8. DIE HINRICHTUNG JESU - ein SÜHNOPFER?

Abschied vom Sühnopfergedanken

Jes 54,10: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer".

1. Jesus und der Sühnegedanke
a. Das gegenwärtige Dilemma der Rede vom Sühnetod Jesu
b. Sühne im Alten Testament
c. Die Einstellung Jesu zum Sühnedenken
d. Die Wurzel der Sühnetod-Christologie
e. Die bleibende Bedeutung des Kreuzes
f. Was heißt ‚Erlösung‘?
g. Rechtfertigung und Selbstfindung

Anhang a: Christozentrische Pluralität
Anhang b: Jesu Todesverständnis

2. Abschied vom Verständnis der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer und von dessen sakramentaler Nutzung in einer Opfermahlfeier
(1) Die Struktur des Opferrituals ist auf die Darstellung der Passion Jesu und des letzten Mahles übertragen worden
(2) Das Johannesevangelium und die Didaché kennen eine opferfreie Mahlfeier - haben sich aber in der Kirche nicht durchgesetzt

(3) Die christliche Sühnopfertheologie ist im Blick auf den geschichtlichen Wandel der Opfer- und Gottesvorstellungen anachronistisch
(4) Die kirchliche Sühnopfertheologie und die darauf basierende Mahlfeierpraxis widersprechen der Verkündigung Jesu
(5) Die Sühnopfervorstellung steht heute dem Evangelium von Jesus Christus im Weg und muss verabschiedet werden

(6) Der Tod Jesu als Opfer und Heilsgabe
(7) Jesu ganzes Leben als Offenbarung der Liebe Gottes

Anhang a: Der Tod Jesu im Johannesevangelium
(1) Jesus als Märtyrer - weder Sühnetod noch stellvertretender Tod
(2) Jesu Tod als Erhöhung, als siegreiche Rückkehr zu Gott

Anhang b: Gott wirkt das Heil durch Jesus
Frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu

3. Die theologische Problematik des Sühnetodes Jesu
(1) Jesu Wirken war auf die Gegenwart gerichtet
Anhang: Bei dem Gedanken stellvertretender Sühne handelt es sich um post eventa angestellte Reflexionen

(2) Der historische Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnegeschehen gedeutet
Anhang a: Durch das Opfer (Jesu Christi) erlöst?

Anhang b: Jes 53,7: Keine Stellvertretung im Erleiden der Strafe, sondern Verzicht auf Vergeltung
(3) Der Gott Jesu braucht kein Sühnopfer
Anhang: Sinnloses Leid vertrauend bestehen (Bedarf Gott des Opfers des Sohnes?)

(4) "Beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle" (Ps 130,7)
Anhang: Die kulttypologische Deutung des Todes Jesu

4. Der Tod Jesu beim Evangelisten Lukas
(1) Kreuz und Auferstehung in der lukanischen Tradition
(2) Das lukanische 'Weg-Schema'
(3) Christos Archegos und Soter

(4) Das Verständnis von Rettung und Heil im Lukas-Evangelium und in der Apostelgeschichte
(5) Aussagen über Jesu Tod und Auferstehung in der Apostelgeschichte

Der Tod Jesu im Hebräerbrief (s. Text 7)

5. Das Abendmahl - ein Werk der frühen kirchlichen Tradition
(1) Ursprung und Gestalten der frühen Mahlfeier
(2) Gemeinsame Mahlzeiten
(3) Zur 1. Arnoldshainer These

(4) Die Mahle Jesu und das Abendmahl der Kirche

Keine Eucharistiefeier in der Hebräergemeinde (s. Text 7)

Literatur

Ostern - ein HAPPY DAY?

Ostern geht es darum, dass Jesu 'Jünger' gleichsam mit Christus 'gestorben' sind und nun mit Christus im Geist leben - Jesus nachfolgen (Gal 2.20).

Paulus hat seine Sichtweise mehrfach korrigiert. Ich bin überzeugt, heute würde Paulus von der Sühneopfertheologie Abstand nehmen. Damals war der Sühnopfergedanke durch die jahrtausende alte Opferpraxis vertraut und mit ihm konnte man die Katastrophe der Hinrichtung Jesu positiv deuten und den Opferkult im Tempel in Jerusalem weit überbieten - damals, vor 2000 Jahren.

Abschied von der Vorstellung, der Tod sei "der Sünde Sold" (Röm 6,23)
Die Sterblichkeit hängt mit dem 'Material' zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden.

K.-P. Jörns (2006³)

Der Tod ist für Paulus als Strafe für den Ungehorsam der ersten Menschen in die Welt gekommen (Röm 5,12.18). Adam ist nach seiner Vorstellung nicht als sterbliches Wesen geschaffen worden. Dieses Verständnis der Sterblichkeit hat weder in den beiden Schöpfungsgeschichten noch in 1Mose 3 einen wirklichen Rückhalt. Denn die Sterblichkeit hängt mit dem ‚Material‘ zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden. Die Annahme, dass es erst durch die Sünde Tod und Sterben in der Welt gäbe, ist nicht zu halten. Die Schöpfung hat in allen ihren Elementen die Signatur der Endlichkeit und des Vergehens. D.h. Sterblichkeit und Tod gehören zum irdischen, geschöpflichen Dasein des Menschen (wie der anderen Lebewesen) (275f).

Trotzdem hat sich das Dogma von der Erbsünde, zu der die Sterblichkeit als Straffolge gehört, gehalten. Dafür sind letztlich Paulus und der Kirchenvater Augustin verantwortlich. Das religiöse System, innerhalb dessen Paulus seine Anschauung vom Zusammenhang von Sünde und Tod entwickelt hat, ist im wesentlichen durch das Verständnis von Sünde bestimmt. Der Zusammenhang von Ungehorsam gegen Gottes Gebot und unserer Sterblichkeit als kollektiver wie individueller Folge ist eine theologische Konstruktion. Sie kommt aus der Hochschätzung der Tora, die den Gehorsam gegenüber „Gottes Gebot“ absolut (d.h. als „Weg des Lebens“) versteht. Alles wird vom Tod her bzw. auf ihn hin gedacht (276f).

In der Vorstellung vom Tod als der „Sünde Sold“ wird dem Ungehorsam der Menschen die Macht zugesprochen, Gottes Schöpfung verändert zu haben! Der Ungehorsam wäre letztlich derjenige, der aus (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen sterbliche Wesen gemacht und damit die vom Schöpfer selbst gut, ja, sehr gut genannte Schöpfung deformiert hätte! Der Grundgedanke dabei ist, dass Gott Ungehorsam gegen das als Heilsweg verstandene Gesetz mit Tod bestraft. Für diesen Gedanken stellt die biblische Sintflutgeschichte die Modellerzählung dar. Sie hätte die Aufgabe gehabt, verständlich zu machen, dass und warum die (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen im ersten Schritt sterblich und im zweiten durch die Sintflut vernichtet wurden: wegen des Ungehorsams. Also beginnend stellten die biblischen Erzählungen die Mahnung an die Hörer der jüdischen Bibel dar, der Tora als dem Weg zu Heil und Leben in unbedingtem Gehorsam zu folgen (277f).

