Anhang b: Frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu
(1) Gott wirkt als Heil durch Jesus
(2) Der Kreuzigungsbericht Mk 15,20b-41

J. Becker: Die älteste Auslegung von 'Ostern' besagt, dass der Gott, der Jesus auferweckte, sich durch sein auferweckendes Handeln mit dem Gottesbild identifizierte, für das Jesus von Nazareth eingetreten war. Die Kontinuität zwischen Jesus und der nachösterlichen Gemeinde besteht darin, dass die Jünger sich legitimiert wussten, Jesu Gott weiterzuverkündigen, weil dieser Gott selbst durch Jesu Auferweckung anzeigte, wie es um die Legitimität von Jesu Gottesbild bestellt war. 'Ostern' besagt: die Gotteserfahrung mit dem Gott Jesu ist für die Jünger nach dem Kreuz nicht zu Ende. Sie hat weiterhin Gültigkeit. 'Ostern' gehört zunächst in die Theologie (106).

Die älteste Osterdeutung versteht sich als Gottes Ja zu dem am Kreuz hingerichteten Jesus. Jesus verstand sich als Prophet, der das Verlorene und dem Gerichtstod Verfallene durch Gottes gütige neue Herrschaft zu neuem Leben berief. Die Jünger interpretierten 'Ostern' als Akt des den tödlich gescheiterten Jesus zu neuem Leben erweckenden Gott. Nur der Gott Jesu, d.h. der Gott, den Jesus verkündigte, und der Gott der Jesus auferweckte, kann Verlorenes retten (Be 124).

Neben Paulus christologischer Soteriologie wird nach Ostern die theologische Soteriologie der Basileiaverkündigung Jesu weitergeführt.

H. Kessler (1972): Die Worte Jesu am Kreuz (Mk, Mt, Lk, Joh) drücken jeweils verschiedene nachösterliche Auffassungen frühchristlicher Gemeinden aus bzw. sind von der Theologie der Evangelisten bestimmt (Anm. 13).

Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnopfer, nicht als Genugtuung, nicht als Loskauf verstanden, und es lag auch nicht in seiner Absicht, durch seinen Tod die Menschen zu erlösen. Die Erlösung der Menschen hing nach seiner Meinung davon ab, ob sie sich auf seinen Gott und auf die Art für andere zu leben einließen, mit der er ihnen begegnete. Heil und Erlösung hängen für Jesus nicht erst von seinem zukünftigen Tod ab (25).

Die Anhänger Jesu haben seine Hinrichtung am Kreuz nicht als erlösendes Ereignis betrachtet. Sein Tod erschien ihnen als eine Katastrophe. Sie gerieten in eine tiefe Krise und Hoffnungslosigkeit. Erschüttert und enttäuscht flohen sie aus Jerusalem (Lk 24,21; Mk 14;50). Um den Tod Jesu nicht als das völlige Ende Jesu und seiner Sache ansehen zu müssen, bedurften sie einer neuen und besonderen Erfahrung (25f).

Alle frühchristlichen Gruppen gehen von der Überzeugung aus, dass Gott den wie einen Verbrecher Hingerichteten nicht verlassen und verstoßen und nicht bei den Toten gelassen hat. Sie gehen von der Überzeugung aus, dass Gott diesen Jesus ins Recht gesetzt und als Gerechten anerkannt hat (Ke 26).

(1) Gott wirkt als Heil durch Jesus

H. Kessler (1970)

a. Frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu

Die Logienquelle, eine Spruchsammlung (Q)

Die aramäisch-sprechenden Christen der ersten Jahrzehnte nach Jesu Tod hatten den Tod Jesu nicht zum Gegenstand ihrer Überlegungen gemacht. In Q fehlt jede Spur von einer Passionsgeschichte, auch ein ausdrückliches Passionskerygma ist noch nicht vorausgesetzt.

Diese frühe aramäisch-sprechende Christenheit Palästinas bleibt im jüdischen Kultverband, sie bleibt beim Tempel und bei der Tora. Ihr Anliegen ist die Erweckung Israels. Entsprechend der atl Tradition der Völkerwallfahrt (Jes 2,2-5) erwartet sie das Herbeikommen der Heiden als Gottes eigene endzeitliche Fügung (Mt 8,10f par).

Für Q ist der Wortlaut des mosaischen Gesetzes bis hin zu ‘Jota und Häkchen’ (Mt 5,18) unbedingt verbindlich. Q ordnet die Kultgesetzlichkeit dem Gebot der Nächstenliebe unter (Lk 11,39.42; Lk 14,5), darum konnte sie sich der ‘verlorenen Schafe des Hauses Israel’ (Mt 10,5f) annehmen (236f).

Theologisches Hauptmotiv der Logienquelle ist Jesu Ansage vom Kommen der Herrschaft Gottes (Lk 11,20; Mt 13,31ff) und vom Eingehen in sie (Mt 8,11f). Die hinter Q stehende Gruppe konnte so vorgehen, weil ihr Jesus als der kommende Menschensohn offenbart wurde und weil sie dieses Kommen angespannt erwartete. Dieser Glaube an den Kommenden wird in das irdische Leben Jesu zurückgeblendet; der Dagewesene wird von seiner Zukunft her beleuchtet.

Die Anhänger Jesu sind wie Jesus selbst Boten der Endzeit. Sie bekennen sich zu ihm, wissen sich von ihm gesandt (Lk 10,16) und erfahren um seinetwillen Abweisung und Verfolgung, einst aber himmlischen Lohn (Lk 6,22; 12,28). Auch Jesus war einem unbußfertigen, halsstarrigen Geschlecht begegnet (Mt 11,20ff), das ihn ‘Schlemmer und Zecher, Freund der Zöllner und Sünder’ (Mt 11,19) gelästert hatte (237f).

Jesu Tod war Prophetenschicksal, ihm widerfuhr was allen Boten Gottes von Seiten Israels widerfährt (Lk 11,49ff; 13,34f). Da die traditionelle Aussage am Täter, nicht aber am Betroffenen orientiert ist, liegt darin keine direkte Sinndeutung des Geschicks im Blick auf Jesus. Sein Todesgeschick ist Ausdruck der Abweisung durch Israel und damit der Unbußfertigkeit Israels. Der Dagewesene wird identifiziert mit dem kommenden Menschensohn. Der Abgelehnte kommt wieder und zwar zum Gericht! Seine Ablehnung bedeutet daher Unheil im kommenden Endgericht (Lk 12,8) (238f).

