Anhang a: Christozentrische Pluralität

J.-D.Reuß (1997)

Bei Paulus sind Kreuz und Auferstehung Jesu die beiden Pfeiler seiner Christologie. Für das, was Jesus vor seiner Kreuzigung gesagt, getan und gewollt hat, interessiert sich Paulus nur am Rande. Jesus Christus hat sich (so Paulus) freiwillig ‚dahingegeben‘, um als Sühnopfer für uns zu sterben und uns so zu erlösen. Dieses Deutungsmuster, das auf atl Vorstellungen zurückgeht, hat Paulus von der Jerusalemer Gemeinde übernommen (1Kor 15,3-5) und breit entfaltet. Es steht in Spannung zu seinem Auferstehungszeugnis. Denn zu einem sühnenden Opfertod passt keine Auferstehung. Indem ein Sühnopfer (im AT) stirbt, hat es seinen Zweck erfüllt. Es wird nicht zu einem neuen Leben auferweckt.

Johannes: Dass Gott „seinen Sohn gab“ (3,16), weist im Textzusammenhang nicht auf einen Opfertod, sondern meint Jesu Sendung in die Welt (V 17). Davor (V 14) wird das Kreuz nicht als Sühnetat, sondern als Erhöhung ausgelegt. Nach Darstellung des Johannes drohte nicht nur Jesus selbst, sondern auch seinen Jüngern die Verhaftung und Aburteilung. 10,11.15: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“. Hier geht es nicht um eine stellvertretende Sühne, sondern um ein beschützendes Dazwischentreten angesichts feindlich gesinnter Menschen. Dasselbe gilt für 15,13 (Jesus lässt sein Leben für seine Freunde). Darum sagt Jesus zu denen, die ihn verhaften wollen: „Sucht ihr mich, so lass diese (meine Jünger) gehen“ (18,8)!.

19,36 kann sich nicht nur auf 2Mose 12,46 (Passalamm), sondern ebenso gut auch auf Ps 34,20f beziehen: „Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR. Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass nicht eines zerbrochen wird“. Das Passalamm gilt weder im AT noch im NT als Sühnopfer (auch nicht 1Kor 5,7) Die Passalamm-Symbolik soll zum Ausdruck bringen: An die Stelle der Befreiung aus Ägypten, die Israel im Passafest feiert, tritt für Christen die größere Befreiung, die Jesus Christus gebracht hat!

Es gibt keine Rede Jesu zum Thema „Sühnetod‘. Die drei Stellen 1,29.36 und 11,51 sind vermutlich der sogenannten kirchlichen Redaktion zuzurechnen.

Erlöst werden die Menschen nach Johannes dadurch, dass sie Jesus als den Sohn Gottes anerkennen, ihn lieben und an seine Worte glauben (5,24; 6,68; 8,51f; 12,47f; 15,3 u.ö.). Die eigentliche Sünde besteht darin, nicht an Jesus zu glauben (16,8f); wer dabei beharrt, wird „in seinen Sünden sterben“ (8,24). Das Erlösungs-Angebot gilt nicht nur Israel, sondern aller Welt (vgl. 3,16f).

Das john Verständnis des Todes Jesu lässt sich gut aus den Abschiedsreden Jesu erheben (Kp 14-16). „Es ist gut, dass ich die Welt verlasse, denn ich gehe zum Vater, kehre also dahin zurück, woher ich gekommen bin. Gut ist es aber auch für euch, denn ich werde euch in meines Vaters Haus eine Stätte bereiten“, das ihr eines Tages ebenfalls dort einziehen könnt. Außerdem muss ich fortgehen, damit ich in neuer Weise wieder zu euch zurückkommen kann, als Tröster, Beistand, Geist der Wahrheit und Freiheit (14,2f; 16,7.9.13.16; 8,32). Darum (!) sollt ihr euch über meinen Tod freuen (14,28). Johannes misst dem Tod Jesu Heilsbedeutung bei, doch liegt sie für ihn nicht in einer stellvertretend erbrachten Sühneleistung. Aus john Sicht erleidet Jesus am Kreuz kein göttliches Strafgericht, sondern vollendet seine Sendung in die Welt mit der Souveränität eines Siegers (10,17f; 19,30). Seine Kreuzigung ist zugleich seine Erhöhung, denn er kehrt auf diese Weise zu Gott zurück (12,32-36). Karfreitag und Ostern fallen sozusagen auf den gleichen Termin.

