2. Jakobus der Herrenbruder

2.1 Vorbemerkungen
2.2 Konsequenzen und weiterführende Fragen
2.3 Jakobus und Paulus
2.4 Jakobus und Petrus
2.5 Anhang: Das Nein des Johannes zu Jakobus und zur Jakobustradition

2.1 Vorbemerkungen

a. Zur Situation im NT
Im Bericht des Paulus über das ’Apostelkonzil’ (Gal 2,9) steht Jakobus an der ersten Stelle der drei Säulen in Jerusalem, vor Kephas und Johannes. Offenbar war er schon 48 n.Chr. der führende Repräsentant des Judenchristentums in Jerusalem. In Diskrepanz zu dieser hervorgehobenen Stellung des Herrenbruders in Jerusalem steht sein Zurücktreten in den ntl Schriften. Jakobus ist die einzige Person neben Petrus, von der Paulus eine anerkannte Sonderoffenbarung des Auferstandenen (1Kor 15,7) berichtet. Doch schon die kanonischen Evangelien schweigen über ihn. Nach Joh 7,5 „glaubten seine [Jesu] Brüder nicht an ihn“ und wurden von Jesus hart zurechtgewiesen (s. auch Mk 3,21 u. 3,31-35 parr). Dieses Zurücktreten des Bruders Jesu, das sich in den Apostolischen Vätern und bei den Apologeten fortsetzt, ist ein Zeichen für die einseitige, tendenziöse Auswahl der uns überlieferten historischen Nachrichten im Kanon und der frühen Literatur des 2. Jh.s, die deutlich macht, dass man in der heidenchristlich geprägten Großkirche nach 70 von Jakobus und den anderen Brüdern Jesu bald nicht mehr viel wissen wollte (549f).

b. Das Jakobusmartyrium nach Josephus

Der Bericht des Josephus demonstriert die gespannte, ja lebensbedrohende Situation für die Judenchristen in Jerusalem wenige Jahre vor Ausbruch des Jüdischen Krieges. Durch die Hinrichtung des Jakobus brach eine Katastrophe über die Gemeinde herein, von der sie sich nicht mehr erholen sollte. Offenbar sahen die Anhänger der Partei des Priesteradels in Jakobus und seinen Freunden eine ähnliche religiös-politische Gefahr für das Volk wie 32 Jahre zuvor in Jesus (552).

Der Bericht demonstriert zum anderen die relative Toleranz, die die Pharisäer den Judenchristen entgegenbrachten und die in einem gewissen Widerspruch zur Ausstoßung aus der Synagoge in den Jahren nach 70 steht. Dies mag damit zusammenhängen, dass zumindest die gemäßigten Pharisäer hillelitischer Prägung damals den Judenchristen noch näher standen als den Sadduzäern. Das wird auch dadurch bestätigt, dass – trotz aller scharfen Kontroversen bei Markus und Lukas die Pharisäer (und Schriftgelehrten) die wichtigsten Gesprächspartner Jesu und der Jünger darstellen (552).

Der Herrenbruder ist – abgesehen von Stephanus und dem Zebedaiden Jakobus – die erste führende Gestalt des Urchristentums, die das Martyrium erleidet – vor Paulus und Petrus. Die Erschütterung dieser Jahre zwischen 62 und 70, die die ganze Kirche betraf, war am schwersten für das palästinische Judenchristentum, denn dieses verlor nicht nur seinen Führer, sondern wurde wenige Jahre danach im Sog des Jüdischen Krieges weitgehend zerschlagen bzw. zerstreut und damit entmächtigt. In den für die Entstehung der frühchristlichen Literatur so entscheidenden Jahre ab 70 tritt es nicht mehr als tonangebende Gruppe hervor (552f).

c. Die christliche Überlieferung des Jakobusmartyriums

In den späteren christlichen Darstellungen des Jakobusmartyriums wird kaum mehr etwas von der von Josephus beschriebenen Konstellation sichtbar. Origenes berichtet nur, der jüdische Historiker habe die Hinrichtung des Jakobus erzählt, um die Zerstörung Jerusalems zu begründen: „diese sei ihnen aufgrund von Gottes Zorn zugestoßen wegen des an Jakobus durch sie begangenen Verbrechens“. Der sachliche Bericht des Josephus wird hier der christlichen Apologetik dienstbar gemacht (553).

