8.2 Paulus und die römische Christengemeinde

Paulus in römischer Gefangenschaft (Apg 28,16ff)

Petrus in Rom (ca. 59-67)

Nach H. Lietzmann ist Petrus von Korinth nach Rom weitergereist und hat sich z.Zt., des Röm in Rom aufgehalten: 'Petrus ist ihm [Paulus] zuvorgekommen und bringt seine größere Autorität zur Geltung' (290).

Petrus, der Fels der Kirche, hat längere Zeit mit apostolischer Autorität in Rom gewirkt. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er bereits dort war, als Paulus im Frühjahr 62 in Rom eintraf (Meyer 500).

Dort [in Rom] hatten die Brüder von uns gehört und kamen uns entgegen bis Forum Appii und Tres-Tabernae. Als Paulus sie sah, dankte er Gott und gewann Zuversicht“ (Apg 28,15). Paulus musste Mut fassen (!), weil er ’wusste’, dass Petrus in Rom war und er deshalb dort nichts würde ausrichten können ebenso wie in Antiochien, nachdem Petrus ihn dort verdrängt hatte. Als ihm vor Rom ein paar Brüder entgegenkamen, fasste er Zuversicht.

Zwischen Petrus und Paulus konnte es keine Versöhnung geben, weil es um theologische Differenzen geht und Paulus zu keinen theologischen Kompromissen bereit war, wie sein zweimaliges Anathema Gal 1,8f zeigt.

(1) Paulus Beziehung zur röm. Gemeinde anhand des Röm

E. Meyer

Das Christentum ist in den 40iger Jahren nach Rom gebracht worden in der Form des Judenchristentums durch Missionare, die von der Mutterkirche ausgingen und im Sinne des Petrus und Jakobus wirkten. Dass die römische Christengemeinde auf dem Standpunkt des Petrus und Jakobus stand, ergab sich aus dem natürlichen Verlauf der Entwicklung und wird durch den Röm bestätigt. Der ganze Brief ist eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem AT und eine Rechtfertigung der Lehre des Paulus und seiner Tätigkeit als Heidenmissionar. Die Adressaten, an die er sich in erster Linie wendet, sind „Kenner des Gesetzes“ (7,1). Die Mitglieder aus den Heiden werden nur in 11,13ff kurz angesprochen. Auf das nachdrücklichste betont Paulus, wie sehr ihm die Juden am Herzen liegen, wie er sein Leben für ihre Bekehrung hingeben möchte. Er sucht das Rätsel ihrer Verstockung zu erklären, wo sie doch die Verheißung empfangen haben und dadurch den Vorrang vor allen anderen Völkern besitzen. Dreimal braucht er die Wendung, dass die Erlösung allen Menschen gilt, „dem Juden zuerst und auch dem Griechen“ (1,16; 2,9f) (464f).

Alle Briefe des Paulus sind von einer ganz bestimmten Tendenz beherrscht. Niemals lässt er die Adressaten, an die sie gerichtet sind, und die psychologische Wirkung seiner Worte aus den Augen. Der Röm ist ein diplomatisches Meisterstück ersten Ranges (465f).

