(3) Der historische Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnegeschehen gedeutet

W. Zager

Mk 10,45 par – das Lösegeldwort

Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen" b: "und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“.

In Lk 22,24-27 findet sich eine parallele Überlieferung: „Es entstand aber unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll wie der Jüngste werden, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer: der zu Tische liegt oder der dient? Ist es nicht der, der zu Tische liegt? Ich aber bin mitten unter euch wie der Dienende“.

Hier wurden von beiden Evangelisten verschiedene, voneinander abhängige Ausprägungen ein und derselben Grundtradition benutzt. Lk 22,27c hat mit dem Fehlen der Sühneaussage das Ursprüngliche bewahrt. „Und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“ in Mk 10,45b ist eine spätere Erweiterung. Dagegen gehört die Rede vom Dienen Jesu zur Markus und Lukas gemeinsamen Grundtradition (37f).

Innerhalb der synoptischen Tradition werden die drei Gruppen von Menschensohnworten (vom kommenden, vom gegenwärtig handelnden und vom leidenden Menschensohn) klar voneinander unterschieden. Daran ist zu erkennen, dass eine Kombination vom Lebensdienst des Menschensohnes einerseits und von seiner Lebenshingabe als Lösegeld andererseits sekundär sein muss (38).

Die Urfassung von Mk 10,45a besaß das ‚Ich’ Jesu als Subjekt und nicht den ‚Menschensohn’: „Ich bin nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen“ (39).

Kann die von dem Spruch Mk 10,45a unabhängige Sühneaussage in Mk 10,45b auf den historischen Jesus zurückgeführt werden? Anders als im palästinisch-jüdischen Kultur- und Religionsbereich, dem die geschichtliche Person Jesu zuzurechnen ist, findet sich zur Deutung des Todes Jesu als Sühnegeschehen eine unmittelbare Parallele allein in der hellenistisch-jüdischen Tradition vom stellvertretenden Sühnetod: Die jüdischen Märtyrer geben ihr Leben hin als ‚Lösegeld’ für die Sünden ihres eigenen Volkes (4 Makk 6,29; 17,21).

Mk 10,45b repräsentiert ein jüngeres Überlieferungsstadium der frühchristlichen Dahingabeaussagen, was daran zu erkennen ist, dass nicht Gott als handelndes Subjekt der Dahingabe genannt, sondern Jesus als solches vorausgesetzt wird (41).

Markus 14,24 par - das Kelchwort beim Abendmahl
Nachdem die Lösegeldaussage in Mk 10,45 als nachösterliche Bildung erkannt ist, bleibt allein das Kelchwort als Möglichkeit übrig, die Sühnetodvorstellung bei Jesus selbst festzumachen. Diese Möglichkeit scheidet aus folgenden Gründen aus:

Anfangs lag nach 1 Kor 11,25 zwischen den beiden Deuteworten die Sättigungsmahlzeit, die dann in einem späteren Stadium in Mk 14,23 wegfiel. Durch das Aneinanderrücken von Brotwort und Kelchwort fand eine sprachliche und inhaltliche Angleichung statt (41f).

Das Nebeneinander von dem als Deutewort gestalteten Kelchwort Mk 14,24 und dem Verheißungswort Mk 14,25, das ja ein weiteres Kelchwort ist, weil Jesus hier ansagt, dass er seinen nächsten Wein im Reich Gottes trinken werde, kann kaum ursprünglich sein. Das Logion Mk 14,25 schließt sich nahtlos an Mk 14,23 an. Das legt den Schluss nahe, dass ursprünglich Mk 14,25 das einzige Kelchwort war. Damit verbietet sich auch das Verständnis des letzten Mahles Jesu als einer kultstiftenden Symbolhandlung. Das Deutewort über dem Kelch lässt sich am besten als Analogiebildung zum Brotwort begreifen. Mk 14,25 kann man begründet auf den historischen Jesus zurückführen. Dieses Wort steht nämlich im Einklang mit seiner Proklamation der angebrochenen und sich in einem endzeitlichen Prozess durchsetzenden Gottesherrschaft, deren Vollendung als Reich Gottes sich in naher Zukunft ereignen wird. Jesus verstand seinen erwarteten Tod nicht als Infragestellung seiner Botschaft und Hoffnung (42f).