Fragmente anderer Traditionskreise

Noch für das spätere Judenchristentum ist der Tod Jesu nicht Heilsereignis, sondern Frevel der Juden gewesen. Bekenntnisformulierungen die von Jesu Tod sprachen, entstanden wahrscheinlich erst unter griechisch-sprechenden Judenchristen. Aber selbst sie brauchten Jesu Tod nicht theologisch zu qualifizieren, wie die traditionellen Formeln in 1Thess 4,14 und Röm 8,34 zeigen.

Wenn wir glauben dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen“ (1Thess 4,14). „Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt“ (Röm 8,34).

Die von Lk gestalteten Petrusreden der Apg verwenden ein kerygmatisches Motiv, das die schuldhafte Tat der Juden und die Auferweckungstat Gottes gegenüberstellt (Ihr habt ihn getötet - Gott aber hat ihn auferweckt: 2,23f.36; 3,13ff; 4,10; 5,30; 10,39f), um so den Gekreuzigten als durch Gott bestätigt zu erweisen und den Umkehrruf an die Juden zu motivieren. Hier geht es um den Aufweis der Schuld der Menschen an diesem Tod (239f).

Auch im Horizont hellenistischer Frömmigkeit und einer ihr entsprechenden präsentischen Eschatologie braucht dem Tod Jesu nicht notwendig Heilsbedeutung zuzukommen, wie einige hymnische Fragmente hellenistischer Gemeinden zeigen. In ihnen wird der Kreuzestod Jesu bisweilen gar nicht erwähnt 1Tim 3,16: Universales Epiphaniegeschehen mit kosmischem Sieg und Erhöhung Christi; Kol 1,15-20: Unterwerfung des Alls durch die Schöpfungsmittlerschaft Christi, Versöhnung des Alls durch seine Auferstehung; die Erwähnung des Kreuzes in V.20 “indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz” ist pln Zusatz. Der Kreuzestod kann auch lediglich als Stufe auf dem nach dem Schema Inkarnation-Inthronisation gestalteten Weg des Erlösers Phil 2,6-11 erscheinen: Erst durch das pln Interpretament in V.8: “bis zum Tode am Kreuz” bekommt der Tod konstitutive Bedeutung (240).

Ergebnis

Die Anhänger Jesu, die hinter Q stehen, haben den Tod Jesu nicht eigens reflektiert. Jesu Tod wird höchstens nach der Vorstellungstradition vom gewaltsamen Prophetenschicksal als das gewohnte Geschick der Gottesboten betrachtet, das durch irdische Akteure verursacht ist, die darin ihre Unbußfertigkeit, ihren Unglauben, ihre Schuld bekunden:

Die Juden haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind“ (1Thess 1,15). Ähnliches gilt von den traditionellen Formeln in den Reden der Apg. Die Q-Gruppe lebte in unmittelbarer Erwartung Jesu als des kommenden Menschensohns, und dabei wurde ihr Jesu Tod offenbar nicht zum besonderen Problem.

Sie berichten … wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet“ (1Thes 1,9f).

Ich werde vom Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes“. (Mk 14,25). Hier blickt man bei der Mahlfeier auf das baldige himmlische Freudenmahl, nicht jedoch auf Leiden und Tod Jesu, wie das die späteren Deuteworte tun. Auch die genannten Hymnenfragmente hellenistischer Judenchristen sprechen dem Tode Jesu keine eigene Bedeutung zu (241).

b. Theologische und eschatologische Deutung des Todes Jesu

Die vormarkinische Kreuzigungstradition

Die griechisch-sprechenden, der hellenistischen Diaspora entstammenden Judenchristen, die Anhänger des gekreuzigten Jesus von Nazareth geworden waren (Apg 6,1), wurden vermutlich von den ‘Sieben’, einem Kreis um Stephanus, maßgeblich bestimmt (Apg 6,3.5; 21,8). Diesem Kreis gehörte vielleicht auch Simon von Kyrene an, der Augenzeuge der Kreuzigung Jesu ist (Mk 15,21). Auf ihn geht der älteste uns erhaltene Bericht von der Kreuzigung Jesu zurück (241f).

Die älteste Schicht des Kreuzigungsberichtes (Mk 15,20b-22a.24.27)

Diesen Bericht gab man in der Form weiter, dass man ihn unter Verwendung atl Worte erzählte. Mk15,24 erinnert an den Psalm eines unschuldig leidenden Frommen (Ps 22,19 LXX). Das dürfte eine Art Vorstufe von Schriftbeweis darstellen. Hinter ihr verbirgt sich ein theologisch-apologetisches Interesse: Jesus ist nicht als Verbrecher, sondern gemäß dem im AT bezeugten göttlichen Willen unschuldig als Gerechter gekreuzigt worden. Er ist nicht einfach in eine Katastrophe geraten, vielmehr hat sich in seinem Tod Gottes Wille vollzogen. Schon die älteste Kunde von der Kreuzigung Jesu dürfte demnach nicht historischer Bericht über den Gang der Ereignisse, sondern Verkündigung des Glaubens gewesen sein (242).

Ein Messias am Kreuz war für jeden Juden ein fast unüberwindlicher Anstoß. Es bedeutete für die frühe Christenheit eine Überlebensfrage, diesem Anstoß standzuhalten, stand doch dabei die Legitimation Jesu durch Gott auf dem Spiel. Am Leitfaden des AT versuchte sie deshalb, dem im Erfahrungshorizont spätjüdischer Geschichte nicht vorgesehenen Schandtod ihres Messias ein Verständnis abzugewinnen: In Jesu Tod hat sich Gottes eigener Wille erfüllt. Dies ist die einfachste und wohl auch älteste Form, sich mit dem paradoxen Schicksal des Messias auszusöhnen (243).

