7. Jesu ganzes Leben als Offenbarung der Liebe Gottes

 

a. Die Eucharistie-Feier der Didaché ist der Mahlpraxis Jesu von der Struktur her verwandt
b. Das Johannesevangelium stiftet die Fußwaschung als Sakrament der dienenden Liebe und als zentrale Gedächtnisfeier des Beispiels Jesu
c. Durch einen Nachtrag (6,51b-58) ist versucht worden, das JohEv der frühchristlichen Abendmahlsüberlieferung anzupassen

 

K.-P. Jörns (2007)

 

a. Die Eucharistie-Feier der Didaché ist der Mahlpraxis Jesu von der Struktur her verwandt

 

Keine frühe christliche Liturgie steht der lobpreisenden jüdischen Danksagung (am Vorabend des Sabbats oder eines Festtages) so nahe wie diejenige, die im 9. und 10. Kp der Didaché, der ‚Zwölfapostellehre‘, mitgeteilt wird. Sie hat in vielem die Vorgaben Jesu für eine christliche Liturgie aufgenommen. Sie weist die Leser auf den ‚Weg des Lebens‘ (Kp 1-4). Zum Weg des Lebens gehören Verhaltensweisen, die in vielem wie ein Referat dessen klingen, was von Jesus in den Evangelien erzählt wird. In den Kp 9 und 10 geht es um die ‚Eucharistie‘ (=Dank sagen). Dieser Text ist vom jüdischen Mahlbrauch geprägt, ein Beispiel für dessen christliche Überformung (Berakah = Lob und Dank sagen). Die Feier, die hinter den Texten in Kp 9 und 10 gestanden hat, schloss noch eine richtige Mahlzeit ein. Die ‚Eucharistie‘-Feier beginnt mit dem lobpreisenden Dank über Kelch (zuerst) und Brot und folgt damit dem Aufriss des Kiddusch-Ritus am Anfang des jüdischen Gastmahls. Kelch- und Brotsegen und die Bitte um die Sammlung der Kirche in das Reich Gottes nennen die Heilsgüter, für die gedankt bzw. um die gebeten wird. Das Kelchwort steht voran. Damit wird daran angeknüpft, dass beim jüdischen Gastmahl vor dem Brotbrechen und Brotsegen der erste Wein- und Festtagssegen (Kiddisch) gesprochen wird (86f).

Im Zentrum geht es um den ‚Weinstock Davids‘ und das Brot des Lebens. Der Kelchsegen spricht mit dem Begriff ‚Weinstock Davids‘ das dem David verheißene und nun den Christen durch Jesus, den Knecht Gottes, geschenkte messianische Heil an. Der john Jesus benutzt den Weinstock als Bild, um die Leben sichernde Abhängigkeit der Gläubigen von Jesus auszusprechen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der trägt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5). Ob jemand in Jesus bleibt, entscheidet sich daran, ob er seine neuen Gebote hält und in seiner Liebe bleibt (15,10). Ziel der Gemeinschaft mit Jesus ist, „dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde“ (15,11). Weinstock und Wein sind Symbol für alle Lebens- und Heilsgaben. Mit der Erwähnung Davids greift der Kelchsegen die eschatologische Bitte des jüdischen Nachtischgebets gleich am Anfang der Eucharistie auf. Sie ist durch Jesus erfüllt worden. Die doppelte Verwendung des Begriffs ‚Knecht‘ parallelisiert David und Jesus (88f).

Der Brotsegen preist die Gabe des Lebens und der Erkenntnis, die Jesus offenbart hat (Jesus als „das Brot des Lebens“ 6,35.48). Mit Erkenntnis hat dieses Brot zu tun, weil der Bezeichnete, Jesus, in der john Theologie der Logos, das Wort Gottes ist.

Das Bild vom Werden des Brotes aus den einzelnen Getreidekörnern wird übertragen auf das Werden und Wachsen der Kirche „von den Enden der Erde in dein Reich“. Der Wein ist Wein und das Brot ist Brot. Beide weisen über sich hinaus auf Jesus, den Offenbarer, und das ihnen durch ihn eröffnete Leben. Die Gemeinschaft mit Jesus kommt nicht durch das Essen zustande, sondern ist lebendig durch die Beziehung im Geist. Beim Essen wird die Gemeinschaft mit dem im Geist präsenten Jesus über den Lebensgaben Brot und Wein lobpreisend bedankt (89).