Hätte der historische Jesus seinem Tod eine universale Heilsbedeutung beigemessen und beim letzten Mahl davon klar gesprochen, wäre es nie zu den Auseinandersetzungen im frühen Christentum um die Heidenmission gekommen, weil deren Rechtmäßigkeit damit offenkundig gewesen wäre (43).

Innerhalb der authentischen Jesusüberlieferung wird Gottes Vergeben nie an Jesu Lebenshingabe als Voraussetzung gebunden (44).

Der historische Jesus eröffnet in seinen Mahlgemeinschaften und in seiner Verkündigung den direkten Zugang zu Gottes Verzeihen und Barmherzigkeit, dem der Mensch in seinem Verhalten zum Mitmenschen entsprechen soll. Von diesem Grundgedanken seiner Reich-Gottes-Botschaft war Jesus offenbar auch in seinem Tod durchdrungen, wenn er in Mk 14,25 die Hoffnung auf die sich in Bälde durchsetzende Gottesherrschaft durchhielt und von sich lediglich als Teilnehmer am endzeitlichen Heilsmahl sprach. Der historische Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnegeschehen begriffen (45).

Wie kam es zur nachösterlichen Deutung des Todes Jesu als Sühnegeschehen?
Im AT gibt es nur einen Text, der vom stellvertretenden Sühnetod handelt: Jes 53,4-6.12: „Führwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. (5) Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (6) Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. (12) Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet worden ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“.

Der Sühnetod Jesu
(1) eine aus Jes 53 entwickelte Deutung?
Von den sieben Zitaten aus Jes 53 im NT (Mt 8,17; Lk 22,37; Joh 12,38; Apg 8,32f; Röm 10,16 ; 15,21; 1Ptr 2,22-25), greift nur das eine in 1 Ptr 2,24 („durch seine Wunden seid ihr geheilt worden“) den Gedanken vom stellvertretenden Leiden des Gottesknechtes auf, um damit Jesu Tod als Sühnegeschehen zu interpretieren. Dabei handelt es sich um einen relativ späten Beleg (47).

Die älteste urchristliche Aussage vom Sühnetod Jesu: „Christus ist für uns gestorben“, nimmt keinen Bezug auf Jes 53. Auch die „Dahingabe“-Aussagen, die davon sprechen, dass Gott seinen Sohn oder Christus sich selbst dahingegeben habe, zitieren aus dem vierten Gottesknechtslied nicht, sondern enthalten allenfalls wie Röm 4,25 eine Anspielung auf Jes 53,12, wobei die hier vorliegende Verbindung von Sterbens- und Auferweckungsaussage samt der soteriologischen Deutung von Jesu Auferweckung auf eine entwickeltere Traditionsstufe hinweist (47).

Die jüdische Exegese interpretiert zwar Jes 53 durchaus messianisch, aber sie nahm dabei nur die Hoheitsaussagen von Jes 53 auf. Umgekehrt fehlt in den zeitgenössischen jüdisch-hellenistischen Texten jeder Bezug zu Jes 53 (48).

(2) ein Interpretament aus dem Kontext hellenistisch-jüdischen Martyriumsverständnisses?
Die Berichte über die Martyrien des Eleazar sowie der sieben Brüder und ihrer Mutter enthalten für das Verständnis des Todes Jesu als Sühnegeschehen folgende Anknüpfungspunkte: die Wendung vom ‚Sterben für’, die Rede von der Hingabe des eigenen Lebens und die Deutung des gewaltsamen Todes als ‚eine Art Ersatzleistung’ für das aufgrund der Sünde verwirkte Leben des Volkes (50f).

