1. Nicht-soteriologische Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament

J. Becker: Die älteste Auslegung von 'Ostern' besagt, dass der Gott, der Jesus auferweckte, sich durch sein auferweckendes Handeln mit dem Gottesbild identifizierte, für das Jesus von Nazareth eingetreten war. Die Kontinuität zwischen Jesus und der nachösterlichen Gemeinde besteht darin, dass die Jünger sich legitimiert wussten, Jesu Gott weiterzuverkündigen, weil dieser Gott selbst durch Jesu Auferweckung anzeigte, wie es um die Legitimität von Jesu Gottesbild bestellt war. 'Ostern' besagt: die Gotteserfahrung mit dem Gott Jesu ist für die Jünger nach dem Kreuz nicht zu Ende. Sie hat weiterhin Gültigkeit. 'Ostern' gehört zunächst in die Theologie (106).

Die älteste Osterdeutung versteht sich als Gottes Ja zu dem am Kreuz hingerichteten Jesus. Jesus verstand sich als Prophet, der das Verlorene und dem Gerichtstod Verfallene durch Gottes gütige neue Herrschaft zu neuem Leben berief. Die Jünger interpretierten 'Ostern' als Akt des den tödlich gescheiterten Jesus zu neuem Leben erweckenden Gott. Nur der Gott Jesu, d.h. der Gott, den Jesus verkündigte, und der Gott der Jesus auferweckte, kann Verlorenes retten (Be 124).

Neben Paulus christologischer Soteriologie wird nach Ostern die theologische Soteriologie der Basileiaverkündigung Jesu weitergeführt.

H. Kessler (1972): Die Worte Jesu am Kreuz (Mk, Mt, Lk, Joh) drücken jeweils verschiedene nachösterliche Auffassungen frühchristlicher Gemeinden aus bzw. sind von der Theologie der Evangelisten bestimmt (Anm. 13).

Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnopfer, nicht als Genugtuung, nicht als Loskauf verstanden, und es lag auch nicht in seiner Absicht, durch seinen Tod die Menschen zu erlösen. Die Erlösung der Menschen hing nach seiner Meinung davon ab, ob sie sich auf seinen Gott und auf die Art für andere zu leben einließen, mit der er ihnen begegnete. Heil und Erlösung hängen für Jesus nicht erst von seinem zukünftigen Tod ab (25).

Die Anhänger Jesu haben seine Hinrichtung am Kreuz nicht als erlösendes Ereignis betrachtet. Sein Tod erschien ihnen als eine Katastrophe. Sie gerieten in eine tiefe Krise und Hoffnungslosigkeit. Erschüttert und enttäuscht flohen sie aus Jerusalem (Lk 24,21; Mk 14;50). Um den Tod Jesu nicht als das völlige Ende Jesu und seiner Sache ansehen zu müssen, bedurften sie einer neuen und besonderen Erfahrung (25f).

Alle frühchristlichen Gruppen gehen von der Überzeugung aus, dass Gott den wie einen Verbrecher Hingerichteten nicht verlassen und verstoßen und nicht bei den Toten gelassen hat. Sie gehen von der Überzeugung aus, dass Gott diesen Jesus ins Recht gesetzt und als Gerechten anerkannt hat (Ke 26).

1.1 Gott wirkt das Heil durch Jesus

H. Kessler (1970)

a. Frühchristliche Traditionen ohne Deutung des Todes Jesu

Die Logienquelle, eine Spruchsammlung (Q)

Die aramäisch-sprechenden Christen der ersten Jahrzehnte nach Jesu Tod hatten den Tod Jesu nicht zum Gegenstand ihrer Überlegungen gemacht. In Q fehlt jede Spur von einer Passionsgeschichte, auch ein ausdrückliches Passionskerygma ist noch nicht vorausgesetzt.

Diese frühe aramäisch-sprechende Christenheit Palästinas bleibt im jüdischen Kultverband, sie bleibt beim Tempel und bei der Tora. Ihr Anliegen ist die Erweckung Israels. Entsprechend der atl Tradition der Völkerwallfahrt (Jes 2,2-5) erwartet sie das Herbeikommen der Heiden als Gottes eigene endzeitliche Fügung (Mt 8,10f par).

Für Q ist der Wortlaut des mosaischen Gesetzes bis hin zu ‘Jota und Häkchen’ (Mt 5,18) unbedingt verbindlich. Q ordnet die Kultgesetzlichkeit dem Gebot der Nächstenliebe unter (Lk 11,39.42; Lk 14,5), darum konnte sie sich der ‘verlorenen Schafe des Hauses Israel’ (Mt 10,5f) annehmen (236f).