Viele Ausleger sind zu der Überzeugung gelangt, dass Jesus selbst sein gewaltsames Ende weder angestrebt noch als Sühnopfer gedeutet hat (285-287).

                   

Anhang b: Jesu Todesverständnis

Sein Leben riskieren und sein Leben opfern sind zwei grundverschiedene Handlungsweisen. Der gute Hirte riskiert sein Leben für die Schafe (1Sam 17,34-37), aber er opfert es nicht nur für die Schafe. Jesus hat seine Jünger zur Nachfolge aufgerufen – zur Nachfolge in einen Sühnetod???

R.Laufen: Sowohl für den Menschen Jesus in seiner Hingabe an den Vater als auch für die ihm Nachfolgenden und ihr Hineingenommenwerden in seine Hingabebewegung gilt, dass sie umfangen ist von der sie erst ermöglichenden Hingabebewegung Gottes zu den Menschen. Die Liebe des Vaters ist Ursprung der Hingabe des Sohnes (Joh 3,16). Alle Initiative des Heils geht von Gott aus. Das Handeln Gottes und die Antwort des Menschen dürfen nicht als konkurrierend gedacht werden. Eine Vorstellung von christlicher Erlösungslehre, nach der Gott durch ein blutiges Opfer versöhnt werden muss, ist abwegig (192).

A. Vögtle (1985): Die Erlangung des Endheils aufgrund der dem Sünder Vergebung schenkenden und zu schöpferischer Liebe verpflichtenden Vatergüte Gottes oder aufgrund des heilsbedeutsamen Sterbens Jesu sind zwei qualitativ verschiedene heilsmittlerische Aktionen (153f).

Jesus hat seine Botschaft bis zuletzt als einzig möglichen Zugang zum Heil der Gottesherrschaft verstanden und verfochten. Warum soll er in letzter Minute von der definitiven Gültigkeit dieses Heilsweges abgerückt sein und das Sühnesterben für Israel konzipiert haben? Das schmachvolle Ende Jesu am Schandpfahl des Kreuzes wurde nicht nur von der Führungsschicht Israels sondern auch von der Majorität des Volkes als Widerlegung seines Heilsmittleranspruchs bzw. jeglicher göttlicher Sendung bewertet. Jesu Kreuzigung war selbst für die Elf ein so schwerer Schock, dass sie in ihre galiläische Heimat zurückkehrten, sich als Jüngerkreis auflösten und Simon/Petrus daselbst die erste Christophanie zuteil wurde (156).

Jesus wollte bei seinem letzten Jerusalembesuch den Glauben an seine Heilsbotschaft, nicht aber seine Hinrichtung provozieren. Es finden sich keine Worte oder sonstigen Anhaltspunkte, die auf eine Unsicherheit Jesu hinsichtlich der unbedingten Gültigkeit seines an Israel ergangenen Heilsangebots schließen ließen. Der in seiner substantiellen Herkunft von Jesus nicht umstrittene sog.‚ eschatologische Ausblick‘ (Mk 14,25) kann mit guten Gründen als ursprüngliches Kelchwort gelten und damit als Beleg, dass Jesus seinen Jüngern nicht nur seine Todesbereitschaft bekundete, sondern dieselbe auch mittels des traditionellen Bildes vom eschatologischen Mahl der neuen Gemeinschaft in der volloffenbaren Gottesherrschaft versicherte und damit auch bezeugte, dass er ‚im Angesicht seines Todes an seiner Reich-Gottes-Erfahrung festhält und sich selbst als den Ansager desselben von Gott bestätigt fühlt (157f).