Paulus kontrastiert zwar die Tora als Heilsweg mit der durch Christus erworbenen Gnade, die die Herrschaft des Gesetzes abgelöst habe. Dennoch hat Paulus das System des Gehorsamsglaubens nicht aufgegeben.

Röm 5,19: „Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“.

Nur weil Christus „gehorsam bis zum Tod, zum Tod am Kreuz“ gewesen ist (Phil 2,8), hat er den vielen „Gottes Gnade“ erworben. Für die Gnade Gottes uns gegenüber ist für Paulus der Gehorsam Jesu bis zum Tod am Kreuz der entscheidende Grund. Aus dem Glauben, der Gott von seiner Liebe her versteht, wird ein ‚Gehorsamsglaube‘. Gehorsam ist nicht die Mitte des Glaubens, sondern Vertrauen (278f).

Sterblichkeit ist geschöpflich und insofern unser und aller anderen Kreaturen Schicksal. Paulus war davon überzeugt, dass wer Christ sein will, nicht vorher Jude geworden sein müsse (Gal 1,11 – 3,9). Ebenso geht Jörns davon aus, dass wir, um Gottes Liebe glauben zu können, nicht vorher in den jüdischen Gehorsamsglauben eingetaucht sein müssen. Die Erkenntnis, dass unsere Sterblichkeit von Gott geschaffen ist, führt uns zur Solidarität mit allen sterblichen Wesen (280).

Der Tod als Tor zu einem anderen Leben: Durch die Auferstehung sind sterbliche und gestorbene Menschen des lebendigen Gottes Zeitgenossen, mit ihm gleichzeitig. Das gilt von ihm aus, weil er zu allen Geschöpfen eine Lebensbeziehung durch den Geist hat. Und das gilt von uns aus als geglaubte Wirklichkeit, sofern wir uns dessen im Geist bewusst werden. Der Gedanke einer leibhaftigen Auferstehung ist für diesen Glauben hinderlich, weil er das zukünftige Leben an die „von Erde genommene“ Gestalt des jetzigen Lebens binden, mithin dieses Leben nicht wirklich loslassen, nicht aus ihm heraus, will. Angemessen ist eher die Vorstellung von einer Verwandlung. Diese Verwandlung schließt den Tod und die Verwesung des Leibes ein. Das Sterben ist der notwendige Abschied hinein in unsere Zukunft (285).

1. Jesus und der Sühnegedanke
Eine aus der Not der Zeit heraus errichtete Verteidigungsmauer des Christentums die irrtümlich für seine Grundmauer gehalten wurde.
Von Übel ist die Monopolstellung, die die Sühnetod-Christologie faktisch immer noch hat. Diese Alleinherrschaft ist vom NT her nicht mehr zu rechtfertigen. Ein mühsamer Lernprozess hinsichtlich des Erlösungsglaubens ist in Gang gekommen. Wir werden lernen müssen, die Erlösung durch Jesus Christus so zu verkündigen, dass wir uns und unseren Hörern dabei nicht die Rückkehr zu einem veraltetet Welt- und Gottesbild abverlangen (23).

a. Das gegenwärtige Dilemma der Rede vom Sühnetod Jesu
b. Sühne im Alten Testament
c. Die Einstellung Jesu zum Sühnedenken
d. Die Wurzel der Sühnetod-Christologie
e. Die bleibende Bedeutung des Kreuzes
f. Was heißt ‚Erlösung‘?
g. Rechtfertigung und Selbstfindung

Anhang a: Christozentrische Pluralität
Anhang b: Jesu Todesverständnis

J.-D.Reuß (1991)

a. Das gegenwärtige Dilemma der Rede vom Sühnetod Jesu

Einerseits die Situation, in die wir hineingestellt sind – andererseits die Tradition mit ihren massiven Geltungsansprüchen. Diesen Ansprüchen begegnen wir vor allem im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG 59,1; 20; 232,3; u.ö.).

Aus der Sicht des traditionellen Jesusbildes hat Jesus am Kreuz stellvertretend die Strafe Gottes für unsere Sünden abgebüßt. Dieser sühnende Opfertod ist das zentrale Heilsereignis schlechthin. In 1Kor 15,3 zitiert Paulus eine katechismushafte Formel und behauptet: „Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift“. Das ist neben der Auferstehungsbotschaft der zweite Brennpunkt seines Nachdenkens über Jesus Christus. Daran hängt für ihn die Erlösung (Röm 3,23-25). Paulus hat sich in manchen Dingen geirrt, z.B. in seiner Einschätzung des Staates (Röm13) oder in der Frage der Naherwartung (1Kor 7,29f) auch hinsichtlich der Person und Botschaft Jesu? Viele Stellen des NTs deuten den Kreuzestod Jesu als stellvertretenden Sühnetod für unsere Sünden. Ein großer Teil der Christenheit setzt dieses Deutungsmuster immer noch als selbstverständlich voraus (2f).

Schon Friedrich Schleiermacher hat die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod mit guten Argumenten bestritten. Eugen Drewermann schreibt: Das Problem besteht darin, dass Gott einen Menschen soll töten müssen, um sich (mit der Welt) zu versöhnen; ein solcher Gedanke macht Gott nicht vertrauenswürdig, sondern lässt ihn als blutrünstig, babarisch und roh erscheinen. Die Art, wie Gott als Vater hier (angeblich) handelt, ist uneinsichtig, ja empörend – und doch soll man diesen Weg der ‚Erlösung‘ bei Strafe der ewigen Verdammnis als gut und heilvoll akzeptieren. Warum soll es der scheußlichen Qual von Kreuz und Hinrichtung bedürfen, um irgendeine Schuld vor Gott zu sühnen! Was für ein Moloch von Gott braucht denn solche Sühnopfer? Und welch ein Mensch will dann überhaupt auf eine solche Weise ‚erlöst‘ werden? So kann man aus der traditionellen Lehre vom sühnenden Opfertod nur lernen, wie das Gottesbild nicht sein darf, wenn Menschen menschlich leben wollen (4f).

Die Sühnevorstellung entsprach den damaligen Denkvoraussetzungen im Judentum, aus dem Paulus stammte (6).

b. Sühne im Alten Testament

Der Sühnegedanke wurde aus einer heidnischen Umwelt übernommen. Er stellt ein religionsgeschichtliches ‚Erbstück‘ dar. Der Sühnegedanke stammt aus der Zeit der Blutrache und beruht auf einem archaischen Vergeltungsdenken (Sühne – Vergeltung). Das antike Denken sah Schuld und Sünde nicht als persönliche Angelegenheit, sondern als Gruppenproblem. Gott erscheint als Gefangener dieser Weltordnung, denn er kann sie nicht durchbrechen oder außer Kraft setzen. Wer die gottgewollte Lebensordnung verletzt, setzt damit einen Unheilprozess in Gang, dem er selbst zum Opfer fallen muss. Gott kann bestenfalls die tödlichen Tatfolgen um- und ableiten auf ein Opfertier, das stellvertretend sein Leben einbüßt und kann so dem schuldigen Menschen Gnade gewähren. Das für den Menschen unverdiente Heil hat seinen Preis darin, dass das verdiente Unheil auf ein stellvertretendes Opfertier um- und abgeleitet wird. Sühne hat atl den Doppelcharakter von Vergebung durch Vergeltung, nämlich am stellvertretenden Opfertier. Nur so passt es in das Entsprechungsverhältnis von Tat und Ergehen. Nur so wird begreiflich, warum später die Hinrichtung Jesu Christi als stellvertretende Sühne gedeutet werden konnte (6f).