Theologisches Hauptmotiv der Logienquelle ist Jesu Ansage vom Kommen der Herrschaft Gottes (Lk 11,20; Mt 13,31ff) und vom Eingehen in sie (Mt 8,11f). Die hinter Q stehende Gruppe konnte so vorgehen, weil ihr Jesus als der kommende Menschensohn offenbart wurde und weil sie dieses Kommen angespannt erwartete. Dieser Glaube an den Kommenden wird in das irdische Leben Jesu zurückgeblendet; der Dagewesene wird von seiner Zukunft her beleuchtet.

Die Anhänger Jesu sind wie Jesus selbst Boten der Endzeit. Sie bekennen sich zu ihm, wissen sich von ihm gesandt (Lk 10,16) und erfahren um seinetwillen Abweisung und Verfolgung, einst aber himmlischen Lohn (Lk 6,22; 12,28). Auch Jesus war einem unbußfertigen, halsstarrigen Geschlecht begegnet (Mt 11,20ff), das ihn ‘Schlemmer und Zecher, Freund der Zöllner und Sünder’ (Mt 11,19) gelästert hatte (237f).

Jesu Tod war Prophetenschicksal, ihm widerfuhr was allen Boten Gottes von Seiten Israels widerfährt (Lk 11,49ff; 13,34f). Da die traditionelle Aussage am Täter, nicht aber am Betroffenen orientiert ist, liegt darin keine direkte Sinndeutung des Geschicks im Blick auf Jesus. Sein Todesgeschick ist Ausdruck der Abweisung durch Israel und damit der Unbußfertigkeit Israels. Der Dagewesene wird identifiziert mit dem kommenden Menschensohn. Der Abgelehnte kommt wieder und zwar zum Gericht! Seine Ablehnung bedeutet daher Unheil im kommenden Endgericht (Lk 12,8) (238f).

Fragmente anderer Traditionskreise

Noch für das spätere Judenchristentum ist der Tod Jesu nicht Heilsereignis, sondern Frevel der Juden gewesen. Bekenntnisformulierungen die von Jesu Tod sprachen, entstanden wahrscheinlich erst unter griechisch-sprechenden Judenchristen. Aber selbst sie brauchten Jesu Tod nicht theologisch zu qualifizieren, wie die traditionellen Formeln in 1Thess 4,14 und Röm 8,34 zeigen.

„Wenn wir glauben dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen“ (1Thess 4,14). „Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt“ (Röm 8,34).

Die von Lk gestalteten Petrusreden der Apg verwenden ein kerygmatisches Motiv, das die schuldhafte Tat der Juden und die Auferweckungstat Gottes gegenüberstellt (Ihr habt ihn getötet - Gott aber hat ihn auferweckt: 2,23f.36; 3,13ff; 4,10; 5,30; 10,39f), um so den Gekreuzigten als durch Gott bestätigt zu erweisen und den Umkehrruf an die Juden zu motivieren. Hier geht es um den Aufweis der Schuld der Menschen an diesem Tod (239f).

Auch im Horizont hellenistischer Frömmigkeit und einer ihr entsprechenden präsentischen Eschatologie braucht dem Tod Jesu nicht notwendig Heilsbedeutung zuzukommen, wie einige hymnische Fragmente hellenistischer Gemeinden zeigen. In ihnen wird der Kreuzestod Jesu bisweilen gar nicht erwähnt 1Tim 3,16: Universales Epiphaniegeschehen mit kosmischem Sieg und Erhöhung Christi; Kol 1,15-20: Unterwerfung des Alls durch die Schöpfungsmittlerschaft Christi, Versöhnung des Alls durch seine Auferstehung; die Erwähnung des Kreuzes in V.20 “indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz” ist pln Zusatz. Der Kreuzestod kann auch lediglich als Stufe auf dem nach dem Schema Inkarnation-Inthronisation gestalteten Weg des Erlösers Phil 2,6-11 erscheinen: Erst durch das pln Interpretament in V.8: “bis zum Tode am Kreuz” bekommt der Tod konstitutive Bedeutung (240).

Ergebnis

Die Anhänger Jesu, die hinter Q stehen, haben den Tod Jesu nicht eigens reflektiert. Jesu Tod wird höchstens nach der Vorstellungstradition vom gewaltsamen Prophetenschicksal als das gewohnte Geschick der Gottesboten betrachtet, das durch irdische Akteure verursacht ist, die darin ihre Unbußfertigkeit, ihren Unglauben, ihre Schuld bekunden:

„Die Juden haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind“ (1Thess 1,15). Ähnliches gilt von den traditionellen Formeln in den Reden der Apg. Die Q-Gruppe lebte in unmittelbarer Erwartung Jesu als des kommenden Menschensohns, und dabei wurde ihr Jesu Tod offenbar nicht zum besonderen Problem.