Paulus hat seit langem den Wunsch, nach Rom zu kommen (1,13ff; 15,22ff), natürlich nicht zu vorübergehendem Besuch, sondern um sein Werk durch die Gewinnung des Zentrums des Weltreichs zu krönen. Er stellt sich vor als durch Christi Gnade zum Apostelamt berufen „unter allen Heiden für seinen Namen, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus“ (1,5f). Natürlich folgt aus dieser Stelle und aus 1,13: „damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden“. Darauf hat Paulus, als berufener Heidenapostel, auch Anrecht, da auch Rom zum heidnischen Gebiet gehört. Paulus weiß, dass in Rom ein ungünstiges Bild von ihm und seiner Lehre herrscht und sein Kommen daher nicht gern gesehen wird. Überdies ist die Gemeinde von einem andern gegründet, und er darf durch Übergriffe in eine fremde Wirkungssphäre die Empfindlichkeit nicht reizen. Damit ist zugleich gesagt, dass die Gemeinde judenchristlich ist. Er erklärt, er sei bisher immer wieder durch andere, näherliegende Aufgaben verhindert worden (1,12; 15,22). Jetzt aber, nachdem er, wie er mit kolossaler Übertreibung behauptet „von Jerusalem aus ringsumher bis nach Illyrien das Evangelium von Christus voll ausgerichtet hat“ (15,19), so dass ihm „in diesen Gebieten kein Raum mehr bleibt“ (15,23), muss er sich einen neuen Wirkungskreis suchen. „Ich sehne mich danach, euch zu sehen. Damit ich euch etwas von der pneumatischen Gnadengabe abgeben kann, um euch zu kräftigen, oder vielmehr“ – als gewandter Diplomat sagt er zwar in salbungsvoller Fassung, was er eigentlich meint, nämlich dass er die Römer auf seinen höheren Standpunkt heben will, korrigiert sich aber sofort, als sei ihm der Ausdruck nur unabsichtlich entfahren – „um unter euch Teil zu haben an dem Trost, den euer und mein Glaube gegenseitig gewährt“ (1,11f). Aber er will nicht da predigen, wo Christus schon genannt ist (15,20), um nicht mit seinem Bau auf die Grundlage eines Andern überzugreifen, sondern neue Gebiete aufsuchen und daher nach Spanien (15,24.28) gehen. Da muss er unterwegs Rom berühren und sich von der Gemeinde geleiten lassen. Dieser spanische Plan wird durchweg für ernst genommen, als ob Paulus, wenn er erst einmal in Rom war, nicht dafür gesorgt haben würde, dass er dort festen Fuß fasste und gebeten würde zu bleiben. Nebenbei hoffte er auch, von dort aus das Evangelium in den Westen zu tragen. Vorher aber muss er nach Jerusalem gehen, um den dortigen Heiligen die in Mazedonien und Achaja eingesammelte Kollekte zu überbringen, den schuldigen Dank der Heiden an die, die ihnen Teil an den geistigen Gaben gewährt haben. Paulus ersucht die römische Gemeinde um ihre Fürbitte für die ihm in Jerusalem durch die ungläubigen Juden drohenden Gefahren und außerdem „für eine gute Aufnahme seiner Dienstleistung bei den Heiligen“ (15,30f). Diese Mitteilung kann ihre Wirkung nicht verfehlen und zeigt den Römern zugleich, dass Paulus autoritative Stellung auch in Jerusalem anerkannt ist (466f).

Paulus hat diese Ausführungen geschickt auf den Eingang und den Schluss des Briefes verteilt. Seinen Plan teilt er erst am Schluss mit, nachdem er sich den Boden geebnet hat. Vorausgeschickt ist beide Male eine Captatio benevolentiae: der Glaube der Römer wird in der ganzen Welt verkündet, Paulus betet ununterbrochen für sie, sie sind „voll guter Gesinnung, erfüllt von aller Erkenntnis, und daher imstande, sich selbst zurechtzuweisen. Dennoch habe ich euch teilweise ziemlich kühn geschrieben, um euch zu erinnern kraft der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, damit ich als ein Diener Christi Jesu unter den Heiden das Evangelium Gottes priesterlich ausrichte, damit die Heiden ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den heiligen Geist“ (15,14-16) (468).

Die Hauptaufgabe des Briefs ist es, die Vorurteile der Römer gegen Paulus zu zerstreuen, die Berechtigung seiner Heidenmission und seines Evangeliums (2,16) von der Erlösung allein durch den Glauben zu erweisen, und sie so zugleich mit seiner Stellung zum Gesetz und zum Judentum auszusöhnen (469).

