2.3 Die jeweilige Christologie als Ursache der Entstehung der jhn Gemeinden und ihrer Spaltung

Für das Judenchristentum der Grundschrift war Jesus der von Gott verheißene Messias nicht davidischer Herkunft, sondern der Dtn 18,15ff verheißene Prophet wie Moses, also der Prophet-Messias (Jh 1,45;  7,31). Als Prophet-Messias war Jesus nicht göttlicher Herkunft, sondern ein Mensch aus der Mitte seiner Volksgenossen, der Sohn Josefs von Nazareth (1,45f;  6,42). Aus verschiedenen Gründen hatten die Pharisäer (die in der Zeit nach 70 als einzige noch existierende Partei die Führung des Volks in Händen hatten) beschlossen, „dass, wenn jemand ihn (= Jesus) als Christus (= Messias) bekenne, (er) aus der Synagoge ausgeschlossen werde“ (9,22;  12;42;  16,2). Ein Teil der Judenchristen blieb als „geheime Jünger“ im jüdischen Volksverband (9,22f;  12,42f;  19,38). Die anderen Judenchristen, die im Bekenntnis zu Jesus als dem Messias eine Forderung Gottes sahen, der sie sich nicht entziehen konnten (Jh 9,30-33;  12,43) waren genötigt, sich als eine von der Synagoge unabhängige neue Gemeinschaft zu organisieren, sich eine eigene Ordnung zu geben, sich als selbstständige Gemeinde zu konstituieren (401f).

Man darf annehmen, dass das Judenchristentum der Grundschrift sich eine Gemeindeverfassung nach dem Vorbild der Synagoge (aus der es hervorgegangen ist) gegeben hat, dass die Führung in den Händen von Presbytern (Ältesten) lag. (Auch in anderen Gemeinden standen Presbyter an der Spitze: Apg 14,23;  20,17;  1Tim 5,17ff;  Tit 1,5;  Jak 5,14;  1Petr 5,1ff). Dieses Judenchristentum schuf sich eine Schrift ähnlich der Gattung 'Evangelium', die sich davon aber insofern unterscheidet, als die Verkündigung Jesu so gut wie nicht zu Wort kommt. Die Grundschrift, die erst nach der Trennung von der Synagoge geschrieben wurde (der Synagogenausschluss der Bekenner der Messianität Jesu ist vorausgesetzt: 9,22;  12,42), ist ausschließlich eine Apologie der Messianität Jesu gegenüber dem Judentum und der Täufergemeinde. Das jhn Judenchristentum gibt hier sich selbst und seinen Gegnern Rechenschaft über seinen Glauben, dass Jesus der von Gott erweckte Prophet-Messias ist, wie ihn Moses (Dtn 18,15ff) verheißen hat. Zu diesem Zweck hat der Autor der Grundschrift aus dem ihm zur Verfügung stehenden christlichen Traditionsgut – das von den Synoptikern unabhängig ist – seiner Intention (= Erweis der Messianität Jesu) entsprechende Stoffe ausgesucht und neu gedeutet, wobei in dieser Neuinterpretation auch die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem damaligen Judentum und der damaligen Täufergemeinde transparent wird (403f).

In dieser judenchristlichen Gemeinde(gruppe) der Grundschrift bildete sich im Lauf der Zeit ein Kreis, der eines Tages aus der Gemeinde ausschied und als eine eigene, selbstständige, vom Judenchristentum unabhängige und zu ihm in Gegensatz stehende Gemeinde zu existieren begann. Repräsentant dieses Kreises war der vierte Evangelist. Der Grund der Trennung ist wiederum die Anschauung über Jesus, die Christologie. Der Kreis um den Evangelisten sah in Jesus nicht mehr den Prophet-Messias wie das Judenchristentum der Grundschrift, sondern den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes. Das Heil besteht für diese Gruppe nicht mehr im Glauben an Jesu Messianität, sondern an Jesu himmlische Herkunft und Göttlichkeit. Dieser Glaube ist für sie eine Forderung Gottes und der ausschließliche Heilsweg. Jeder Widerspruch gegen diesen Glauben ist Ungehorsam und Feindschaft gegen Gott und bedeutet Ausschluss vom Heil. Nach G. Richter scheint einiges dafür zu sprechen, dass sowohl die hohe Christologie des Evangelisten als auch die hohe 'Johannologie' der Täufergemeinde zustande gekommen sind durch Beeinflussung durch die Erlösungs- und Erlöserlehre jenes häretisch-gnostisierenden Judentums, aus dem die gnostische Taufsekte der Mandäer hervorgegangen ist (404f).