„Sie berichten … wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet“ (1Thes 1,9f).

„Ich werde vom Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes“. (Mk 14,25). Hier blickt man bei der Mahlfeier auf das baldige himmlische Freudenmahl, nicht jedoch auf Leiden und Tod Jesu, wie das die späteren Deuteworte tun. Auch die genannten Hymnenfragmente hellenistischer Judenchristen sprechen dem Tode Jesu keine eigene Bedeutung zu (241).

b. Theologische und eschatologische Deutung des Todes Jesu

Die vormarkinische Kreuzigungstradition

Die griechisch-sprechenden, der hellenistischen Diaspora entstammenden Judenchristen, die Anhänger des gekreuzigten Jesus von Nazareth geworden waren (Apg 6,1), wurden vermutlich von den ‘Sieben’, einem Kreis um Stephanus, maßgeblich bestimmt (Apg 6,3.5; 21,8). Diesem Kreis gehörte vielleicht auch Simon von Kyrene an, der Augenzeuge der Kreuzigung Jesu ist (Mk 15,21). Auf ihn geht der älteste uns erhaltene Bericht von der Kreuzigung Jesu zurück (241f).

Die älteste Schicht des Kreuzigungsberichtes (Mk 15,20b-22a.24.27)

Diesen Bericht gab man in der Form weiter, dass man ihn unter Verwendung atl Worte erzählte. Mk15,24 erinnert an den Psalm eines unschuldig leidenden Frommen (Ps 22,19 LXX). Das dürfte eine Art Vorstufe von Schriftbeweis darstellen. Hinter ihr verbirgt sich ein theologisch-apologetisches Interesse: Jesus ist nicht als Verbrecher, sondern gemäß dem im AT bezeugten göttlichen Willen unschuldig als Gerechter gekreuzigt worden. Er ist nicht einfach in eine Katastrophe geraten, vielmehr hat sich in seinem Tod Gottes Wille vollzogen. Schon die älteste Kunde von der Kreuzigung Jesu dürfte demnach nicht historischer Bericht über den Gang der Ereignisse, sondern Verkündigung des Glaubens gewesen sein (242).

Ein Messias am Kreuz war für jeden Juden ein fast unüberwindlicher Anstoß. Es bedeutete für die frühe Christenheit eine Überlebensfrage, diesem Anstoß standzuhalten, stand doch dabei die Legitimation Jesu durch Gott auf dem Spiel. Am Leitfaden des AT versuchte sie deshalb, dem im Erfahrungshorizont spätjüdischer Geschichte nicht vorgesehenen Schandtod ihres Messias ein Verständnis abzugewinnen: In Jesu Tod hat sich Gottes eigener Wille erfüllt. Dies ist die einfachste und wohl auch älteste Form, sich mit dem paradoxen Schicksal des Messias auszusöhnen (243).

An sich wies die Schrift keineswegs auf einen leidenden oder gar gekreuzigten Messias hin. Jes 53 wurde weder im Judentum noch im frühen Christentum so verstanden. Herkömmliche Schriftbegründung genügte folglich nicht mehr. Es war erforderlich, das unerhörte Geschehen des Kreuzes Christi im Lichte der ganzen Schrift zu deuten, d.h. das Zeugnis des AT aufs neue zu erheben, indem man es vom Kreuz Christi her las und auf das Kreuz Christi hin betrachtete. Dieses neue Verständnis der Schrift kommt etwa in der Formel ‘nach der Schrift’ (1Kor 15,3f) zum Ausdruck. Mit ihr will man sich nicht nur auf die eine oder andere Schriftstelle beziehen, vielmehr nimmt man die Schrift im ganzen für den gekreuzigten Messias in Anspruch. Diese Art Schriftbeweis war zunächst ein im Osterglauben wurzelndes Postulat. Man hatte im gekreuzigten Jesus von Nazareth den Messias erkannt. Seinen Kreuzestod lernte man als Gottes Ratschluss verstehen, und diesen Willen Gottes vernahm man dann auch aus der mit neuen Augen gelesenen Schrift. Auf diese Weise bekräftigte man, dass in diesem Jesus Gott, und zwar der Gott des AT, gehandelt hat (243).

