7. JESUS n a c h f o l g e n oder SÜHNETHEOLOGIE?



Zum Sühnetod Jesu gibt es kein analoges Jüngerverhalten.

 

Den Sühnetod Jesu 'verdanken' wir Judas Iskariot. Ohne Judas Iskariot, ohne seinen Verrat, gibt es keinen Sühnetod Jesu.

 

Das 'nach OSTERN' übernommene heidnische Sühnopferdenken passt nicht zu JESU VERKÜNDIGUNG

 

Jesu zentrale Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes widerspricht der Deutung seines Todes als Sühnopfer.
Von seiner Gottesbeziehung her hat Jesus den Kampf der Propheten und der Weisheit dagegen, dass die Menschen zwischen sich und Gott ein Drittes stellen, das sie vertreten soll, wieder aufgenommen.
Doch mit diesem Kampf ist er an Paulus und der christlichen Kirche gescheitert.

Paulus sieht die Kreuzigung Jesu als gottgewolltest Heilsereignis.
Die Sühnevorstellung entsprach den damaligen Denkvorraussetzungen im Judentum, aus dem Paulus stammte.
Kann man Christen im 21.Jh. auf Denkvorraussetzungen von vor 2000 Jahren verpflichten?

 

Ist die ERMORDUNG Jesu ein gottgewolltes HEILSEREIGNIS?

 

"Als Judas Iskariot, der ihn verraten hatte, sah, dass er (Jesus) zum Tode verurteilt war, reute es ihn...und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe...Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich (Mt 27,3ff).

In Europa haben wir die Todesstrafe abgeschafft, aber wir verkünden einen Gott/Vater, der die grausame Ermordung seines Sohnes braucht, um gnädig zu sein!

 

Welch ein schrecklicher Gott/Vater braucht die grausame Ermordung seines Sohnes, um gnädig zu sein? Kann man einen derart schrecklichen Gott/Vater lieben? Welch ein Rückschritt hinter das atl Gottesbild!

Im AT braucht Gott kein Menschenopfer, um gnädig zu sein. Die Ermordung Isaaks hatte Gott verhindert (1Mo 22,12f).
Jer 31,20: "Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken, darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, sprich der HERR"
Jes 54,10: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer".

Gottes Liebe: Hos 11,8ff;  14,5ff.
Der Gott Jesu will keine Ofer, auch kein Sühnopfer, er will das Herz des Menschen.

In Ps 136 preist der Sänger Gottes Wunder in der Schöpfung und in der Geschichte Israels. 26 mal hören wir: "...denn seine Güte währet ewiglich". Dieser Sänger würde nicht auf den Gedanken kommen, Gottes heilige Liebe von der grausamen Ermordung seines Sohnes abhängig zu machen.
Ps 103,3f: "Lobe den HERRN...der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit".
Ps 103,8.12: "Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte". "So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsere Übertretungen von uns sein".

Lied
Die Güte des Herrn hat kein Ende, kein Ende.
Sein Erbarmen hört niemals auf.
Es ist neu jeden Morgen, neu jeden Morgen.
Groß ist seine Treue.

"G O T T  hat  A L L E  eingeschlossen in den U N G E H O R S A M,  damit er sich  A L L E R  E R B A R M E" (Röm 11,32)

 

a. Jesu Todesverständnis

Sein Leben riskieren und sein Leben opfern sind zwei grundverschiedene Handlungsweisen. Der gute Hirte riskiert sein Leben für die Schafe (1Sam 17,34-37), aber er opfert es nicht für die Schafe.

R.Laufen: Sowohl für den Menschen Jesus in seiner Hingabe an den Vater als auch für die ihm Nachfolgenden und ihr Hineingenommenwerden in seine Hingabebewegung gilt, dass sie umfangen ist von der sie erst ermöglichenden Hingabebewegung Gottes zu den Menschen. Die Liebe des Vaters ist Ursprung der Hingabe des Sohnes (Joh 3,16). Alle Initiative des Heils geht von Gott aus. Das Handeln Gottes und die Antwort des Menschen dürfen nicht als konkurrierend gedacht werden. Eine Vorstellung von christlicher Erlösungslehre, nach der Gott durch ein blutiges Opfer versöhnt werden muss, ist abwegig (192).