In 4 Makk tritt der Gedanke stellvertretenden Strafleidens durch die Benutzung von Opferterminologie deutlich hervor. Das zeigt sich in Eleazars Fürbitte 4Makk 6,28f: „Sei gnädig deinem Volk. Lass dir an unserer Bestrafung genügen, die wir für sie auf uns nehmen. Zu einem Reinigungsopfer für sie mache mein Blut und nimm mein Leben als Ersatz für ihr Leben“ (Anm. 59).

Die frühchristliche Rede vom Sühnetod Jesu verdankt sich dem Bedürfnis seiner Anhänger, Jesu Kreuzestod einen positiven Sinn abzugewinnen und nicht lediglich als durch die Auferweckung überwundene Schmach oder als heilsgeschichtliche Notwendigkeit zu betrachten. Laut Dtn 21,22f galt der am Holz Aufgehängte als von Gott Verfluchter. Der Gedanke des stellvertretenden Sühnetodes bot die Möglichkeit, das Skandalon zu überwinden und in einem höheren Sinne aufzuheben: Christus hat für uns den uns als Sündern drohenden Fluchtod auf sich genommen, um uns von diesem zu befreien. Dies können wir Gal 3,13 entnehmen (52).

Erstmals haben wahrscheinlich die griechisch sprechenden Judenchristen um Stephanus Jesu Tod als Sühnegeschehen interpretiert. Zum einen dürfte ihnen aufgrund ihrer kulturellen und religiösen Herkunft das Martyriumsverständnis vertraut gewesen sein, wie es seinen literarischen Niederschlag in 4Makk gefunden hat (53).

Fazit                                                                                                                
Der historische Jesus hat seinem ihm bevorstehenden Tod keine Sühnefunktion beigemessen. Vielmehr hat er sehr wahrscheinlich noch beim letzten Mahl mit den Jüngern seine Hoffnung auf die völlige Durchsetzung der Gottesherrschaft bekräftigt. Diese steht nach Jesu Botschaft allen offen, die sich Gottes Barmherzigkeit öffnen und der erfahrenen Vergebung in ihrem Verhalten entsprechen, ohne dass die menschliche Schuld zuvor gesühnt werden müsste (Za 54).

                   

(4) Bedarf Gott des Opfers seines Sohnes?

H. Küng

Allzu selbstverständlich sehen christliche Theologen die Hinrichtung Jesu als Opfertod und höchsten Liebeserweis Gottes. Dazu bemerkt Pinchas Lapide: Dass Gott eines Menschenopfers bedarf, um seine eigene Schöpfung mit sich selbst zu versöhnen, dass er, der Weltenherr, ohne Blutopfer keinen Menschen zu rechtfertigen vermag, das ist für Juden ebenso unbegreiflich wie bibelwidrig. Menschenopfer sind Gott ein Greuel. Was ist das für ein Gott, der ja sagen kann zu den sadistischen Todesqualen seines Kindes, nur um die rein heidnische Tortur der Kreuzigung anzunehmen als stellvertretende Entsühnung, wie Paulus behauptet, als Beschwichtigungsopfer des Zornes Gottes nach Römersitte, wie Augustin es darstellt, als Loskauf vom Teufel in einer Art von Tauschgeschäft zwischen Gott und Satan, wie Origenes es will, oder als Schuldenbezahlung, wie Anselm von Canterbury es in seiner Satisfaktionslehre zu beweisen versucht (469)?

Im NT wird Jesu Tod als eine Tat der Menschen verstanden. Juden und Heiden gemeinsam werden dafür verantwortlich gemacht. Jesu Kreuzestod hat aber auch mit Gott selber zu tun: Gott hat zugelassen, dass sein 'einziger Sohn' umgebracht wird (471).