An sich wies die Schrift keineswegs auf einen leidenden oder gar gekreuzigten Messias hin. Jes 53 wurde weder im Judentum noch im frühen Christentum so verstanden. Herkömmliche Schriftbegründung genügte folglich nicht mehr. Es war erforderlich, das unerhörte Geschehen des Kreuzes Christi im Lichte der ganzen Schrift zu deuten, d.h. das Zeugnis des AT aufs neue zu erheben, indem man es vom Kreuz Christi her las und auf das Kreuz Christi hin betrachtete. Dieses neue Verständnis der Schrift kommt etwa in der Formel ‘nach der Schrift’ (1Kor 15,3f) zum Ausdruck. Mit ihr will man sich nicht nur auf die eine oder andere Schriftstelle beziehen, vielmehr nimmt man die Schrift im ganzen für den gekreuzigten Messias in Anspruch. Diese Art Schriftbeweis war zunächst ein im Osterglauben wurzelndes Postulat. Man hatte im gekreuzigten Jesus von Nazareth den Messias erkannt. Seinen Kreuzestod lernte man als Gottes Ratschluss verstehen, und diesen Willen Gottes vernahm man dann auch aus der mit neuen Augen gelesenen Schrift. Auf diese Weise bekräftigte man, dass in diesem Jesus Gott, und zwar der Gott des AT, gehandelt hat (243).

Im ältesten Kreuzigungsbericht geschieht Verkündigung: Sie geschieht als Geschichtserzählung mit den Worten des AT. Sie geschieht jedoch nicht im Schema Weissagung-Erfüllung; die atl Belegstellen gelten nicht als Weissagung und die Passion nicht als ihre Erfüllung. Ein derartiger Gebrauch der Schrift entwickelt sich erst in späteren Stadien der Tradition (Mt 27,9f). Der älteste Kreuzigungsbericht zeichnet den Leidensweg und Kreuzestod in atl Wendungen als schriftgemäßen und darum nicht widersinnigen, sondern gottgewollten Weg (244).

Eine zweite spätere Schicht des Kreuzigungsberichtes (Mk 15,25f.29a.32cf.34a.37f)

Nun fließen vor allem jüd.-apokalyptische Vorstellungen ein. Das apokalyptische Abrollen der Stunden (Mk 15,25.33.34a) bringt zum Ausdruck, dass diese Passion endzeitliches Geschehen, von Gott gewollt und geplant ist und dass es darum mit Unaufhaltsamkeit abrollt. Die Gottlosen kreuzigen (Mk 15,25 in der dritten Stunde) und schmähen (Mk 15,29a.32c) den Messiaskönig (Mk 15,26), aber dadurch entlarven sie sich als verblendete Sünder, über denen in der sechsten Stunde weltweite Gerichtsfinsternis aufzieht (Mk 15,33). In der neunten Stunde, stößt der Gekreuzigte einen apokalyptischen Schrei aus und stirbt (Mk 15,34a:37). Mit diesem wortlosen Todesschrei Jesu beginnt nicht die große Nacht, sondern hört die Finsternis auf (Mk 15,33; vgl Apg 8,33a), der Vorhang des Tempels zerreißt (Mk 15,38). Das apokalyptische Gericht über die Welt schließt die Vernichtung des Tempels ein: Hinter einem zerrissenen Tempelvorhang wohnt Gott nicht mehr. Die auf den Tempel hin orientierte Torafrömmigkeit der Juden erscheint damit als unwiderruflich durch den Gekreuzigten erledigt (244f).

Judenchristen, die noch im Bann jüdischer Frömmigkeit standen, erwarteten das Gericht über die Gottlosen wie die Rettung der Jesusanhänger von der Zukunft des Menschensohns. Hier aber wurde beides als längst geschehen ausgegeben. Mit Jesu Kreuzestod hat etwas Neues begonnen. Die Finsternis ist beendet, der neue Tempel ist ein Bethaus für alle Völker (Mk 11,17). Man wandte apokalyptische Vorstellungen nicht auf das Kommende an, sondern auf ein bereits vergangenes Ereignis, auf den Tod Jesu. Damit war die Apokalyptik umgedeutet (245).

Griechisch-sprechende Judenchristen standen der Tora, insbesondere dem Kultgesetz und dem Tempel, von Anfang an mit größerer Freiheit gegenüber als ihre judaisierenden Glaubensgenossen. Vielleicht sah man in dem Kreis um Stephanus die Verheißungen von Joel (2,28-32) bereits eingetreten: den Tag Jahwes, die Verfinsterung der Sonne (Mk 15,33), die Ausgießung des Geistes (Apg 2,16ff), die Rettung durch die Anrufung des Namens Jesus (Apg 4,12; 9,14.21; 22,16; 1Kor 1,2) und auch jene apokalyptischen Verheißungen (äth Hen 90,28f) nach welchen der irdische Tempel zerstört und durch einen neuen, vollkommenen Tempel ersetzt werden soll (Mk 14,58; 15,29: Apg 6,14; 7,48ff). Dann brauchte man die Rettung nicht mehr von der Befolgung der Tora und auch nicht erst vom Kommen des Menschensohns zu erwarten. Konsequenterweise wandte man sich nach der Ermordung des Stephanus (Apg 7,54ff) und nach der Flucht des Kreises (Apg 8,1; 11,19) auch der Heidenmission zu (Apg 8,4; 11,19ff), ohne von den Heiden zu verlangen, dass sie rituell Juden werden müssten (245f).

Die Leidensvorhersagen

In der ältesten vormarkinischen Schicht des Passionsberichtes findet sich nirgendwo der Titel Menschensohn. Q kennt zwar Sprüche vom kommenden Menschensohn und solche von seinem Erdenwirken, nicht jedoch Sprüche von seinem Leiden. Solche Worte vom leidenden Menschensohn begegnen in der späteren vormarkinischen Tradition. Dort wurde die Menschensohn- und die Passionsüberlieferung verbunden (248).

Worte vom leidenden Menschensohn treten in zwei verschiedenen Typen auf: Der eine Typ begegnet in Mk 9,31b: “Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten”. Dieser Text reflektiert eine der ältesten Deutungen der Passion, die Vorstellung vom Leiden des Gerechten. Der Gegensatz Gerechter-Sünder kehrt in der Gegenüberstellung Menschensohn-Menschen (als gottfeindliches Geschlecht) wieder. Der Ausliefernde ist Gott selbst. Er gibt Jesus der sündigen Menschheit preis (248f).

