(6) „Beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle“ (Ps 130,7)

P. Fiedler (1991)

a. Die Heilsverkündigung Jesu
(1991): Der irdische Jesus hat bei der Verkündigung der Gottesherrschaft unter seinen Landsleuten einen gewaltsamen Tod als unabdingbare Heilsvoraussetzung weder ausdrücklich noch auch nur einschlussweise in Betracht gezogen. Die Erlösungsvorstellung, die im Vaterunser oder in der Gleichniserzählung vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) erkennbar ist, steht ganz auf biblisch-jüdischem Boden: Gott ist es, der dem Menschen bedingungslos die Versöhnung schenkt und ihn so zur Umkehr einlädt, die sich in der Treue gegenüber dem in der Tora geoffenbarten Willen Gottes kundtut, den Jesus vollmächtig auslegt (187).

In Israel behielt der Glaube an eine Güte, die alle Untaten verzeihen kann, eindeutig die Oberhand (Ez 18,23; Hos 11,8f). Im frühjüdischen Schrifttum findet sich trotz aller Gerichtsdrohungen die breite Überzeugung von Gottes bedingungsloser Güte und Heilszuwendung (187).

Jesus hat den Tempelkult ebensowenig wie die biblischen Propheten grundsätzlich in Frage gestellt. Jesus und seine Jünger haben neben den Festen des jüdischen Kalenders auch den Versöhnungstag gefeiert (189).

Abendmahl und Sühnetod
Zwischen dem bedingungslosen Heilsangebot Gottes, das Jesus in seiner Reich-Gottes-Verkündigung gepredigt und gelebt hatte und der an sein Sühnesterben gebundenen Erlösung besteht ein Widerspruch (190).

Ohne die historisch nicht plausibel zu machende Tempelreinigung konnte und musste Jesus aufgrund der biblisch bezeugten Beispiele Micha, Jeremia und Urija (Jes 26) und in Anbetracht der römischen Besatzung darüber Klarheit besitzen: Sein Wort einer prophetischen Warnung vor der drohenden Tempelzerstörung (Mk 13,2) war geeignet, sadduzäische und römische Reaktionen hervorzurufen, einschließlich seiner gewaltsamen Beseitigung (190f).

Mk 14,25 besagt: Das Reich Gottes kommt trotz des Scheiterns seines Boten und Jesus selbst wird nicht im Tode bleiben, sondern am eschatologischen Mahl teilnehmen. Jesus hält an der Gültigkeit seiner Botschaft, seiner Sendung durch Gott fest, und dies trotz des drohenden Todes (191).

Für Jesus wie für Paulus (Röm 11,28f) war die fortbestehende Erwählung Israels Grundvoraussetzung der Verkündigungstätigkeit. Und wie für Paulus der Tempel zu den unwiderruflichen Heilsgaben Gottes an sein Volk gehört (Röm 9,4), so auch für Jesus. Deshalb konnte das von ihm verkündete Versöhnungsangebot Gottes nicht in grundsätzliche Konkurrenz zum Tempel treten. Jesus und seine Jünger standen – wie die judenchristliche Urgemeinde – in eindeutig positiver Beziehung zum Tempelkult (192f).

Jesus konnte nicht an die Notwendigkeit einer Sühne für Gesamt-Israel denken. Auf die Annahme, Jesus habe seinen Tod als Sühnetod gedeutet, muss grundsätzlich verzichtet werden. Denn nur so lassen sich die beiden fundamentalen Einwände vermeiden, dass Jesus das in seiner bisherigen Reich-Gottes-Verkündigung eingeschlossene Heilsangebot Gottes für erledigt angesehen habe und dass Jesus sich mit seinem Ansatz auf die Vorstellung eines Gottes eingelassen habe, der zur Erreichung seiner Heilsabsichten den Tod eines Menschen, eben des Heilsmittlers, (ge)brauche. Hierdurch hätte sich Jesus außerhalb des Rahmens des biblisch-jüdischen Glaubens gestellt (193f).

Es bleibt keine andere Wahl, als Jesus im Festhalten an seiner Reich-Gottes-Botschaft und mit dem in Mk 14,25 ausgedrückten Gottvertrauen leben und sterben zu lassen (194).