Ostern lässt erkennen: Auch im Leiden und Sterben Jesu hat Gott seinen unabänderlichen Heilswillen durchgesetzt. Wenn Ostern mehr war als eine nachträgliche Korrektur der von Gott nicht verhinderten Hinrichtung des Gottessohnes, dann konnte der Tod Jesu keine Katastrophe gewesen sein, sondern er musste dem Heilswillen Gottes entsprechen. Jesu Kreuzigung war dann nicht ein gottwidriger Willkürakt von Menschen, sondern dieses zunächst so rätselhaft erscheinende Geschehen war dem Willen Gottes gemäß (471).

Das Gottesverständnis nach Auschwitz

Entweder ist Gott allmächtig, dann ist unverständlich, warum er so etwas Grauenhaftes wie Auschwitz nicht verhinderte. Oder Gott ist allmächtig und verstehbar, dann ist Auschwitz die Widerlegung seiner Güte. Oder Gott ist gütig und verstehbar, dann ist Auschwitz der Beweis seiner Ohnmacht. Alle drei Attribute zusammen – Allmacht, absolute Güte und Verstehbarkeit – sind nach Auschwitz nicht mehr gleichzeitig zu haben (714).

Um der Göttlichkeit Gottes willen kein Transzendenznachlass: Kritik ist angebracht an einem undialektischen Verständnis der Allmacht Gottes. Kritik ist ebenso angezeigt bei einer begrifflich herbeigezauberten, die Sinnlosigkeit des Leids erklärenden Dialektik von Macht und Ohnmacht Gottes, von Stärke und Schwäche, von Gottes Weisheit durch Torheit, von Gottes Heiligkeit durch Schuld (721).

Einspruch ist gestattet gegen einen theokratischen, autoritären Hochgott, Despoten. Kritik ist nicht weniger am Platz gegenüber einem kraft- und wehrlosen, ohnmächtigen Gott, der jegliche Vorsehung und Fügung im Weltgeschehen preisgegeben hat. Zweifel sind erlaubt an der Vorstellung eines apathischen Gottes von platonischer Unbeweglichkeit und Unbetroffenheit. Aber ebenso sind Zweifel zu äußern an einem ganz und gar anthropomorphen, menschlich leidenden, gar sterbenden Gott, der nichts mehr zu geben vermag. Dies wäre nicht mehr ein mit-leidender, sondern ein bemitleidenswerter Gott. Mit solch gewagten Gottesphantasmagorien lässt sich eine monströse Wirklichkeit wie Auschwitz nicht bewältigen (721).

Ein gekreuzigter Gott?

Christliche Theologen haben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht selten die Leidensproblematik durch die Annahme eines leidenden Gottes bewältigen wollen. Gott sei ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade so und nur so sei er bei uns und helfe uns. Nur der leidende Gott könne helfen. Einzelne Theologen haben im Blick auf den Holocaust gar daraus gefolgert, dass das unaussprechliche Leiden der sechs Millionen auch die Stimme des leidenden Gottes sei. Andere Theologen haben gemeint, die Leidensproblematik hochspekulativ von einer sich dialektisch zwischen Gott und Gott, gar Gott gegen Gott, abspielenden innertrinitarischen Leidensgeschichte her denkerisch bewältigen zu können (722).

Gegenüber solchen mehr von Hegel als von der Bibel inspirierten Spekulationen über einen leidenden Gott, gekreuzigten Gott, gar einen Tod Gottes ist Zurückhaltung am Platz. Als ob sich das immense sinnlose Leid der Menschheitsgeschichte und des Holocausts durch christologische Spekulationen und begriffliche Manipulationen am Gottesbegriff in einen höheren Zusammenhang einordnen und so bewältigen ließe! Bei aller in Christus Jesus aufscheinenden Menschenfreundlichkeit Gottes darf es nicht zu einem Ausverkauf der Göttlichkeit Gottes kommen, auch nicht angesichts noch so unbegreiflichen Leidens und Schmerzes (722f)!

