Anhang c: Jesus Hat seine Jünger bevollmächtigt, als Söhne und Töchter Gottes die ‚Gottessohnschaft‘ anzunehmen und einander Sünden zu vergeben

K.-P. Jörns (2007)

Jesus hat die Gottessohnschaft auf die Friedensstifter übertragen

Mt 5,9: „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“. Der Titel ‚Gottes Sohn‘ ist in den Plural gesetzt und damit von der jüdischen Messiasvorstellung abgelöst. Jesus sah sich von Gott bevollmächtigt, die Gottessohnschaft auf die Jünger, die ihm auf seinem Weg folgten und folgen würden, zu übertragen. Ist Jesus der ‚erstgeborene‘ Sohn Gottes, so sind die Christen die an Kindesstatt angenommen Söhne und Töchter, die dazu bestimmt sind „gleichgeschaltet zu sein dem Bilde seines Sohnes, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern/Schwestern“ (Röm 8,29) (67f).


Sünden vergeben, heißt Frieden stiften, und hängt von keinem Ritus oder Amt ab

Es geht um die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Bei Lk 11,4 heißt die ‚Vergebungsbitte‘: „Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der gegen uns in der Schuld ist“. Bei Mt 6,12 lautet sie: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern“. ‚Schuld(en)/Sünde/(n)‘: Jesus geht es um ein und dieselbe ‚Sache‘: um die Vergebung dessen, was wir Gott und Menschen schuldig bleiben. Wer Gott vertrauensvoll darum bittet, dass Gott ihm das, was er schuldig geblieben ist, vergibt, soll wissen, dass das liebevolle Gottesverhältnis nicht dazu benutzt werden darf, aus der sozialen Wirklichkeit auszusteigen. Wer von Gott Vergebung sucht, muss sie auch seinen menschlichen Geschwistern gewähren (bei Mt vorher bereits gewährt haben) (69).

Die Verbindung von göttlicher und zwischenmenschlicher Sündenvergebung begegnet zum ersten Mal in der jüdisch-hellenistischen Schrift Jesus Sirach: „Vergib das Unrecht deinem Nächsten, dann werden dir, wenn du darum bittest, auch deine Sünden vergeben werden“. Das Vergebungsethos wird im ‚Testament der 12 Patriarchen‘ am Beispiel Josefs verdeutlicht: Josef ist der humane Herrscher, der sich selbst erniedrigt, um ein Bruder unter Brüdern zu sein. Josef vergibt beispielhaft seinen Brüdern, was sie ihm einst angetan hatten. Diese Denkfigur hat auf die Gemeindeethik eingewirkt (Mt 18,15.35; vgl. Lk 17,3f): Jesus ist der messianische Herrscher, der seine Vollmacht zur Sündenvergebung auf seine Gemeinschaft von Brüdern überträgt (69f).


Jesus wollte, dass Sündenvergebung zwischen den Menschen geschehen soll. Im Unterschied zu Johannes dem Täufer hat Jesus die Vollmacht zur Sündenvergebung nicht nur auf jedermann ausgeweitet, sondern auch von jedem besonderen Ritus gelöst. Bei Johannes war dieser Ritus die Taufe im Jordan, der ein Sündenbekenntnis vorausgehen musste. Jesus bindet die Sündenvergebung an keinerlei Art von Ritus: weder an die Taufe noch an ein Opfer im Tempel. Aber er setzt die eigene Bereitschaft, dem Bruder/der Schwester zu vergeben, vor die Bitte um Sündenvergebung durch Gott (Mt 6,14f): „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“. Die Übertragung der Vollmacht zur Sündenvergebung von Jesus auf die Menschen in der Gemeinde und ihre Abkopplung von einem kultischen Akt ist vollzogen (70f).


Sündenvergebung ist die konkrete Möglichkeit, die wir Menschen haben, Frieden zu schaffen da, wo wir leben. Joh 20,23: „Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, so sind sie ihm vergeben, wenn ihr sie jemandem nicht vergebt, so sind sie ihm nicht vergeben“. Wenn Sündenvergebung verweigert wird, dann lassen wir die Menschen in der Gefangenschaft durch das, was sie Gott und Menschen schuldig geblieben sind. D.h. wir missbrauchen unsere Christus-Vollmacht in liebloser Herrschaft. Das Gleichnis vom sog. ‚Schalksknecht‘ (Mt 18,23-35) macht klar, wie lieblos es ist, für sich selbst Vergebung von Sünden und Schuld(en) haben zu wollen, dieselbe Güte und Barmherzigkeit aber den Mitmenschen zu verweigern. Mt 16,19 hat die neue Hierarchisierung, die Petrus an die Spitze der Gemeinde stellt, die Vollmacht „zu binden und zu lösen“ bereits auf ihn übertragen. Zwar blieb die Sündenvergebung weiterhin Sache der ganzen mit Gemeinde (Mt 18,18), aber Züge des alten Herrschaftsdenken waren in die Gemeinde zurückgekehrt (71f).


Sündenvergebung bezeugt Gottes unmittelbare Gegenwart im Geist und bedarf keiner Stellvertretung oder Sühneleistung

Jesus hat die Vergebung nicht nur in den Alltag geholt, er hat auch betont, dass jede – in Gottes Namen und Auftrag- ausgesprochene Vergebung unmittelbar gültig ist. D.h. sie ist auf die Menschen übertragen. Die Bevollmächtigung durch den irdischen Jesus genauso wie die durch den Auferstandenen macht Ernst mit der Geistesgegenwart Gottes in der Welt. Sie schließt die unmittelbare Gültigkeit der Vergebung ein, denn die Gotteskindschaft stellt jeden Einzelnen in die unmittelbare Gottesbeziehung hinein. Die Vollmacht zur Vergebung lebt allein von Gottes grenzenloser und bedingungsloser Liebe und ist dazu da, den Frieden auf der Erde (Lk 2,14) auszubreiten. Jesus hat die Vergebung der Sünden von speziellen priesterlichen Riten, Personen und Ämtern abgelöst und denen übertragen, die sich von ihm senden lassen, wie er vom Vater gesandt worden war (Joh 20,21.23). Die Vergebung der Sünden ist Sache der ganzen Gemeinde (71f).