Die Priesterschrift, zu der das Doppelritual des ‚Großen Versöhnungstages‘ (3Mose 16) gehört, lässt sich begreifen als ein Versuch, den Schock des babylonischen Exils theologisch zu bewältigen: so eine Katastrophe darf sich nicht wiederholen! Das ist der Leitgedanke nicht nur der Priesterschrift, sondern des gesamten nachexilischen Judentums. Gegen ein neuerliches Zorngericht Gottes sollen alle erdenklichen Vorbeugungsmaßnahmen getroffen werden. Darum muss das mosaische Gesetz bis aufs I-Tüpfelchen befolgt werden. Was dennoch an Fehltritten zusammenkommt, wird durch einen ganzen Katalog von sühnenden Opfern aufgefangen und ausgeglichen. Eine herausragende Bedeutung kommt dabei dem Opferblut zu, denn das Blut ist der Träger des Lebens und darum sozusagen die Kernsubstanz im Sühnevorgang (3Mose 17,11). Die Angst vor Gott war nicht der einzige Faktor des religiösen Klimas in das Jesus einige hundert Jahre später hineingeboren wurde. Aber ein wesentlicher Faktor war sie doch. Das zeigt die Gerichtspredigt Johannes des Täufers (Mt 3,7-10 par) wie die ausgeprägte Bußfrömmigkeit der Pharisäer. Das zeigen die Wellen der Erregung, die Jesus mit seinen Verletzungen des Sabbatgebotes auslöste und das zeigen die empörten Reaktionen auf die ungewöhnliche Art, wie dieser Mann aus Nazareth umging mit schuldhaften Verstrickungen, mit der Sünde und den Sündern (8f).

c. Die Einstellung Jesu zum Sühnedenken

Jesus war Jude. Seine Person und Botschaft sind vor dem Hintergrund der atl-jüdischen Tradition zu sehen. Diese Tradition ist keineswegs aus einem Guß, sondern ein buntes Geflecht sehr unterschiedlicher Überlieferungen und Anschauungen.

Jesus hat sich in einigen wesentlichen Punkten von der Theologie und Frömmigkeit seiner Zeit und Umwelt unterschieden. Andernfalls wäre der Konflikt zwischen ihm und der Jerusalemer Hierarchie unbegreiflich ebenso wie die spätere Auseinanderentwicklung von Judentum und Christentum.

Das Sühnopfer-Denken passt nicht zusammen mit der Botschaft Jesu. Jesus steht den atl Propheten nahe, die den Opferkult mehr oder weniger kritisiert haben. Die Sühnopfer-Theologie der Priesterschrift hat Jesus auf der ganzen Linie unterlaufen. Das zeigt sich in seiner unkultisch-unblutigen Praxis der Sündenvergebung sowie in den Gleichnissen, mit denen er diese Praxis verteidigt. Das gipfelt schließlich in der sog. Tempelreinigung, einer Symbolhandlung (Mk 11,27-33). Nach der ‚Tempelreinigung‘ wollen die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten von Jesus wissen, aus was für einer Vollmacht er solches zu tun wagte. Jesus machte seine Antwortbereitschaft von einer Gegenfrage abhängig: „Sagt mir zuerst: Woher hatte Johannes das Recht zu taufen“? Seine Taufe war nach Mk 1,4 eine Bußtaufe zur Vergebung der Sünden und insofern ein ‚Konkurrenzunternehmen‘ zum angestammt-offiziellen Sühnekult in Jerusalem. Die Gegner konnten nicht sagen, Johannes habe im Auftrag Gottes getauft (9f)!

Nach Jesus ist Gott ganz nah. Seine Nähe ist etwas ungemein Befreiendes und Beglückendes! Diese gute Nähe Gottes hat Jesus in der Folgezeit angesagt im Bild des anbrechenden Reiches Gottes. Die Botschaft vom Reich Gottes stand im Zentrum der Verkündigung Jesu. Das Vaterunser zeigt: Wer zu Gott sagt ‚Dein Reich komme‘ der sagt auch ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern‘. Nicht wird gesagt: Vergib uns unsere Schuld aufgrund dessen, dass ein anderer – der Messias – stellvertretende für diese Schuld stirbt. Der Stellvertretungsgedanke spielt in Jesu Botschaft vom Reich Gottes keine Rolle.

Im Zusammenhang mit der Sündenvergebung macht Jesus keinerlei Andeutungen, die auf ein stellvertretendes Sühne- oder Selbstopfer hindeuten könnten. Aus diesem Grund haben sich wohl nicht wenige Pharisäer und Schriftgelehrte über ihn aufgeregt. Denn auch dies war in der Heiligen Schrift Israels nicht vorgesehen, dass da einer kommt und die Vollmacht beansprucht, einem Menschen sagen zu können: „Deine Sünden sind dir vergeben“ (Mk 2,5 u.ö.). Für die Sündenvergebung gab es genau vorgeschriebene Rituale, deren Nichtbeachtung lebensgefährlich werden konnte (vgl. 3Mose 10,1ff) und diese Rituale vollzogen sich als priesterliche Opferhandlungen an geweihter Stätte. Dass nun dieser Jesus aus Nazareth sich anmaßte, Sünden zu vergeben und das ohne Priesterweihe, Altar und Opferblut, das musste man als ungeheure Provokation empfinden: „Wie kann dieser Mann so reden? Das ist Gotteslästerung! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein“ (Mk 2,7)?

Jesu anstößige Art der Sündenvergebung war auch inbegriffen in seiner Tischgemeinschaft mit ‚Zöllnern und Sündern‘ (Mk 2,15f; Lk 15,1), mit den stadtbekannt Unfrommen, die unter dem Fluch ihres gesetzes- und gottwidrigen Verhaltens standen. Die Gleichnisse, die Jesus in Lk 15 auf entsprechende Anfragen und Angriffe hin erzählt, sind für den theologischen Denkrahmen des sühnenden Ausgleichs ein hochbrisanter Sprengsatz. Denn sie laufen auf Gottes Finderfreude hinaus. Die Logik der Freude nimmt Jesus für Gott in Anspruch, damit verwirft er die alte Logik des Ausgleichs. Der historische Jesus verwirft das atl Sühnedenken als theologisch unsachgemäß (11f)!

                   

Entweder bringt Jesus mit den Gleichnissen vom verlorenen und wiedergefundenen Silberstück, Schaf und Sohn die Wahrheit über Gott, dann hat die Sühnopfer-Theorie unrecht und das darauf gegründete Jesusbild ist eine Fehlentwicklung. Oder es verhält sich so, dass die Sündenvergebung als Rechtsgrundlage einen stellvertretenden Sühnetod braucht, dann sind die genannten Gleichnisse falsch und vermitteln ein Gottesbild, das auf Illusionen beruht (14).