A. Vögtle (1985): Die Erlangung des Endheils aufgrund der dem Sünder Vergebung schenkenden und zu schöpferischer Liebe verpflichtenden Vatergüte Gottes oder aufgrund des heilsbedeutsamen Sterbens Jesu sind zwei qualitativ verschiedene heilsmittlerische Aktionen (153f).

Jesus hat seine Botschaft bis zuletzt als einzig möglichen Zugang zum Heil der Gottesherrschaft verstanden und verfochten. Warum soll er in letzter Minute von der definitiven Gültigkeit dieses Heilsweges abgerückt sein und das Sühnesterben für Israel konzipiert haben? Das schmachvolle Ende Jesu am Schandpfahl des Kreuzes wurde nicht nur von der Führungsschicht Israels sondern auch von der Majorität des Volkes als Widerlegung seines Heilsmittleranspruchs bzw. jeglicher göttlicher Sendung bewertet. Jesu Kreuzigung war selbst für die Elf ein so schwerer Schock, dass sie in ihre galiläische Heimat zurückkehrten, sich als Jüngerkreis auflösten und Simon/Petrus daselbst die erste Christophanie zuteil wurde (156).

Jesus wollte bei seinem letzten Jerusalembesuch den Glauben an seine Heilsbotschaft, nicht aber seine Hinrichtung provozieren. Es finden sich keine Worte oder sonstigen Anhaltspunkte, die auf eine Unsicherheit Jesu hinsichtlich der unbedingten Gültigkeit seines an Israel ergangenen Heilsangebots schließen ließen. Der in seiner substantiellen Herkunft von Jesus nicht umstrittene sog.‚ eschatologische Ausblick‘ (Mk 14,25) kann mit guten Gründen als ursprüngliches Kelchwort gelten und damit als Beleg, dass Jesus seinen Jüngern nicht nur seine Todesbereitschaft bekundete, sondern dieselbe auch mittels des traditionellen Bildes vom eschatologischen Mahl der neuen Gemeinschaft in der volloffenbaren Gottesherrschaft versicherte und damit auch bezeugte, dass er ‚im Angesicht seines Todes an seiner Reich-Gottes-Erfahrung festhält und sich selbst als den Ansager derselben von Gott bestätigt fühlt (157f).

Ein Wort, mit dem Jesus den Jüngern den Auftrag zur verbalen Verkündigung seines Heilstodes erteilt hätte, findet sich in den Abendmahlsberichten (einschließlich 1Kor 11,23-26) nicht. Die Gesamtüberlieferung berechtigt uns auch nicht zur Annahme, die Jünger hätten aufgrund eines Auftrags Jesu oder aufgrund ihres Sonderwissens es nach Ostern für ihre Pflicht gehalten, möglichst umgehend im ganzen Wirkungsbereich Jesu, in Jerusalem wie vor allem in Galiläa, Jesu Sühnesterben als neue Ermöglichung oder Voraussetzung der Heilserlangung zu verkünden und die Israeliten zur Aneignung der geleisteten Sühne aufzufordern. Merkwürdig ist, dass der Gesichtspunkt des ‚noch einmal‘ erfolgenden (auf neue Weise Sündenvergebung vermittelnden) Heilsangebots nicht auch die Artikulierung der nachösterlichen Todesverkündigung mitprägte. Die Verkündigung des errettenden Handelns Gottes am hingerichteten Jesus hätte für die Jünger die missionarisch grundlegende Aussage sein müssen, wenn sie vom letzten Mahl das sie sicher schockierende, deshalb auch unvergeßliche Wissen um Jesu ausdrückliche Deutung seines erwarteten Todes als Sühnesterben mitgebracht hätten: Dass Jesus vom Vergossenwerden seines Blutes „für die Vielen“ gesprochen hatte (Mk 14,24). Die als älteste kerygmatische Formel anerkannte Aussage lautete: „Gott erweckte Jesus aus (den) Toten“, ohne auf eine dem Tod Jesu innewohnende Heilseffizienz hinzuweisen. Warum sollte die nachösterliche Verkündigung unter der genannten Voraussetzung zur Bewältigung des Todesschicksals Jesu, seiner so skandalösen Hinrichtung als Falschmessias, nicht von Anfang an die Sühne und Bund stiftende Kraft dieses Sterbens geltend gemacht haben? Dürfte man nicht erwarten, dass in Formeln, die der Auferweckung bzw. Erhöhung Jesu die Aussage von seinem Sterben voranstellen, dieses ausdrücklich auch mit dem aus Jesu Mund stammenden „für die Vielen“ gedeutet würde (159)?