d. Der Gerechte

Das 12. Logion des Thomasevangeliums lautet: „Es sprachen die Jünger zu Jesus: Wir wissen, dass du von uns gehen wirst. Wer ist’s, der groß sein wird über uns? Jesus sprach zu ihnen: Am Ort wohin ihr gekommen seid, werdet ihr gehen zu Jakobus dem Gerechten, dessentwegen der Himmel und die Erde geworden sind“. Dieses Logion muss man mit dem Felsenwort in Mt 16,18ff vergleichen. Wie Petrus darin zum Felsen wird, auf dem der Herr seine Kirche baut, so erhält hier der Bruder Jesu die absolute Autorität über die Jünger nach dem Weggang Jesu. Der Satz, dass um des Jakobus willen „Himmel und Erde geworden sind“, unterstreicht seine Autorität als einzigartiger (saddig) Gerechter. Dieser Satz erinnert an rabbinische Traditionen: dass ein wahrer vollkommener Gerechter die ganze Welt aufwiege, ja dass die Macht der Gerechten der Gottes nahe komme, dass die ganze Schöpfung dem saddig zu Diensten stehe. Der Beiname „der Gerechte“ hat in ähnlicher Weise ekklesiologische Bedeutung wie „Kephas“ für Simon. Zugleich erklärt die Funktion des Jakobus als saddig seine Bezeichnung als ’Schutzmauer’. Seine Existenz hält Unheil von seinem Volk fern, seine Fürbitte dringt zu Gott und hat sühnende Funktion, denn der Gerechte verwandelt Gottes Strafgerechtigkeit in Barmherzigkeit. Ursprünglich wird der Bruder Jesu diesen Ehrennamen aufgrund seines vorbildlichen Toragehorsams und seiner vom Gebot Jesu geprägten Lebensführung erhalten haben. Dikaios/Gerechter war im NT wie schon im AT messianischer Titel. Es ist verständlich, dass Judenchristen wenige Jahre nach seinem Martyrium die über die Heilige Stadt hereinbrechende Katastrophe als Gottes Strafe für die Hinrichtung des „Gerechten“ betrachten mussten: die ’Mauer’, die das Gericht aufgehalten hatte, war frevlerisch zerstört worden. Die Gestalt des Bruders Jesu ist als exemplarischer Fürbitter und vollkommener Gerechter ganz in die palästinisch-jüdische Frömmigkeit eingebettet. Zugleich verbindet sich damit ein einzigartiger Führungs- ja Offenbarungsanspruch in der Kirche (557-559).

e. Der besondere Autoritätsanspruch

Es begegnet uns beim späteren judenchristlichen Jakobusbild des 2. Jh.s eine Autorität, wie wir sie im NT nur noch bei dem führenden Jesusjünger Simon-Petrus und in anderer Weise bei dem Außenseiter Paulus finden. Auffallend ist, dass das spannungsvolle Verhältnis dieser drei Männer selbst noch in einem stark ebionitisch beeinflussten Apostelroman, wie den Pseudoclementinen im 3. bzw. 4. Jh. nachwirkt, in dem Petrus dem Jakobus völlig untergeordnet wird, und Paulus als der Erzfeind erscheint. Die unmittelbar auf den Kyrios bezogene Autorität der drei wird schon im NT dadurch sichtbar, dass uns dort – abgesehen von Maria Magdalena – nur von ihnen exklusive Erscheinungen des Auferstandenen berichtet werden (559f).

f. Der ’Offenbarungsmittler’

Die Offenbarungsmittlerfunktion des Jakobus wird durch Clemens bezeugt: „Der Herr übergab nach seiner Himmelfahrt die Gnosis Jakobus dem Gerechten, Johannes und Petrus, diese übergaben sie den übrigen Aposteln, die übrigen Apostel den Siebzig, unter denen auch Barnabas war“. Die Parallele zur Übergabe der Tora an Mose und der sich anschließenden Tradentenkette Abot 1,1 ist offensichtlich. Dies deutet auf judenchristlichen Ursprung hin. Die drei Jünger entsprechen Mose, sie sind die eigentlichen Vermittler der Offenbarung (563f).

