7. Zum Hebräerbrief

Der Neue Bund wird im nicht-kultischen, gelebten Glauben vollzogen

1. Jesu Sterben – kein Sühnegeschehen sondern gehorsame Selbsthingabe 
A. Der Tod Jesu als Zugang zum himmlischen Heiligtum (Hebr 9,1 - 10,39)
B. Wir haben einen Hohenpriester im Himmel
(1) Einleitung
(2) “Durch Leiden vollendet“ (2,5-16)
(3) Der Weg Jesu Christi: Gehorsam, Erhörung, Erhöhung
(4) Himmlischer Hoherpriester und himmlischer Kult
(5) Irdische Existenz und Zuordnung zum himmlischen Kult
(6) Ergebnisse
(7) Zum historischen Ort
(8) Die Imitation Jesu im Brief an die Hebräer

A. Der Tod Jesu als Zugang zum himmlischen Heiligtum (Hebr 9,1 - 10,39)

Die Selbsthingabe des Sohnes hat keine stellvertretende, sondern eine einführende Funktionen

M.Stiewe/F.Vouga

Der Tod und die Erhöhung Jesu werden in Form einer opferkultischen Handlung dargestellt: Jesus ist das Opfer, das sein Blut dahingibt, und gleichzeitig der Hohepriester, der durch den Vorhang des Tempels hindurchschreitet (6,19; 9,3; 10,20) und in das Allerheiligste, in die Gegenwart Gottes eintritt (10,10). Als Priester nach der Ordnung Melchisedeks (7,1-28/Gen 14,17-20 und Ps 110,4) schließt Jesus als der zur Rechten Gottes erhöhte Sohn den im Buch des Propheten Jeremia von Gott angekündigten neuen Bund (8,8-12/Jer 31,31-34). Folglich finden die Worte des Mose und die kultischen Vorschriften ihre eigentliche Bedeutung im Werk Christi. Der erste Bund, das irdische Heiligtum des Mose und der atl Kult der Leviten sind Gleichnis, Schatten und Abbild des neuen Bundes (10,1) (191).

Die Interpretation des Todes Jesu ist das zentrale Thema der „vollkommenen Lehre“, die den Kern des Hebräerbriefs bildet (7,1 - 10,18). Jesus ist der himmlische Hohepriester, der durch die einmalige Hingabe seines Blutes und durch seine Erhöhung den Vorhang des himmlischen Tempels zerrissen und uns den Zugang zu Gott und zu der himmlischen Ruhe eröffnet hat (191f).

Die hohepriesterliche Christologie: Jesus ist der göttliche, eschatologische, himmlische Hohepriester: Der Prolog des Briefes (1,1-4) kündigt die Einheit zwischen der Hohenpriester- und der Vorbildchristologie an (2,10; 12,2): Jesus ist erhöht (1,3) und als erster von Gott in den Himmel hinaufgeführt worden (3,20), nachdem er als der Hohepriester den Vorhang geöffnet hatte (10,19f). Christus ist der einmalige und ewige Priester nach der Ordnung Melchisedeks (7,1-28): Melchisedek ist den Leviten überlegen (7,4-10). Das neue, ewige Priestertum (7,17/Ps 110,4: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“) setzt eine neue Ordnung und die Abschaffung der alten, nutzlos gewordenen Ordnung voraus (7,11-19). Das neue Priestertum ist durch einen Schwur Gottes bestätigt worden (7,21/Ps 110,4: „Der Herr hat geschworen und wird es nicht bereuen: Du bist Priester in Ewigkeit“ 7,20-25). Jesus ist der vollkommene Priester für die Ewigkeit (7,26-28) (193).

Der erste Bund als Abbild des neuen Bundes: Der neue Bund ist geschlossen worden, als der himmlische Hohepriester mit seinem Blut durch den Vorhang (6,19; 9,3; 10,20/Lev 16,2.12) des himmlischen Tempels hindurchgegangen ist. Der irdischen und der himmlischen Handlung (8,1.6) entsprechen jeweils der erste und der neue Bund (8,7-13). Der mosaische Kult ist der Antitypus zu einem neuen Typus, der bereits Mose als Vorbild gezeigt worden war (8,5/Ex 25,40). Durch seinen Tod ist Christus der Mittler des neuen Bundes, auf den das irdische Abbild des ersten Bundes verweist: „Das ist das Blut des Bundes, den Gott für euch angeordnet hat“ (9,20/Ex 24,8). Nicht im irdischen Abbild des Allerheiligsten ist Christus dahingegeben worden, sondern im himmlischen Tempel und nur einmal, um die Sünden vieler auf sich zu nehmen (9,23-38). Was der erste Bund als Schatten und Bild nicht vermochte, hat Christus erreicht, indem er keine Opfer dargebracht, sondern sich selbst dahingegeben hat (10,5/Ps 40,7; Hebr 10,19). Damit hat er den ersten Bund abgeschafft und den neuen Bund eingesetzt (10,1-10). Christus ist nach seinem Opfer zur Rechten Gottes erhöht worden (10,12f/Ps 110,1). Seine Gabe ist die Vervollkommnung der Heiligen (10,11-18/Jer 31,31-34). Der Sinn der Satzungen des mosaischen Kultes ist es, den zweiten, neuen Bund Gottes (8,8-12/Jer 31,31-34) zu offenbaren. Der neue Bund wird geschlossen, indem sich Jesus als tadelloses Opfer darbringt und dadurch Jer 31,31-34 erfüllt („Ich will meine Gesetze in ihren Sinn legen und sie ihnen ins Herz schreiben“, 8,10; 10,16) (194f).