Durch die im Laufe seines Wirkens erfolgende Konstituierung der Gruppe von zwölf ständigen Nachfolgern wollte Jesus die Aufrechterhaltung seines Anspruchs, ganz Israel als das Heil erbende Gottesvolk zuzurüsten, zeichenhaft zum Ausdruck bringen. Die Jünger lassen sich nur als Repräsentanten des sich dem Heils- und Umkehrruf Jesu öffnenden Israel verstehen, so sehr auch sie es an der radikalen Erfüllung des von Jesus proklamierten Gotteswillen fehlen lassen mochten (160).

Aus welchem Grund soll Jesus den Schritt von dem von ihm verkündeten Heilsweg (Heilerlangung aufgrund des existentiellen Eingehens auf den von ihm proklamierten Heils- und Heiligkeitswillen Gottes) zur Konzeption seines heilseffizienten Sterbens getan haben? Davon nicht zu trennen ist die Frage, wem dieses Sterben nach der Intention Jesu zugute kommen soll. Die These, Jesus habe jenen Schritt tun können, weil er eigentlich von Anfang an um den innerlich notwendigen Mißerfolg seines Basileia-Auftrags wissen musste, belastet den vollmächtigen Sendungsanspruch Jesu noch bedenklicher als die gleichzeitige Annahme, er habe sich eigentlich von Anfang an für eine zweite Weise der Heilsvermittlung, nämlich durch seinen Tod, als möglicher Alternative des Heilswillens Gottes offengehalten (166).

 

b. Jesus hat seine Jünger bevollmächtigt, als Söhne und Töchter Gottes die ‚Gottessohnschaft‘ anzunehmen und einander Sünden zu vergeben

K.-P. Jörns (2007)

Jesus hat die Gottessohnschaft auf die Friedensstifter übertragen

Mt 5,9: „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“. Der Titel ‚Gottes Sohn‘ ist in den Plural gesetzt und damit von der jüdischen Messiasvorstellung abgelöst. Jesus sah sich von Gott bevollmächtigt, die Gottessohnschaft auf die Jünger, die ihm auf seinem Weg folgten und folgen würden, zu übertragen. Ist Jesus der ‚erstgeborene‘ Sohn Gottes, so sind die Christen die an Kindesstatt angenommen Söhne und Töchter, die dazu bestimmt sind „gleich gestaltet zu sein dem Bilde seines Sohnes, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern/Schwestern“ (Röm 8,29) (67f).

Sünden vergeben, heißt Frieden stiften, und hängt von keinem Ritus oder Amt ab

Es geht um die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Bei Lk 11,4 heißt die ‚Vergebungsbitte‘: „Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der gegen uns in der Schuld ist“. Bei Mt 6,12 lautet sie: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern“. ‚Schuld(en)/Sünde/(n)‘: Jesus geht es um ein und dieselbe ‚Sache‘: um die Vergebung dessen, was wir Gott und Menschen schuldig bleiben. Wer Gott vertrauensvoll darum bittet, dass Gott ihm das, was er schuldig geblieben ist, vergibt, soll wissen, dass das liebevolle Gottesverhältnis nicht dazu benutzt werden darf, aus der sozialen Wirklichkeit auszusteigen. Wer von Gott Vergebung sucht, muss sie auch seinen menschlichen Geschwistern gewähren (bei Mt vorher bereits gewährt haben) (69).

Die Verbindung von göttlicher und zwischenmenschlicher Sündenvergebung begegnet zum ersten Mal in der jüdisch-hellenistischen Schrift Jesus Sirach: „Vergib das Unrecht deinem Nächsten, dann werden dir, wenn du darum bittest, auch deine Sünden vergeben werden“. Das Vergebungsethos wird im ‚Testament der 12 Patriarchen‘ am Beispiel Josefs verdeutlicht: Josef ist der humane Herrscher, der sich selbst erniedrigt, um ein Bruder unter Brüdern zu sein. Josef vergibt beispielhaft seinen Brüdern, was sie ihm einst angetan hatten. Diese Denkfigur hat auf die Gemeindeethik eingewirkt (Mt 18,15.35; vgl. Lk 17,3f): Jesus ist der messianische Herrscher, der seine Vollmacht zur Sündenvergebung auf seine Gemeinschaft von Brüdern überträgt (69f).