Bei Jesus gleicht die Gottesbeziehung, wenn sie intakt ist, einer Liebesbeziehung. Glauben heißt bei Jesus: sich darauf verlassen, dass Gott am liebsten ein liebender Gott ist und dass er vor allen Anforderungen zuerst einmal Rückhalt und Geborgenheit gewährt.

Die Rede von Gott als dem Richter ist theologisch unverzichtbar. Hinsichtlich der Umweltzerstörung, müssen wir samt unseren Kindern und Enkeln das ernten, was wir gesät haben. Aber wo jemand in der Nachfolge Jesu Gott mit dem Kosewort ‚Abba‘ (Papa) anredet, da muss das Richtertum Gottes außer Betracht und außer Funktion bleiben (vgl. Röm 8,15).

Für Jesus ist es bezeichnend, dass er den Gottesglauben als ein personales Vertrauensverhältnis begreift, nicht als eine Rechtbeziehung (Bund) und schon gar nicht als eine Geschäftsbeziehung. Dass Jesus in diesem Zusammenhang geradezu aggressiv werden konnte, geht aus der Geschichte der Tempelreinigung hervor (Mk 11,15-17). Da wird erzählt, wie Jesus etliche Händler und Käufer aus dem Tempel treibt und die Tische der Geldwechsler sowie die Stände der Taubenhändler umstößt. Die Tauben waren das gesetzlich vorgeschriebene Sündopfer der Armen (3Mose 5,1-10). Diese Einrichtung greift Jesus an. Er begründet seine Protestaktion mit den Worten: „Steht nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht“.

Schon der Prophet Jeremia hat den Tempel mit einer Räuberhöhle verglichen (Jer 7,11). Jesus wirft den Tempelbesuchern vor, Diebe, Mörder, Ehebrecher und Götzendiener zu sein, die im Tempel Zuflucht (vor den Folgen dieses Treibens) suchen (Jer 7,9f). „So spricht Jahwe Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe euren Vätern, als ich sie aus dem Lande Ägypten herausführte, nichts von Brandopfern und Schlachtopfern gesagt noch geboten, sondern dieses Gebot habe ich ihnen gegeben: Hört auf meine Stimme“ (Vv 21-23). Im offenen Widerspruch zu den fünf Büchern Mose bestreitet Jeremia rundheraus (und im Namen Gottes!), dass das zentrale Heilsereignis die Befreiung aus Ägypten, mit irgendwelchen Opfergeboten verbunden gewesen sei (12f).

Das Gesetz der Räuberhöhle: Freiheit nur gegen Bezahlung! Erlösung nur gegen Lösegeld! Jesus wollte sagen: Der Tempel sollte eigentlich als ‚Bethaus für alle Völker‘ seinen Besuchern Gelegenheit geben, mit Gott in ein persönliches Gespräch einzutreten. Ihr aber habt durch die Einführung des Opferkultes eine Räuberhöhle daraus gemacht, in der nun gilt (vermeintlich als Wille Gottes): Wenn du frei werden willst von deiner Schuld, dann zahle zuerst einmal Lösegeld, indem du ein Opfertier kaufst. Die Protestaktion Jesu (Mk 11,18a) war in den Augen der Tempelpriester ein empörender Angriff auf das Heiligste, was Israel hatte. Wer den Opferkult angriff, griff wie man meinte, die Existenzgrundlage des Volkes an. Kein Wunder, dass diese Tat alsbald zur Verhaftung und Beseitigung des galiläischen Tempelschänders führte.

Obwohl die Pluralität der ntl Jesusbilder seit langem bekannt ist, hat man den Eindruck, dass viele Ausleger unbewusst die Sichtweise des Paulus in die Evangelien hineintragen. Sie trauen dem Jesus der Evangelien eine grundsätzliche Kritik des Sühneopfergedankens von vornherein nicht zu. Wenn es zutreffen sollte, dass Jesus das Sühnopferdenken mit wachsender Radikalität abgelehnt und schließlich unter Einsatz seines Lebens öffentlich bekämpft hat, dann könnten sich daraus weitreichende Konsequenzen ergeben für Theologie, Liturgie und Verkündigung. An dem, was Jesus selbst gesagt, getan und gewollt hat, findet die Sühnopfer-Vorstellung keinen Anhalt. Andererseits beherrscht diese Vorstellung weite Teile des NTs, den Hebräerbrief und die Briefe des Paulus. Wie ist dieser Sachverhalt zu erklären (14f).

d. Die Wurzeln der Sühnetod-Christologie

Im NT gibt es sehr unterschiedliche Deutungen des Todes Jesu. In der Apg des Lukas kommt der Sühnegedanke nur in einem beiläufigen Halbsatz vor: „...zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat“ (20,28), der wie ein Fremdkörper wirkt. Die Missionspredigten der Apg folgen im Blick auf Kreuz und Auferstehung dem Argumentationsmuster: „ihr habt ihn getötet, Gott aber hat ihn auferweckt“ (Apg 2,22-24; 4,10; 5,30f; 10,37-43 u.ö.) (15f).

Von den vier Evangelien ist keines unter dem Leitgedanken verfasst, Jesus sei gekommen, um sich als stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden freiwillig kreuzigen zu lassen. Nur das nicht auf Jesus zurückgehende Kelchwort des Abendmahls („Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ Mk 14,24) deutet die Rolle Jesu als die eines stellvertretenden Sühnopfers.

A 37: Jeder Blutgenuss gilt in Israel als so frevelhaft, dass er nicht einmal als Symbolhandlung (Wein als Blut) in Betracht kommt. Der nachklappende Zusatz „durch mein Blut“ (1Kor 11,25: „...Dieser Kelch ist der Neue Bund durch mein Blut...“) könnte eine nachträgliche Erweiterung sein, da er nicht so recht zum ‚Neuen Bund‘ passen will.

A 32: ‚Das Blut des Bundes‘ (Mk 14,24 entsprechend 2Mose 24,8) hat im AT nichts mit Sühne zu tun. Ähnliches gilt für den ‚Neuen Bund‘ (Lk 22,20 entsprechend Jer 31,31-34), der als Herzenssache (V 33) gerade nicht auf einem äußerlich-kultischen Sühnevorgang beruht.

A 37: Was auch immer mit sühnendem Opferblut gemacht wird, getrunken wird es auf keinen Fall. Die Worte: „Das ist mein Blut“ können nur in einer stark hellenistisch geprägten Gemeinde entstanden sein, wo man sich über Grundelemente jüdischen Empfindens hinwegsetzen konnte. Das ursprüngliche von Jesus gesprochene Kelchwort dürfte sich in Mk 14,25 erhalten haben.

Die Passionsgeschichte zeigt Jesus als einen Menschen, der von seinen Feinden ungerechterweise verfolgt wird, ein „leidender Gerechter“, wie er atl in Psalm 22 und anderen Klagepsalmen in Erscheinung tritt. In der dreifachen Leidensankündigung wird der Sühnegedanke nicht erwähnt. Nicht von sich aus gibt Jesus sein Leben her, sondern es wird ihm von anderen genommen, durch Verrat und mit Gewalt (Mk 12,1-9; 14,1f.10-21.43-52 parr). Der Gott, den Jesus ‚ereignete‘, d.h. erfahrbar machte, hat die Gabe des Friedens nicht an eine stellvertretende Bestrafung geknüpft.

