2.2 Der prädestinierende Wille Gottes

Nach dem Evangelisten

ist es letzten Endes Gott selber, der die an Jesus glaubende Gemeinde schafft. Denn dass Menschen an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes glauben (glauben können), hat seinen Grund darin, dass sie „aus Gott geboren (gezeugt) sind“ (1,13), „aus Gott“ (8,47) oder „aus der Wahrheit“ (19,37) sind, dass sie „von oben“ oder „aus (dem) Geist geboren (gezeugt) sind“ (3,3.5.7f). Die Erfüllung dieser Voraussetzung wird von Gott allein gewirkt, sie wird dem Menschen geschenkt. So kann niemand zu Jesus kommen (= an ihn glauben), wenn er nicht vom Vater gezogen wird (6,44), wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist (6,65). Der Vater ist es, der Jesus die Menschen gibt (6,37ff;  10,29;  17,2;  18,9), der dem Hirten (Jesus) die Schafe gibt (10,14f.26f.29). Zu Jesus können nur diejenigen kommen, „die beim Vater gehört und gelernt haben“ (6,45). Die Juden (für den Evangelisten auch die Judenchristen der Grundschrift) können deshalb nicht an Jesus als den Sohn des Vaters glauben, weil sie „nicht aus Gott“ sind (8,47;  8,42ff). Um Jesus als den Sohn Gottes zu erkennen, muss man selber „Kind Gottes“ oder „von oben“ sein. Das ist nach dem Evangelisten ausschließlich Sache der Erwählung durch Gottes völlig freie Entscheidung (395f).

Die dualistisch-deterministischen Vorstellungen des Evangelisten stehen im Dienst seiner christologischen Verkündigung. Er will damit nur zum Ausdruck bringen, wer Jesus ist. Weil für den Evangelisten Jesus der vom Himmel herabgekommene Sohn Gottes ist, wird durch die Begegnung mit Jesus offenbar, zu welcher Kategorie von Menschen der einzelne gehört. Wer Jesus als den Sohn Gottes erkennt und an ihn glaubt, offenbart dadurch, dass er (wie Jesus selber) zur Sphäre Gottes gehört, „aus Gott“ ist. Sein Gezeugtsein von oben ist der Grund, warum er Jesus als den vom Vater gesandten Sohn erkennen kann. Wer hingegen Jesus nicht als den erkennt, als den ihn der Evangelist verkündet, offenbart dadurch, dass er „aus dem Teufel“ ist. Denn nicht an Jesus glauben, heißt für den Evangelisten Gott selber ablehnen, der Jesus gesandt hat (396f).

Für das Judenchristentum der Grundschrift ist Jesus ein Mensch (der Sohn Josefs aus Nazareth (1,45;  6,42), der von Gott zum Messias erwählt worden ist. Die vom Evangelisten behauptete himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu lehnt es ab, deshalb, weil es darin einen Verstoß gegen die in der Schrift (AT) verkündete Einzigartigkeit Gottes (den Monotheismus) sehen muss. Andererseits sieht dieses Judenchristentum in seinem Glauben an die Messianität Jesu ein Bekenntnis zu Gott und dessen Verheißungstreue, denn Gott hat ja Jesus zum Messias erwählt und ihn durch Zeichen und andere messianische Taten ausgewiesen (auch Apg 4,19f). Nicht an Jesu Messianität glauben heißt für dieses Judenchristentum Ungehorsam gegen Gott. Dieses Judenchristentum, das um Gottes willen einerseits die Göttlichkeit Jesu ablehnt, andererseits trotz Ausschluss aus der Synagoge an Jesu Messianität festhält, konnte kaum empfindlicher getroffen werden als mit dem Vorwurf, dass es sich gegen Gott selber stelle. Der Evangelist verkündet seine Christologie in Auseinandersetzung mit dem Judenchristentum der Grundschrift und zur Glaubensfestigung seiner Anhänger (397f).