Eingehend bespricht Paulus die Hauptkontroverse zwischen Judenchristen und Heidenchristen, den Genuss von Opferfleisch (14,1 - 15,3), in demselben Sinne wie in 1Kor 15,1: „Wir, die Starken müssen die Schwächen der nicht so Starken tragen und nicht uns zu Gefallen leben“. Wir müssen auf die Skrupel der anderen Rücksicht nehmen. Alles ist erlaubt, aber die Liebe muss hinzukommen. Paulus präzisiert seine Stellung zu beiden Gruppen: „Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden [d.h. als Jude geboren] um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen an die Väter als sicher zu erweisen. Die Heiden aber sollen Gott preisen um seines Erbarmens willen“ (15,8f), wie die Propheten verkündet haben (476).

Die Dringlichkeit der Fürbitte für Paulus (Röm 15,30ff)

E. Käsemann

Die Verse 15,30ff enthalten eine dringliche Mahnung zur Fürbitte, die mit schwersten Befürchtungen begründet wird. Offensichtlich rechnet Paulus, wie die Apg es rechtfertigt, mit ernsten Verwicklungen in Jerusalem und schließt Gefahr für sein Leben nicht aus. Paulus zweifelt, dass die Judenchristen in Jerusalem seine Kollekte dankbar entgegennehmen werden. Sein Zweifel erklärt sich nur dann, wenn die Konflikte mit der Muttergemeinde seit dem Zwischenfall in Antiochien weitergegangen sind und die Grenze des Abbruchs der gegenseitigen Beziehungen erreicht haben. Ist die Auflage des Apostelkonzils für die Judenchristen Jerusalems trotz ihrer Armut unerwünscht, so scheinen die getroffenen Vereinbarungen gegenstandslos geworden zu sein und Paulus als Partner nicht anerkannt zu werden. Wenn Paulus in dieser Situation an der Abmachung festhält, wird die Kollekte von ihm nicht als Liebesgabe für die Armen, sondern als Demonstration kirchlicher Einheit gewertet. Paulus befürchtet, dass sein Verhalten als Provokation erscheint und sogar das Judentum erbittert. Die Ausführungen in 25ff haben den entscheidenden Aspekt der Sammlung verschleiert, dass die Autorität des Apostels, der Bestand seiner Mission und vielleicht sogar sein Leben auf dem Spiel steht. Dass Paulus in solcher Lage nach Bundesgenossen oder wenigstens Vermittlern zwischen ihm und der Urgemeinde sucht und seine Botschaft den Römern derart ausführlich darlegt, ist begreiflich (391f). Erst wenn die in Jerusalem drohenden Gefahren hinter ihm liegen, kann Paulus „erleichterten Herzens“ nach Rom kommen (15,32) (391-393).