Der Tod Jesu war Gottes eigene Tat. In atl und spätjüdischen Aussagen vom Leiden des Gerechten wird auch schon auf dessen Rettung, Auferstehung und Lohn vorausgeschaut. So verwundert es kaum, dass die Leidensvoraussage Mk 9,31b nachträglich um eine Auferstehungsaussage erweitert wurde (Mk 9,31c) (249).

Der zweite jüngere Typ nimmt auf die Schrift Bezug. Er begegnet in der Leidens- und Auferstehungsvorhersage Mk 8,31: “Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen”. Hier erscheint die jüdische Obrigkeit als Akteur der Passion, das wird zur Anklage gegen sie. Der Hinweis auf den verborgenen Willen Gottes der sich im Leiden des Menschensohns vollzieht, wird nun deutlicher artikuliert durch das Motiv der Schrifterfüllung: ‘es steht geschrieben’ und durch die apokalyptische Formel ‘es ist nötig’/‘muß’, mit deren Hilfe eine gottgesetzte Gesetzmäßigkeit ausgesprochen werden soll: der Tod Jesu ist nicht sinnlos, sondern nach dem Willen Gottes geschehen (250).

Paradoxerweise unterliegt der Menschensohn, dessen Erscheinen in Macht erwartet wird, ohnmächtig der Feindschaft des Bösen. Die Gottlosigkeit triumphiert über ihn. Das wiederum ist paradoxerweise von Gott so verfügt, der auch dieses Geschehen in der Hand behält und zu seinem endzeitlichen Handeln macht. In der zweiten Schicht des Kreuzigungsberichtes war mit dem Tod Jesu das Gericht über die Gottlosigkeit und über das jüdische Kultgesetz ausgesprochen (251).

Mk konnte Leidensvorhersagen und Passionstradition für seine Konzeption verwenden, nach welcher Jesus im Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung verborgenerweise der erhöhte Gottessohn ist, aber zugleich immer der gekreuzigte Jesus von Nazareth (Mk 16,6) bleibt und nach welcher Jesus in seinem Kreuzestod den neuen, nicht mit Händen gemachten Tempel, seine Geimeinde, erbaut. Mk erwartet Gericht und Heil nicht mehr von der zukünftigen Parusie des Menschensohns, sie sind für ihn im Kreuzestod schon Ereignis geworden und durch die Gegenwart des Erhöhten immer wieder neu aktuell. Das Heil steht seit Jesu Tod allen Glaubenden offen (251).

Ergebnis

  • Die Leidens- und Auferstehungsvorhersagen sind nachösterliche vaticinia ex eventu. In ihnen spricht die nachösterliche Christenheit eine Deutung der Passion von Ostern her aus.

  • In der alten Kreuzigungstradition sucht die frühe Christenheit dem Leiden und Sterben Jesu dadurch ein erstes Verständnis abzugewinnen, dass sie es unter den Willen Gottes stellt. Jesu Sterben geschah, ganz wie es in der Schrift (besonders in den Leidenspsalmen) offenbart ist bzw. wie es apokalyptischer Gesetzmäßigkeit entspricht. Jesu schändlicher Tod beruht in Gottes Ratschluss.

  • In der zweiten, apokalyptisch gefärbten Schicht des Kreuzigungsberichtes wird das Leiden und Sterben Jesu außerdem eschatologisch qualifiziert. Es ist Gerichtsgeschehen. Gericht über die Gottlosigkeit und über das jüdische Kultgesetz als vermeintlicher Heilsweg. Das endzeitliche Gericht wird vorverlagert. Der von den Menschen gerichtete Menschensohn zeigt sich paradox und verborgen als ihr Richter.

  • Für die zweite Schicht des Kreuzigungsberichtes fängt mit Jesu Tod etwas Neues an. Die Finsternis ist vorbei, Gott steht allen Menschen offen. Gott wirkt das Heil nicht exklusiv im Tod Jesu, sondern Gott wirkt das Heil durch Jesus. Für diesen Traditionskreis steht Jesu Leiden und Sterben nicht im Zentrum des Bekenntnisses. Mk, der diese Tradition aufgriff, hat dann das gesamte Wirken Jesu im Licht des Kreuzestodes gezeichnet und auf diesen hingeordnet (252).

(2) Der Kreuzigungsbericht Mk 15,20b-41

J. Schreiber

a. Historischen Fakten und unhistorische Aussagen

Die erste Kreuzigungstradition

20b) Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.
21) Und sie zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.
22a) Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha.
24a) Und sie kreuzigten ihn.
24b) Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen sollte.
27) Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

Die beiden letzten Verse (24b;27) von der Kleiderverteilung und von der Kreuzigung zweier Verbrecher mit Jesus können als atl Schriftbeweis eingefügt sein (223f): “Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand” (Ps 22,19). “Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten” (Jes 53,12).

Die übrigen Verse sind ein alter Geschichtsbericht. Dieses Urteil ist durch die Nennung des Simon von Kyrene (V 21) begründet. Die Notiz, er, der Vater des Alexander und Rufus, habe, von den Römern dazu gezwungen, Jesus das Kreuz tragen müssen, ist neben der anderen, ebenso kurzen Nachricht vom fliehenden Jüngling (Mk 14,51f) einmalig im Mk-Ev. Die beiden Hinweise werden älter als Mk sein und es besteht kein Hinderungsgrund, Simon von Kyrene als einen Augenzeugen der Hinrichtung Jesu auf Golgatha zu bezeichnen (221).

Der knappe Bericht lautet: Und sie führten ihn hinaus dass sie ihn kreuzigten. Und sie zwangen einen Vorübergehenden, Simon von Kyrene, der vom Felde kam, den Vater des Alexander und Rufus, dass er ihm das Kreuz trage. Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha und sie kreuzigten ihn (224).

