7. Die ERMORDUNG des Juden Jesus - ein HEILSEREIGNIS?

Abschied vom Sühnopferdenken

Jes 54,10: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer".

1. Jesus und der Sühnegedanke
a. Das gegenwärtige Dilemma der Rede vom Sühnetod Jesu
b. Sühne im Alten Testament
c. Die Einstellung Jesu zum Sühnedenken
d. Die Wurzel der Sühnetod-Christologie
e. Die bleibende Bedeutung des Kreuzes
f. Was heißt ‚Erlösung‘?
g. Rechtfertigung und Selbstfindung

Anhang a: Christozentrische Pluralität
Anhang b: Jesu Todesverständnis

2. Abschied vom Verständnis der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer und von dessen sakramentaler Nutzung in einer Opfermahlfeier
(1) Die Struktur des Opferrituals ist auf die Darstellung der Passion Jesu und des letzten Mahles übertragen worden
(2) Das Johannesevangelium und die Didaché kennen eine opferfreie Mahlfeier - haben sich aber in der Kirche nicht durchgesetzt

(3) Die christliche Sühnopfertheologie ist im Blick auf den geschichtlichen Wandel der Opfer- und Gottesvorstellungen anachronistisch
(4) Die kirchliche Sühnopfertheologie und die darauf basierende Mahlfeierpraxis widersprechen der Verkündigung Jesu
(5) Die Sühnopfervorstellung steht heute dem Evangelium von Jesus Christus im Weg und muss verabschiedet werden

(6) Der Tod Jesu als Opfer und Heilsgabe
(7) Jesu ganzes Leben als Offenbarung der Liebe Gottes

3. Gott wirkt das Heil durch Jesus
Weder Sühntod noch stellvertretender Tod
(1) Frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu
a. Die Logienquelle, eine Spruchsammlung (Q)
b. Die vormarkinische Kreuzigungstradition

(2) Der Tod Jesu im Johannesevangelium
a. Jesus als Märtyrer

b. Jesu Tod als Erhöhung, als siegreiche Rückkehr zu Gott
(3) Nach Lukas beginnt das Heil mit der Geburt Jesu (Lk 2,11)
a. Kreuz und Auferstehung in der lukanischen Tradition
b. Das lukanische 'Weg-Schema'
c. Christos Archegos und Soter

d. Das Verständnis von Rettung und Heil im Lukas-Evangelium und in der Apostelgeschichte
e. Aussagen über Jesu Tod und Auferstehung in der Apostelgeschichte

4. Die theologische Problematik des Sühnetodes Jesu
(1) Jesu Wirken war auf die Gegenwart gerichtet
Anhang: Bei dem Gedanken stellvertretender Sühne handelt es sich um post eventa angestellte Reflexionen

(2) Der historische Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnegeschehen gedeutet
Anhang a: Durch das Opfer (Jesu Christi) erlöst?

Anhang b: Jes 53,7: Keine Stellvertretung im Erleiden der Strafe, sondern Verzicht auf Vergeltung
(3) Der Gott Jesu braucht kein Sühnopfer
Anhang: Sinnloses Leid vertrauend bestehen (Bedarf Gott des Opfers des Sohnes?)

(4) "Beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle" (Ps 130,7)
Anhang: Die kulttypologische Deutung des Todes Jesu

Der Tod Jesu im Hebräerbrief (s. Text 5)

5. Das Abendmahl - ein Werk der frühen kirchlichen Tradition
(1) Ursprung und Gestalten der frühen Mahlfeier
(2) Gemeinsame Mahlzeiten
(3) Zur 1. Arnoldshainer These

(4) Die Mahle Jesu und das Abendmahl der Kirche

Keine Eucharistiefeier in der Hebräergemeinde (s. Text 5)

Literatur

SÜHNETHEOLOGIE oder JESUS - NACHFOLGE

Wenn es bei Jesu Hinrichtung um ein Sühnopfer ginge, dann würde es um ein H a p p y D a y gehen, nicht aber um Nachfolge, denn in einem Sühnopfer können die Jünger Jesus nicht nachfolgen. Sühnetheologie entwertet das Wirken Jesu und den Einsatz aller Märtyrer, die das Kreuz Jesus nachgetragen haben.
Die Sühnevorstellung entsprach den damaligen Denkvoraussetzungen im Judentum, aus dem Paulus stammte. Diese Vorstellung kann für uns heute, im 21. Jh nicht verpflichtend sein.
Eine Lehre ist abhängig von zeitbedingten Voraussetzungen. Jesus forderte seine Jünger n icht aus, einer Lehre zu folgen, sondern ihm, seinem Weg, seinem Tun: "Folge mir nach"

(Mt 9,9 parr): "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich und (so) folge er mir nach" (Lk 9,23 parr)!

