3. Die Deutung des Kreuzestodes Jesu in Jh 13-19

3.1 Durch die Lebenshingabe am Kreuz wirkt Jesus nach dem Willen des Vaters das Heil, der Kreuzestod erweist ihn als Messias und Heilbringer

Der Kreuzestod gehört zum Sendungsauftrag,

den Jesus, der Sohn, von Gott, dem Vater, erhalten hat: nach dem Willen des Vaters kann das Heil nur durch das Kreuz gewirkt werden. Jesus vollzieht diesen Auftrag des Vaters in Liebe und Gehorsam. Jh 13,3: Jesus weiß, dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben hat. Damit ist die Macht und der Auftrag, das Heil der Menschen zu wirken, gemeint. Diesen Auftrag erfüllt Jesus in der Hingabe seines Lebens in den Kreuzestod (Jh 10,18). Dass Jh 13,3 nichts anderes meint als nur die Vollmacht und den Auftrag zum Wirken des Heils durch die Hingabe des Lebens in den Kreuzestod, geht auch aus der Stellung dieses Verses als Einleitung zur Fußwaschung hervor, in der die Heilsnotwendigkeit des Kreuzestodes zeichenhaft zum Ausdruck kommt. Jh 13,4-10: Der Sklavendienst der Fußwaschung als Sinnbild, als Zeichen der Hingabe Jesu in den ehrlosen Sklaventod am Kreuz: In V 8b wird gesagt, dass Jesus diesen Tod (dargestellt in der Fußwaschung) auf sich nehmen muss, weil es sonst kein Heil gäbe, weil sonst der vom Vater gegeben Auftrag nicht erfüllt wäre (58f).

Auch in Jh 14,2 wird gesagt, dass der Kreuzestod Jesu ein Hingehen zum Vater ist zum Heil der Jünger. Dieses Heil wird dahin konkretisiert, dass die Jünger mit Teilhaber an der Herrlichkeit im Himmel sein werden. In Jh 14.30 wird wieder gesagt, dass der Kreuzestod Jesu nichts anderes ist als der Auftrag vom Vater, den Jesus in Liebe und Gehorsam vollzieht. Jh 17,4: Das Werk ist der Kreuzestod. Die Vergangenheitsform ist Ausdruck dafür, dass das Geschehen mit absoluter Sicherheit eintreffen wird, so dass es als schon geschehen dargestellt werden kann. Jh 18,11: Jesus sieht im Kreuzestod (= Becher) den Auftrag des Vaters, dem er sich nicht entziehen will (vgl. 12,27). Jh 19,11: Jesus zu Pilatus: „Du hättest über mich keine Vollmacht, wenn es dir nicht gegeben wäre von oben“. D.h. der Kreuzestod ist vom Vater gewollt. Das gleiche kommt zum Ausdruck, wenn manche Szenen der Passion als Erfüllung der Schrift gesehen werden: 19,24 (Verlosung der Kleider Jesu); 19,28 (der Durst Jesu); 19,31-37 (keine Zerschlagung der Gebeine Jesu); 3,14 (der MS muss erhöht werden wie die Schlange in der Wüste); 11,50 = 18,14 ('Weissagung' des Kaiphas); auch 8,28;  12,32f;  18,32. Jh 19,28.30f: „Hierauf, als Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, damit die Schrift erfüllt werde, sagte er: mich dürstet (Ps 69,22). Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: es ist vollbracht; und das Haupt neigend, übergab er den Geist (dem Vater)“. Vollbracht ist das Werk, das der Vater ihm aufgetragen hat, nämlich die Lebenshingabe am Kreuz für das Heil der Menschen (60).

Die Hingabe Jesu in den Kreuzestod ist (als Vollendung des Auftrags des Vaters) Verherrlichung des Vaters. Aber auch für Jesus selbst bedeutet der Tod am Kreuz Verherrlichung, denn er kehrt über das Kreuz in die Herrlichkeit des Vaters zurück. Jh 13,31f: Durch den Weggang des Judas (um Jesus auszuliefern) wird der letzte und wichtigste Akt des Wirkens Jesu eingeleitet: die Lebenshingabe am Kreuz, durch die der vom Vater erhaltene Auftrag zur Vollendung gebracht wird. Durch dieses Tun Jesu wird der Vater verherrlicht, zugleich aber auch Jesus selber; s. auch Jh 17,1.4f;  12,16.23.28;  7,39 (60f).

Diese Deutungen und Begründungen über den Kreuzestod Jesu stimmen überein mit dem Jh 20,31 genannten Zweck des vierten Evangeliums: „Diese (Zeichen) sind aufgeschrieben worden, damit ihr glaubt, dass Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend (als Glaubende) Leben habt in seinem Namen“. Der Mann, der das vierte Evangelium geschrieben hat, wollte mit seiner Schrift eine Gemeinde im Glauben an Jesus als den Christus und den Sohn Gottes stärken. Dieser Glaube an die Messianität Jesu war vom Judentum her gefährdet. Der wichtigste Einwand gegen die Messianität Jesu was die Tatsache, dass Jesus gestorben ist, dass er sogar am Kreuz gestorben ist: „Wir haben gehört aus dem Gesetz, dass der Christus (= Messias) bleibt für immer, und wie sagst du:  der Menschensohn (MS) muss erhöht werden“ (12,34)? Der vierte Evangelist pariert diesen Einwand vor allem mit der Erklärung, dass der Kreuzestod Jesu von Gott gewollt und bestimmt ist. Das Kreuz gehört zum Sendungsauftrag, den Jesus vom Vater erhalten hat. Der Vater hat den Sohn in die Welt gesandt, damit der Sohn der Welt das Heil bringe. Dieses Heil wird dadurch bewirkt, dass der Sohn sein Leben am Kreuz hingibt. Ohne diese Hingabe in den Kreuzestod, wäre der Sendungsauftrag, den Jesus vom Vater erhalten hat, nicht erfüllt, ohne diesen Tod wäre das vom Vater aufgetragene Werk nicht „vollbracht“ (19,30) gewesen. Ohne den Kreuzestod wäre Jesus nicht der Messias, der Heilbringer. Darum ist die Passion und besonders der Kreuzestod die Erfüllung seiner messianischen Sendung, „seine Stunde“, auf die im vierten Evangelium das ganze Wirken Jesu von Anfang an ausgerichtet ist. Das Kreuz ist Höhepunkt, Krönung und Vollendung seines messianischen Wirkens. Gerade das Kreuz erweist, dass Jesus wirklich der Messias ist. Jesus selber hat das alles von Anfang an gewusst. Der Kreuzestod war für ihn der Wille des Vaters, den er in Gehorsam und Liebe ausführte. Durch diesen Tod wird der Vater verherrlicht (wegen des Gehorsams und der Liebe des Sohnes und wegen der durch das Kreuz gewirkten Erlösung). Aber auch für Jesus selbst bedeutet der Kreuzestod Verherrlichung, weil er über das Kreuz zum Vater zurückkehrt in die Herrlichkeit, die er von Anfang an hatte. Die Deutung des Kreuzestodes erfolgt in diesen Stellen aus theozentrischer Sicht: der Vater will es, der Vater hat es so bestimmt, der Vater hat den Sohn in die Welt gesandt und beauftragt, das Heil zu wirken durch den Tod am Kreuz. Der Sohn tut es, weil er dem Vater gehorsam ist, weil er den Vater liebt. Mit dieser Deutung des Kreuzestodes ist keine Paränese verbunden, es geht nur darum, den Glauben an Jesus als den Messias als richtig zu erweisen (61f).