Exkurs: Röm 16,1-20

W. Schmithals

Röm 16,1-20 ist ein Empfehlungsschreiben für Phöbe nach Ephesus. Gegen die römische Adresse spricht, dass Paulus so viele Bekannte in Rom gehabt haben soll. Er nennt 26 einzelne Personen, die mit ihren Familien und den fünf genannten Hausgemeinden einen beträchtlichen und einflussreichen Kreis in der römischen Gemeinde gebildet haben müssten. Anscheinend handelt es sich bei allen namentlich Genannten um persönliche Bekannte des Paulus. Die von Paulus im Osten gegründeten Gemeinden bestanden aus relativ wenigen Personen und Hausgemeinden, so dass die genannte Schar, wenn man sie in Rom voraussetzt, einen nicht unbeträchtlichen Aderlass der pln Gemeinden im Osten bedeutet hätte. Vor allem aber wäre unverständlich, warum Paulus bei einem so großen persönlichen Rückhalt unter den römischen Christen mit jener Vorsicht und Zurückhaltung sein Recht auf Predigt in der Hauptstadt des Reiches begründet, wie er es in 1,8-15 tut. Durch nichts verrät Paulus, dass in Rom ein starker Freundeskreis auf ihn wartet und er längst in der Hauptstadt als Apostel viel Frucht hat (1,13). Einzelne der namentlich Genannten gehören mit Sicherheit nach Ephesus. Prisca und Aquila (3ff) wohnten dort seit dem Ende der zweiten Missionsreise des Paulus (Apg 18,18.24ff). Paulus bestellt später aus Ephesus Grüße von ihnen an die Gemeinde in Korinth (1Kor 16,19), der die Eheleute früher angehört hatten (Apg 18,2f). Auch 2Tim 4,19 setzt Prisca und Aquila in Ephesus voraus. Beider Aufenthalt in Ephesus ist nahezu sicher. Epainetos (5), den Erstbekehrten Asiens, sucht man eher in Ephesus als in Rom. Woher weiß Paulus, dass Maria viel für die Römer getan hat? Nach Ephesus gerichtet, ist diese Angabe aus V 6 zwanglos verständlich. Andronikus und Junia (7) sind als ehemalige Mitgefangene des Paulus in Ephesus, wo Paulus im Gefängnis gesessen hat, ohne Schwierigkeit zu finden. Auch Urbanus (9), Mitarbeiter des Paulus und des Rufus Mutter, seine Fürsorgerin (13), sind als solche Helfer des Paulus für den Osten sicher nachzuweisen, aber Fremdlinge in Rom (546f).

In 2Tim 4,19 wird Timotheus aufgefordert, Aquila und Prisca sowie das Haus des Onesiphorus zu grüßen. Auffällig ist, dass ausgerechnet das Haus des Onesiphorus in 16,3-5 nicht genannt wird. Daraus ist zu schließen, dass Röm 16,1-20 an das Haus des Onesiphorus adressiert war. Diesem Haus und seiner Fürsorge wurde Phöbe empfohlen. Paulus benutzt die Gelegenheit, die ephesische Gemeinde in ihren einzelnen ihm bekannten Gliedern zu grüßen (549).

In einem Brief nach Rom wäre eine derart lobende Herausstellung seiner Vertrauten ein gefährliches Unterfangen, weil Paulus gerade die ihm fremden Gemeindeglieder gewinnen will. Die lobenden Bemerkungen sind darauf angelegt, die innige Verbundenheit des Paulus mit den gegrüßten Brüdern und Schwestern in Ephesus auszudrücken, die Bande zu festigen und in den Gegrüßten die Freude darüber zu wecken, dass Paulus ihrer so herzlich gedenkt. Die Prädikate sollen die so Gerühmten zu neuem Eifer und zu weiterer Bewährung anspornen (549f).

Dazu dürfte ein konkreter Anlass vorgelegen haben. In 16,17-20 warnt Paulus in scharfer, knapper Form vor falschen Lehrern, die in die christlichen Gemeinden eindringen. Paulus teilt den Lesern nichts Neues mit, sondern erinnert sie an Bekanntes und fordert erneut zu rechtem Verhalten gegenüber der Irrlehre auf (550f).

Paulus hatte am Ende seiner sog. zweiten Missionsreise (Apg 18,18ff) vor allem aber auf seiner dritten (Apg 19,1-40) in Ephesus und Umgebung gewirkt. Während seines zweiten Aufenthaltes in der Provinz Asien wurden seine Gemeinden um die Ägais von den Irrlehrern heimgesucht, die er in seinen Briefen nach Galatien, Philippi, Thessalonich und Korinth bekämpft. In den Vv17-20 geht es um die selben Irrlehrer. Diese Lehrer und ihre Ansichten waren den Christen in Ephesus bekannt, so dass für sie die knappen Hinweise (17-20) genügten. Auch in seiner Abschiedsrede in Milet hatte Paulus vor diesen Irrlehrern gewarnt (Apg 20,17ff). Wie begründet seine Sorgen um seine Gemeinden in der Asia waren, ergibt sich aus 2Tim 1,15: In der Provinz Asien war es zum großen Abfall gekommen (551f).