Im ältesten Kreuzigungsbericht geschieht Verkündigung: Sie geschieht als Geschichtserzählung mit den Worten des AT. Sie geschieht jedoch nicht im Schema Weissagung-Erfüllung; die atl Belegstellen gelten nicht als Weissagung und die Passion nicht als ihre Erfüllung. Ein derartiger Gebrauch der Schrift entwickelt sich erst in späteren Stadien der Tradition (Mt 27,9f). Der älteste Kreuzigungsbericht zeichnet den Leidensweg und Kreuzestod in atl Wendungen als schriftgemäßen und darum nicht widersinnigen, sondern gottgewollten Weg (244).

Eine zweite spätere Schicht des Kreuzigungsberichtes (Mk 15,25f.29a.32cf.34a.37f)

Nun fließen vor allem jüd.-apokalyptische Vorstellungen ein. Das apokalyptische Abrollen der Stunden (Mk 15,25.33.34a) bringt zum Ausdruck, dass diese Passion endzeitliches Geschehen, von Gott gewollt und geplant ist und dass es darum mit Unaufhaltsamkeit abrollt. Die Gottlosen kreuzigen (Mk 15,25 in der dritten Stunde) und schmähen (Mk 15,29a.32c) den Messiaskönig (Mk 15,26), aber dadurch entlarven sie sich als verblendete Sünder, über denen in der sechsten Stunde weltweite Gerichtsfinsternis aufzieht (Mk 15,33). In der neunten Stunde, stößt der Gekreuzigte einen apokalyptischen Schrei aus und stirbt (Mk 15,34a:37). Mit diesem wortlosen Todesschrei Jesu beginnt nicht die große Nacht, sondern hört die Finsternis auf (Mk 15,33; vgl Apg 8,33a), der Vorhang des Tempels zerreißt (Mk 15,38). Das apokalyptische Gericht über die Welt schließt die Vernichtung des Tempels ein: Hinter einem zerrissenen Tempelvorhang wohnt Gott nicht mehr. Die auf den Tempel hin orientierte Torafrömmigkeit der Juden erscheint damit als unwiderruflich durch den Gekreuzigten erledigt (244f).

Judenchristen, die noch im Bann jüdischer Frömmigkeit standen, erwarteten das Gericht über die Gottlosen wie die Rettung der Jesusanhänger von der Zukunft des Menschensohns. Hier aber wurde beides als längst geschehen ausgegeben. Mit Jesu Kreuzestod hat etwas Neues begonnen. Die Finsternis ist beendet, der neue Tempel ist ein Bethaus für alle Völker (Mk 11,17). Man wandte apokalyptische Vorstellungen nicht auf das Kommende an, sondern auf ein bereits vergangenes Ereignis, auf den Tod Jesu. Damit war die Apokalyptik umgedeutet (245).

Griechisch-sprechende Judenchristen standen der Tora, insbesondere dem Kultgesetz und dem Tempel, von Anfang an mit größerer Freiheit gegenüber als ihre judaisierenden Glaubensgenossen. Vielleicht sah man in dem Kreis um Stephanus die Verheißungen von Joel (2,28-32) bereits eingetreten: den Tag Jahwes, die Verfinsterung der Sonne (Mk 15,33), die Ausgießung des Geistes (Apg 2,16ff), die Rettung durch die Anrufung des Namens Jesus (Apg 4,12; 9,14.21; 22,16; 1Kor 1,2) und auch jene apokalyptischen Verheißungen (äth Hen 90,28f) nach welchen der irdische Tempel zerstört und durch einen neuen, vollkommenen Tempel ersetzt werden soll (Mk 14,58; 15,29: Apg 6,14; 7,48ff). Dann brauchte man die Rettung nicht mehr von der Befolgung der Tora und auch nicht erst vom Kommen des Menschensohns zu erwarten. Konsequenterweise wandte man sich nach der Ermordung des Stephanus (Apg 7,54ff) und nach der Flucht des Kreises (Apg 8,1; 11,19) auch der Heidenmission zu (Apg 8,4; 11,19ff), ohne von den Heiden zu verlangen, dass sie rituell Juden werden müssten (245f).

Die Leidensvorhersagen

In der ältesten vormarkinischen Schicht des Passionsberichtes findet sich nirgendwo der Titel Menschensohn. Q kennt zwar Sprüche vom kommenden Menschensohn und solche von seinem Erdenwirken, nicht jedoch Sprüche von seinem Leiden. Solche Worte vom leidenden Menschensohn begegnen in der späteren vormarkinischen Tradition. Dort wurde die Menschensohn- und die Passionsüberlieferung verbunden (248).