Die Passionsgeschichte Jesu, wie sie in den Evangelien erzählt wird, ist nicht aus dem Boden des Sühnedenkens hervorgewachsen. Die mehrschichtige Passionsdarstellung der Evangelien ist entstanden aus dem Verlangen, die unfaßliche Hinrichtung des erhofften Erlösers (Lk 24,21: „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“) zu verkraften und die damit verbundene Anfechtung des Glaubens zu überwinden (16f).

Mk 10,45b: „und gebe sein Leben als Lösegeld für viele“. Der unmittelbare Kontext (Vv 35ff) thematisiert nicht die Frage der Erlösung, sondern die Frage der Nachfolge. Sie wird unter das Vorzeichen der Entsprechung gestellt: Wie der Meister, so die Jünger. Diese Perspektive wird durchgehalten bis V 45a: Auch „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“. Damit wird das in V 43 und 44 Gesagte einleuchtend begründet. Für V 45b ergibt sich daraus: Zum Sühnetod Jesu gibt es kein analoges Jüngerverhalten. Abgesehen von der liturgisch vorgeprägten Stelle 14,24 stellt Mk das Leben, Leiden und Sterben Jesu auch nicht als Sühnegeschehen dar. V 45b ist unter diesen Umständen eine Glosse (18).

Anders als in den Evangelien steht die Sache bei Paulus. In 1Kor 15,3-5 zitiert er ein überliefertes Bekenntnis: „Christus ist für unsere Sünden gestorben“ mit dieser Aussage nimmt die Sühnetod-Christologie im NT ihren Anfang. Eine Reihe von Faktoren haben hier zusammengewirkt: In einer neuen und unerwarteten Weise begegnet der Gekreuzigte Menschen aus seinem Jünger- und Freundeskreis, sodass es ihnen zur tröstlichen Gewissheit wurde: Er lebt! Die Hauptbedeutung der visionären Begegnungen liegt darin, dass Gott sich überraschend zu dem bekennt, der auf Betreiben gewisser Traditionalisten als ‚Gotteslästerer‘ hingerichtet wurde. „Er (Jesus) ist der Stein, der zum Eckstein geworden ist“ (Apg 4,11; Mk 12,10f). Wenn dem so war, dann musste auch im Todesgeschick Jesu bereits ein verborgener göttlicher Sinn gewaltet haben (Lk 24,26 u.ö.) (18f).

1Kor 15,3-5: heißt es nicht: ‚Christus ist für unsere Sünden gestorben‘, wie das gemäß seiner Einstellung nicht anders zu erwarten war. Schon gar nicht wird gesagt: „Christus ist für unsere Sünden gestorben“ wie er es selbst gewollt und angekündigt hatte, sondern: „Christus ist für unsere Sünden gestorben nach den Schriften“. Die frühen Christen haben die LXX, die griechische Übersetzung des ATs, abgesucht nach Verstehenshilfen für die Katastrophe der Kreuzigung Jesu. Dabei sind sie auf das Wort vom Stein gestoßen, den die Bauleute verworfen haben und der dennoch zum Eckstein geworden ist (Ps 118,22). Dabei sind sie auch auf die Klagepsalmen 22 und 69 gestoßen, aus denen hervorgeht, dass einer, der in tiefes Unheil geraten ist, deshalb nicht von Gott verworfen sein muss. Diese Entdeckung hat die Passionserzählungen in den Evangelien entscheidend geprägt. Früher oder später musste die Suche nach Deutungshilfen auch auf die atl Sühnevorstellung stoßen. Der Hinweis auf ‚die Schriften‘ will ausdrücken, dass man um die Bedeutung des Sühnegedankens im AT wusste: „Ohne Blutvergießen keine Vergebung“ (Hebr 9,22). Mit der Anwendung dieser atl Regel auf den Tod Jesu vollzog sich ein folgenschwerer Rückfall in jenes religiöse Denkmuster, das Jesus selbst enschieden abgelehnt hatte (19f).

Wie konnte es zu solch einer schwerwiegenden Überfremdung der Botschaft Jesu kommen? Dieser Vorgang wird verständlich, wenn wir uns den äußeren und inneren Druck vergegenwärtigen, dem das frühe Judenchristentum (zumal in Jerusalem) ausgesetzt war.

Der innere Druck: Es ist anzunehmen, dass nach dem Tod Jesu der Einfluss jener älteren (von Kindesbeinen an) erfolgten religiösen Prägung zugenommen hat und im Lauf der Zeit innerhalb des Judenchristentums immer stärker geworden ist. Im Judenchristentum gab es eine starke Tendenz, den ‚neuen Wein doch wieder in die alten Schläuche zu füllen‘, d.h. das Neuartige an Jesus ins Altvertraute zu integrieren und die bestehenden Unterschiede einzuebnen (Mk 2,22 parr).

Der Druck von außen: Die judenchristliche Urgemeinde war einem erheblichen Druck ausgesetzt. Sie wurde angefeindet und verfolgt als sektiererische Sondergruppe. Die Auseinandersetzung mit solchen Anfeindungen hat sich im NT im überzeichneten Pharisäerbild des Matthäus wie im antijüdischen Ressentiment des JohEvs niedergeschlagen. 5Mose 21,23: „Ein (am Holz) Aufgehängter ist von Gott verflucht“. Da hatte man es schwarz auf weiß, dass der Gekreuzigte unmöglich der erhoffte Erlöser, unmöglich der von Gott gesandte Messias sein konnte. Nein, ein frevelhafter Hochstabler musste dieser Jesus gewesen sein, ein verfluchter Übertreter des heiligen Gottesgesetzes. Derartige schriftgelehrte Polemik brachte die Christen in apologetischen Zugzwang. Als Ausweg bot sich das (im Judentum) allgemein anerkannte Prinzip der sühnenden Stellvertretung an. Gal 3,13: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“. Aber es war nicht der Fluch seiner eigenen Taten, der diesen Jesus getroffen hat. Sondern es war der Fluch unserer Sünden, den er stellvertretend auf sich genommen hat. Für uns ist er zum Fluch geworden, um uns gerade so zu erlösen vom ‚Fluch des Gesetzes‘, d.h. von der Sackgasse der Werkgerechtigkeit, mit der wir uns vor Gott ins Unrecht setzen (20f).

Parallel dazu sagt Paulus in 2Kor 5,21: Gott habe den, der von keiner Sünde wusste, „für uns zur Sünde gemacht“. D.h. Gott hat Jesus zum Träger unserer Sünde gemacht, zum rechtskräftigen Stellvertreter, zum Sündopfer, das an unserer Statt die Sünde sühnen sollte.