Ein Blick in die Schrift vermag solch spekulative Kühnheiten zu ernüchtern. Nach dem AT schreien die Menschen immer wieder zu Gott im Vertrauen darauf, dass Gott ihr Rufen und Flehen hört. Aber ihr Schreien, Leiden und Sterben wird nicht einfach zum Schreien, Leiden und Sterben Gottes. Nirgendwo im AT wird der Unterschied zwischen Gott und Mensch aufgehoben und Leid und Schmerz des Menschen einfachhin zum Leid und Schmerz Gottes erklärt und verklärt. Für das AT gilt: Wenn der Mensch scheitert, scheitert Gott nicht. Wenn der Mensch stirbt, stirbt Gott nicht mit. Denn “Gott bin ich und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte“ (Hos 11,9) gegen alle Vermenschlichung Gottes (723).

Auch nach dem NT schreit Jesus, der Sohn Gottes, zu Gott, seinem Vater, weil er sich von Gott in der Tiefe seines Leidens verlassen glaubt. Aber nirgendwo schreit Gott zu Gott, nirgendwo ist Gott selber schwach, ohnmächtig, leidend, gekreuzigt oder gar gestorben.

Das Wort vom Kreuz ist Paulus zufolge nur für die Nichtglaubenden Schwäche und Torheit, für die Glaubenden ist es “Gottes Kraft, Gottes Weisheit“ (1Kor 1,23f). Im Kreuz Jesu Christi ist nicht Gott schlechthin gekreuzigt worden, der Gott Deus pater omnipotens. Wie hätte sonst der Gekreuzigte in Gottverlassenheit zu Gott schreien können: “Mein Gott, mein Gott“ (Mk 15,34)? Nach dem NT folgt hier kein spekulativer Karfreitag, erfolgt hier kein Salto Mortale Gottes selber, hängt am Kreuz gerade nicht Gott, wohl aber Gottes Gesalbter, sein Christus, der Menschensohn (723f).

Das Kreuz ist nicht das Symbol des Todesnot leidenden Gottes, sondern das Symbol des Todesnot leidenden Menschen. Am Kreuz ist nicht Gott, der Vater, gestorben, sondern Gottes Messias und Christus, Gottes Ebenbild, Wort und Sohn. Ein unbiblischer Patripassianismus (die Auffassung, Gott der Vater selber habe gelitten) wurde kirchlicherseits schon früh zu Recht verurteilt. Christliche Theologie protestiert gegen ein masochistisch-dulderisches Gottesverständnis, nach welchem ein schwacher Gott sich durch Leid und Tod zur Auferstehung durchzuquälen hätte, wenn er nicht überhaupt auf ewig leiden soll (724).

In der Torheit und Ohnmacht des Kreuzes Christi ist nicht ein ohnmächtiger, törichter, schwacher, gekreuzigter Gott sichtbar geworden. Wäre Gott wirklich selbst am Kreuz gestorben, wer soll dann diesen toten Gott zu neuem Leben erweckt haben? Das Kreuz für sich betrachtet ist ein klares Fiasko, eine beispiellose Menschen- und Gottverlassenheit des Gottgesandten. Nur im Licht der Auferweckung Jesu zum Leben wird im Nachhinein in Gottes offenkundiger Abwesenheit seine verborgene Anwesenheit glaubend angenommen. Im NT wird die Auferweckung von Jesus, dem Sohn, zum neuen Leben verkündigt. Gott (ho theos), der Vater, ist das Subjekt der Auferweckung, der “ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist“ (Mt 22,32) (724f).