Paulus: "Folgt meinem Beispiel, wie ich dem Beispiel Christi"

(1Kor 11,1): "Ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe" (Gal 6,17). "Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt. Denn viele leben so...sie sind die Feinde des Kreuzes Christi" (Phil 3,17f).

Jesus wahre Verwandte: "Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun" (Mt 12,50;.......).
Nach Joh 13,36 hat Jesus seinen Tod nicht als Sühnetod verstanden: zu Petrus sagt er: "...Wo ich hingehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen, du wirst mir aber später folgen".

Bei der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod geht es um die Frage, ob das der Sühnetheologie implizite Bild von der Heiligkeit Gottes dem Gottesbild Jesu entspricht. Der Tod Jesu kann nur in der Perspektive der Botschaft Jesu und seiner Bürgschaft für Gott gedeutet werden (Vollmer 120).

Ein angeblicher Sühnetod entwertet Jesu Wirken. In Jesu historischem Wirken ist das Reich Gottes bereits erschienen.

Jesus sprach zu Zachäus: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren" (Lk 19,9). Lk 11,20 "Wenn ich durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen".

Jesu Wirken war auf die Gegenwart gerichtet. Es war nicht abhängig von seinem zukünftigen Tod. Jesus hat Lahme, Blinde, Taube geheilt, Sünden vergeben. "Dein Glaube hat dich geheilt".

Jesus hat sein Leben nicht freiwillig hingegeben. Es ist ihm durch Verrat und mit Gewalt genommen worden (das Prophetenschicksal, Paulus hat seinen Märtyrertod nicht gewollt). Jesus hat sein Leben für die Schafe riskiert, aber er hat es nicht für die Schafe geopfert.

W. Marxsen (1976): Mit Hilfe vorgegebener, in der damaligen Umwelt bekannter juridischer und kultischer Vorstellungen wurde der rätselhaft, schmachvolle Verbrechertod Jesu als Heilsereignis ausgesagt. Das Kreuz wurde jetzt gegen den Aufgenschein als Sieg verkündet (85).

Die Urgemeinde hat Jesu Kreuz interpretiert. Ohne jede Interpretation wäre das Kreuz als bloßes historisches Ereignis nichts-sagend. Können wir mit den Inhalten der Interpretation nocht etwas anfangen? Was ist das für ein Gott, der eine so grausame Veranstaltung wie die Hinrichtung eines Unschuldigen (seines Sohnes) benötigt, um Versöhnung zwischen sich und den Menschen (seinen Geschöpfen) eintreten lassen zu können (86)?

SÜHNOPFER???

"Verflucht ist, wer am Holz hängt" (5Mo 21,23)???
War die Hinrichtung von Menschen im AT Gottes Auftrag oder ein Werk der Menschen? Jesu Hinrichtung war nicht Gottes Auftrag, sondern durch den Hass der Menschen erfolgt. Was ist das für ein Sühnopfer, das auf dem Hass der Menschen basiert? (der Holocaust?)

A. Vögtle (1985): Die Erlangung des Endheils aufgrund der dem Sünder Vergebung schenkenden und zu schöpferischer Liebe verpflichtenden Vatergüte Gottes oder aufgrund des heilsbedeutsamen Sterbens Jesu sind zwei qualitativ verschiedene heilsmittlerische Aktionen (153f).

Jesus hat seine Botschaft bis zuletzt als einzig möglichen Zugang zum Heil der Gottesherrschaft verstanden und verfochten.

R. Laufen: Sowohl für den Menschen Jesus in seiner Hingabe an den Vater als auch für die ihm Nachfolgenden und ihr Hineingenommenwerden in seine Hingabebewegung gilt, dass sie umfangen ist von der sie erst ermöglichenden Hingabebewegung Gottes zu den Menschen. Die Liebe des Vaters ist Ursprung der Hingabe des Sohnes (Joh 3,16). Alle Initiative des Heils geht von Gott aus. Das Handeln Gottes und die Antwort des Menschen dürfen nicht als konkurrierend gedacht werden. Eine Vorstellung von christlicher Erlösungslehre, nach der Gott durch ein blutiges Opfer versöhnt werden muss, ist abwegug (192).

"Alle Gotteserkenntnis ist Stückwerk" (1Kor 13,9). Müssen wir Paulus' Deutung des Todes Jesu als Sühnetod übernehmen? Gott und der in seiner Gemeinde anwesende erhöhte Christus vergeben Sünden. Sühnopfer? Welch ein schrecklicher Gott braucht die grausame Hinrichtung seines Sohnes, um gnädig sein zu können?

Paulus hat seine Sichtweise mehrfach korrigiert. Ich bin überzeugt, heute würde Paulus von der Sühnopfertheologie Abstand nehmen. Damals war der Sühnopfergedanke durch die jahrtausende alte Opferpraxis vertraut und mit ihm konnte man die Katastrophe der Hinrichtung Jesu positiv deuten und den Opferkult im Tempel in Jerusalem weit überbieten - damals, vor 2000 Jahren.