Die Reaktion des Judenchristentums der Grundschrift auf den 'neuen Glauben' war entschiedener Widerspruch. Die Einwände gegen die himmlische Herkunft und die Göttlichkeit Jesu, die der Evangelist durch die Juden aussprechen lässt, sind in Wirklichkeit die Einwände des Judenchristentums, das wie das Judentum an der menschlichen Herkunft des Messias (und damit auch Jesu) ebenso festhält wie an der Einzigartigkeit Gottes (am Monotheismus). Es scheint möglich, dass sich das Judenchristentum der Neuerer auf ähnliche Weise entledigte, wie es früher die Synagoge mit den Judenchristen getan hat: man schloss sie aus der Gemeinde aus und hielt keine Gemeinschaft mit ihnen, man drängte sie in die Isolierung. Die ungemein scharfe Reaktion des Evangelisten auf das ungläubige Verhalten des Judenchristentums gegenüber seiner christologischen Verkündigung (er stellt sie auf dieselbe Stufe mit den ungläubigen Juden, spricht ihnen das Heil ab und nennt sie Teufelskinder) könnte möglicherweise auch darin ihren Grund haben, dass das Judenchristentum die Bekenner des neuen Glaubens aus der Gemeinde ausgeschlossen hat (406).

War die Grundschrift das Glaubensdokument des jhn Judenchristentums, so machte der Evangelist daraus das Glaubenszeugnis seiner Gruppe. An die Spitze stellte er den Prolog, in dem die himmlische Herkunft Jesu verkündet wird (1,1-13), am Schluss des Buches fügte er 20,31b hinzu, so dass als Zweck der Schrift nun die Begründung und Festigung des Glaubens an Jesus als den Sohn Gottes erscheint. Dementsprechend ist auch alles übrige, was der Evangelist änderte und hinzufügte, Um- und Neudeutung der grundschriftlichen Darstellung – z.T. in ausführlichen Reden – mit dem Ziel, die himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu zu erweisen. Auch aus dem Täufer, der in der Grundschrift als Zeuge der Messianität Jesu fungiert, machte er einen Zeugen der himmlischen Herkunft und Göttlichkeit Jesu. Trotz der zahlenmäßigen Minderheit der christlichen Gruppe um den Evangelisten ist sie dennoch nicht in homogener Einheit beisammen geblieben. Man beschwor zwar die Einheit (Jh 17,11f.20-23), aber die Spaltung ging weiter. In Weiterführung der mit der Christologie des Evangelisten gegebenen Ansätze (Jesus ein himmlisches Wesen von göttlicher Herkunft) hatte sich unter dem Einfluss des gnostischen Dualismus eine neue Anschauung über Jesus (eine neue Christologie) gebildet, der Doketismus (407).

Die Reaktion gegen die doketistische Christologie blieb nicht aus und hat auch im jhn Schrifttum ihren Niederschlag gefunden. Der antidoketistische Redaktor ergänzte die zum Erweis der Göttlichkeit Jesu erstellte Schrift des Evangelisten durch antidoketistische Aussagen, die das wahre Menschsein und die wirkliche Leiblichkeit Jesu, aber auch andere, durch die Situation des Doketismus aktuell gewordene Themen zum Inhalt hatten, und schrieb in deutlicher Auseinandersetzung mit den Doketisten auch den 1Jh-Brief. Er verkündet unmissverständlich, dass Jesus als wahrer Mensch in diese Welt eingetreten ist (Jh 1,14;  1Jh 4,2f;  5,6;  2Jh 7), dass er als Mensch litt, starb, begraben und auferweckt wurde (19,34f.39f;  20,2.10.24-29), dass der Tod Jesu Heilsbedeutung hat (1Jh 1,7;  2,2), dass – hinsichtlich der Eucharistie – Jesu Fleisch und Blut wirklich heilsnotwendige Speise und Trank sind (6,51c-58), dass es eine Auferweckung der Toten am Jüngsten Tag gibt (5,28f;  6,39f.44.54), dass es für alle ein Gericht nach den Werken gibt (5,29;  1Jh 2,28;  4,17;  2Jh 8). In 1Jh wird auch die Berufung auf die Augenzeugen des Lebens Jesu (Jh 19,35) bzw. auf die christliche Tradition („was von Anfang an war“) (1Jh 1,1-3.5;  2,7.24-27;  3,1ff;  4,3) - gegen die „neue Lehre“ der Doketisten zu verstehen sein. Die Erkenntnis Jesu besteht in einem Leben nach seinem Vorbild, in der Bruderliebe. Aus der Klage in 1Jh 2,19: „von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht aus uns, wenn sie nämlich aus uns gewesen wären, wären sie bei uns geblieben“ - geht hervor, dass die Doketisten von sich aus die Gemeinde verlassen und eigene Gemeinschaften gebildet haben (409f).

Auch der antidoketistische jhn Flügel konnte die Einheit nicht bewahren. Dieses Mal war nicht eine neue Christologie die Ursache, sondern die Entstehung der neuen Gemeindeverfassung des monarchischen Episkopats (das autoritative Auftreten des Diotrephes: 3Jh), die den an der traditionellen patriarchalisch-pneumatischen Gemeindeordnung festhaltenden Teil in die Isolierung trieb (412).