2Kor 5,11-21: Paulus hatte in Korinth hartnäckige und böswillige Gegner, die seinen Auftrag als Apostel nicht anerkennen wollten. Vermutlich haben diese Leute ihm seine unrühmliche Vergangenheit immer wieder vorgehalten. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (5,17). Paulus begründet das mit Gottes Versöhnungshandeln in Christus, das er als sühnende Stellvertretung (Vv 18-21) auslegt. Aus der damaligen Gesamtsituation heraus mag man es begreiflich finden, dass Paulus die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod Jesu aufgegriffen und ausgestaltet hat. Die Überzeugungskraft, die Paulus mit dieser christologischen Entscheidung gewonnen hat, muss damals erheblich gewesen sein. Das zeigen seine missionarischen Erfolge. Aber diese Weichenstellung hatte ihren Preis. Begriffliches Beutegut rächt sich bisweilen dadurch, dass es eine unvorhergesehene Eigendynamik entwickelt (21f).

e. Die bleibende Bedeutung des Kreuzes

Was bedeutet der Kreuzestod Jesu für uns, wenn wir ihn nicht mehr als von Gott geforderte und gewährte Rechtsgrundlage der Sündenvergebung sehen können? Jesus hat zum Glauben eingeladen, d.h. er hat die Menschen aufgefordert, sich ganz und gar Gott anzuvertrauen: „Seht die Vögel unter dem Himmel...“ (Mt 6,26 par). Dass Gott sich wie ein liebender Vater verhalte, dass er die Verlässlichkeit in Person sei – das hat Jesus in Wort und Tat verkündet. Für diese befreiende und heilende Botschaft hat er gelebt und sich mit seinem ganzen Wesen eingesetzt. Jesus hat die gute Nähe dieses Gottes ‚ereignet‘, vermittelt und erlebbar gemacht. Ausgerechnet dieser Mann wird verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Am Kreuz stirbt er einen abscheulichen, grausamen und sinnlosen Tod. Es gibt eine Nachtseite Gottes, die theologischem Denken und Fragen unzugänglich ist. Für Reuß bildet das Kreuz Jesu den Kristallisationspunkt aller Erfahrungen mit der Schatten- oder Nachtseite Gottes (23f).

Was hier allein zu helfen vermag, ist die Hoffnung, dass die Finsternis des Todesschattens nicht die Endstation ist und dass das Unheil nicht das letzte Wort behält. Mit der Auferweckung Jesu Christi zeigt Gott, dass er sich nachträglich doch zu dem bekennt, der in Gottverlassenheit zugrundegegangen ist, dass er ihn, den Gescheiterten, rehabilitiert, ihm recht gibt und ihn beglaubigt. Kraft der Auferweckung Jesu ist die erlösende Botschaft des irdischen Jesus für alle Zeit in Kraft gesetzt und sein befreiendes und heilendes Handeln bleibt weiterhin erfahrbar. Unsere Krankheiten und unsere Schmerzen müssen wir selber tragen. Wir können sie nicht einem Stellvertreter aufladen. Aber es kann uns geschehen, dass jemand anderes uns in unserer Notlage beisteht, dass wir mit unseren Schmerzen und unserem Leid nicht allein fertig werden müssen. Das Kreuz ist und bleibt das zentrale Symbol des christlichen Glaubens. Paulus sieht die Kreuzigung Jesu nur als gottgewolltes Heilsereignis, er sieht nicht, wie viel menschliche Unzulänglichkeit und wie viel obrigkeitliche Korruption am Zustandekommen von Jesu Todesurteil beteiligt waren. Wir haben es überall mit fehlbaren Menschen zu tun. Auch daran dürfen wir uns durch das Kreuz erinnern lassen (25f).

f. Was heißt ‚Erlösung‘?

Die Evangelien stellen uns ‚Bilder von Erlösung‘ vor Augen. In kurzen Szenen erzählen sie, wie Jesus Menschen von Krankheit und Not und einengenden religiösen Vorschriften befreit hat (Mk 2,18 - 3,6; 7,1-15). Sie erzählen von der Einladung zur (Tisch-)Gemeinschaft und von der Berufung zu sinnvollem, helfendem Handeln gemäß dem dreifachen Liebesgebot (Mk 12,30f parr): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5Mose 6,4f) und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3Mose 19,18). „Es ist kein anderes Gebot größer als diese“.

Diese Geschichten wurden nach Ostern weitererzählt, weil die Christen jener Zeit ihre eigenen Erfahrungen mit dem lebendigen, ‚auferstandenen‘ Christus in diesen Geschichten gespiegelt und gedeutet fanden! Im Erzählen der Geschichte von einst verkünden sie, wer er (Jesus Christus) ist, nicht wer er war. Bei der Erlösung handelt es sich nicht um ein Geschehen, das erst nach dem Tod aktuell wird. So gewiss das befreiende und heilende Handeln Gottes nicht an der Todesgrenze aufhört, so gewiss fängt es schon in diesem irdischen Leben an. Es zeigt sich darin, dass Gott ein anderes Gesicht bekommt und sich erfahrbar macht als ein Gott, der nicht gegen, sondern für uns ist. Diese wohltuende Nähe Gottes ist es, die Jesus Christus vermittelt, ereignet hat und die er als ‚Auferstandener‘ auch heute und morgen vermittelt. Das ist der ntl Sinn der Rede vom Heiligen Geist. Dieser Geist der Freiheit ist die Weise, wie sich der ‚Auferstandene‘ als der Gegenwärtige erfahrbar macht. Wo Christus als Heiliger Geist die bergende Nähe Gottes vermittelt, da können Menschen zuversichtlich leben und sterben (26f).

Die Heilsgewissheit muss man nicht im Sühnetod Jesu begründet sein lassen: Als Kollaborateur der verhassten römischen Besatzungsmacht gehört Zachäus zu den Leuten, die religiös und gesellschaftlich geächtet sind. Ausgerechnet bei einem solchen Menschen will Jesus zu Gast sein. Für Zachäus bahnt sich in dieser Begegnung mit Jesus eine Lebenswende an. Jesus vermittelt ihm die erlösende Gewissheit, von Gott angenommen zu sein. Aus diesem fundamentalen Angenommensein heraus wird Zachäus zu einem konstruktiven Umgang mit seiner Schuld befähigt: „Heute (nicht am Karfreitag) ist diesem Hause Heil widerfahren“ (Lk 19,1-10). Jesu Verhalten dem Zachäus gegenüber hätte kaum diese tiefgreifende Wirkung gehabt, wenn Zachäus sich nicht zuvor in einer unbefriedigenden Situation der Ausgrenzung und fehlenden Anerkennung befunden hätte. Darum kann die Theologie nicht umhin, die Grundsituation des von Gott entfremdeten Menschen als Unheilssituation mit dem Begriff ‚Sünde‘ zu deuten. Aber es geht nicht an, das Gewicht der Sünde so demonstrieren zu wollen, dass auf die Grauenhaftigkeit des Kreuzestodes Jesu hingewiesen und daraus der Schluss gezogen wird: Gott habe mit der Sünde nicht anders fertigwerden können. Dieses Klischee ist zu teuer, weil es die Notwendigkeit eines blutigen Menschen- oder Gottesopfers unterstellt. Dieses Klischee ist zugleich zu billig, weil es den Anschein erweckt, eine kritische Aufarbeitung des eigenen Fehlverhaltens und seiner Wurzeln sei nicht mehr erforderlich (28).

g. Rechtfertigung und Selbstfindung

In Röm 3,21ff legt Paulus dar, dass der Mensch allein durch den Glauben an Jesus Christus gerecht wird, nicht hingegen durch die Erfüllung des Mose-Gesetzes. Das als Heilsweg mißverstandene und mißbrauchte ‚Gesetz‘ (im Sinne der 613 Tora-Vorschriften) ist in seinen Augen ein Holzweg. Aber durch den Aufweis, dass der vermeintliche Heilsweg ein Holzweg war, wird das ‚Gesetz‘ nicht belanglos. Im Gegenteil, es bekommt so erst wieder seine wahre Würde und Aussagekraft. Mit seiner revolutionären Neuinterpretation des ‚Gesetzes‘ hatte Paulus sich erhebliche Vorwürfe des konservativen Judentums eingehandelt (29f).