Der Glaubensgehorsam Jesu
(1986): Jesus hat den Tod nicht gesucht. Damit er verhaftet werden konnte, musste ihn einer seiner engsten Vertrauten verraten. Die Gethsemane- und Kreuzesszenen der Evangelien sind keine historischen Berichte. Gott hat es Jesus nicht erspart, dass er eingegangen ist in die ganze Verlassenheit und Einsamkeit des Todes, dass er die Erfahrung der Sinnlosigkeit, die Nacht und in diesem Sinn die Hölle des Menschseins auf sich genommen hat (10).

Die Lehre von der Gottesanschauung Jesu muss so verstanden werden, dass sie die Leidenserfahrung Jesu, sein Ringen mit dem Willen des Vaters nicht verdrängt und verdeckt. Die durchhaltende Gottesgewissheit Jesu hat sich gerade in solchen menschlichen Erfahrungen immer wieder neu bewährt. Nur so ist Jesus „Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2).

Leid ertragen im Glauben
Wenn Jesus uns als leidender Gerechter, als Märtyrer vor Augen geführt wird, dann ist er in eine große biblische Tradition hineingestellt. Er befindet sich inmitten einer „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1). Ungezählte Juden vor und nach Jesus haben aus der Überzeugung, durch ihr Leiden den Namen Gottes zu heiligen, Kraft zum Ausharren, zum Festhalten an Gott geschöpft. In der Nachfolge Jesu haben unzählige Christen dieselbe Kraft erfahren (11).

b. Soteriologische Ansätze im Neuen Testament
(1991): Der Kreuzestod Jesu – ein gottgewolltes Geschehen für Jesus allein
Die vormkn Passionsüberlieferung basiert auf Motiven vom leidenden Gerechten (Ps 22 u.a.) bzw. vom Märtyrer, den Gott ‚ausliefert’. Daneben wird Jesu Leiden im Lichte des Prophetengeschicks gesehen als schriftgemäß, als göttliches ‚Muss’. Damit wird versucht, von Ostern aus den Anstoß des Karfreitags durch eine Sinngebung ausschließlich für Jesus selbst zu bewältigen (195).

Das Osterkerygma ist die Voraussetzung der Weiterverkündigung der Basileiabotschaft Jesu durch seine Anhänger. Die Auferweckung Jesu besagt, dass die Heilsmittlerschaft Jesu trotz seines Todes besteht und dass die darin enthaltene Anstößigkeit von Gott durch die Auferweckung beseitigt wurde. „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet“ (Röm 10,9). Das Heil hängt dieser Glaubensformel zufolge am Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn. Es schließt den Glauben daran ein, dass Gott die Einsetzung in die Herrschaft durch die Überwindung des Todes ermöglicht hat.

Sie berichten, „wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er (Gott) auferweckt hat von den Toten, Jesus, der vor dem zukünftigen Zorn rettet“ (1Thess 1,9f).

In der von Matthäus und Lukas aufgenommenen Redequelle ‚Q’ wurde Jesu Tod nicht als Sühnesterben verstanden. Die hinter Q stehenden Anhänger Jesu haben seine Botschaft aktualisiert und mit christologischen Akzentsetzungen unter ihren Landsleuten weiter verkündigt. Sie hielten an der Gültigkeit dieser Botschaft trotz des Kreuzestodes fest (195).

Die Tatsache, dass die Anhänger Jesu dessen Verkündigung nach Ostern fortsetzten und Israel erneut das Heil zusprachen, hat als hinreichende Voraussetzung das Osterkerygma, aber nicht den Glauben an die Sühnekraft des Sterbens Jesu (196).

Der Glaube an die Heilsbedeutung des Todes Jesu
Zur Beantwortung der Frage, wo und wodurch der Glaube an die Heilswirkung des Sterbens Jesu entstanden ist, kommt nur das hellenistische Judenchristentum in Betracht, das es zwar bis zur Steinigung des Stephanus in Jerusalem gab (Apg 8,1), das aber von der Gemeinde der einheimischen, aramäischsprechenden Jesusanhänger theologisch deutlich zu unterscheiden ist. Die Vorstellung vom sühnenden Sterben ist allein im hellenistischen Diasporajudentum vorhanden (2Makk 7,37f; 4Makk 6,27-29; 17,20-22). Dies wird bestätigt durch die Aufnahme des Motivs der stellvertretenden Sühne von Jes 53 ausschließlich in der LXX im Unterschied zum Targum, wo alle Leidensaussagen dieses Textes umgebogen sind und stattdessen von der Fürbitte des Messias gesprochen wird (196).