2.2 Konsequenzen und weiterführende Fragen

Die weit verstreuten judenchristlichen und großkirchlichen Traditionen wollen in sehr verschiedenen Abstufungen die überragende Autorität des Herrenbruders bis hin zur Offenbarungsmittlerfunktion darstellen. Die Jakobuslegende gestaltet aus, was letztlich auf einen historischen Kristallisationspunkt, die Persönlichkeit des Herrenbruders, zurückgehen muss. Es wird so verständlich, warum die Großkirche nach einigem Zögern schließlich auch eine Jakobusschrift in den Kanon aufnahm und an die Spitze der katholischen Briefe stellte, einen Brief, der mit dem Anspruch einer Enzyklika an die Gesamtkirche auftritt (566).

a. Die apokryphen Traditionen über Jakobus müssen ihre Wurzeln letztlich in dem besonderen Autoritätsanspruch des Bruders Jesu besessen haben. Es verband sich mit ihm eine Führungsforderung, die nicht nur die judenchristlichen Gemeinden betraf. Die Kirche in Jerusalem, mit Jakobus an der Spitze, betrachtete sich als die Mutter- und Hauptgemeinde der ganzen Kirche. Dieser Anspruch hatte durchaus kirchenrechtlichen Charakter. Wenn das Mk-Ev demgegenüber wieder Galiläa in den Vordergrund rückt, könnte dies auf eine konkurrierende petrinische Tradition zurückgehen. Vom Standpunkt der palästinischen Judenchristen ist die christliche Kirche eine einzige große Gemeinde, denn sie hat einen unverrückbaren Mittelpunkt: Jerusalem. Und sie hat seit der Verfolgung unter Agrippa einen mit einzigartiger Autorität begabten Leiter: Jakobus, den Bruder Jesu.

b. Diese Hervorhebung des Jakobus ist um so auffallender, als kurz nach seiner Hinrichtung durch die Katastrophe des Jüdischen Krieges die Jerusalemer Gemeinde zerschlagen wurde. Die Kirche des römischen Aelia Capitolina (Jerusalem) begann von neuem nach dem Bar Kochba-Aufstand 132-135 als rein heidenchristliche Gemeinde. Auf den Kontinuität und Autorität verleihenden ’Bischofsthron’ des Jakobus und den Anspruch, dass dieser unmittelbar nach der Himmelfahrt vom Herrn selbst eingesetzt der erste Bischof der Kirche gewesen sei, wollte man auch dort nicht verzichten (567).

c. Wie kommt es zu einer ab der 2. Hälfte des 2. Jh.s nachweisbaren und sich weit bis ins 4. Jh. hinein erstreckenden Überlieferung von der ganz besonderen, durch den Herrn selbst begründeten Autorität des Jakobus? Das plötzliche Hervortreten des Jakobus fällt um so mehr auf, als die Evangelien den Brüdern Jesu eher feindlich gegenüberstanden, und die frühe Überlieferung der heidenchristlichen Kirche sich zunächst im Totschweigen übte. Lukas erwähnt Jakobus nur dreimal in der Apg, wobei er ihn in 12,17 ohne seinen Ehrentitel, Bruder des Herrn, zu nennen, einführt. Trotz seines spürbaren Widerwillens kann er die überragende Bedeutung des Jakobus nicht völlig verdrängen. Im Grunde verdanken wir es allein diesem Sachzwang und noch mehr den wenigen Erwähnungen bei Paulus, dass Jakobus nicht völlig vergessen wurde (569).