Der irdische Tempel als Abbild des himmlischen Tempels: Das christologische Anliegen des Hebr besteht in der Gegenüberstellung der Befreiung (die in Tod und Auferstehung Jesu stattgefunden hat) und der Unfähigkeit jedes Opferkults, die Sünden zu tilgen (10,1-4). Jesus, der sich für immer zur Rechten Gottes gesetzt hat, hat ein einziges Opfer für die Sünden gebracht (9,26-28; 10,12) und uns ein für allemal geheiligt (10,19). Das Kommen des zur Rechten Gottes eingesetzten Sohnes schließt die Notwendigkeit jedes Opferkults aus (10,18) (195f).

Der himmlische Tempel als Bild des ganzen Kosmos 10,19f: Die Erlösung besteht in dem freien Zugang der Erlösten zum Allerheiligsten. Sie beruht darauf, dass Jesus durch seinen Tod und seine Erhöhung den Weg zu Gott ermöglicht hat. 9,24: der Tempel, in den Jesus eingetreten ist, ist der himmlische Tempel, der die irdische Welt als Tempel strukturiert. Das Allerheiligste ist der Himmel. Die Erde befindet sich vor dem Vorhang. Tod und Erhöhung Jesu werden als Durchgang durch den Vorhang, der im Bild des Tempels den Himmel der unmittelbaren Gegenwart Gottes vom diesseitigen Bereich der Erde trennt, verstanden. Wie im Jh-Ev werden Tod und Erhöhung Jesu als Einheit der Selbtshingabe und des Zugangs zur Gegenwart Gottes dargestellt. Der Tod Jesu bedeutet die Erhöhung zur Rechten Gottes und gleichzeitig, weil Jesus der ‚Vorläufer‘ und ‚Wegbereiter‘ ist, den Zugang der Glaubenden zu Gott (10,19-25). Der Sohn Gottes ist der Hohepriester des himmlischen Tempels. Der Vorhang des Tempels trennt und verbindet Himmel und Erde. Die Erlösung besteht im Übergang zum Himmel, d.h. im Weg durch den Vorhang hindurch (6,19; 9,3; 10,20). Der Erlöser hat den Erlösten den Weg zum Himmel eröffnet (10,20) (197f).

Die Metaphorik des Blutes: Das Blut ist ein zentrales Interpretament des Todes Jesu. Das Blut (mit dem am Großen Versöhnungstag das Allerheiligste besprengt wurde) gehört zu den wesentlichen Elementen der hohenpriesterlichen Metaphorik (9,12). Als Blut des neuen Bundes (10,20; 13,20) reinigt es unser Gewissen von den toten Werken (9,14; 12,24), gibt es uns freien Zutritt zum Allerheiligsten (10,19) und heiligt das Volk (13,12). Entscheidend für die Interpretation des Todes Jesu und für seine heilbringende Bedeutung ist, dass die Selbsthingabe des Sohnes als des Hohenpriesters des neuen Bundes keine stellvertretende, sondern eine einführende Funktionen hat. Der Sohn, der durch den Vorhang von der Erde in die Gegenwart Gottes hinüberging, ist der „Achegos“, der Anführer, der die Glaubenden, seine Brüder und Schwestern (2,13), zur eschatologischen Ruhe des Heils, des Vertrauens und der Hoffnung führt (2,10; 12,1) (198).

Ertrag: Die Deutung des Todes Jesu als Erlösung und als theologische Opferkritik

Die im AT geforderten Opfer sind unfähig, eine Vermittlung zwischen den Menschen und Gott herzustellen. In Jesu Tod und seiner Auferstehung offenbaren sich der souveräne und freie Entschluss Gottes, uns zu retten (1,1f) und der Gehorsam des von Gott gesandten Sohnes, der der Güte und Liebe Gottes entsprechend sein Leben dahingab und dadurch zum Vermittler zwischen den Menschen und Gott wurde (10,7.9). Die Erlösung kann nur auf die freie und einseitige Initiative Gottes zurückgeführt werden. Gott offenbart sich in der Erhöhung des Sohnes zu seiner Rechten (1,1-4) und die Selbsthingabe des Sohnes offenbart den Geschenkcharakter der Erlösung (202f).

Die Ablehnung des Opfergedankens: Der Hebr sieht in Tod und Erhöhung Jesu das Zentrum des neuen Bundes, der die Menschen von der Ineffizienz der darzubringenden Opfer befreit hat. Der Zugang zu Gott (9,1 - 10,18) und zu der ewigen Ruhe (1,5 - 4,14) wird durch die Erhöhung des Sohnes am Kreuz ermöglicht. Der Opferkult gehört zum 1. Bund, nicht zum neuen (10,1). Was der Opferkult beansprucht, kann er nicht einlösen, wie es die Notwendigkeit, den Großen Versöhnungstag jedes Jahr zu wiederholen belegt (10,2f). Der Opferkult entspricht nicht dem Willen Gottes, der an ihm kein Gefallen hat (10,5-8). Der Hebr benutzt die Tempelmetaphorik und die Opfertheologie des ATs, um den Tod Jesu als Offenbarung eines Gottes herauszustellen, der keine Opfer will und durch die Selbsthingabe des Sohnes dem Opferkult ein Ende setzt (204f).