Bei den Bekenntnissen zur Heilswirksamkeit des Todes Jesu ist das Problem zu bedenken, ob darin nicht ein qualitativer Rückschritt gegenüber dem Gottesbild der Basileia-Verkündigung Jesu und damit gegenüber dem Gottesbild des Tenach enthalten ist. Die Deutung des Todes der jüdischen Märtyrer (der Makkabäerzeit) als sühnewirksam für andere geschah im Rückblick als nachträglicher Versuch einer Sinngebung der Geschehnisse aus dem Gottesglauben, die zunächst als schwere Anstöße für eben diesen Glauben wirken mussten. Das Aufkommen des Auferstehungsglaubens sucht auf solche Anstöße zu antworten (197).

Die staurologische Soteriologie hat Anselm von Canterbury in seiner ‚Satisfaktionslehre’ entfaltet. Duns Scotus hat an der Satisfaktionslehre Kritik geübt. Er hat die Lehre von der unbedingten Notwendigkeit des Sühnetodes Christi als nicht haltbar erwiesen... Gott brauchte weder eine blutige satisfactio noch eine satisfactio überhaupt zu fordern. Ohne Verletzung der göttlichen Gerechtigkeit hätte die Erlösung aus reiner freier Gnade einfachhin erfolgen können (198).

Anselm und alle, die sich seitdem ihr Gottesbild und ihren Glauben von der Satisfaktionslehre prägen ließen, entwerten die gesamtbiblischen Zeugnisse für Gottes Heilshandeln aus reiner Barmherzigkeit zugunsten der einseitigen Fixierung auf die staurologische Soteriologie. Die Ausgrenzung des biblisch-jüdischen Glaubens verfestigt die Tendenz, dass christliche Soteriologie zur Ideologie verkommt (Fie 199 Anm. 58).

                   

Anhang: Bei dem Gedanken stellvertretender Sühne handelt es sich um post eventa angestellte Reflexionen

P. Fiedler (1982)

Ist das Trinken des ‘Blutes’ für Juden zumutbar?

Esset das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist” (1Mose 9,4)! (3Mose 17,10-14; 5Mose 12,16.23-25;15,23; Wsh 12,5; Hes 39,17ff; Offb 17,6)

Das Meiden von Blut wurde selbst Heidenchristen auferlegt: Apg 15,20.29; 21,25.

Der Einwand mit dem jüdischen Horror vor Blutgenuß war so lange gültig, als es Judenchristen gab (200).

Bezugnahme auf Jes 53?

1 Ptr 2, 21-25 ausgenommen, geht es nirgends um den Gedanken der stellvertretenden Sühne, folglich ist auch eine Rückführung dieser Interpretation auf Jesus ausgeschlossen. Der Gedanke der stellvertretenden Sühne und der Rückgriff auf die Gottesknechtslieder haben erst relativ spät Einfluss auf ntl Texte bekommen (201).

War der Gedanke der stellvertretenden Sühne im aramäisch-sprechenden Judentum geläufig?

Die Vorstellung des stellvertretenden Sühnetodes (nur auf Israel bezogen) findet sich erst im hellenistischen Judentum in der Mitte des 1. Jh.s n. Chr. Von den theologischen Differenzen zwischen den beiden ‘Judentümern’, den ‘Hebräern’ und den ‘Hellenisten’, zeugt die Umdeutung von Jes 53 in der aramäischen Paraphrase, während die aus dem hellenistischen Judentum stammende LXX (Septuaginta) den Gedanken der stellvertretenden Sühne weitergegeben hat. Solche Differenzen sind auch noch in der Urkirche wirksam (Apg 6,1) (203).

Wir können davon ausgehen, dass die Sühnevorstellung z.Zt. Jesu und der Urkirche erst und nur im hellenistischen Judentum vorhanden war, wo sie zur Sinndeutung Jesu Kreuzestodes herangezogen werden konnte; dagegen war sie im aramäisch-sprechenden Judentum, d.h. im theologischen Umfeld des irdischen Jesus und seiner Jünger, nicht präsent (204).