Röm 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Gerecht werden = Anerkennung, Sympathie finden). Die Anerkennung, die wir ernten, beruht in aller Regel auf den Leistungen, die wir erbringen. Bei Gott findet der Mensch Anerkennung und Sympathie völlig abgesehen von seinen religiösen, moralischen, sozialen Leistungen. Paulus war ein Vollblut-Pharisäer, ein ‚Leistungs-Freak‘. Er war voll auf die Gesetzesfrömmigkeit abgefahren und hat es darin bis zur Perfektion gebracht (30f).

So lief das bei Paulus, bis Jesus Christus in sein Leben trat. Da fiel diese religiöse Leistungs-Ideologie wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In der Begegnung mit Jesus Christus erfährt Paulus: Gott bringt mir Sympathie entgegen, die ich mir nicht zuerst verdienen muss, die ich auch gar nicht verdienen kann. Dieser Gott meint es von sich aus gut mit mir und er erwartet zunächst und vor allem, dass ich ihm dies zutraue, dass ich mich seiner schenkenden Liebe öffne und sie dankbar und vertrauensvoll annehme. Glauben heißt: es Gott zutrauen, dass er es von sich aus gut mit uns meint und daraufhin in ein Vertrauensverhältnis zu diesem Gott eintreten. Wo dies geschieht, lernt ein Mensch, sich selbst anzunehmen, weil er davon ausgehen kann, dass er in letzter und höchster Instanz bereits angenommen ist (Anerkennung bei Gott = Rechtfertigung). Die Grundvoraussetzung dafür ist eine lebendige Beziehung zu dem Gott, der in Jesus Christus seine wahre Identität zu erkennen gegeben hat. Es geht um eine Gottesbeziehung, die sich tragfähig erweist in guten wie in bösen Tagen und die eine tiefe Geborgenheit und ein gesundes Selbstbewusstsein vermittelt (32f).

                   

Anhang a: Christozentrische Pluralität

J.-D.Reuß (1997)

Bei Paulus sind Kreuz und Auferstehung Jesu die beiden Pfeiler seiner Christologie. Für das, was Jesus vor seiner Kreuzigung gesagt, getan und gewollt hat, interessiert sich Paulus nur am Rande. Jesus Christus hat sich (so Paulus) freiwillig ‚dahingegeben‘, um als Sühnopfer für uns zu sterben und uns so zu erlösen. Dieses Deutungsmuster, das auf atl Vorstellungen zurückgeht, hat Paulus von der Jerusalemer Gemeinde übernommen (1Kor 15,3-5) und breit entfaltet. Es steht in Spannung zu seinem Auferstehungszeugnis. Denn zu einem sühnenden Opfertod passt keine Auferstehung. Indem ein Sühnopfer (im AT) stirbt, hat es seinen Zweck erfüllt. Es wird nicht zu einem neuen Leben auferweckt.

Johannes: Dass Gott „seinen Sohn gab“ (3,16), weist im Textzusammenhang nicht auf einen Opfertod, sondern meint Jesu Sendung in die Welt (V 17). Davor (V 14) wird das Kreuz nicht als Sühnetat, sondern als Erhöhung ausgelegt. Nach Darstellung des Johannes drohte nicht nur Jesus selbst, sondern auch seinen Jüngern die Verhaftung und Aburteilung. 10,11.15: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“. Hier geht es nicht um eine stellvertretende Sühne, sondern um ein beschützendes Dazwischentreten angesichts feindlich gesinnter Menschen. Dasselbe gilt für 15,13 (Jesus lässt sein Leben für seine Freunde). Darum sagt Jesus zu denen, die ihn verhaften wollen: „Sucht ihr mich, so lass diese (meine Jünger) gehen“ (18,8)!.

19,36 kann sich nicht nur auf 2Mose 12,46 (Passalamm), sondern ebenso gut auch auf Ps 34,20f beziehen: „Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR. Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass nicht eines zerbrochen wird“. Das Passalamm gilt weder im AT noch im NT als Sühnopfer (auch nicht 1Kor 5,7) Die Passalamm-Symbolik soll zum Ausdruck bringen: An die Stelle der Befreiung aus Ägypten, die Israel im Passafest feiert, tritt für Christen die größere Befreiung, die Jesus Christus gebracht hat!

Es gibt keine Rede Jesu zum Thema „Sühnetod‘. Die drei Stellen 1,29.36 und 11,51 sind vermutlich der sogenannten kirchlichen Redaktion zuzurechnen.

Erlöst werden die Menschen nach Johannes dadurch, dass sie Jesus als den Sohn Gottes anerkennen, ihn lieben und an seine Worte glauben (5,24; 6,68; 8,51f; 12,47f; 15,3 u.ö.). Die eigentliche Sünde besteht darin, nicht an Jesus zu glauben (16,8f); wer dabei beharrt, wird „in seinen Sünden sterben“ (8,24). Das Erlösungs-Angebot gilt nicht nur Israel, sondern aller Welt (vgl. 3,16f).

Das john Verständnis des Todes Jesu lässt sich gut aus den Abschiedsreden Jesu erheben (Kp 14-16). „Es ist gut, dass ich die Welt verlasse, denn ich gehe zum Vater, kehre also dahin zurück, woher ich gekommen bin. Gut ist es aber auch für euch, denn ich werde euch in meines Vaters Haus eine Stätte bereiten“, das ihr eines Tages ebenfalls dort einziehen könnt. Außerdem muss ich fortgehen, damit ich in neuer Weise wieder zu euch zurückkommen kann, als Tröster, Beistand, Geist der Wahrheit und Freiheit (14,2f; 16,7.9.13.16; 8,32). Darum (!) sollt ihr euch über meinen Tod freuen (14,28). Johannes misst dem Tod Jesu Heilsbedeutung bei, doch liegt sie für ihn nicht in einer stellvertretend erbrachten Sühneleistung. Aus john Sicht erleidet Jesus am Kreuz kein göttliches Strafgericht, sondern vollendet seine Sendung in die Welt mit der Souveränität eines Siegers (10,17f; 19,30). Seine Kreuzigung ist zugleich seine Erhöhung, denn er kehrt auf diese Weise zu Gott zurück (12,32-36). Karfreitag und Ostern fallen sozusagen auf den gleichen Termin.

Viele Ausleger sind zu der Überzeugung gelangt, dass Jesus selbst sein gewaltsames Ende weder angestrebt noch als Sühnopfer gedeutet hat (285-287).