Der sekundäre (antidoketistische) Redaktor, von dem auch die Jh-Briefe stammen, übernimmt vom Evangelisten die Vorstellung von dem Gezeugtsein aus Gott und damit die prädestinatorische Erwählung zum Heil, sodass auch für ihn Gott selber der grundlegende gemeindebildende Faktor ist. Aber während beim Evangelisten das Gezeugtsein aus Gott und als Folge davon das Prädestiniertsein zum Glauben an Jesus ausschließlich im Dienst seiner spezifischen Christologie stehen, ist der Verfasser im 1Jh fast ausschließlich an den praktischen Konsequenzen des von ihm vertretenen deterministischen Dualismus interessiert. Für den Redaktor ist nicht nur die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde (wie er sie versteht) der Erweis des Gezeugtseins aus Gott, sondern richtiger: das Bleiben in der Gemeinde, das Bleiben im Glauben und die Bewährung im Glauben durch einen entsprechenden Lebenswandel. Was beim Evangelisten zur Begründung seiner christologischen Verkündigung dient, verwendet der Redaktor zur Motivierung seiner Paränese. So begründet er die Verpflichtung zur Bruderliebe und zum Fruchtbringen mit der Auserwählung der Jünger (= der Gemeinde) (15,16f). Das Gehaßtwerden von der Welt deutet er als Erweis dafür, dass die Gemeinde nicht aus der Welt ist, wie auch Jesus selbst nicht aus der Welt war (15,18f;  17,16). Das Erfahren des Hasses der Welt gehört zur Nachfolge Jesu, zur Verbundenheit mit Jesus und zum Bleiben in ihm (15,20f). Im Abschiedsgebet wird das Halten der Worte Jesu und das Verbleiben in der Liebe Gottes immer wieder motiviert mit der Aussage, dass Gott selbst Jesus die Glaubenden gegeben hat und dass sie nicht aus der Welt sind (17,6ff). Auch in Jh 3,19-21 erscheint der für den Redaktor charakteristische praktisch orientierte Dualismus (398f).

Nach 1Jh erweist sich das Gezeugtsein eines Menschen aus Gott im Tun der Gerechtigkeit (2,29), im Nichttun der Sünde (3,9;  5,18), in der Bruderliebe (3,10f;  4,7f;  5,1-4). Wer die Sünde tut, ist „aus dem Teufel“ (3,8), „jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott“ (3,10), ebenso der, der seinen Bruder nicht liebt (3,10). Die Herkunft oder das Gezeugtsein aus Gott offenbart sich auch im Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und dem Sohn Gottes (5,1.4;  5,20), ebenso im Bekenntnis zum wahren Menschsein („Fleisch“) Jesu (4,1-6;  5,5ff;  2Jh 7). Die bleibende Gemeinschaft mit Gott, das Sein in Gott oder im Licht oder in der Wahrheit wird offenbar im Tun des Menschen: im Lebenswandel (1,6f), im Halten der Gebote (2,3-5), in der Bruderliebe (2,9-11;  3,17-19;  4,13-16), in der Distanzierung von der Welt und ihrer Lust, „die nicht aus dem Vater stammt“ (2,15f). Die wahre Zugehörigkeit zur Gemeinde (und damit die Herkunft von Gott) zeigt sich im Bleiben in der Gemeinde (2,19), im Bleiben in der Lehre über Jesus als den Sohn Gottes (2,22-24). Im 2Jh kommt die Prädestination zur Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde zum Ausdruck im Terminus „auserwählt“ (VV 1.13), nämlich durch Gott. Auch hier ist (wie in 1Jh) das Tun (das ethische Verhalten) und das Bleiben im Bekenntnis zu Jesus (wahrer Mensch V7; Sohn des Vaters V9) der Erweis dafür, dass man „in der Wahrheit“ ist (VV 1f.4-6.7-11). Auch im 3Jh erweist sich die Herkunft aus Gott im Tun (V11) (399).