Die Grußempfänger bilden die Gesamtheit der Paulus bekannten Christen in Ephesus. 24 Personen werden namentlich als Christen genannt. Dazu kommen die Mutter des Rufus und die Schwester des Nereus. Auch das Haus des Onesiphorus war zweifellos ein Zentrum der Gemeinde. Die namentlich genannten Personen vervielfachen sich also und Paulus dürfte in seiner Grußliste auf mindestens 100 Christen in Ephesus blicken. Paulus will alle Christen in Ephesus angesichts der sich ausbreitenden Irrlehre erneut an sich und an sein Evangelium binden. Mit den Grüßen des Paulus und seinen lobenden Worten herzlicher Verbundenheit gibt ’Onesiphorus’ auch die Ermahnungen des Paulus weiter, die also jeder einzelne persönlich empfängt. Ort und Zeit der Abfassung dürfte Paulus letzter Korinthaufenthalt Apg 20,3 sein (552f).

Ein unhistorischer Bericht (Apg 28,16ff)

E. Haenchen

Der Röm beweist, dass in Rom eine angesehene christliche Gemeinde bestand. Die Ausführlichkeit, mit der Paulus im Röm sich mit dem Judenproblem auseinandersetzt, verrät sein Bestreben, Entgegenstellungen seiner Lehre und Haltung zu verhindern bzw. zu korrigieren. Nach Lukas scheinen die römischen Juden nicht nur von Paulus, sondern von der ganzen christlichen ’Häresie’ bisher nichts gehört zu haben, sondern nur zu wissen, dass sie überall auf Widerspruch stößt. Darum wollen sie jetzt von Paulus Auskunft haben (650f).

Die unhistorische Voraussetzung, dass die römischen Juden das Christentum nur vom Hörensagen kennen, trägt auch die zweite Szene und erschüttert sie zugleich. Paulus spricht einen ganzen Tag vom Reich Gottes und dem Jesusgeschehen und bringt den Schriftbeweis dafür. Lukas lässt Paulus in Rom missionierend vor den Juden auftreten. Paulus ist in Rom kein freier Mann mehr. Er kann nicht die Synagoge aufsuchen und dort predigen. Deshalb muss er die Juden in sein Quartier kommen lassen. Damit wird die „eigene Wohnung“ (30), die „Unterkunft“ (23), das „Für-sich“-Wohnen (16) als lkn Komposition durchsichtig (651f).

Lukas hat ein paar römische Christen beim Kommen des Paulus nach Rom kurz berücksichtigt. Sie eilen ihm bis Tres Tabernae und Forum Appii entgegen und geben ihm mit ihrem Anblick Mut. Als er den römischen Aufenthalt des Paulus schildert, kann er sie nicht mehr gebrauchen. Das Schweigen über die römische Gemeinde ist der Preis, den er dafür zahlen muss, dass er Paulus in Rom als Missionar wirken ließ (653).

Damit, dass Lukas die Missionserfahrung des Paulus sich in Rom wiederholen lässt, stimmt der Schluss des ganzen Buches mit der vorangegangenen Darstellung der pln Mission innerlich überein. Das Recht zur Heidenmission wird im sich Versagen der Juden begründet (653).

Die Gefangenschaft zwingt Paulus nicht zur Passivität, sondern muss dazu dienen, seine Aktivität im hellsten Licht zu zeigen. Lukas hatte zu Beginn seines Buches den Missionsbefehl des erhöhten Herrn berichtet: „Ihr werdet meine Zeugen sein... bis ans Ende der Erde“ (1,8). Dann aber kann dieses Buch nicht damit schließen, dass der große Mitarbeiter der zwölf Apostel, der dem ganzen Osten das Evangelium gebracht hat, zur Untätigkeit verurteilt nach Rom kommt und dass dort eine bereits bestehende Gemeinde ihn um den krönenden Abschluss seines Werkes bringt (654).