Diese Verse teilen gewiss historische Tatbestände mit. Dennoch sind sie nicht mit modern-historischer Absicht erzählt worden. Sie verdanken ihr Vorhandensein im Mk-Ev einem rein persönlichen Interesse, das der Personenkreis, in dem die alte Tradition entstand, an den Söhnen des Simon, Alexander und Rufus, nahm. Diese beiden Söhne, wie auch ihr Vater, waren damals in der Gemeinde bekannt und man nannte sie, weil ihr Vater dem Herrn das Kreuz hatte tragen müssen. Sowohl Mt als auch Lk streichen die Namen der Söhne des Simon. Das persönliche Interesse ist jetzt offensichtlich erloschen. Statt dessen tritt bei Lk das dogmatische Moment stark hervor. Nach Lk 23,26 ist Simon von Kyrene der erste Mensch, der Jesus das Kreuz nachträgt. Aus diesem Grunde wird sein Name genannt (225f).

Im Urchristentum mit Bezug auf den Tod Jesu kann von einem eigentlichen historischen Interesse nicht die Rede sein. Keinerlei Einzelheiten werden von der Kreuzigung berichtet. Wir lesen nichts von einer Aufhängung oder Pfählung, Nägeln oder Stricken, nichts von der Qual der Fliegen, der Atemnot, dem brennenden Durst des Gekreuzigten, nichts von der Art seines Todes. Nicht einmal der Moment des Todes Jesu wird in dieser ältesten Kreuzigungstradition erzählt. Bei dem historischen Desinteresse der Urgemeinde war eine Notiz vom Moment des Todes Jesu solange entbehrlich, als dieser Moment selber noch keine Heilsbedeutung hatte. Für die allererste Gemeinde genügte die von Ostern her mögliche und sich im alten Bericht klar aussprechende Erkenntnis (Mk 15,24.27), dass die Kreuzigung Jesu sich gemäß der Schrift, also gemäß Gottes Willen vollzogen habe, also auch keine Schande sei, sondern eine Station zum Heil des Ostermorgens (227f).

Die zweite Kreuzigungstradition

25) Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.
26) Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: König der Juden.
29a) Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe.
32c) Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.
33) Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
34a) Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut.
37) Und Jesus schrie laut und verschied.
38) Und der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben bis unten aus.

Vv 25.33.34a Die Zeitangaben in diesen Vv (3./6./9. Stunde) sind nicht historisch gemeint, sondern apokalyptisch. Der Text gibt keinerlei Möglichkeit den genauen historischen Zeitpunkt der Kreuzigung Jesu zu bestimmen. (In Joh 19,14 stirbt Jesus als Passalamm, ein Mk 15 fernliegender Gedanke) (229f).

V 29a Der Spott der Vorübergehenden. Die Formulierung ist so eindeutig von Psalmstellen her bestimmt, dass man nur das theologische Anliegen des Erzählers sicher erkennen kann. “Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf” (Ps 22,8). “Ich bin ihnen zum Spott geworden; wenn sie mich sehen, schütteln sie den Kopf” (Ps 109,25). “Alle, die vorübergehen, klatschen in die Hände, pfeifen und schütteln den Kopf ...” (Klgl 2,15).

V 32c Der Spott der Mitgekreuzigten. Auch hier darf man einen Weissagungsbeweis sehen. Unwahrscheinlich ist, dass zwei Gekreuzigte den dritten in ihrer Mitte verspotten sollen. Die Historizität des Berichteten ist unwahrscheinlich (230f). "Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen" (Ps 69,10).
Jes 53,12: s. 1. V 27.

V 33 Die dreistündige Sonnenfinsternis lässt sich historisch nicht verifizieren.

V 38 Das Zerreißen des Tempelvorhangs darf nicht historisch verstanden werden. (L.M.: Die jüdische Überlieferung weiß von diesem Zerreißen des Tempelvorhangs vor dem Allerheiligsten nichts. Der Tempelbetrieb war voll im Gange bis zur Tempelzerstörung im Jahr 70 durch Titus. Auch das Joh-Ev weiß nichts von einem Zerreißen des Tempelvorhangs. Wie soll man sich etwas derart Mysteriöses in einem absolut unversehrten Tempelgebäude vorstellen? Nicht irgendein Vorhang sondern der vor dem Allerheiligsten soll in zwei Teile gerissen sein - "von oben bist unten aus"! Mit diesem Bild soll 70 n. Chr. die christliche Botschaft vermittelt werden, dass Gott jetzt direkt in Jesus erreichbar ist. Ein allerheiligster Bezirk wird nicht mehr benötigt.)

Was auch immer beim Tode Jesu passiert sein mag, die in den Vv 33.38 mitgeteilten Nachrichten berichten keine historischen Fakten (234).

V 37 Jesu lauter Schrei. Wir wissen von der Atemnot, dem totalen Erschöpfungszustand Gekreuzigter, der erst oft nach tagelangem Leiden zum Tode der so Gequälten führte. Die Nachricht, Jesus sei nach nur sechs Stunden mit einem lauten Schrei gestorben, ist historisch gesehen absolut unwahrscheinlich. Bleibt die Möglichkeit, dass Jesus ganz zu Anfang seiner Leiden, kaum dass er gekreuzigt war, vielleicht einmal laut gerufen hat. Dennoch ist der Vers im Zusammenhang der alten Tradition eine ganz und gar unhistorische Nachricht (234f).

V 26 "König der Juden". Dieser Vers auf dem Hintergrund der übrigen Verse der alten Tradition mußte im Lichte des Glaubens zu einer ungeheuren Ironie werden. Die Römer bescheinigen es sich selbst und den Juden, dass sie einen König umgebracht haben, nein, umbringen wollen und dass sie den Gekreuzigten als König der Juden verspotten können, aber nur, um damit den König und Richter der Welt, schon in seiner Erniedrigung als den zu kennzeichnen, der er ab Mk 15,37 in Herrlichkeit sein wird. Dieses theologische Verständnis kann gegen die Historizität seiner Berichterstattung ins Feld geführt werden. Auch ist es nicht leicht vorstellbar, dass ein römischer Beamter so unklug und unnötig die Juden durch den in Vers 26 beschriebenen Titulus gereizt hat, insofern als er einen Gekreuzigten als ihren König bezeichnete.