2.3 Jakobus und Paulus

Sicher ist, dass Jakobus für die Geschichte des Urchristentums der ersten 30 Jahre eine wesentlich größere Bedeutung zukommt, als es die sehr sporadische Erwähnung in den ntl Quellen erahnen lässt (570).

a. Jakobus war nicht jener extreme Vertreter einer intolerant gesetzesstrengen Haltung. Vielmehr zeigt er sich als das Haupt der Jerusalemer Gemeinde trotz aller persönlichen Gesetzesfrömmigkeit als ein Mann des Ausgleichs, der die Einheit der messianischen Jesusgemeinde aufrecht zu erhalten suchte. Das für Jakobus und Paulus gemeinsame christologische Grundbekenntnis blieb das entscheidende Band: (1Kor 15,3) „Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden... (4) und dass er begraben worden ist und dass er auferstanden ist... (5) und dass er gesehen worden ist von Kephas... (7) und dass er gesehen worden ist von Jakobus... (11) Seien es nun ich oder jene, so verkündigen wir [alle] und so habt ihr geglaubt“. Es ist das Kerygma von Christus und seinem Heilswerk, dem alle selbst in der Kontroverse verpflichtet sind, das die Einheit der Kirche begründet (570).

b. In dem pln Bericht (Gal 2) über das ’Apostelkonzil’ und über den Zwischenfall in Antiochien ist Jakobus an der Spitze der drei Säulen, d.h. er ist die führende Autorität in Jerusalem. Dies bedeutet, dass noch vor den beiden anderen Säulen seine Person maßgeblich an der Übereinkunft beteiligt war, die das Apostolat des Barnabas und Paulus zu den „Völkern“ anerkannte und der „gesetzesfreien“ Heidenmission grünes Licht gab. Ohne seine Zustimmung wäre es nicht zu dieser Übereinkunft gekommen. Die Christusgläubigen aus den Völkern erhalten durch den gemeinsamen Beschluss, auch ohne sich beschneiden zu lassen, den vollen Anteil an dem dem endzeitlichen Gottesvolk zugesprochenen Heil. Die buchstäbliche Beobachtung der Mosetora war für ihn so nicht mehr ’heilsnotwendig’. Woran ihm liegt, ist die Einheit der Kirche aus Juden und Heiden trotz ihrer vorgegebenen heilsgeschichtlich bedingten Verschiedenheit, freilich unter Anerkennung des Vorrangs der judenchristlichen Muttergemeinde in Palästina. Darum verknüpft er mit „der Hand der Gemeinschaft“, die er Barnabas und Paulus reicht, die Bitte um die Kollekte für „die Armen“ in Jerusalem. (Obwohl Paulus die Freiwilligkeit der Übernahme betont Gal 2,6-10, handelt es sich doch um eine richtige Auflage, die den Heidenchristen von der Muttergemeinde gemacht wird) (570f). 

Die judenchristliche palästinische Gemeinde war damals noch nicht grundsätzlich auf die Heidenchristen angewiesen. Sie hätte auch als rein jüdisch-messianische Sondergruppe existieren können. Die seit der Verfolgung durch Agrippa I. (vgl. 1Thess 2,14f) angefochtene Situation der Judenchristen in Jerusalem wäre durch eine Distanzierung von der gesetzesfreien Heidenmission nur erleichtert worden, und die Schwierigkeiten, die sich gerade aus der pln Mission ergaben, die mehr und mehr unter den Verdacht der Apostasie geriet, hätte man sich erspart (571).

c. Der Unterschied zwischen Paulus und Jakobus besteht darin, dass Paulus – obwohl Judenchrist – auch für sich selbst die Einhaltung der Tora nicht mehr als verbindlich betrachtete, da er, der ehemalige Pharisäer und Eiferer für das Gesetz, durch die Christusvision vor Damaskus die Gewissheit erhalten hatte, dass die Gerechtsprechung vor Gott nicht durch die Erfüllung der Gebote der Mosetora, sondern allein durch den Glauben, das bedingungslose Vertrauen in die Heilstat Christi, vermittelt würde. Danach konnte Paulus seine je und je ebenfalls vollzogene Gesetzesbeachtung in einer konkreten Situation aus dem missionarischen Aspekt des Dienstes (1Kor 9,20ff) oder aber der Agape (1Kor 8; Röm 14) begründen.