Nur durch die Aufnahme dieses Sohnes in Gottes ewiges Leben erweist sich Gott für die Glaubenden als der diesem einzigartigen Sohn (und damit allen seinen Söhnen und Töchtern) sogar in äußerstem Leid, in Verlassenheit und Sterben solidarisch Nahe, als der auch mit unserem Schmerz verbundene und an unserem Leid (verschuldet oder unverschuldetem) teilhabende, als der von unserem Elend und all der Ungerechtigkeit mitbetroffene, verborgen mit-leidende und gerade so zuguterletzt unendlich gütige und mächtige Gott (725).

Eine theoretische Antwort auf das Theodizee-Problem gibt es nicht! Von einer gläubigen Grundhaltung her ist nur das eine zu sagen: Wenn Gott existiert, dann war Gott auch in Auschwitz! Unbeantwortbar ist die Frage: Wie konnte Gott in Auschwitz sein, ohne Auschwitz zu verhindern? Weder das AT noch das NT erkären uns, wie der gute, gerechte und mächtige Gott in dieser seiner Welt solch unermessliches Leid hat geschehen lassen können (726).

Sinnloses Leid nicht theoretisch verstehen, sondern vertrauend bestehen

Im äußersten Leid haben Juden, aber auch Christen die Gestalt des Hiob vor Augen. Gott ist und bleibt für den Menschen letztlich unbegreiflich und doch ist dem Menschen die Möglichkeit geschenkt, diesem unbegreiflichen Gott unbedingtes Vertrauen entgegenzubringen (729).

Für Christen scheint im äußersten Leid die historische Gestalt des leidenden und sterbenden Gottesknechtes, des Schmerzensmannes aus Nazareth, auf. Sein Ausgeliefertsein, Ausgepeitschtsein, Verhöhntsein, sein langsames Dahinsterben am Kreuz hat die furchtbare Erfahrung der Opfer des Holocaust vorausgenommen, die Erfahrung, dass man von allen Menschen verlassen, dass man sogar des Menschseins beraubt, ja, dass man auch von Gott selbst verlassen werden kann (729).

Jesu Tod hatte einen Sinn, weil allein im Nachhinein, von der geglaubten Auferweckung Jesu zu neuem Leben durch und mit Gott, ein Sinn in dieses sinnlose, gottverlassene Sterben hineinkommt. Nur aufgrund dieses Glaubens ist der zu Gottes ewigem Leben erweckte Gekreuzigte die Einladung, auch bei sinnlosem Leiden und gottverlassenem Sterben zu vertrauen und für sich selber in diesem Leben ein Durchstehen und Durchhalten bis zum Ende einzuüben. Nicht die Erwartung eines Happy Ends auf Erden, sondern ganz radikal das Angebot, selbst im sinnlosen Leiden einen verborgenen Sinn zu bejahen, den der Mensch nicht von sich aus entdecken, wohl aber im Licht dieses einen von Gott und Mensch Verlassenen und doch Gerechtfertigten geschenkt erhalten kann (730).

Vom leidenden Gottesknecht Jesus her lässt sich erkennen, dass Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verborgen anwesend bleibt, dass Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt (730).

Selbst in Auschwitz haben ungezählte Juden an den trotz aller Schrecknisse dennoch verborgenen anwesenden, an den nicht nur mitleidenden, sondern sich auch erbarmenden Gott geglaubt. Sie haben vertraut und sie haben auch gebetet selbst noch in der Hölle von Auschwitz! Ungezählte Juden haben darauf vertraut, dass es einen Sinn hat, das eigene Leid hinzunehmen, den verborgenen Gott anzurufen und anderen Menschen, soweit noch möglich, beizustehen (731).

Die Menschen haben zu einem lebendigen, teilnehmenden, wenngleich abwesenden, verborgenen Gott gerufen, auf dessen Macht und Güte sie vertrauten durch alle Gewalt und Bosheit der Menschen hindurch: 'zur Sonne, die von dunklen Wolken verdeckt ist':

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.
Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.