Dieser Vers dürfte eine historische Tatsache wiedergeben, insofern er besagt, dass eine Aufschrift am Kreuz angebracht war. Der Inhalt der Aufschrift ist dagegen nicht eindeutig als historische zu verifizieren (235f).

Die Interpretamente des Evangelisten Markus

22b) das heißt übersetzt: Schädelstätte.
23) Und sie gaben ihm Myrrhe und Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht an.
29b) Und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen,
30) hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!
31) Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat anderen geholfen und kann sich selber nicht helfen.
32 a,b) Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben.
34b) Eli, Eli, lama asabtani? das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
35) Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten sprachen: Siehe er ruft den Elia.
36) Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst sehen, ob Elia kommt und ihn abnehme!
39) Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber und sah, dass er so verschied, sprach: “Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen”.
40) Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus’ des Kleinen und des Joses und Salome,
41) die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.

V 34b "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen". Dieser Vers ist schon allein wegen des zu V37 Bemerkten kaum als historisch anzusehen. Atemnot bedeutet Aufhören des Sprachvermögens. Die Möglichkeit, dass Jesus wie andere Märtyrer zuletzt in Zitaten sprach, ist also schon deshalb sehr unwahrscheinlich. Bei der erhobenen theologischen Aussage des Verses fallen alle Versuche, die Worte Jesu als historisch zu erweisen, als gegenstandslos dahin.

V 35.36 Tränkung Jesu bei seiner Kreuzigung. Ihr historischer Vorgang lässt sich nicht rekonstruieren. Diese Vv sind für den Historiker nur eindeutig, was ihren theologischen Inhalt und ihre Einfügung durch den Evangelisten angeht (238).

Vv29b - 30a "Hilf dir selber und steig herab vom Kreuz". Das Spottwort während der Kreuzigung ist nicht als historisch zu erweisen.

Vv 31-32b Der Spott der Hohenpriester. Dieser Spott im Munde so hoher Würdenträger am heiligen 15. Nisan ist ganz unwahrscheinlich. Der Evangelist fand die Verspottungssituation vor und baute sie in seinem Sinne aus.

V 39 Das Bekenntnis des Hauptmanns: Der hier berichtete Vorgang ist auf jeden Fall unhistorisch, weil er auf den historisch nicht zu verifizierenden Schrei V 37, bezogen ist. (Da niemand von den Seinen zugegen war, um in Jesu Todesstunde sich glaubend zu ihm zu bekennen, hat die Gemeinde dieses Bekenntnis durch den römischen Hauptmann sprechen lassen).

Vv 40f Diese Vv mögen historische Nachrichten wiedergeben, insofern sie besagen, dass auch Frauen zum Gefolge Jesu gehörten. Streng historische Urteile in Bezug auf die Identifizierung der Namen sind unmöglich, da die Namen bei Mt 27,56, andere sind (239).

Ergebnis und Folgerungen

Die Vv 25a.33.34a.37.38.39 sind als absolut unhistorische Nachrichten anzusehen, wobei besonders an den Vv 33.38 deutlich wird, dass der ganze Kreuzigungsbericht nicht historisch orientierte Nachricht, sondern Zeugnis des Glaubens ist. Dieses Zeugnis des Glaubens an den gekreuzigten und erhöhten Herrn schließt historische Fakten keineswegs aus, sondern vielmehr ein. Aber es ist als Glaubenszeugnis in seiner Wahrheit nicht an der objektiven Wirklichkeit historischer Einzelfakten orientiert, sondern drückt mit Hilfe ihrer und anderen Mitteln den Willen Gottes aus, so wie er von Ostern her der urchristlichen Gemeinde im Kreuzestode Jesu offenbar wurde. Dieser Wille Gottes ist die Wahrheit, die es zu erkennen gilt, und die Wirklichkeit der Erzählung ist ebenfalls von diesem göttlichen Willen her zu bestimmen. Es ist ein Fehler, die Wahrheit mit der historischen Wirklichkeit, und zwar mit dem historischen Einzelfaktum, zu verwechseln. Auch ein Gedanke kann wahr sein, ohne je historisch konstatierbares Geschehen hervorzurufen. Unser ‘geschichtlicher’ Text erweist die Unmöglichkeit einer Rekonstruktion des historischen Jesusbildes. Die Erzählung von der Kreuzigung will bezeugen, dass der Mensch Jesus zugleich der Sohn Gottes ist (Mk 15,39), also ein Wesen, das alle historischen Dimensionen und die Zufälligkeit der historischen Einzelereignisse übersteigt. Die ermittelten historischen Fakten in Mk 15,20b-41 sind nur dann recht zu verstehen, wenn man aus ihrem mythischen ‘Rahmen’ heraus begreift, dass von daher begründet und nicht wahllos geschehen ist, was, historisch feststellbar, auch wirklich geschehen ist (240f).

b. Die Relevanz der unhistorischen Aussagen

Der Wille Gottes

Die eigentliche theologische Aussage der ältesten Kreuzigungstradition besteht darin, dass der am Kreuz Gestorbene so nach Gottes Willen sterben mußte. Der historische Jesus verstand sich als der die Entscheidung fordernde eschatologische Gesandte, der das nahende Reich Gottes verkündet, und zwar so, dass in der Entscheidung für oder gegen seine Verkündigung auch schon die Entscheidung für oder gegen das Reich Gottes fällt, für oder gegen das Heil des sich Entscheidenden. In dieser Weise macht Jesus den Willen Gottes kund.

Die alte Kreuzigungstradition steht mit der Verkündigung Jesu im Einklang, insofern sie den Gekreuzigten als den Gehorsamen schildert, der nach Gottes Willen so leiden muss und leiden will. Er ist als derjenige beschrieben, der sein Heil ganz und gar in Gottes unerforschlichem Willen sucht, und sei dieses Heil auch das Kreuz und der Tod. Da der gehorsame Gesandte Gottes den göttlichen Willen in dieser Weise sozusagen selber nun repräsentiert, wird schon in der ältesten Überlieferung das katastrophale Ereignis der Kreuzigung Jesu als Paradoxie verstanden, auf die hin die atl Offenbarungsgeschichte ausgerichtet ist s. Vv 24.27. Der Gekreuzigte hat den Ruf Gottes zum Gehorsam, der in der Geschichte Israels immer wieder erklang und den er in letzter Stunde selber, zur Entscheidung aufrufend, verkündigte, mit seinem gehorsamen Tod nach Gottes Willen besiegelt und bestätigt (243f).