Im jüdischen Gebet steht der Lobpreis des Schöpfers, Erbarmers und Ernährers voran. Ihm folgen der Dank für die Erwählung und die damit verbundenen Heilsgüter (Land, Bund, Tora, Leben und Nahrung) und die Bitte um Israels und Jerusalems Erneuerung und die Errichtung des messianischen Königreichs Davids. Der Dank in der Didaché steht eingefügt zwischen lobpreisenden Aussagen, die das besondere Gottesverhältnis der Christen rühmen: Gott hat seinen Namen in den Herzen der Christen wohnen lassen (V 2a), ihnen Erkenntnis, Glauben und Unsterblichkeit offenbart (V 2b) und über die leibliche Nahrung hinaus den Gläubigen ‚“geistliche Speise und Trank und ewiges Leben geschenkt durch Jesus“ (V 3b). Dieser Teil des Nachtischgebets gibt sich als eine Übernahme des jüdischen Erwählungsgedankens zu erkennen. Im Unterschied zu den Juden beziehen die Christen die Erwählung auf die Einwohnung Gottes in den Herzen der Gläubigen, auf Erkenntnis, Glaube, Unsterblichkeit (V2) bzw. auf (die) geistliche Speise und Trank und ewiges Leben (V 3b). Mit der Einwohnung des Namens Gottes in den Herzen der Christusgläubigen sind der Bundesgedanke, die Tora und das Stichwort Leben aus der jüdischen Vorlage aufgenommen (Jer 31,31-34) (Übereinstimmung der Themen in Didaché 10 und Jer 31) (91).

Zuerst wird im Nachtischgebet der Didaché Gott dafür Lob und Dank gesagt, dass er seinen heiligen Namen hat „wohnen lassen in unseren Herzen“. Jer 31: In der neuen, damals noch ausstehenden Heilszeit sollte Gottes Gesetz Israel ins Herz geschrieben werden. Dies würde die Basis eines neuen und nicht mehr (wie bei den Vätern) mit Blut begründeten Bundes zwischen Gott und seinem Volk sein (V 33). Vielmehr sollte es durch die ins Herz der Menschen geschriebene Tora zu einer neuen und alle erreichenden Gotteserkenntnis kommen (V 34). Dieses Stichwort ‚Erkenntnis‘ nimmt die Didaché auf und verbindet es mit dem Stichwort ‚Glauben‘. Von Jeremia wurde verheißen (V 34), Gott werde den Menschen in seinem Volk „ihre Schuld verzeihen und ihrer Sünden nicht mehr gedenken“. Diesen Gedanken übernimmt die Didaché, entwickelt ihn aber weiter auf ein Heilsgut hin, das sich nach jüdischer Vorstellung mit der Vergebung von Schuld und Sühne verbunden hat: die Unsterblichkeit (V 2) bzw. ewiges Leben (V 3). Denn die Sterblichkeit wurde (wie auch bei Paulus Röm 6,23) als „der Sünde Sold“ verstanden, d.h. als Strafe Gottes für die ungehorsame Menschheit. Also konnte nur eine umfassende Sündenvergebung den Weg zur Unsterblichkeit wieder freimachen. Von der Sündenvergebung wusste die Gemeinde aus Jesu Verkündigung von Gottes unbedingter Liebe. So gehört für die Didaché die Unsterblichkeit zu den durch Jesus gebrachten Heilsgaben, die im Eucharistiegebet von der Gemeinde lobpreisend bedankt werden. Außerdem verlangt Didaché 14 von den Christen, dass sie vor der Eucharistie (die hier als ‚Brotbrechen‘ bezeichnet wird), ihre Übertretungen bekennen und nur dann an der Eucharistie teilnehmen dürfen, wenn sie sich vorher untereinander versöhnt haben, sofern sie Streit miteinander hatten (V 2). Sie schöpfen aus der Vergebung Gottes und geben sie sich – außerkultisch – weiter (92f).