(2) Paulus Beziehung zur röm. Gemeinde anhand des 2Tim

Die historische Einordnung des 2Tim in die Zeit Apg 28,16ff

J. van Bruggen

Ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Hinscheidens ist gekommen. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten. Hinfort liegt für mich die Krone der Gerechtigkeit bereit...“ (4,6-8). Paulus Zeit als rundreisender Missionar ist zu Ende. Er wartet nun auf die Preisverleihung, im Unterschied zu Timotheus, der noch weiter arbeiten muss und als Evangelist seinen Dienst zu erfüllen hat (4,5). Paulus weiß, dass sein Lebensende vor der Tür steht, die zurückliegende Arbeitsperiode sieht er als abgeschlossen an (51):

Das weißt du, dass sich von mir abgewandt haben alle, die in der Provinz Asien sind, unter ihnen Phygelus und Hermogenes. Der Herr gebe Barmherzigkeit dem Hause des Onesiphorus, denn er hat mich oft erquickt und hat sich meiner Ketten nicht geschämt, sondern als er in Rom war, suchte er mich eifrig und fand mich... Welche Dienste er in Ephesus geleistet hat, weißt du am besten“ (1,15-18). Dass alle in Asien sich von Paulus, dem Gefangenen, abgewandt haben, knüpft an das an, was beim Abschied den Ältesten in Ephesus vorausgesagt worden war: „Ich weiß, dass nach meinem Weggang grimmige Wölfe zu euch eindringen werden, die die Herde nicht schonen werden. Aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden und die Jünger hinter sich herziehen“ (Apg 20,29f). Das Abgleiten scheint bereits eingetroffen und Timotheus bekannt zu sein (53).

In 4,9 drängt Paulus Timotheus, schnellstens zu kommen. Er konkretisiert diese Bitte in 4,21: „Beeile dich, um vor dem Winter zu kommen“. Eine Begründung für den Druck, den Paulus auf Timotheus ausübt, erfolgt in 4,10f: „Denn Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien“. Paulus blieb allein zurück: „Nur Lukas ist noch bei mir“. Timotheus soll Markus abholen und mitnehmen, „denn er ist mir nützlich zum Dienst“ (11). „Tychikus habe ich [mit 2Tim?] nach Ephesus gesandt“ (4,12) (53f).

Paulus wollte am Ende seiner dritten Missionsreise von Korinth nach Jerusalem und anschließend nach Rom fahren. Doch es gab eine Verschwörung der Juden gegen ihn, die ihn zwang, über Mazedonien und Troas zu reisen. Den Abschnitt Troas-Assus legte er gehend zurück (Apg 20,13f). Es ist möglich, dass er damals einen Teils seines Gepäcks bei Carpus zurückgelassen hatte (55).

Erastus ist in Korinth geblieben, Trophimus habe ich krank in Milet gelassen“ (4,20). Diese Bemerkungen sind mit den Grüßen für Aquila und Prisca verbunden: Sie kennen aus Korinth den Erastus gut, und von ihrem Ephesusaufenthalt her ist ihnen Trophimus bekannt (Röm 16,23; Apg 20,4). Beide Personen fehlen nun Paulus. Das unterstreicht für Timotheus aufs neue die Wichtigkeit seines schnellen Kommens. Das Verb, das Paulus in Bezug auf Trophimus gebraucht, kann verlassen, verlieren, fehlen’ bedeuten: „Trophimus verlor ich wegen Krankheit in Milet“. Paulus verliert die Verbindung mit einem Mitarbeiter, weil er wegen Krankheit nicht mit ihm rechnen kann (56f).