Todesgewissheit Jesu?

Bei der Behauptung, Jesus habe sein Sterben als heilsnotwendig erachtet, läge es nahe, dass er sich den (jüdischen und römischen) Behörden gestellt hätte. Statt dessen wurde er von einem seiner engsten Vertrauten verraten. Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich Jesus am Ölberg aufhielt, um sich verborgen zu halten. Die zum Paschafest angereisten Pilgerscharen kamen nicht alle innerhalb der Stadtmauern unter, so dass man auch den Westhang des Ölbergs zum Stadtgebiet erklärt hatte. Hier war es relativ leicht, unterzutauchen (204).

Ist die Basileia-Botschaft Jesu mit der Erwartung des heilsmittlerischen Sterbens vereinbar?

Jesu Basileia-Botschaft lässt sich mit einer Erwartung eines heilsmittlerischen Todes nicht vereinbaren. Jesus hat vielmehr bis zuletzt an der von ihm verkündigten Heilsbotschaft festgehalten. Die Interpretamente in den Abendmahlsüberlieferungen -”(Neuer) Bund”, stellvertretende Sühne - setzen die Ostererfahrung voraus (205).

Die Erwartung, das Heil werde ‘durch Jesu Tod’ (als Mittel) geschenkt werden, hätte einen massiven Rückschritt hinter das der Hebräischen Bibel vertraute Wissen um das souveräne heilschaffende Handeln Gottes bedeutet, dessen Vergebung auf keinen Tod, auch nicht auf den des ‘Re-Präsentanten’ seiner Basileia, angewiesen ist. Solange der Gott Jesu kein anderer ist als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, hat man für das Verständnis, das Jesus (und seine Jünger) dem ihm drohenden Tod entgegenbringen konnte(n), die Tatsache zu würdigen, dass diesem Gott die (Selbst-) Preisgabe menschlichen Lebens in den Tod unzumutbar ist. Hier heiligt kein noch so edler Zweck das Mittel. (In der sog. ‘Opferung Isaaks’ hat Gott den Tod des Kindes gerade verhindert).

Die Tatsache, dass das NT soteriologische Entwürfe bewahrt, die nicht auf Jesu Heilstod abheben, unterstreicht die über den Karfreitag hinaus bestehenden Vorbehalte gegen ein heilsmittlerisches Todesverständnis. Den Grund für derartige Vorbehalte bietet letztlich das biblische Gottesbild (211).

Der Lösungsvorschlag, der die Differenz zwischen Jesu Basileia-Botschaft und jeder Deutung seines Todes als Heilsereignis ernst nimmt, geht allein von Mk 14,25 aus. Nur so kann die Verschiedenheit soteriologischer Konzeptionen im NT als legitim angesehen werden, darunter eben auch solche, die Jesu Tod keine (eigene) Heilsbedeutung zusprechen, wie Phil 2,6-11, die Logienquelle oder Lk/Apg (213).

Als historischen Kern bewahrt Mk 14,25 Jesu persönliche feste Zuversicht, an der kommenden Gottesherrschaft teilzunehmen, wie immer sein weiterer Lebensweg verlaufen werde - und sei es in die Dunkelheit des Todes hinein. So hat Jesus an Gott festgehalten (214f).

Bei dem Gedanken stellvertretender Sühne handelt es sich um post eventa angestellte Reflexionen, in denen es darum ging, für Ereignisse eine Sinngebung von Gott her zu finden, die gerade gläubigen Israeliten zu schaffen machen mußten. In eben dieser Situation standen die Jünger Jesu, die nach Ostern seine Passion verkündeten. Die Erfahrung des Auferweckten, der somit trotz seines schrecklichen Todes von Gott endgültig bestätigt worden war, gab ihnen die Möglichkeit und das Recht, nach Gottes Absichten gerade mit diesem Tod zu fragen. So bildete man einerseits Bekenntnisformeln zum Tode Jesu “für uns (ere Sünden)”, andererseits ließ man Jesus selbst den Heilssinn seines Sterbens (in unterschiedlichen Ausformungen) aussprechen; dafür bot das letzte Beisammensein mit seinen Jüngern den besten Anlass (Fi 215)