Der Bezug zur Welt

Auch die zweite Kreuzigungstradition verdeutlicht mit Hilfe des Weissagungsbeweises in ihrem gesamten Versbestand, dass sich im Geschehen der Kreuzigung der Wille Gottes vollzieht. Indem jetzt aber die Weissagung betont inhaltlich verwendet wird, erweist sich der gehorsam Sterbende paradoxerweise in seinem Todesschrei als der Messias und Richter der Welt. Hatte die erste Tradition durch den Schriftbeweis nur andeutend darauf hingewiesen, welche Bedeutung der Tod Jesu für die Geschichte Israels hat, so sagt die zweite Tradition nun sehr eindringlich, dass der Tod Jesu das Weltgericht bedeute und somit das von Jesus verkündete Reich Gottes schon hereingebrochen sei. Der durch den Gerichtsruf des sterbenden Menschensohns zerstörte Tempel war Wohnung und Heiligtum des atl-jüdischen Gottes. Die von diesem Tempel her in ihrem Bestand garantierte jüdische Welt verfällt also bei der Kreuzigung Jesu dem Gericht. Der Gott des AT hat sich durch das Geschehen der Kreuzigung als der Richter seines Volkes und der jüdischen Welt erwiesen. Vom ‘Sohn’ redet erst der Zusatz V39. Die Tatsache aber, dass Gott sich in seinem Gericht an der Welt selbst in der Person Jesu mitrichtet, ist eindeutig auch schon in der alten Tradition bezeugt. Hat sich Jesus für den Gesandten Gottes in letzter Stunde gehalten, so ist es nicht verwunderlich, dass seine Anhänger seinen Kreuzestod als Gericht interpretierten. Wer in ‘letzter Zeit’ den Gesandten Gottes tötete, richtete zugleich sich und seine Welt (244f).

Das in der zweiten Tradition verkündete, mit dem Tode Jesu eingetretene Gericht über die Welt darf nicht auf den naturwissenschaftlich konstatierbaren Bestand der Erde und das uns heute bekannte Universum bezogen werden. Das bezeugte Weltgericht muss den eigentlichen Intentionen des Textes gemäß auf die jüdische ‘Welt’, also geschichtlich gedeutet werden. Das benutzte atl-apokalyptische Material besagte schon jeweils an seinem ursprünglichen Ort den Untergang der Welt. Sieht man auf die Verkündigung der Propheten, so ist dieser ‘Weltuntergang’ genau in dem Sinne, wie er verkündet wurde, als Zerstörung des Tempels und Jerusalems und als Fortführung des Volkes eingetreten.

Die Vermischung von historischen Ereignissen mit mythologischen Daten war für die ersten Christen in ihrer geschichtlich gewachsenen Bewusstseinssituation die einzige Möglichkeit, das auszudrücken, was mit dem Tode Jesu über das bloße historische Vorkommnis hinaus wirklich passiert war (246f).

Die weitere Entwicklung

Die Zusätze des Evangelisten wurden überhaupt erst nötig, weil das Weltende im äußeren, realistischen Sinne nicht eintrat. Sie bezeugen, dass man in der Urchristenheit das Ende der alten und den Beginn der neuen Welt dahingehend verstand, dass mit dem Tode Jesu auf dieser faktisch weitergehenden Welt dennoch der entscheidende, endgültige Umbruch geschehen sei. Das Bekenntnis des heidnischen Hauptmanns macht einsichtig, wie die Aussagen von der Erhöhung des Gekreuzigten und dem damit gegebenen Bau des neuen Tempels zu deuten sind: Die neue Welt, in der Christus der Herr ist, ist die Welt der zu Gott und seinem Christus bekehrten Heiden und Juden. Die von Lk geschaffene Abfolge von Karfreitag, Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt und die Ergänzung durch die Apg macht deutlich, wie mit dem Ausbleiben der Parusie die Kirche immer mehr zur ‘Welt der Christen’ wurde. Dabei zeigt die schematische Darstellung der Apg, wie das in Mk 15 bezeugte Gericht über die jüdische Welt nun im Verlauf der Heidenmission geschichtlich greifbare Züge annimmt. Der Tendenz, den Lebensraum der Christenheit zu etablieren und dadurch schon hier auf Erden die neue ‘Welt’ zu erleben, gehört die Zukunft. Der Evangelist Mk führt dem Leser eindrücklich vor Augen, dass alle Menschen, nicht nur die Juden dem Gericht des gekreuzigten Christus verfallen sind (248f).

Kreuz Christi und Welt

Das Kreuz Christi bedeutet das Gericht über die Welt. Es geschieht, indem Gott sich selbst in der Gestalt seines Sohnes in den Tod gibt. Damit zerstört er durch diesen Tod zugleich auch den Tempel, d.h. die religiösen Fundamente der Welt, deren Mittelpunkt er bis dahin selber war. Diesem Gerichtsakt korrespondiert die Errichtung einer neuen Welt, deren Mittelpunkt wiederum Gott in der Gestalt seines durch den Tod erhöhten Sohnes ist (251).

Die Stunde des Gerichts und des Heils wird allein durch Gottes Willen bestimmt. Sie kündet sich an im schweigenden Leiden des Sohnes, in der Verfinsterung der Welt und in der dadurch bedingten Blindheit der Menschen gegenüber dem kurz bevorstehenden Gericht (251).

Jesus, der Sohn Gottes, ist in seinem Leiden für die verfinsterte Welt nicht erkennbar als derjenige, der er in Wirklichkeit ist. Er stirbt verachtet und scheinbar sinnlos. Nur der Christ erkennt, dass hier Gottes Sohn schweigend, demütig und mit der ganzen Macht des absoluten Gehorsams zwischen den Verbrechern am Kreuze hing.