Ein Wort, mit dem Jesus den Jüngern den Auftrag zur verbalen Verkündigung seines Heilstodes erteilt hätte, findet sich in den Abendmahlsberichten (einschließlich 1Kor 11,23-26) nicht. Die Gesamtüberlieferung berechtigt uns auch nicht zur Annahme, die Jünger hätten aufgrund eines Auftrags Jesu oder aufgrund ihres Sonderwissens es nach Ostern für ihre Pflicht gehalten, möglichst umgehend im ganzen Wirkungsbereich Jesu, in Jerusalem wie vor allem in Galiläa, Jesu Sühnesterben als neue Ermöglichung oder Voraussetzung der Heilserlangung zu verkünden und die Israeliten zur Aneignung der geleisteten Sühne aufzufordern. Merkwürdig ist, dass der Gesichtspunkt des ‚noch einmal‘ erfolgenden (auf neue Weise Sündenvergebung vermittelnden) Heilsangebots nicht auch die Artikulierung der nachösterlichen Todesverkündigung mitprägte. Die Verkündigung des errettenden Handelns Gottes am hingerichteten Jesus hätte für die Jünger die missionarisch grundlegende Aussage sein müssen, wenn sie vom letzten Mahl das sie sicher schockierende, deshalb auch unvergeßliche Wissen um Jesu ausdrückliche Deutung seines erwarteten Todes als Sühnesterben mitgebracht hätten: Dass Jesus vom Vergossenwerden seines Blutes „für die Vielen“ gesprochen hatte (Mk 14,24). Die als älteste kerygmatische Formel anerkannte Aussage lautete: „Gott erweckte Jesus aus (den) Toten“, ohne auf die dem Tod Jesu innewohnende Heilseffizienz hinzuweisen. Warum sollte die nachösterliche Verkündigung unter der genannten Voraussetzung zur Bewältigung des Todesschicksals Jesu, seiner so skandalösen Hinrichtung als Falschmessias, nicht auch von Anfang an die Sühne und Bund stiftende Kraft dieses Sterbens geltend gemacht haben? Dürfte man nicht erwarten, dass in Formeln, die der Auferweckung bzw. Erhöhung Jesu die Aussage von seinem Sterben voranstellen, dieses ausdrücklich auch mit dem aus Jesu Mund stammenden „für die Vielen“ gedeutet würde (159)?

Durch die im Laufe seines Wirkens erfolgende Konstituierung der Gruppe von zwölf ständigen Nachfolgern wollte Jesus die Aufrechterhaltung seines Anspruchs, ganz Israel als das Heil erbende Gottesvolk zuzurüsten, zeichenhaft zum Ausdruck bringen. Die Jünger lassen sich deshalb nur als Repräsentanten des sich dem Heils- und Umkehrruf Jesu öffnenden Israel verstehen, so sehr auch sie es an der radikalen Erfüllung des von Jesus proklamierten Gotteswillen fehlen lassen mochten (160).

Aus welchem Grund soll Jesus den Schritt von dem von ihm verkündeten Heilsweg (Heilerlangung aufgrund des existentiellen Eingehens auf den von ihm proklamierten Heils- und Heiligkeitswillen Gottes) zur Konzeption seines heilseffizienten Sterbens getan haben? Davon nicht zu trennen ist die Frage, wem dieses Sterben nach der Intention Jesu zugute kommen soll. Die These, Jesus habe jenen Schritt tun können, weil er eigentlich von Anfang an um den innerlich notwendigen Mißerfolg seines Basileia-Auftrags wissen musste, belastet den vollmächtigen Sendungsanspruch Jesu noch bedenklicher als die gleichzeitige Annahme, er habe sich eigentlich von Anfang an für eine zweite Weise der Heilsvermittlung, nämlich durch seinen Tod, als möglicher Alternative des Heilswillens Gottes offengehalten (166).