4.6 Zur sog. Semeia-Quelle (S) des Johannesevangeliums

Zur Charakteristik von S:

Die Wunder sind auf Jesus allein ausgerichtet und haben in ihrer Einzigartigkeit und Unüberbietbarkeit nur das eine Thema, dass Jesus der Messias ist. Niemals werden die Wunder „Machttaten“ (so die Synoptiker) genannt, sondern immer nur „Zeichen“. Der religionsgeschichtliche Hintergrund für die Darstellung Jesu als Wundertäter ist nicht in der hellenistischen Vorstellung vom 'göttlichen Menschen' zu sehen, sondern im zeitgenössischen Judentum und seinen mess. Erwartungen. Der Evangelist sieht in S eine Art Glaubensurkunde einer judenchristlichen Gemeinde, mit der er sich kritisch auseinandersetzt. Das Messiasbild in S ist nicht der davidische Messias (von dem man keine Wunder erwartete und dessen Züge in S völlig fehlen), sondern der Messias als der eschatologische Prophet, von dem man erwartete, dass er sich durch „Zeichen“ legitimiert (282f).

Die Redaktion von S durch den Evangelisten: Für S sind die semeia Wunder besonderer Art, die außer Jesus niemand vollbracht hat (Jh 3,2;  7,31;  12,18), es sind die dem Messias-Propheten allein zukommenden und ihn legitimierenden göttlichen Ausweise, also „Zeichen“. S erzählt keine Dämonenaustreibungen und Aussätzigenheilungen Jesu, weil diese Wunder auch von anderen Leuten vollbracht worden sind und weil sie keine für die mess. Zeit typischen Wunder (= „Zeichen“) sind. Dieser Umstand beweist, dass S Jesus nur als den Messias darstellen will und nicht als theios aner, für den Exorzismen charakteristisch sind (284).

Während die Zeichen in S Offenbarungen und göttliche Bestätigung der Messianität Jesu sind, verlieren sie beim Evangelisten ihren mess. Charakter. Sie werden bewusst entmessianisiert: In 2,4 bestreitet der Evangelist den Herrlichkeitscharakter des Weinwunders und der Zeichen überhaupt, ähnlich in 11,4d. Die Fernheilung (4,46ff) ist Anlass zur Kritik des Glaubensverständnisses von S (Glaube aufgrund der Zeichen). Einen tieferen Sinn misst der Evangelist diesen Zeichen nicht bei, sie dienen ihm bloß dazu um Aussagen, die für die Zeichenchristologie von S fundamental sind, zu kritisieren und zu entwerten. Demontage des mess. Charakters der Zeichen von S ab Kap.5: Die Zeichen werden durch angefügte Reden Jesu umgedeutet, spiritualisiert. Sie sind Taten (Werke), die des offenbarenden Wortes bedürfen, die auf Jesu himmlische Herkunft und göttliche Sendung, auf seine Einheit mit dem Vater und seine Heilsbedeutung als Licht und Leben hinweisen. Darüber hinaus meidet der Evangelist den Ausdruck semeion und spricht dafür von den „Werken“ Jesu, deren christologische Funktion darin besteht, die Göttlichkeit Jesu und seine Einheit mit dem Vater zu beweisen (5,36;  10,25ff.37f;  14,10f). S versteht unter den „größeren“ Dingen die Zeichen, der Evangelist aber überbietet oder ersetzt sie durch die eschatologischen Funktionen Jesu (Totenerweckung und Gericht 1,51;  5,20ff) als die „(noch) größeren Werke“ (5,20) (284f).

In S sind die Zeichen Offenbarungen der doxa Jesu als des Messias, die in der von Gott verliehenen Wundermacht besteht, so dass die Zeichen auch Offenbarungen der doxa Gottes sind (11,4.40). Im Gegensatz zu S haben beim Evangelisten die Zeichen mit der doxa Jesu nichts zu tun: die doxa Jesu ist an das Geschehen „seiner Stunde“ gebunden, d.h. an die Rückkehr in das Sein beim Vater über das Kreuz. Der Evangelist spricht nur von der doxa des präexistenten und des zum Vater zurückgekehrten Jesus (285f).

In S gehören zum Erweis der Messianität Jesu nicht nur die Zeichen als Offenbarung der doxa Jesu, sondern auch das gegenüber den Synoptikern glorifizierte Verhalten Jesu: z.B. bei der Tempelreinigung, beim Einzug in Jerusalem oder bei der Gefangenahme. Dieses majestätische Jesusbild ist die Antwort von S auf den jüdischen Einwand, dass Jesus nicht der Messias sein kann, weil er 'ohne Ehre' und 'ohne doxa' aufgetreten sei, während nach jüdischer Erwartung der Messias sich in Herrlichkeit offenbaren muss. Trotz aller Glorifizierung zeichnet S keinen göttlichen Jesus, sondern bleibt auf dem Boden der jüdischen Dogmatik, wonach der Messias 'ein Mensch von Menschen' ist. Für S ist Jesus „der Sohn Josephs“ und stammt nicht „von oben“, sondern aus Nazareth (1,46). Das hinter S stehende Judenchristentum lehnt die vom Evangelisten verkündete himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu ab (6,41f.60ff). Dass der Evangelist die Ablehnung seiner christologischen Verkündigung durch das hinter S stehende Judenchristentum den Juden z. Zt. Jesu in den Mund legt, ist die schon im AT übliche Weise der Polemik und Apologetik. Dass der Evangelist trotz der negativen Bewertung der Zeichen den Begriff semeion nicht eliminiert hat, erklärt sich daraus, dass er den 'neuen' Christusglauben nicht verkünden konnte ohne Kritik am bisherigen Glauben des hinter S stehenden Judenchristentums und an den Zeichen, auf denen der 'alte' Glaube gründete (286f).

Die Grundschrift war die Vorlage des Evangelisten: bei der Grundschrift handelt es sich nicht um ein Evangelium, denn es fehlt außer dem Begriff 'Evangelium' auch die Lehre Jesu (keine Gleichnisse, keine Reich-Gottes-Predigt), sondern um eine apologetische Schrift zur Verteidigung und zum Beweis der Messianität Jesu. Wenn es eine S-Quelle, die nur Zeichen enthielt, gegeben hat (wofür außer der Zählung 2,11;  4,54 vor allem 20,30f zu sprechen scheint), wird sie schon vom Autor der Grundschrift verwendet worden und von ihm redaktionell bearbeitet worden sein (287).