Der mythologisch-dogmatische Terminus ‘Sohn Gottes’ besagt: der Sohn erfüllte Gottes Willen gemäß der ursprünglichen Intention der göttlichen Gebote und wird von den Menschen deshalb getötet, weil diese Gottes Leben spendende Gebote in Mordwerkzeuge verwandelt haben (Mk 3,4.6) (252).

Die Feinde Jesu sind alle Menschen, denn alle Menschen sind von der Finsternis beherrscht und damit vom Satan gegen Gottes Willen mobilisiert. Die Vertreter der alten Ordnung und Religion werden zum Werkzeug der Finsternis. Sie werfen sich zum Richter des Gottessohnes auf und töten ihn und verfallen damit selber dem Gericht.

Die neue Welt ist nach der Beseitigung des Dunkels an dem sie durchherrschenden Licht erkennbar. Sie wird manifest in dem Bekenntnis der Heiden zu dem ermordeten und nun erhöhten Gottessohn. Jedermann hat zu der neuen Heilsordnung Zutritt, aber sie ist nur auf dem Wege über das Kreuz Christi betretbar. Die neue Welt, der nicht mit Händen gebaute Tempel, die neue Gemeinde hat himmlische Züge und liegt ‘über’ der alten, gerichteten Welt und Lebensgemeinschaft. Die neue Welt ist dadurch qualifiziert, dass in ihr der Gekreuzigte als der Erhöhte der König und Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters (252f).

Anhang a: Die Kreuzigung

E. Haenchen

Joh 19,16-30: In diesem Abschnitt ist vom Leiden so gut wie gar nicht die Rede. Jesus trägt – anders als bei Markus, Matthäus und Lukas – selbst sein Kreuz. Wie sollte er das nicht können, da er doch die ganze Sünde der Welt forttragen kann (527)?

Die Angabe der Schuld des Hinzurichtenden, erscheint in Aramäisch, Griechisch und Lateinisch. Sie verkündet, dass “Jesus der Nazaräer, der König der Juden“ hier am Kreuz hängt. Diese Inschrift spricht nicht von einer Niederlage Jesu, sondern von einem Sieg (528).

In Vollmacht gibt Jesus seiner Mutter als Ersatz für den scheidenden Sohn den Lieblingsjünger zum Sohn und trägt dem Jünger die Sorge um Maria auf. Ungebrochen, unerschüttert bleibt Jesus der gebietende Herr auch am Kreuz. Nachdem alles geschehen ist, was die Schrift vorausgesagt hat, kann Jesus das Wort aussprechen: “Es ist vollbracht“! Dieses Wort zeigt, hier hat der Gottgesandte seinen Sieg errungen. Johannes hat nicht die Geschichte eines qualvollen Todesleidens dargestellt, sondern die glorreiche Vollendung von Jesu Werk (528f).

Lk 23,26-46: Die spottenden Worte erscheinen gegenüber Markus und Matthäus wie gekürzt. Der eine der beiden Schächer tritt für Jesus ein, erklärt Jesu Unschuld und bittet um Jesu Gedenken, wenn Er dereinst in sein Reich kommen wird. Jesus erhört die Bitte: “Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“. Dieses Paradies ist wie bei Paulus 2Kor 12,2ff im Himmel gedacht. Hier ist die Himmelfahrt Jesu vom Kreuz vorausgesetzt (in Lk 24 dagegen rechnet Lukas mit der Himmelfahrt des Auferstandenen am Ostertag (529f).

Eine dreistündige Sonnenfinsternis und das Zerreißen des Tempelvorhangs kündigen als himmlische Gerichtszeichen das nahende Ende an. Mit lauter Stimme ruft Jesus: “Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist“ (V 46)! Statt der qualvollen Gottverlassenheit kommt es zum Einschlafen in den Frieden Gottes.

Mt 27,32-54: Statt des aramäischen 'Eloi' (mein Gott) hat Matthäus die hebräische Form Eli eingesetzt, weil von ihr aus das Wort “er ruft den Elias“ besser verständlich wird.

Nach dem Wort über das Zerreißen des Tempelvorhangs hat Matthäus die Geschichte eingefügt, dass die Erde erbebt, die Felsen sich spalten, die Gräber sich öffnen und viele Leiber der atl Heiligen auferweckt werden. Sie gehen nach Jesu Auferweckung in die Heilige Stadt und erscheinen vielen. Wenn sich die Gräber bei Jesu Tod öffnen, sollen dann die Toten drei Tage im geöffneten Grab bleiben? Diese Geschichte widerspricht der in der Gemeinde herrschenden Darstellung der Auferstehung Jesu am 3. Tag und wird nur mühsam damit in Übereinstimmung gebracht. Hier stoßen wir auf eine junge Legende (530f).

Anhang b: Jesu Tempelreinigung?

Haenchens Einwände gegen die Historizität der Tempelreinigung (Mk 11,15ff par):

Angesichts Jesu Teilnahme an der Jerusalem-Wallfahrt lässt sich die Annahme eines Bruches mit der damaligen Kultpraxis nicht begründen, noch kann die Stiftung einer Sondergemeinde in Israel als Ziel Jesu Wirkens gelten.

Wie hätte die von Jesus berichtete Tat überhaupt vor sich gehen können? Ein einzelner konnte nicht Käufer und Verkäufer vertreiben; auch die Deckung durch die Zwölf würde nicht ausgereicht haben. Die große Menge der Pilger müsste Jesus unterstützt haben. Die Kontrolle über ein Areal, das so groß wie die Altstadt von Chur ist, kann nicht ein einzelner ausüben (384). Selbst wenn die konzessionierten Wechsler und Verkäufer sich der Gewalt gebeugt hätten, so hätten sie doch sofort die Hilfe der Tempelpolizei verlangt. Das Erstaunliche aber ist, dass die Tempelpolizei nicht eingriff. Mag auch beim Verkauf im Tempelvorhof gefeilscht worden sein, so ändert das nichts daran, dass hier mit nackter Gewalt vorgegangen wird. Und das lässt sich in das Jesusbild der Evangelien nicht einfügen. Zwischen diesem Jesus, der mit seinen Anhängern gewaltsam im Tempel eine “neue Ordnung” einführt, und dem Jesus der Gleichnisse und der Sprüche besteht eine tiefe Kluft (386f).