Jesus wollte, dass Sündenvergebung zwischen den Menschen geschehen soll. Im Unterschied zu Johannes dem Täufer hat Jesus die Vollmacht zur Sündenvergebung nicht nur auf jedermann ausgeweitet, sondern auch von jedem besonderen Ritus gelöst. Bei Johannes war dieser Ritus die Taufe im Jordan, der ein Sündenbekenntnis vorausgehen musste. Jesus bindet die Sündenvergebung an keinerlei Art von Ritus: weder an die Taufe noch an ein Opfer im Tempel. Aber er setzt die eigene Bereitschaft, dem Bruder/der Schwester zu vergeben, vor die Bitte um Sündenvergebung durch Gott (Mt 6,14f): „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“. Die Übertragung der Vollmacht zur Sündenvergebung von Jesus auf die Menschen in der Gemeinde und ihre Abkopplung von einem kultischen Akt ist vollzogen (70f).

Sündenvergebung ist die konkrete Möglichkeit, die wir Menschen haben, Frieden zu schaffen da, wo wir leben. Joh 20,23: „Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, so sind sie ihm vergeben, wenn ihr sie jemandem nicht vergebt, so sind sie ihm nicht vergeben“. Wenn Sündenvergebung verweigert wird, dann lassen wir die Menschen in der Gefangenschaft durch das, was sie Gott und Menschen schuldig geblieben sind. D.h. wir missbrauchen unsere Christus-Vollmacht in liebloser Herrschaft. Das Gleichnis vom sog. ‚Schalksknecht‘ (Mt 18,23-35) macht klar, wie lieblos es ist, für sich selbst Vergebung von Sünden und Schuld(en) haben zu wollen, dieselbe Güte und Barmherzigkeit aber den Mitmenschen zu verweigern. Mt 16,19 hat die neue Hierarchisierung, die Petrus an die Spitze der Gemeinde stellt, die Vollmacht „zu binden und zu lösen“ bereits auf ihn übertragen. Zwar blieb die Sündenvergebung weiterhin Sache der ganzen mt Gemeinde (Mt 18,18), aber Züge des alten Herrschaftsdenkens waren in die Gemeinde zurückgekehrt (71f).

Sündenvergebung bezeugt Gottes unmittelbare Gegenwart im Geist und bedarf keiner Stellvertretung oder Sühneleistung

Jesus hat die Vergebung nicht nur in den Alltag geholt, er hat auch betont, dass jede – in Gottes Namen und Auftrag- ausgesprochene Vergebung unmittelbar gültig ist. D.h. sie ist auf die Menschen übertragen. Die Bevollmächtigung durch den irdischen Jesus genauso wie die durch den Auferstandenen macht Ernst mit der Geistesgegenwart Gottes in der Welt. Sie schließt die unmittelbare Gültigkeit der Vergebung ein, denn die Gotteskindschaft stellt jeden Einzelnen in die unmittelbare Gottesbeziehung hinein. Die Vollmacht zur Vergebung lebt allein von Gottes grenzenloser und bedingungsloser Liebe und ist dazu da, den Frieden auf der Erde (Lk 2,14) auszubreiten. Jesus hat die Vergebung der Sünden von speziellen priesterlichen Riten, Personen und Ämtern abgelöst und denen übertragen, die sich von ihm senden lassen, wie er vom Vater gesandt worden war (Joh 20,21.23). Die Vergebung der Sünden ist Sache der ganzen Gemeinde (71f).

 

c. Abschied von der Vorstellung, der Tod sei "der Sünde Sold" (Röm 6,23)

Die Sterblichkeit hängt mit dem 'Material' zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden.

K.-P. Jörns (2006³)

Der Tod ist nach Paulus als Strafe für den Ungehorsam der ersten Menschen in die Welt gekommen (Röm 5,12.18). Adam ist nach seiner Vorstellung nicht als sterbliches Wesen geschaffen worden. Dieses Verständnis der Sterblichkeit hat weder in den beiden Schöpfungsgeschichten noch in 1Mose 3 einen wirklichen Rückhalt. Denn die Sterblichkeit hängt mit dem ‚Material‘ zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden. Die Annahme, dass es erst durch die Sünde Tod und Sterben in der Welt gäbe, ist nicht zu halten. Die Schöpfung hat in allen ihren Elementen die Signatur der Endlichkeit und des Vergehens. D.h. Sterblichkeit und Tod gehören zum irdischen, geschöpflichen Dasein des Menschen (wie der anderen Lebewesen) (275f).