Worte vom leidenden Menschensohn treten in zwei verschiedenen Typen auf: Der eine Typ begegnet in Mk 9,31b: “Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten”. Dieser Text reflektiert eine der ältesten Deutungen der Passion, die Vorstellung vom Leiden des Gerechten. Der Gegensatz Gerechter-Sünder kehrt in der Gegenüberstellung Menschensohn-Menschen (als gottfeindliches Geschlecht) wieder. Der Ausliefernde ist Gott selbst. Er gibt Jesus der sündigen Menschheit preis (248f).

Der Tod Jesu war Gottes eigene Tat. In atl und spätjüdischen Aussagen vom Leiden des Gerechten wird auch schon auf dessen Rettung, Auferstehung und Lohn vorausgeschaut. So verwundert es kaum, dass die Leidensvoraussage Mk 9,31b nachträglich um eine Auferstehungsaussage erweitert wurde (Mk 9,31c) (249).

Der zweite jüngere Typ nimmt auf die Schrift Bezug. Er begegnet in der Leidens- und Auferstehungsvorhersage Mk 8,31: “Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen”. Hier erscheint die jüdische Obrigkeit als Akteur der Passion, das wird zur Anklage gegen sie. Der Hinweis auf den verborgenen Willen Gottes der sich im Leiden des Menschensohns vollzieht, wird nun deutlicher artikuliert durch das Motiv der Schrifterfüllung: ‘es steht geschrieben’ und durch die apokalyptische Formel ‘es ist nötig’/‘muß’, mit deren Hilfe eine gottgesetzte Gesetzmäßigkeit ausgesprochen werden soll: der Tod Jesu ist nicht sinnlos, sondern nach dem Willen Gottes geschehen (250).

Paradoxerweise unterliegt der Menschensohn, dessen Erscheinen in Macht erwartet wird, ohnmächtig der Feindschaft des Bösen. Die Gottlosigkeit triumphiert über ihn. Das wiederum ist paradoxerweise von Gott so verfügt, der auch dieses Geschehen in der Hand behält und zu seinem endzeitlichen Handeln macht. In der zweiten Schicht des Kreuzigungsberichtes war mit dem Tod Jesu das Gericht über die Gottlosigkeit und über das jüdische Kultgesetz ausgesprochen (251).

Mk konnte Leidensvorhersagen und Passionstradition für seine Konzeption verwenden, nach welcher Jesus im Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung verborgenerweise der erhöhte Gottessohn ist, aber zugleich immer der gekreuzigte Jesus von Nazareth (Mk 16,6) bleibt und nach welcher Jesus in seinem Kreuzestod den neuen, nicht mit Händen gemachten Tempel, seine Geimeinde, erbaut. Mk erwartet Gericht und Heil nicht mehr von der zukünftigen Parusie des Menschensohns, sie sind für ihn im Kreuzestod schon Ereignis geworden und durch die Gegenwart des Erhöhten immer wieder neu aktuell. Das Heil steht seit Jesu Tod allen Glaubenden offen (251).

Ergebnis

  • Die Leidens- und Auferstehungsvorhersagen sind nachösterliche vaticinia ex eventu. In ihnen spricht die nachösterliche Christenheit eine Deutung der Passion von Ostern her aus.
  • In der alten Kreuzigungstradition sucht die frühe Christenheit dem Leiden und Sterben Jesu dadurch ein erstes Verständnis abzugewinnen, dass sie es unter den Willen Gottes stellt. Jesu Sterben geschah, ganz wie es in der Schrift (besonders in den Leidenspsalmen) offenbart ist bzw. wie es apokalyptischer Gesetzmäßigkeit entspricht. Jesu schändlicher Tod beruht in Gottes Ratschluss. 
  • In der zweiten, apokalyptisch gefärbten Schicht des Kreuzigungsberichtes wird das Leiden und Sterben Jesu außerdem eschatologisch qualifiziert. Es ist Gerichtsgeschehen. Gericht über die Gottlosigkeit und über das jüdische Kultgesetz als vermeintlicher Heilsweg. Das endzeitliche Gericht wird vorverlagert. Der von den Menschen gerichtete Menschensohn zeigt sich paradox und verborgen als ihr Richter. 
  • Für die zweite Schicht des Kreuzigungsberichtes fängt mit Jesu Tod etwas Neues an. Die Finsternis ist vorbei, Gott steht allen Menschen offen. Gott wirkt das Heil nicht exklusiv im Tod Jesu, sondern Gott wirkt das Heil durch Jesus. Für diesen Traditionskreis steht Jesu Leiden und Sterben nicht im Zentrum des Bekenntnisses. Mk, der diese Tradition aufgriff, hat dann das gesamte Wirken Jesu im Licht des Kreuzestodes gezeichnet und auf diesen hingeordnet (252).