In 4,16-18 spricht Paulus über eine „erste Verteidigung“, in der ihm niemand beigestanden hat: „Bei meinem ersten Verhör stand mir niemand bei, sondern sie verliessen mich alle... Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, damit durch mich die Botschaft ausgebreitet würde und alle Heiden sie hörten. So wurde ich erlöst aus dem Rachen des Löwen. Der Herr aber wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich...“.

Wenn der 2Tim aus Rom (Apg 28,16ff) geschrieben worden ist, gewinnt das Argument an Kraft, dass Paulus zu jener Zeit keine Pläne mehr gehabt hat, aus Rom aufs neue in das Gebiet zurückzukehren, in dem er seine Arbeit bereits abgeschlossen hatte (60).

Paulus Schweigen über die römische Gemeinde

A. Schlatter

Paulus weiß, dass er nicht mehr frei kommt: "Ich habe den Lauf vollendet" (4.7)! für sein Leben hofft er nicht mehr. Daraus entsteht die Weisung an Timotheus „Komm rasch“! Es folgen Nachrichten über die Begleiter des Paulus, dagegen keine über die Zustände in der römische Gemeinde, obwohl vier römische Christen (4,21) in seiner Nähe sind. Es sind ausschließlich Nachrichten über die, die als seine Mitarbeiter mit ihm nach Rom gefahren sind. Timotheus erhält Bericht, wie es zur Vereinsamung des Paulus kam. Demas (Phlm 24; Kol 4,14) hat Paulus verlassen, um nach Thessalonich zu gehen (10). Bei Paulus harrten nur die aus, die imstande waren, mit dem Evangelium zu leiden, weil sie mit Christus gestorben waren. Kreszens ging nach Galatien, das geschah mit Paulus Zustimmung. Ebenso wird es sich mit der Reise des Titus nach Dalmatien verhalten. Von seinen Begleitern ist nur noch Lukas bei ihm (Phlm 24; Kol 4,14; Apg 27) (265f).

Paulus hatte Markus den Eingang in die Gemeinde in Kolossä dadurch gesichert, dass er sie anweist: „Nehmt ihn auf“ (Kol 4,10). Wahrscheinlich war Markus der Überbringer des Kol. In der Anweisung an Timotheus setzt Paulus voraus, Markus werde seinem Ruf, den Timotheus ihm melden wird, Folge leisten: „Er ist mir für den Dienst brauchbar“ (16). Dienst ist der Name für das apostolische Werk. Die Selbständigkeit des Markus kam daher, dass er zuerst mit Petrus, Barnabas und der Gemeinde Jerusalems und erst an zweite Stelle mit Paulus verbunden war (266).

Tychikus war Epheser, Begleiter des Paulus auf der Fahrt nach Jerusalem und von Rom aus sein Bote an die Gemeinden der Asia. Wahrscheinlich hat er den 2Tim zu Timotheus nach Ephesus gebracht. Tychikus sollte in Ephesus bleiben (267).

Paulus hält es für wahrscheinlich, dass Timotheus einem gewissen Alexander begegnen werde, deshalb warnt er ihn vor ihm. Nach dem, was dieser Paulus tat, hat er von ihm Schlimmstes zu erwarten: „Viel Böses erwies er mir“. Gegen ihn ruft Paulus den gerechten Richter an (4,14) (268).

Ein erstes Verhör hat bereits stattgefunden. Das meldet Paulus Timotheus deshalb, weil dabei offenbar wurde, wie sich die römische Gemeinde zu Paulus stellte. Die Verhandlung gab ihnen die Gelegenheit, sich zu Paulus zu bekennen. Das taten sie nicht, sondern trennten ihre Sache von der des Paulus. Paulus sah darin, dass niemand bei der Verhandlung erschien, einen Bruch der Treue. Das würde die Römer mit einer Schuld beladen, wenn der Herr ihr Verhalten ihnen anrechnete. Die Römer betonten auf diese Weise, dass Paulus nicht ihr Führer sei. Das über die Christen der Asia Gesagte (1,15) stellt sich als Parallele neben das über die Römer berichtete (268).