Trotzdem hat sich das Dogma von der Erbsünde, zu der die Sterblichkeit als Straffolge gehört, gehalten. Dafür sind letztlich Paulus und der Kirchenvater Augustin verantwortlich. Das religiöse System, innerhalb dessen Paulus seine Anschauung vom Zusammenhang von Sünde und Tod entwickelt hat, ist im wesentlichen durch das Verständnis von Sünde bestimmt. Der Zusammenhang von Ungehorsam gegen Gottes Gebot und unserer Sterblichkeit als kollektiver wie individueller Folge ist eine theologische Konstruktion. Sie kommt aus der Hochschätzung der Tora, die den Gehorsam gegenüber „Gottes Gebot“ absolut (d.h. als „Weg des Lebens“) versteht. Alles wird vom Tod her bzw. auf ihn hin gedacht (276f).

In der Vorstellung vom Tod als der „Sünde Sold“ wird dem Ungehorsam der Menschen die Macht zugesprochen, Gottes Schöpfung verändert zu haben! Der Ungehorsam wäre letztlich derjenige, der aus (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen sterbliche Wesen gemacht und damit die vom Schöpfer selbst gut, ja, sehr gut genannte Schöpfung deformiert hätte! Der Grundgedanke dabei ist, dass Gott Ungehorsam gegen das als Heilsweg verstandene Gesetz mit Tod bestraft. Für diesen Gedanken stellt die biblische Sintflutgeschichte die Modellerzählung dar. Sie hätte die Aufgabe gehabt, verständlich zu machen, dass und warum die (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen im ersten Schritt sterblich und im zweiten durch die Sintflut vernichtet wurden: wegen des Ungehorsams. Also beginnend stellten die biblischen Erzählungen die Mahnung an die Hörer der jüdischen Bibel dar, der Tora als dem Weg zu Heil und Leben in unbedingtem Gehorsam zu folgen (277f).

Paulus kontrastiert zwar die Tora als Heilsweg mit der durch Christus erworbenen Gnade, die die Herrschaft des Gesetzes abgelöst habe. Dennoch hat Paulus das System des Gehorsamsglaubens nicht aufgegeben.

Röm 5,19: „Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“.

Sterblichkeit ist geschöpflich und insofern unser und aller anderen Kreaturen Schicksal. Paulus war davon überzeugt, dass wer Christ sein will, nicht vorher Jude geworden sein müsse (Gal 1,11 – 3,9). Ebenso geht Jörns davon aus, dass wir, um Gottes Liebe glauben zu können, nicht vorher in den jüdischen Gehorsamsglauben eingetaucht sein müssen. Die Erkenntnis, dass unsere Sterblichkeit von Gott geschaffen ist, führt uns zur Solidarität mit allen sterblichen Wesen (280).

Der Tod als Tor zu einem anderen Leben: Durch die Geist-Einhauchung sind sterbliche und gestorbene Menschen des lebendigen Gottes Zeitgenossen, mit ihm gleichzeitig. Das gilt von ihm aus, weil er zu allen Geschöpfen eine Lebensbeziehung durch den Geist hat. Und das gilt von uns aus als geglaubte Wirklichkeit, sofern wir uns dessen im Geist bewusst werden. Der Gedanke einer leibhaftigen Auferstehung ist für diesen Glauben hinderlich, weil er das zukünftige Leben an die „von Erde genommene“ Gestalt des jetzigen Lebens binden, mithin dieses Leben nicht wirklich loslassen, nicht aus ihm heraus, will. Angemessen ist eher die Vorstellung von einer Verwandlung. Diese Verwandlung schließt den Tod und die Verwesung des Leibes ein. Das Sterben ist der notwendige Abschied hinein in unsere Zukunft (285).