Die schroffe Kritik des Paulus an Petrus in Antiochien Gal 2,11f geht davon aus, dass Petrus wie die anderen Judenchristen in der gemischten Gemeinde ihr ’liberales’ Verhalten nach dem Eintreffen von Sendboten des Jakobus änderten und die bisherige Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen aufgaben. Damit zwangen sie die Heidenchristen, wider bessere Einsicht jüdische Gesetzesbräuche aufzunehmen, um die Tischgemeinschaft wiederherzustellen, und stellten eben dadurch die allein durch den Glauben an Christus begründete Heilsgewissheit in Frage (571).

Sehr wahrscheinlich war es für Jakobus in der strengen jüdischen Lebensgemeinschaft Jerusalems eine selbstverständliche Forderung, dass Judenchristen – wie jeder fromme Jude – auch die rituellen Gebote der Tora einzuhalten hätten. Schon der bloße Verdacht, dass sie wie Apostaten lebten, hätte ein Fortbestehen der Judenchristen in Jerusalem als geschlossene Gemeinde unmöglich gemacht (572).

d. Dass Jakobus grundsätzlich ein Mann des Ausgleichs war, zeigt das sog. Aposteldekret, das das mit dem Zwischenfall in Antiochien aufgebrochene Problem nachträglich durch einen für Judenchristen noch tragbaren Kompromiss bereinigte. Die Heidenchristen sollten, um die gestörte Tischgemeinschaft mit den Judenchristen in den Gemeinden wiederherzustellen, gewisse kultische Mindestforderungen einhalten. Möglicherweise rät auch Paulus in 1Kor 8 und Röm 14 zu deren Einhaltung, freilich mit ganz anderer Begründung: um der Liebe willen, aus Rücksicht auf die Schwachen. Paulus dürfte das Dekret als solches nicht als verbindlich betrachtet haben. Deutlich wird an diesen Vorgängen, dass Jakobus an der Einheit der Kirche zwischen Juden und Heiden mehr lag als an einer klaren Abgrenzung gegenüber allen Nichtjuden, obgleich eine derartige scharfe Grenzziehung die angefochtene Situation der judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem und Judäa verbessert hätte. Das Aposteldekret bedeutete von seiner Seite aus ein Entgegenkommen, durch das die bedrohte Einheit wiederhergestellt und gefestigt werden sollte (572f).

e. Diese vermittelnde, auf die innere Einheit der missionarisch wachsenden Kirche hin ausgerichtete Haltung des Herrenbruders hat ihre relative Entsprechung in der Einstellung des Paulus gegenüber Jerusalem, das für ihn der Ausgangspunkt des Heils bleibt, und das er trotz großer Gefahren mit der Kollekte aufsucht. In diesem Zusammenhang kann der stereotype Sprachgebrauch des Paulus im Blick auf die Jerusalemer Gemeinde, die er „die Heiligen“ nennt (1Kor 16,1; 2Kor 8,4; 9,1.12; Röm 15,24f.31) und die Bedeutung von Röm 15,26 nicht genug hervorgehoben werden: „Die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem. Sie haben es willig getan und sind auch ihre Schuldner. Denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, ist es recht und billig, dass sie ihnen auch mit leiblichen Gütern Dienst erweisen“.

Auch Jakobus hat trotz aller Gerüchte über den abtrünnigen Heidenmissionar nicht für Paulus die Tür zugeworfen. Auch er wollte die Einheit des wahren endzeitlichen Gottesvolkes, einschließlich der pln, konsequent gesetzesfreien Missionsgemeinden nicht von seiner Seite aus zerstören (573).

Paulus suchte die Jerusalemer Urgemeinde auf trotz aller Gefahren und Differenzen, weil er die Einheit der messianischen Gemeinde demonstrieren wollte, und weil Jerusalem auch für ihn als Ort der Muttergemeinde ganz besondere Bedeutung besaß (574).

Für Jakobus musste die Situation noch schwieriger gewesen sein. Wirkliche ’Freiheit vom Gesetz’ war im jüdischen Palästina für Juden nicht praktizierbar. Die Gemeinde konnte sich auf die Dauer nicht dem Verdacht einer laxen Gesetzespraxis aussetzen. Einen offenkundigen Abtrünnigen hätte sie zurückweisen müssen. Der zweijährige Prozess gegen Paulus in Caesarea musste auch die Judenchristen in Judäa in den Augen ihrer jüdischen Mitbürger schwer belasten. Es mag ein gewisser Zusammenhang bestehen zwischen dem Martyrium des Jakobus im Jahr 62 und der Hinrichtung des Paulus im Jahr 64. Die Anklage gegen Paulus lautete: Bruch des Gesetzes und Entweihung des Tempels (Apg 21,28; 24,6). Auch Jakobus starb als Gesetzesbrecher (574f)!