Nicht der ohnmächtige Gott, sondern der mit-leidende Gott der Liebe, Stärke und Barmherzigkeit machte die Opfer stark, dem Grauen zu widerstehen. Unser gemeinsamer jüdischer und christlicher Glaube gilt einem Gott, dem die Zukunft gehören wird, der in Gerechtigkeit den Rechtlosen Recht verschafft und so an den Ohnmächtigen seine Macht beweisen wird, einem Gott der Lebenden und nicht der Toten (731f).

Trotz Auschwitz wird Gott Seine Verheißung erfüllen, Israel und die Welt zu erlösen. Ich verstehe nicht, wie das möglich ist, auch verstehe ich nicht, wie Gott es jemals an denen, die im Holocaust umkamen, wieder gutmachen kann (Kü 733).

                   

(5) Der Gott Jesu braucht kein Sühnopfer

J. Vollmer

Was ist das für eine Vergebung, die mir für meine Sündenschuld zuteil wird, wenn nur der Opfertod eines Sündlosen mich vor dem Zorn des vergebenden Gottes rettet, wenn Gott mir nur dadurch vergeben kann, dass er einen Sündlosen für mich zur Sünde macht?

Gott hat die Ermordung Jesu erlitten, nicht weil er sie als Subjekt des Sühnegeschehens, das Kaiphas und Pilatus und ihre Schergen und auch Judas zu unserem Heil auf den Plan rief, gewollt und verfügt hat, sondern weil die widergöttlichen Mächte seine bedingungslose und unbegrenzte Liebe in Jesus nicht ausgehalten haben und sie darum beseitigen wollten.

Der Tod Jesu offenbart zunächst das Nein der Welt gegen Gottes Liebe, offenbart die Gottfeindschaft der Welt, die den, der sich für Gottes grundlose und bedingungslose (auch ohne die Bedingung der Sühne wirksame!) Liebe verbürgt hat, nicht aushält und nicht erträgt.

Die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod besagt, dass Gott letztlich nicht souverän sondern in sich gespalten ist. Der liebende Gott, für den sich Jesus verbürgt hat, muss ein Opfer grausamster Gewalt fordern, damit seine Liebe zu uns Sündern wirksam werden kann. Gott ist ein unendlich liebender und barmherziger und zugleich – weil er gemäß dem Sühnedenken und seiner Heiligkeit auf der Strafe bestehen muss – ein unendlich grausamer und gewalttätiger Gott... (120).

Letztlich geht es bei der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod um die Frage, ob das der Sühnetheologie implizite Bild von der Heiligkeit Gottes dem Gottesbild Jesu entspricht. Der Tod Jesu kann nur in der Perspektive der Botschaft Jesu und seiner Bürgschaft für Gott gedeutet werden.

Die Deutung des Todes Jesu muss Jesu Botschaft und Verhalten entsprechen. Jesus hat nicht einen unnahbar heiligen Gott verkündigt, der in seinem Volk nur gegenwärtig sein kann, wenn immer wieder (Lev 16) bzw. ein für allemal (Hebr) Sühne geleistet wird. Jesus hat Gott als den unendlich liebenden und unendlich gütigen Vater verkündet, der auch seine Feinde liebt und uns zumutet, seiner Feindesliebe zu entsprechen (Mt 5,43-48). Jesus hat die Vergebung und Liebe Gottes grundlos und bedingungslos ohne jeden Vorgriff und ohne jeden Verweis auf seinen Tod als Sühnetod, lange vor seinem Foltertod und der Deutung dieses Todes als Sühnetod zugesprochen und in seinen Mahlgemeinschaften und Heilungen zugeeignet. Er hat Gottes Liebe im hic et nunc für den Sünder in Anspruch genommen und sein Lebensopfer nicht als konstitutive Voraussetzung göttlicher Zuwendung verstanden. Der Irdische kündet das Reich Gottes an und dokumentiert in seiner Gemeinschaft mit Sündern die Vergebung Gottes. Jesus erlöst durch sein Leben und Handeln und nicht durch seinen Tod. Vielmehr ist unter das Versöhnungswerk Jesu Christi auch schon die Tatsache zu rechnen, dass er während seines irdischen Wirkens Menschen Sündenvergebung zugesprochen und diese Vergebung durch Praktizierung von (Tisch-)Gemeinschaft auch gelebt hat. Dabei wäre es eine abwegige Vorstellung, anzunehmen, diese Vergebung sei, weil sie vor dem Kreuzestod Jesu Christi geschehen ist – noch nicht voll gültig. Die Unmittelbarkeit seiner kindlichen Gottesbeziehung und seines abgrundtiefen Gottvertrauens ist mit der unnahbaren Heiligkeit eines, um uns seine Liebe zu erweisen, Sühne gewährenden und, um uns vor seinem Zorn zu retten, Sühne fordernden Gottes unvereinbar. Dass Gott in seiner Heiligkeit nicht mit der Sünde koexistieren kann, das gilt für das kultisch-priesterliche Denken, dass er aber als der gütige Vater mit dem Sünder koexistiert, dafür hat sich Jesus gerade gegen das kultisch-priesterliche Denken verbürgt (120).