Abschied von Sühnopfergedanken


Die Sühnevorstellung entsprach den damaligen Denkvoraussetzungen im Judentum, aus dem Paulus stammte. Diese Vorstellung kann für uns heute, im 21. Jh nicht verpflichtend sein.
Eine Lehre ist abhängig von zeitbedingten Voraussetzungen. Jesus forderte seine Jünger nicht auf, einer Lehre zu folgen, sondern ihm, seinem Weg, seinem Tun: "Folge mir nach" (Mt 9,9parr)

"Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich und (so) folge er mir nach" (Lk 9,23 parr)!

Paulus: "Folgt meinem Beispiel, wie ich dem Beispiel Christi" (1Kor 11,1)

"Ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe" (Gal 6,17). "Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt. Denn viele leben so...sie sind die Feinde des Kreuzes Christi" (Phil 3,17f).

Die wahren Verwandten Jesu: "Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun" (Mt 12,50;.......).
Nach Joh 13,36 hat Jesus seinen Tod nicht als Sühnetod verstanden: zu Petrus sagt er: "...Wo ich hingehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen, du wirst mir aber später folgen".

Bei der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod geht es um die Frage, ob das der Sühnetheologie implizite Bild von der Heiligkeit Gottes dem Gottesbild Jesu entspricht. Der Tod Jesu kann nur in der Perspektive der Botschaft Jesu und seiner Bürgschaft für Gott gedeutet werden (Vollmer 120).

Ein angeblicher Sühnetod entwertet Jesu Wirken. In Jesu historischem Wirken ist das Reich Gottes bereits erschienen.

Jesus sprach zu Zachäus: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren" (Lk 19,9). Lk 11,20 "Wenn ich durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen".

Jesu Wirken war auf die Gegenwart gerichtet. Es war nicht abhängig von seinem zukünftigen Tod. Jesus hat Lahme, Blinde, Taube geheilt, Sünden vergeben. "Dein Glaube hat dich geheilt".

Jesus hat sein Leben nicht freiwillig hingegeben. Es ist ihm durch Verrat und mit Gewalt genommen worden (das Prophetenschicksal, Paulus hat seinen Märtyrertod nicht gewollt). Jesus hat sein Leben für die Schafe riskiert, aber er hat es nicht für die Schafe geopfert.

W. Marxsen (1976): Mit Hilfe vorgegebener, in der damaligen Umwelt bekannter juridischer und kultischer Vorstellungen wurde der rätselhaft, schmachvolle Verbrechertod Jesu als Heilsereignis ausgesagt. Das Kreuz wurde jetzt gegen den Augenschein als Sieg verkündet (85).

Die Urgemeinde hat Jesu Kreuz interpretiert. Ohne jede Interpretation wäre das Kreuz als bloßes historisches Ereignis nichts-sagend. Können wir mit den Inhalten der Interpretation nocht etwas anfangen? Was ist das für ein Gott, der eine so grausame Veranstaltung wie die Hinrichtung eines Unschuldigen (seines Sohnes) benötigt, um Versöhnung zwischen sich und den Menschen (seinen Geschöpfen) eintreten lassen zu können (86)?

"Verflucht ist, wer am Holz hängt" (5Mo 21,23)???
War die Hinrichtung von Menschen im AT Gottes Auftrag oder ein Werk der Menschen? Jesu Hinrichtung war nicht Gottes Auftrag, sondern durch den Hass der Menschen erfolgt. Was ist das für ein Sühnopfer, das auf dem Hass der Menschen basiert? (der Holocaust?)

"Alle Gotteserkenntnis ist Stückwerk" (1Kor 13,9). Müssen wir Paulus' Deutung des Todes Jesu als Sühnetod übernehmen? Gott und der in seiner Gemeinde anwesende erhöhte Christus vergeben Sünden. Sühnopfer? Welch ein schrecklicher Gott braucht die grausame Hinrichtung seines Sohnes, um gnädig sein zu können?

Paulus hat seine Sichtweise mehrfach korrigiert. Ich bin überzeugt, heute würde Paulus von der Sühnopfertheologie Abstand nehmen. Damals war der Sühnopfergedanke durch die jahrtausende alte Opferpraxis vertraut und mit ihm konnte man die Katastrophe der Hinrichtung Jesu positiv deuten und den Opferkult im Tempel in Jerusalem weit überbieten - damals, vor 2000 Jahren.

 

I. Jesus und der Sühnegedanke

II. Abschied vom Verständnis der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer und von dessen sakramentaler Nutzung in einer Opfermahlfeier

III. Die theologische Problematik des Sühnetodes Jesu