Die Ankündigung des judenchristlichen Eucharistiegebetes an die Verheißung des neuen Bundes bei Jeremia bedeutet zugleich auch die schärfste Trennung von Israel: Den neuen Bund hat Gott nach der Auffassung der Judenchristen der Didaché nicht mehr mit Israel geschlossen, sondern mit der Kirche. Sie ist das neue Volk Gottes, alle Verheißungen gelten ihr. Entsprechend bittet das Fürbittengebet in Didaché 10,5 für die Kirche und ihre Sammlung ‚aus den vier Winden … in dein Reich‘ und nicht mehr (wie das Nachtischgebet der Juden) für Israel, Jerusalem, Tempel und Zion und die Wiedererrichtung des Königreichs Davids. Das Ziel der Hoffnung, das Kommen des Reiches Gottes und die Wiederkehr Jesu hat keine solche Lokalisierung mehr nötig (93).

Die Didaché präsentiert ‚unblutige‘ Eucharistietexte, die sich radikal von der von Paulus und den Synoptikern geläufigen Abendmahlsüberlieferung unterscheiden. Die Eucharistie der Didaché hat keinen Bezug zur Hinrichtung Jesu. Sie verbindet den Kelch nicht mit dem Blut und das Brot nicht mit dem Leib Christi, sondern hat einen eigenen Bezugsrahmen für das Mahl: Die Verheißung des neuen Bundes beim Propheten Jeremia, die sich in Jesu Leben erfüllt hat (nicht mehr durch Blutvergießen wie in der jüdischen Väterzeit). Die Didaché kann auch ohne Rekurs auf Jesu Sterben und Tod gewichtige Heilsgüter nennen, die ihm die Kirche als neues Gottesvolk verdankt. Sie bindet den Bundesschluss Gottes mit der Kirche nicht an den Tod Jesu, sondern an das, was er der Kirche ‚zu erkennen gegeben hat‘ ‚offenbar gemacht hat‘, seine Verkündigung in Wort und Leben. Mit ihm ist die Verheißung von einem wirklich neuen Bund Wirklichkeit geworden. Der Blick der Gemeinde geht voraus auf das Reich Gottes bei der Wiederkehr des Herrn, auf die Errettung vom Bösen und die Vollendung in (bzw. durch) Gottes Liebe (10,5). Das Stichwort Liebe signalisiert eine große Nähe zur john Theologie (vgl. 1Joh 4,16) (94f).

Die Gebete zur Eucharistie in der Didaché bleiben nah an der Mahlpraxis Jesu, weil sie dem jüdischen Formular folgen. Sie sind Gebete der Kirche und geben sich nicht als vom irdischen Jesus gestiftet aus. Trotz der Nähe zum Judentum ist eine unüberwindliche Trennung zum Judentum vollzogen. Denn nunmehr sind es das Kommen Jesu, seine Verkündigung in Wort und Tat und schließlich seine eschatologische Wiederkehr, die als Heilsgaben Gottes gefeiert werden. Mit ihnen ist der neue Bund Wirklichkeit geworden und durch Gottes Liebe wird er sich vollenden.

Dass ‚der neue Bund‘ in den Didaché-Gebeten nicht als Stichwort erscheint, hängt damit zusammen, dass er auch in der Verkündigung Jesu nicht vorkommt. Die Theologie der Didaché hat sich offenbar davor gehütet, den Sprachgebrauch derer zu übernehmen, die eine auf das Bundesblut gegründete Bundestheologie mit dem Sterben Jesu und dem Abendmahl verbunden haben. Dass die Didaché den Begriff ‚eucharistia‘ für das Abendmahl gewählt hat, kann als programmatische Aussage zugunsten einer nicht aufs Blutvergießen gründenden Mahlfeier verstanden werden (95).

Kp 14 der Didaché: thysia - ‚Opfer‘: Für den Didachisten sind die eucharistischen Gebete das unblutige ‚Opfer‘ gewesen, das die Gemeinde Gott darbringt. ‚Opfer‘ meint summarisch die lobpreisenden Dankgebete. Als die Didaché entstand, war der Opferkult im Jerusalemer Tempel schon eine Generation lang beendet. Im griechisch-römischen Bereich gab es ein doppeltes Opfersystem: Vor dem Tempel, am Altar wurden Tiere geschlachtet, innerhalb des Tempels wurden, vor dem Ḱultbild der Gottheit, unblutige Gaben dargebracht: Speisegaben für die Götter. Im Laufe der Zeit ist man aber davon abgegangen, die Speisegaben als ‚Ernährung‘ der Gottheiten zu verstehen. Man hat in ihnen Gaben gesehen, die die Götter den Menschen geben. Die unblutige Opfer-Handlung wurde dadurch im Kern ihres Wesens zu einer lobpreisend-dankenden Gabendarbringung (95f).