                   

Anhang b: Jesu Todesverständnis

Der gute Hirte riskiert sein Leben für die Schafe (1Sam 17,34-37), aber er opfert es nicht für die Schafe. Jesus hat seine Jünger zur Nachfolge aufgerufen – zur Nachfolge in einen Sühnetod???

Der Gott Jesu braucht kein Sühnopfer (s.u.3.)

R.Laufen: Sowohl für den Menschen Jesu in seiner Hingabe an den Vater als auch für die ihm Nachfolgenden und ihr Hineingenommenwerden in seine Hingabebewegung gilt, dass sie umfangen ist von der sie erst ermöglichenden Hingabebewegung Gottes zu den Menschen. Die Liebe des Vaters ist Ursprung der Hingabe des Sohnes (Joh 3,16). Alle Initiative des Heils geht von Gott aus. Das Handeln Gottes und die Antwort des Menschen dürfen nicht als konkurrierend gedacht werden. Eine Vorstellung von christlicher Erlösungslehre, nach der Gott durch ein blutiges Opfer versöhnt werden muss, ist abwegig (192).

A. Vögtle (1985): Die Erlangung des Endheils aufgrund der dem Sünder Vergebung schenkenden und zu schöpferischer Liebe verpflichtenden Vatergüte Gottes oder aufgrund des heilsbedeutsamen Sterbens Jesu sind zwei qualitativ verschiedene heilsmittlerische Aktionen (153f).

Jesus hat seine Botschaft bis zuletzt als einzig möglichen Zugang zum Heil der Gottesherrschaft verstanden und verfochten. Warum soll er in letzter Minute von der definitiven Gültigkeit dieses Heilsweges abgerückt sein und das Sühnesterben für Israel konzipiert haben? Das schmachvolle Ende Jesu am Schandpfahl des Kreuzes wurde nicht nur von der Führungsschicht Israels sondern auch von der Majorität des Volkes als Widerlegung seines Heilsmittleranspruchs bzw. jeglicher göttlicher Sendung bewertet. Jesu Kreuzigung war selbst für die Elf ein so schwerer Schock, dass sie in ihre galiläische Heimat zurückkehrten, sich als Jüngerkreis auflösten und Simon/Petrus daselbst die erste Christophanie zuteil wurde (156).

Jesus wollte bei seinem letzten Jerusalembesuch den Glauben an seine Heilsbotschaft, nicht aber seine Hinrichtung provozieren. Es finden sich keine Worte oder sonstigen Anhaltspunkte, die auf eine Unsicherheit Jesu hinsichtlich der unbedingten Gültigkeit seines an Israel ergangenen Heilsangebots schließen ließen. Der in seiner substantiellen Herkunft von Jesus nicht umstrittene sog.‚ eschatologische Ausblick‘ (Mk 14,25) kann mit guten Gründen als ursprüngliches Kelchwort gelten und damit als Beleg, dass Jesus seinen Jüngern nicht nur seine Todesbereitschaft bekundete, sondern dieselbe auch mittels des traditionellen Bildes vom eschatologischen Mahl der neuen Gemeinschaft in der volloffenbaren Gottesherrschaft versicherte und damit auch bezeugte, dass er ‚im Angesicht seines Todes an seiner Reich-Gottes-Erfahrung festhält und sich selbst als den Ansager desselben von Gott bestätigt fühlt (157f).

Ein Wort, mit dem Jesus den Jüngern den Auftrag zur verbalen Verkündigung seines Heilstodes erteilt hätte, findet sich in den Abendmahlsberichten (einschließlich 1Kor 11,23-26) nicht. Die Gesamtüberlieferung berechtigt uns auch nicht zur Annahme, die Jünger hätten aufgrund eines Auftrags Jesu oder aufgrund ihres Sonderwissens es nach Ostern für ihre Pflicht gehalten, möglichst umgehend im ganzen Wirkungsbereich Jesu, in Jerusalem wie vor allem in Galiläa, Jesu Sühnesterben als neue Ermöglichung oder Voraussetzung der Heilserlangung zu verkünden und die Israeliten zur Aneignung der geleisteten Sühne aufzufordern. Merkwürdig ist, dass der Gesichtspunkt des ‚noch einmal‘ erfolgenden (auf neue Weise Sündenvergebung vermittelnden) Heilsangebots nicht auch die Artikulierung der nachösterlichen Todesverkündigung mitprägte. Die Verkündigung des errettenden Handelns Gottes am hingerichteten Jesus hätte für die Jünger die missionarisch grundlegende Aussage sein müssen, wenn sie vom letzten Mahl das sie sicher schockierende, deshalb auch unvergeßliche Wissen um Jesu ausdrückliche Deutung seines erwarteten Todes als Sühnesterben mitgebracht hätten: Dass Jesus vom Vergossenwerden seines Blutes „für die Vielen“ gesprochen hatte (Mk 14,24). Die als älteste kerygmatische Formel anerkannte Aussage lautete: „Gott erweckte Jesus aus (den) Toten“, ohne auf die dem Tod Jesu innewohnende Heilseffizienz hinzuweisen. Warum sollte die nachösterliche Verkündigung unter der genannten Voraussetzung zur Bewältigung des Todesschicksals Jesu, seiner so skandalösen Hinrichtung als Falschmessias, nicht auch von Anfang an die Sühne und Bund stiftende Kraft dieses Sterbens geltend gemacht haben? Dürfte man nicht erwarten, dass in Formeln, die der Auferweckung bzw. Erhöhung Jesu die Aussage von seinem Sterben voranstellen, dieses ausdrücklich auch mit dem aus Jesu Mund stammenden „für die Vielen“ gedeutet würde (159)?

Durch die im Laufe seines Wirkens erfolgende Konstituierung der Gruppe von zwölf ständigen Nachfolgern wollte Jesus die Aufrechterhaltung seines Anspruchs, ganz Israel als das Heil erbende Gottesvolk zuzurüsten, zeichenhaft zum Ausdruck bringen. Die Jünger lassen sich deshalb nur als Repräsentanten des sich dem Heils- und Umkehrruf Jesu öffnenden Israel verstehen, so sehr auch sie es an der radikalen Erfüllung des von Jesus proklamierten Gotteswillen fehlen lassen mochten (160).

Aus welchem Grund soll Jesus den Schritt von dem von ihm verkündeten Heilsweg (Heilerlangung aufgrund des existentiellen Eingehens auf den von ihm proklamierten Heils- und Heiligkeitswillen Gottes) zur Konzeption seines heilseffizienten Sterbens getan haben? Davon nicht zu trennen ist die Frage, wem dieses Sterben nach der Intention Jesu zugute kommen soll. Die These, Jesus habe jenen Schritt tun können, weil er eigentlich von Anfang an um den innerlich notwendigen Mißerfolg seines Basileia-Auftrags wissen musste, belastet den vollmächtigen Sendungsanspruch Jesu noch bedenklicher als die gleichzeitige Annahme, er habe sich eigentlich von Anfang an für eine zweite Weise der Heilsvermittlung, nämlich durch seinen Tod, als möglicher Alternative des Heilswillens Gottes offengehalten (166).