Opferkult und Sühnedenken sind auch innerhalb der Traditionen des Ersten Testaments keineswegs unumstritten. Gott will keine Opfer (Am 5,21-25; Hos 6,6). Der neue Bund wird nach Jer 31,31-34 nicht mit blutigen Opfern verbunden, der neue Geist und das neue Herz werden ohne Sühnopfer vermittelt (Ez 36,26-28; Joel 3) (120f).

Der väterliche und mütterliche Gott Jesu vergibt grundlos und bedingungslos, ohne Blut, ohne Sühne und ohne Gewalt.... Gottes Liebe vermag zwischen Sünder und Sünde zu unterscheiden, Gottes Zorn und Heiligkeit nicht. Gottes Liebe vermag grundlos zu vergeben, Gottes Heiligkeit gebraucht Gewalt und fordert ein Sühnopfer...

Die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod scheitert nicht zuletzt aber auch daran, dass erst durch das Widerfahrnis der Auferweckung Jesu die Heilsbedeutung seines Todes erschlossen wird: “Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann... seid ihr noch in euren Sünden“ (1 Kor 15,17). Hier tut sich eine weitere Aporie der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod auf, denn die Sühnewirkung seines Todes wird durch Jesu Auferweckung zunichte, weil der Auferweckte ja nicht stellvertretend für uns Sünder den ewigen Zorn Gottes im ewigen Gerichtstod auf sich nimmt.

Der Foltertod Jesu am Kreuz ist in der Perspektive von Jesu Bürgschaft für seinen Gott von Gott weder gewollt noch verfügt. Vielmehr hat Jesus bis in die letzte Konsequenz seines Kreuzestodes als ein Opfer der gottfeindlichen Mächte an Gottes Liebe festgehalten und sie so beglaubigt. Und Gott hat seinen Bürgen auferweckt und sich zu ihm bekannt. Als Bürge für Gottes Liebe ist Jesus für Gottes Liebe und also für uns gestorben. Sein Tod am Kreuz ist nicht die Ursache und Voraussetzung unserer Erlösung, sondern die Folge unserer Erlösung durch Gottes bedingungslose Liebe, die Jesus lange vor seinem Tod bezeugt und die in der Bezeugung durch ihn gerade zu seinem Tod geführt hat (Vo 121).

L.M.: Paulus ist Jude, er argumentiert mit Juden, für die das kultische Denken selbstverständlich ist. Das Problem für uns heute, die kulttypologische Deutung des Todes Jesu zu verstehen, liegt darin, dass wir den aktuellen Kultvollzug nicht mehr kennen. Die Sühnevorstellung, in der die Sündenschuld eine übertragbare 'dingliche' Angelegenheit ist, erscheint uns einer fremden Welt zuzugehören.