Im zweiten Jh. sah die römische Kirche darin, dass die beiden großen Apostel (Petrus und Paulus) in Rom hingerichtet und begraben wurden, einen Ruhm, der ihr eine besondere Würde gab. Dazu steht der Brief in einem starken Gegensatz. Hier heftet sich an das Verhalten der Römer eine schmerzliche Erinnerung (268, A4).

Nur die römische Gemeinde verließ ihn, nicht auch der Herr. Er war bei Paulus, als dieser vor seinen Richtern stand: „Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, damit durch mich die Botschaft ausgebreitet würde und alle Heiden sie hörten, so wurde ich erlöst aus dem Rachen des Löwen. Der Herr aber wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich“ (4,17f) (269).

Die Wunde, die Paulus durch das Verhalten der Römer erhielt, brennt noch. Auch die großen Worte über die Kraft, die ihm in jener Stunde gegeben worden sei, machen sichtbar, wie schwer Paulus durch seine Vereinsamung litt, denn er spricht mit ihnen aus, wie er diesen Schmerz überwand. Gerettet verließ Paulus den Gerichtssaal. Er wird auch in Zukunft gerettet werden, „vor jedem boshaften Werk“. Der Herr wird ihn dadurch vor dem, was die Bosheit seiner Verkläger ihm antun möchte, retten, dass er ihm das ewige Leben gewährt. Die Retttung wird Paulus dadurch zuteil, dass er in das himmlische Reich des Christus hinübergebracht wird. Die Erwartung, dass Christus Paulus zu sich in den Himmel hole, sprach er auch 2Kor 5,1 und Phil 1,23 aus.

Paulus lässt neben Prisca und Aquila auch das Haus des Onesiphorus grüßen, in dankbarer Erinnerung an das, was Onesiphorus für ihn getan hatte (2Tim 1,16) (270).

Paul’s Last Stand

L.T. Johnson (2001)

From the standpoint of Pauline authenticity, it can readily be acknowledged that a great transition is taking place – especially if it is granted that Paul saw himself as facing imminent death! Timothy belongs to Paul’s own generation! It is a matter of Paul’s beloved disciple continuing in the path he had already been following during Paul’s lifetime. Paul is concerned about the courage of his delegate (1,5-7). He feels abandoned and desolate as he suffers as a prisoner. So true to life is this depiction that the most plausible explanation is that, in fact, it comes from real life (450).

As Paul writes 2Tim all the perceptions of Philippians have dramatically shifted. His first defence was not successful (4,16). Far from emboldening his co-workers, his imprisonment now seems to make them flee and abandon him out of shame or cowardice (1,15; 4,16). Despite having some friends with him, Paul feels abandoned – it is as though Luke is the only one there with him who really counts (4,11). And instead of being worried about some fellow workers jockeying for position out of envy and rivality (Phil 1,15; 4,1f), in 2Tim Paul faces opposition from without (4,14) and from within (2,17f; 3,6-9). Worst of all, rather than being able to express utter confidence in his delegate Timothy, as he does in Pilippians (2,19-22), he is reduced in this letter to summoning Timothy’s courage to continue in the ministry and even visit his teacher in prison (4,1-5.9.21). Paul’s sense of finality and resignation is unmistakable. He does not see a return to his active work. The Lord will save him from every evil and for his kingdom (4,18), but Paul expresses no hope in a rescue from his captivity. He is sure that the word of God cannot be chained (2,9), and he continues even in his chains to proclaim the word fully so that all the Gentiles might hear it (4,17). But he no longer thinks that he will be free from chains in this life (450f).

In 2Tim, the evidence supports the case for authenticity more than it does for pseudonymity. The words we read here come from the very one who so suffered and so witnessed. They are a precious testimony to Christian readers in every age (451).