Die Eucharistiefeier der Didaché erweist sich vor allem dadurch auf der Linie, die die Vorgaben Jesu gewiesen haben, dass sie die Vergebung als außerkultische Angelegenheit der Christen untereinander ansieht, d.h. die Teilnahme an der Eucharistiefeier der Didaché diente nicht der Vergebung der Sünden. Die Didaché ist einen eigenen Weg gegangen und nicht den, der von der sog. Abendmahlsparadosis, als jüdisches Erbe festgehalten worden war. Alles, was die Menschen nach damaliger Vorstellung zum Heil brauchten, hatten die Christen der Didaché aus der Offenbarung durch Jesus bekommen: die Vollmacht der Sündenvergebung, Einwohnung Gottes in ihren Herzen, die Erkenntnis des ‚Weges zum Leben‘, den Glauben, die Bewahrung vor dem Bösen und die Unsterblichkeit. Dafür dankt und lobt ihre Eucharistie Gott. Was noch unvollendet war, würde Gott in der Wiederkehr Jesu durch seine Liebe vollenden. Als es um den Kanon ging, war die Sühnopfertheologie des Paulus und anderer in der Kirche längst dominant geworden (96f).

 

b. Das Johannesevangelium stiftet die Fußwaschung als Sakrament der dienenden Liebe und als zentrale Gedächtnisfeier des Beispiels Jesu

 

Die Mahlfeier am Vorabend des Pessachfestes leitet die gegenüber den Synoptikern erheblich ausgeweiteten Passions- und Ostererzählungen als literarischen Zusammenhang ein (13,1 - 20,31). Zugleich ist das Mahl durch die Abschiedsreden (14 - 16) und das Abschiedsgebet (17) sehr weit von der eigentlichen Leidensgeschichte entfernt angeordnet, die in Kp 18 beginnt. Das Mahl steht deshalb bei Joh vor, nicht in der Leidensgeschichte. Es ist das Bindeglied zwischen den bisherigen Jesus-Erzählungen (Kp 1-12) und den Passions- und Ostererzählungen: „Vor dem Pessachfest aber, als Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen sei, aus dieser Welt zum Vater zu gehen, erwies er den Seinen in der Welt, wie er sie (bisher) geliebt hatte, seine Liebe bis zum Ende“ (13,1). Die Art, in der Jesus den Seinen seine Liebe jetzt erweist, ist die Fußwaschung, die er während des Mahls vollzieht (13,2-17). Denn die Fußwaschung deutet das, was seine Jünger bisher von Jesus erlebt haben, als Erweis seiner dienenden Liebe. Er legt den Jüngern die Pflicht auf, einander denselben Dienst zu erweisen: „Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr, noch ein Gesandter größer als der, der ihn gesandt hat“ (13,16). Ab V 13,1 geht es um Jesu Weg heraus aus dieser Welt zum Vater. Als Auferstandener sendet er seine Jünger in die Welt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (20,21). Und wie der heilige Geist bisher vom Vatergott auf den Sohn Gottes, Jesus, übergegangen war (1,32-34), so geht er nun vom Auferstandenen auf die Jünger über (20,22): Der Auferstandene tauft die Jünger mit heiligem Geist (1,35) (98f).

Das Mahl findet noch in der Welt statt. Es hat keine sachliche Verbindung zum ‚letzten Mahl‘ bei den Synoptikern und bei Paulus. Ein Brot- und ein Kelchwort, die in der frühkirchlichen Abendmahlsüberlieferung das Zentrum darstellen, gibt es bei Johannes nicht. Das Mahl liefert nur die Szene, um die Fußwaschung vollziehen und deuten zu können. Es ist dazu da, um die Abendmahlspraxis im Gedächtnis der john Kirche mit der Fußwaschung zu ‚überschreiben‘. Die Fußwaschung wird ausdrücklich das Beispiel genannt (13,15), das Jesus den Seinen als Schlüssel zu seinem Leben und zu seinem Weg zum Vater gibt. Deshalb ist es das „neue Gebot“ Jesu für die Jünger. Er hat den Jüngern die dienende Liebe vorgelebt. Die dienende Liebe wird nun zu dem „neuen Gebot, in dem alle anderen (alten) Gebote aufgehoben sind: „Dass ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe“ (13,34) (99f).

Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (13,35). Die Fußwaschung offenbart einen Paradigmenwechsel im Blick auf das Verhältnis Gottes zu den Menschen: In Jesus dient Gott den Menschen und erwartet, dass sie diesen Dienst einander weitergeben. Das ist der Sinn seiner und nun auch der Christen Sendung. Im Gesandten ist Gott gegenwärtig als der, der dienend Liebe übt (vgl. 13,20). Die dienende Liebe macht Menschen rein, außerhalb jedes kultischen Rituals. Denn ‚rein‘ heißt: würdig für Gott. Die Liebe Gottes setzt sich in der Liebe fort, die, die vom Auferstandenen gesandten Menschen einander erweisen. Das JohEv stimmt mit der Didaché darin überein, dass der Tod Jesu nicht als Opfer gedeutet wird und die Mahlfeier der Christen nicht den Sinn hat, seinen Tod als Bundesopfer zu vergegenwärtigen. Zu vergegenwärtigen ist das ganze Leben Jesu und die darin wirksame dienstbereite Liebe Gottes. Damit hat das JohEv auf seine Weise die Vorgaben Jesu aufgenommen (100).

 

c. Durch einen Nachtrag (6,51b-58) ist versucht worden, das JohEv der frühchristlichen Abendmahlsüberlieferung anzupassen

 

Die Brotrede hat Jesus in einer Synagoge (!) gehalten und sich selbst, in Anspielung auf die vorausgegangene ‚Speisung der Fünftausend‘ (6,1-15) und das Mannawunder während der Wüstenwanderung Israels (2Mose 16,4.13-15), als das „Brot des Lebens“ bezeichnet. Der Nachtrag stellt eine assoziative Verbindung zwischen Jesus als dem Brot des Lebens und dem frühkirchlichen Abendmahl her: „Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch...“. Plötzlich wird nicht mehr eigentlich vom Brot des Lebens geredet, sondern das Brot wird mit dem Leib, Fleisch, Jesu gleichgesetzt. Vor allem wird nun auch von seinem Blut geredet in ungeheurer Drastik: „Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, habt ihr kein Leben in euch...Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm“ (6,53.56). Dass der Nachtrag grobschlächtig gemacht worden ist, kann man daran erkennen, dass hier (in einer Synagoge) unumwunden dazu aufgefordert wird, (Menschen-)Blut zu trinken. Die Vorstellung, Blut, Menschenblut zu trinken, war für einen Juden völlig abwegig, denn 3Mose 17,10-14 verbietet strikt jeglichen Blutgenuss als Greueltat vor Jahwe:Ein jeder, der es zu sich nimmt, soll ausgerottet werden“. Was der Nachtrag verheißt (ewiges Leben), haben bereits die vorangegangenen Verse 47 („Wer glaubt, hat ewiges Leben“) und 51a („Wenn jemand von diesem Brot ist, wird er in Ewigkeit leben“) zugesagt. Schon dadurch wird klar, dass ein solches Sakrament nach der Theologie des JohEvs gar nichts gebracht hätte, was für diese Gemeinde erstrebenswert gewesen wäre. Die Verbindung zu Jesus und zum ewigen Leben haben die Menschen durch den Glauben an das Wort, den Logos (102f).

Joh 1,29-34 spricht im Singular von ‚der Sünde der Welt und nicht von den Sünden der Menschen, wie es Sühnetheologie tut. Die Sünde der Welt ist ihre Gottferne und Geistferne. Die ist durch das Kommen Jesu in die Welt, durch die Inkarnation des Logos Gottes hinweggenommen worden, weil er nun in der Welt ist. Joh 3,16 spricht von Gottes Liebe und bezieht sich auf das Wunder der Menschwerdung des Logos: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“. Im Griechischen steht nur „gab“ und nicht „dahingab“. Gemeint ist hier wie in 1,29 die Menschwerdung des Gottessohnes: ihn hat Gott der geliebten Welt gegeben, damit die Menschen durch den Glauben an Jesus ewiges Leben erlangen (3,15) – durch den Glauben an die Worte des Logos, des Wortes Gottes (104).

Eines anderen Brotes als des im Glauben und Hören angenommenen Lebensbrotes bedarf es nicht (108f).