4.2 Tradition und Redaktion in Jh 1,19-34

Aus der Analyse ergibt sich, dass schon der Autor der Grundschrift ein christliches Traditionsstück über den Täufer verwendet hat. Die Täufergemeinde hat wohl den Anspruch der christlichen Gemeinde bestritten, dass Jesus der vom Täufer angekündigte Geisttäufer sei und somit die christliche Taufe die eschatologische Gabe des Geistes verleihe. Die christliche Gemeinde lässt die Richtigkeit ihres Anspruchs durch den Täufer selbst beweisen, indem sie die christliche Tradition von der Herabkunft des Geistes auf Jesus unmittelbar nach der Taufe weiterentfaltet und neu interpretiert: Die Herabkunft (und das Bleiben) des Geistes auf Jesus ist das dem Johannes von Gott gegebene Zeichen, an dem er Jesus als den von Gott bestimmten Geisttäufer erkennt. Die für die Täufergemeinde kompromittierende 'Beweiskraft' dieser vorgrundschriftlichen Neuinterpretation besteht darin, dass sie vom Täufer selbst ausgesprochen wird und mit einer totalen Entleerung der Heilsbedeutung der Johannestaufe verbunden ist. Denn nach des Täufers eigenen Worten hatte seine Taufe nur den Zweck, dass Jesus als der von Gott erwählte Geisttäufer offenbar werde. Damit ist der Sinn der Johannestaufe erfüllt (308f).

Die vorgrundschriftliche Darstellung lässt den Täufer über Jesus sagen: Jesus tauft (3,22.26), „und alle kommen zu ihm“ (3,26), weil seine Taufe die Taufe mit heiligem Geist ist, die allein 'Reinigung' (3,25) von den Sünden bewirkt (310).

Die Grundschrift erweitert die tendenziöse vorgrundschriftliche Darstellung, als Johannes jetzt alle mess. Bezeichnungen, die ihm in den Täuferkreisen beigelegt worden sind, persönlich zurückweist (1,20f.25b): Er ist „nicht der Christus, nicht Elias und nicht der Prophet“. Darüber hinaus bezeugt Johannes, dass Jesus der von Gott erwählte Messias ist. Die Darstellung der Grundschrift ist ganz auf das Thema der Messianität (Widerlegung der Messianität des Täufers und Erweis der Messianität Jesu) ausgerichtet. Das Motiv der Sündenvergebung wird eingeführt und an den Kreuzestod Jesu gebunden, der damit als Sühnetod (= Moses-Messias-Typologie) gedeutet wird. Es geht dabei nicht nur um Apologie des Kreuzestodes Jesu, sondern auch um Polemik gegen die Johannestaufe, der die Wirkung der Sündenvergebung (= Versöhnung mit Gott) abgesprochen wird. Das geht daraus hervor, dass nach der Darstellung der Grundschrift Johannes bloß deshalb zu taufen gekommen ist, damit er Jesus als den angekündigten „Kommenden“ erkenne und vor ganz Israel offenbar mache, wobei „der Kommende“ („dieser ist es“ wie in der Proklamation 1,34) mit Jesus als dem „Lamm Gottes, das wegnimmt die Sünde der Welt“ identifiziert wird (311f).

Der Anteil des Evangelisten am Täuferzeugnis in 1,19-34 ist nur 1,30c („denn er war eher als ich“). Der eigentliche Vorrang Jesu vor dem Täufer besteht nicht in seiner Messianität, sondern in seiner Präexistenz. Der Täufer wird damit zum Zeugen der himmlischen Herkunft Jesu. Der 'Kommende' den er verkündet hat (1,27), ist jetzt Jesus als der präexistente Gottessohn. Der Evangelist hat bereits in 1,7b den Täufer als Zeugen für Jesus als das vom Himmel herabkommende Licht eingeführt und so vor die grundschriftliche Täuferdarstellung ein neuinterpretierendes Vorzeichen gesetzt. Den Höhepunkt erreicht das Täuferzeugnis des Evangelisten in 3,31-36. Hier führt der Evangelist seine eigene Darstellung des Täufers als Zeugen für die himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu zu Ende (313f).