Abschied von der Vorstellung, der Tod sei "der Sünde Sold" (Röm 6,23)
Die Sterblichkeit hängt mit dem 'Material' zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden.

K.-P. Jörns (2006³)

Der Tod ist nach Paulus als Strafe für den Ungehorsam der ersten Menschen in die Welt gekommen (Röm 5,12.18). Adam ist nach seiner Vorstellung nicht als sterbliches Wesen geschaffen worden. Dieses Verständnis der Sterblichkeit hat weder in den beiden Schöpfungsgeschichten noch in 1Mose 3 einen wirklichen Rückhalt. Denn die Sterblichkeit hängt mit dem ‚Material‘ zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden. Die Annahme, dass es erst durch die Sünde Tod und Sterben in der Welt gäbe, ist nicht zu halten. Die Schöpfung hat in allen ihren Elementen die Signatur der Endlichkeit und des Vergehens. D.h. Sterblichkeit und Tod gehören zum irdischen, geschöpflichen Dasein des Menschen (wie der anderen Lebewesen) (275f).

Trotzdem hat sich das Dogma von der Erbsünde, zu der die Sterblichkeit als Straffolge gehört, gehalten. Dafür sind letztlich Paulus und der Kirchenvater Augustin verantwortlich. Das religiöse System, innerhalb dessen Paulus seine Anschauung vom Zusammenhang von Sünde und Tod entwickelt hat, ist im wesentlichen durch das Verständnis von Sünde bestimmt. Der Zusammenhang von Ungehorsam gegen Gottes Gebot und unserer Sterblichkeit als kollektiver wie individueller Folge ist eine theologische Konstruktion. Sie kommt aus der Hochschätzung der Tora, die den Gehorsam gegenüber „Gottes Gebot“ absolut (d.h. als „Weg des Lebens“) versteht. Alles wird vom Tod her bzw. auf ihn hin gedacht (276f).

In der Vorstellung vom Tod als der „Sünde Sold“ wird dem Ungehorsam der Menschen die Macht zugesprochen, Gottes Schöpfung verändert zu haben! Der Ungehorsam wäre letztlich derjenige, der aus (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen sterbliche Wesen gemacht und damit die vom Schöpfer selbst gut, ja, sehr gut genannte Schöpfung deformiert hätte! Der Grundgedanke dabei ist, dass Gott Ungehorsam gegen das als Heilsweg verstandene Gesetz mit Tod bestraft. Für diesen Gedanken stellt die biblische Sintflutgeschichte die Modellerzählung dar. Sie hätte die Aufgabe gehabt, verständlich zu machen, dass und warum die (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen im ersten Schritt sterblich und im zweiten durch die Sintflut vernichtet wurden: wegen des Ungehorsams. Also beginnend stellten die biblischen Erzählungen die Mahnung an die Hörer der jüdischen Bibel dar, der Tora als dem Weg zu Heil und Leben in unbedingtem Gehorsam zu folgen (277f).

Paulus kontrastiert zwar die Tora als Heilsweg mit der durch Christus erworbenen Gnade, die die Herrschaft des Gesetzes abgelöst habe. Dennoch hat Paulus das System des Gehorsamsglaubens nicht aufgegeben.

Röm 5,19: „Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“.

Sterblichkeit ist geschöpflich und insofern unser und aller anderen Kreaturen Schicksal. Paulus war davon überzeugt, dass wer Christ sein will, nicht vorher Jude geworden sein müsse (Gal 1,11 – 3,9). Ebenso geht Jörns davon aus, dass wir, um Gottes Liebe glauben zu können, nicht vorher in den jüdischen Gehorsamsglauben eingetaucht sein müssen. Die Erkenntnis, dass unsere Sterblichkeit von Gott geschaffen ist, führt uns zur Solidarität mit allen sterblichen Wesen (280).

Der Tod als Tor zu einem anderen Leben: Durch die Geist-Einhauchung sind sterbliche und gestorbene Menschen des lebendigen Gottes Zeitgenossen, mit ihm gleichzeitig. Das gilt von ihm aus, weil er zu allen Geschöpfen eine Lebensbeziehung durch den Geist hat. Und das gilt von uns aus als geglaubte Wirklichkeit, sofern wir uns dessen im Geist bewusst werden. Der Gedanke einer leibhaftigen Auferstehung ist für diesen Glauben hinderlich, weil er das zukünftige Leben an die „von Erde genommene“ Gestalt des jetzigen Lebens binden, mithin dieses Leben nicht wirklich loslassen, nicht aus ihm heraus, will. Angemessen ist eher die Vorstellung von einer Verwandlung. Diese Verwandlung schließt den Tod und die Verwesung des Leibes ein. Das Sterben ist der notwendige Abschied hinein in unsere Zukunft (285).