Jesu (und in der Verkündigung über Jesus), sich vollzieht und dass die vom Eschaton erwartete Heilsgabe des ewigen Lebens ebenfalls jetzt schon zuteil wird, in unüberbietbarer Fülle. Der leibliche Tod ist ohne Bedeutung für den, der aufgrund des Glaubens an Jesus das Eschaton durchschritten hat und das ewige Leben erlangt hat (V25f). Hier wird wieder die Verbindung von Eschatologie und Christologie sichtbar. (Die Bezeichnung 'Auferstehung' für Jesus kommt beim Evangelisten sonst nicht mehr vor. Sie ist hier bedingt durch die Neuinterpretierung des traditionellen Bekenntnisses des jhn Judenchristentums A88). Das eschatologische Gericht (Jh 3,17f;  3,36;  8,12-29;  8,50f;  12,27-36;  12,44-50) vollzieht sich in der Gegenwart im Verhalten zur Person Jesu (und zur Verkündigung über Jesu Gottessohnschaft). 9,39: „Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden“. Der 'MS' in 9,35ff ist nicht zu verstehen als Wesensbezeichnung Jesu, sondern nur als Bezeichnung für die Funktion Jesu als des Richters, durch den jetzt das eschatologische Gericht sich an den Menschen vollzieht (9,40f). Der Evangelist spricht von der Gegenwertigkeit der Heilsvollendung. Das Heil ist definitives Heil, nicht eine Vorstufe des Heils, die postmortal eine Vollendung erfährt. Es geht darum Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn des Vaters und eschatologischen Heilbringer zu erweisen (368f).

Der unmittelbare Grund, warum der Evangelist die futurische Eschatologie des Judenchristentums der Grundschrift neu interpretiert und als erfüllt verkündet, ist in der Sohn-Gottes-Christologie zu sehen. Die präsentische Eschatologie (die Erfüllung der für die Zukunft erwarteten eschatologischen Vollendung in der Person und im Wort Jesu) ergibt sich als notwendige Konsequenz aus der Sohn-Gottes-Christologie des Evangelisten: die Bezeichnung Jesu als des eschatologischen MSs und die Verkündigung, dass Jesus der Sohn Gottes und als solcher der eschatologische Heilbringer ist (369).

Die Bezeichnung 'der MS' steht im Dienst der Sohn-Gottes-Christologie zum Erweis der himmlischen Herkunft Jesu. Jesus ist insofern des MS, als er vom Himmel herabgekommen ist, wie es das Judenchristentum der Grundschrift von Jesus als dem am Ende der Zeit zur Parusie kommenden MS erwartete. Der Evangelist musste zeigen, dass Jesus die vom eschatologischen MS erwarteten Funktionen (Totenerweckung, Gericht) auch tatsächlich ausgeübt hat (bzw. ausübt) durch sein in der Gegenwart verkündetes Wort. Darum lässt der Evangelist Jesus immer wieder versichern („Amen, Amen“), dass die vom zukünftigen Eschaton (mit dem Erscheinen des MSs) erwarteten Ereignisse jetzt schon stattfinden. Von diesem Beweisgang des Evangelisten her ergibt sich die Ausschließlichkeit der präsentischen Eschatologie des Evangelisten. Denn mit dem Erscheinen des MSs erfüllen sich alle für die Zukunft gehegten Erwartungen. In der konkreten Situation des Evangelisten würde die Verkündigung einer noch zukünftigen Eschatologie die Annulierung seiner Sohn-Gottes-Christologie bedeuten (369f).

Das eschatologische Heil besteht sowohl nach jüdischer als auch nach christlicher Anschauung in der dauernden und unverlierbaren Gemeinschaft mit Gott, im Anschauen Gottes, in der Teilhabe an Gottes unsterblichem Leben, im Sein in der Doxa oder im Licht Gottes. Die verschiedenen Heilsgestalten der jüdischen Eschatologie haben ebenso wie der Prophet-Messias des jhn Judenchristentums nur die Aufgabe, Israel (oder die Menschen) auf das Kommen der Gottesherrschaft vorzubereiten. Sie haben nicht das Heilsgut des Lebens in sich selbst. Auch als Gesandte Gottes sind sie nicht Träger des Heils, sondern nur Führer zum Heil. Beim Jesus des Evangelisten ist das anders, denn dieser Jesus ist Gottes Sohn. Als solcher hat er das Leben Gottes, seines Vaters, in sich: „Denn wie der Vater Leben in sich hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, Leben zu haben in sich“ (Jh 5,25;  6,35.40.48-51a). Der Evangelist begründet die jetzt stattfindende eschatologische Totenerweckung und Verleihung der Heilsgabe des ewigen (göttlichen) Lebens nur mit der Gottessohnschaft Jesu (A99). In der gläubigen Begegnung mit Jesus, im gläubigen Hören der Stimme Jesu als des Gottessohnes (5,25), erlangt der Mensch jetzt schon das Leben total, „für alle Ewigkeit“ (6,51a): „Denn das ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe“ (6,40). Somit wird mit der Heilsgabe des von Jesus gegebenen ewigen Lebens das Wirklichkeit, was der traditionelle Glaube erst nach dem Eschaton erwartet: die definitive Teilhabe am Leben Gottes. Das Eschaton ist deshalb in Jesus gegenwärtig, weil die Macht und die Gegenwart der Gottesherrlichkeit in diesem Erlöser versammelt sind. Der Evangelist polemisiert gegen die Prophet-Messias-Christologie des Judenchristentums der Grundschrift. Was die futurische Eschatologie betrifft, so stellt er sie als erfüllt hin, um auch auf diese Weise den Judenchristen zu sagen, dass Jesus wirklich vom Himmel herabgekommen und der Sohn Gottes ist. Nur eine ausschließlich präsentische Eschatologie kann ein Beweis dafür sein, dass Jesus wirklich die vom MS erwarteten eschatologischen Akte ausgeführt hat bzw. ausführt (370f).

Für den Evangelisten ist Jesus der Weg nach oben, die Begegnung mit ihm ist schon die Ankunft am Ziel des Weges. Auch aus Jh 11,25 geht hervor, dass es für den Evangelisten nach dem Tod des einzelnen Jüngers kein Plus an Heilsvollendung gibt (373).