Dass Paulus geborene Juden direkt zum Abfall vom Gesetz aufgefordert haben soll, lässt sich aus seinen Briefen nicht belegen. In 1Kor 7,17-20 betont er, dass jeder in dem Stand bleiben soll, in den er berufen wurde: auch und gerade als Jude. Die Erfüllung bestimmter Gebote der Tora um der Liebe willen zum jüdischen Bruder war für ihn Gehorsam gegenüber dem „Gesetz Christi“ (575).

Für die palästinischen Judenchristen, die in einer geschlossenen Volksgruppe lebten, war das Festhalten an den Geboten der Tora die selbstverständliche, gottgewollte Lebensform, auch dann, wenn sie ihr Heil vor allem anderen durch den stellvertretenden Sühnetod und die Auferstehung Jesu begründeten und im Tempel nur noch die Gebetsstätte und nicht mehr den Ort zur Sühne für Israel sahen. Sie blieben innerhalb der heilsgeschichtlich gewachsenen Solidargemeinschaft Israels.

Offenbar hat Jakobus seine charismatische Autorität in Jerusalem für die Einheit von Juden- und Heidenchristen eingesetzt, weil er sich – der leibliche Bruder des Herrn – nicht nur für die Judenchristen in Judäa, sondern für alle Gemeinden verantwortlich sah (575f).

2.4 Jakobus und Petrus

Als Paulus ca. zwei Jahre nach seiner Berufung vor Damaskus 15 Tage lang Petrus besuchte, um ihn kennenzulernen, traf er neben diesem keinen anderen Apostel mehr außer „Jakobus, den Bruder des Herrn“ (Gal 1,18f). Petrus scheint damals noch der erste Mann gewesen zu sein, aber schon bei diesem frühen Besuch muss Jakobus vermutlich als Sprecher der Herrnverwandten – eine eigenständige Bedeutung besessen haben. Paulus erinnert sich an die Begegnung mit ihm und er hat ihn auch zu den Aposteln gerechnet. 14 Jahre später steht Jakobus an der Spitze der drei Säulen (Gal 2,1.9). Es hat offenbar ein Wechsel stattgefunden. Nach Apg 2-11 ist Petrus unangefochten der Sprecher der Jünger. Von Jakobus ist überhaupt nicht die Rede. Die Verfolgung der Urgemeinde in Jerusalem unter Agrippa I. (12,1), bei der Petrus verhaftet wird, gibt Lukas Anlass, Jakobus einzuführen. Am Ende des legendären Berichts von der Befreiung des Petrus verabschiedet sich Petrus von der Gemeinde: „Verkündigt dies dem Jakobus und den Brüdern“ (12,17). Lukas fügt hinzu: „Und er ging an einen anderen Ort“. Damit verschwindet Petrus, um nur noch einmal auf dem Apostelkonzil aufzutauchen (576f).

Zwischen der Verfolgung unter Agrippa I. und dem ’Konzil’ muss es in Jerusalem einschneidende Veränderungen gegeben haben. Jakobus hat mit den Ältesten die Leitung in Jerusalem übernommen. Mit Petrus verschwinden auch die Apostel, um Jakobus und dem neuen Gremium Platz zu machen. Wurden die Zwölf unter Führung des Petrus wegen ihrer liberalen Haltung durch die Verfolgung unter Agrippa I. vertrieben (sie hatten ja zum engsten Jüngerkreis Jesu gehört), während der gesetzesstrenge Jakobus und die ihm gleichgesinnten Ältesten in den Vordergrund rückten (577f)?

In Gal 2,7 erscheint Petrus als Beauftragter der Judenmission, sein Aufenthalt in Antiochien, der 1Kor und die Petrus-Rom-Tradition zeigen, dass er außerhalb Palästinas auf Reisen war. Die Existenz der Kephaspartei in Korinth und die spätere Petrusüberlieferung legen es nahe, dass er mehr und mehr zum Heidenmissionar wurde.

Dass die judenchristlichen Anhänger des Jakobus die Übernahme der Führungsrolle durch ihn mit der Berufung auf die Autorität des Kyrios, etwa eine Sonderoffenbarung, begründeten, ist naheliegend. Diese Primatsansprüche müssen eine geschichtliche Wurzel haben, die einerseits auf die charismatische Ausstrahlung des leiblichen Bruders Jesu zurückweist, andererseits aber in einer Autorisierung durch seinen zur Rechten Gottes erhöhten Bruder begründet war, die wahrscheinlich aus der besonderen Epiphanie des Auferstandenen 1Kor 15,7 hergeleitet wurde (578).

Das Proprium des in den Westen ausweichenden Petrus war die Jesusüberlieferung. Darin war er einem Jakobus und Paulus voraus. Erst der Johanneskreis macht ihm dieses Proprium, die größte Nähe zum irdischen Jesus, streitig – eine Generation nach dem Tode der ersten Führer der Gemeinde. Markus und die von ihm ausgehende synoptische Tradition trägt petrinisches Gepräge. Petrus ist darum darin vorherrschend. Die Familie Jesu hatte dagegen keinen derartigen Anteil an der Jesusüberlieferung. Trotz seiner überragenden Rolle im palästinischen Judenchristentum und darüber hinaus wurde diese Führungsposition des Herrenbruders nicht mehr in die synoptische Tradition, den Bedürfnissen der Gemeinde entsprechend, hineingelesen. Im 4. Evangelium wird der Vorrange des Petrus einerseits noch hervorgehoben, aber zugleich durch die rätselhafte Gestalt des Lieblingsjüngers überboten und damit bestritten (579).

Die Tatsache, dass Petrus in der Apg zum Begründer der gesetzesfreien Heidenmission werden kann, wie auch sein Verhalten in Antiochien, zeigen, dass er kein Gesetzeseiferer war. Wahrscheinlich war er aufgrund seiner laxen Haltung gegenüber dem Ritualgesetz für die Jerusalemer Gemeinde nicht mehr als Leiter tragbar gewesen, nachdem sich seit der Verfolgung unter Agrippa I. und durch den wachsenden Zelotismus in Judäa die Situation für die Judenchristen wesentlich verschlechtert hatte. Jakobus verschaffte sich dagegen durch seine charismatische und zugleich gesetzesstrenge Frömmigkeit, die ihm den Ehrennamen „der Gerechte“ einbrachte, Respekt, weit über die Grenzen der judenchristlichen Gemeinde hinaus (579).

Der Märtyrertod des Jakobus zusammen mit anderen Gemeindegliedern und die acht Jahre später erfolgte Zerstörung Jerusalems zerbrach den bisherigen Einfluss des palästinischen Judenchristentums auf die überwiegend heidenchristliche Kirche der Diaspora, die jetzt zu einer Kirche der Heiden wurde, auch wenn der theologische Einfluss judenchristlicher Autoren (Mt, Hebr, Corpus Johanneum, Apk) noch über eine Generation bestimmend war. Der Kampf um die Gesetzesfrage war auch für sie im heidenchristlichen Sinne ausgestanden. Die ’Hellenisten’ und Paulus hatten an diesem Punkt über Jakobus gesiegt (580f).

Bei Jakobus waren die strenge Bindung an einen Ort und die überregionale Autorität miteinander verbunden gewesen. Charisma und Leitungsamt bildeten bei ihm eine untrennbare Einheit. Sollte diese Institution des monarchischen Episkopats, aus dem Osten kommend, sich erst allmählich im Westen durchgesetzt haben? Dann läge die Frage nahe, ob die monarchische Gemeindeleitung durch eine charismatische Autorität, die von einem Kreis von Presbytern umgeben ist, nicht ihren Ursprung in Jerusalem hat. In diesem Fall wäre Jakobus vielleicht die entsprechende Vorstufe für das monarchische Bischofsamt in der Kirche (581f).