1.2 Probleme des Ostergeschehens

H. Grass (1962²)

Die Orte der Erscheinungen: Galiläa und Jerusalem: Der auferstandene Herr begegnet Petrus und bald darauf den Zwölfen in Galiläa, wohin sie nach der Katastrophe geflohen sind. Diese Begegnung wird für sie zum Rückruf nach Jerusalem und zum Auftrag, dort die Botschaft vom Auferstandenen zu verkündigen. In der sich bildenden Gemeinde werden noch mehrmals Erscheinungen des Auferstandenen erlebt, beginnend mit einer Erscheinung vor einer ganzen Wolke von über 500 Zeugen, sodass Jerusalem das Zentrum der neuen Bewegung wird. Wie der Meister vor dem Passahfest, so mögen die Jünger zum Pfingstfest Jerusalem mit ihrer neuen unerhörten Botschaft beunruhigt haben. Die Apg stellt es so dar, als hätten sie sich sieben Wochen lang heimlich in den Häusern gehalten, zunächst im Umgang mit dem auferstandenen Herrn und dann auf das verheißene Pfingstfest wartend. Nimmt man an, genötigt durch die unerfindbare Tradition galiläischer Erscheinungen, dass die Jünger nach Galiläa geflohen sind, dort vom Herrn eingeholt und auf den Kampfplatz zurückgeschickt wurden, dann würde sich auch der rätselhafte sieben wöchige Zeitraum zwischen Ostern und Pfingsten mit echt geschichtlichen Vorgängen füllen. Problematisch wird dann allerdings die Vorstellung des Lukas, dass nach der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn noch ein weiterer wundbarer Anstoß nötig war, um bei den Jüngern die Verkündigung der neuen Botschaft auszulösen (126f).

Auferstanden am dritten Tag: Alle drei Formen, in denen Jesus selbst von seiner Auferstehung am dritten Tag spricht, sei es mit oder ohne Berufung auf die Schrift, sei es als Erhöhter oder als Irdischer, sind sekundär gegenüber dem paulinischen Kerygma: Dass Christus „auferweckt worden ist am dritten Tag nach der Schrift“ (1Kor 15,4). Das „am dritten Tag“ ist als eine dogmatische Setzung mit Hilfe des urchristlichen Schriftbeweises entstanden und zwar durch christologische Deutung der bereits im Judentum auf die allgemeine Auferstehung bezogenen Stelle Hos 6,2 (138).

a. Das leere Grab und die Auferstehungsleiblichkeit

Es ist bemerkenswert, dass in sämtlichen Reden der Apg niemals von dem am Verkündigungsort vorhandenen leeren Grab, das die Jerusalemer Hörer doch hätte beeindrucken müssen, die Rede ist. Wenn aber selbst der Verfasser der Apg, der in Lk 24,1ff von der Auffindung des leeren Grabes berichtet hat, seiner Darstellung der urgemeindlichen Verkündigung keine Argumentation mit dem leeren Grab einfügt, dann erweckt das den Verdacht, dass die Verkündigung des leeren Grabes nicht zu den ältesten Bestandteilen der christlichen Botschaft gehört hat (145f).

Paulus und das leere Grab

Nirgends argumentiert Paulus mit dem leeren Grab (147).

(2Kor 5,1) “Denn wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel."

Der Christ, der irdischen Leiblichkeit im Tode entkleidet, erhält die himmlische Leiblichkeit bei seiner Auferstehung. Die Vorstellung von dem im Himmel befindlichen Gewand setzt voraus, dass es zur Herstellung der neuen Leiblichkeit der Elemente der alten nicht bedarf. Die Gräber brauchen von ihr nicht geleert zu werden. Das totaliter – aliter der Auferstehungsleiblichkeit ist radikal gedacht, indem zwar eine Kontinuität zwischen dem Menschen, der den alten Leib trägt, und dem Menschen, der mit dem neuen Leib bekleidet wird, besteht, aber es besteht keine Kontinuität zwischen der alten und der neuen Leiblichkeit (163).

Konnte Paulus die traditionelle jüdische Auferstehungslehre soweit modifizieren, dass der neue Leib nicht als verwandelter alter aus dem Grab hervorgeht, sondern dass ein Übergang in einen ganz anderen himmlischen Leib stattfindet, dann wird man bei ihm auch kein sonderliches Interesse an der Frage voraussetzen dürfen, ob durch die Auferstehung die Gräber leer werden. Das lässt vermuten, dass auch bei der Auferstehung Christi sein Interesse sich nicht auf die Frage nach dem leeren Grab richtete, sondern auf die eschatologische Wirklichkeit des Auferstandenen, auf das 'soma tes doxes', auf den Leib der Herrlichkeit (164).

Phil 3,20f: “Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel, woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann“. Wie Christus nach der Niedrigkeit die doxa erhielt, so werden auch die Christen sie erhalten. Die Verwandlung ist eine vollständige. Beide Leiblichkeiten sind so verschieden wie die Welt der Vergänglichkeit von der Welt der doxa. Der Begriff 'verwandeln' lässt alle Möglichkeiten über die Art der Verwandlung offen. Ob es sich um eine Bekleidung des Selbst mit dem bereits im Himmel bereiteten Leib handelt oder um eine Umschaffung der alten Leiblichkeit, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden, so gewiss das erste Verständnis dem Wortlaut näher liegt (166f).

Die Erlösung unseres Leibes“ (Röm 8,23) ist sowohl Erlösung vom Leibe wie Erlösung des Leibes. Erlösung vom Leibe, sofern darunter der 'sterbliche Leib' verstanden ist. Erlösung des Leibes, sofern auch der neue Mensch seine individuell bestimmte eschatologische Leiblichkeit haben wird, in der er gleichgestaltet sein wird dem Bild des Sohnes Gottes (Röm 8,29).

Durch keine dieser Aussagen werden wir dazu genötigt, dass die alte im Grab liegende Leiblichkeit zur Bildung der neuen Leiblichkeit dient. Paulus hat sich, indem er die neue Leiblichkeit radikal als neue Leiblichkeit fasste, von der vulgären jüdischen Auffassung, welche die Wiederbelebung der alten Leiblichkeit glaubte, weitgehend gelöst (171).

Es ist auffällig, dass Paulus auf die Frage: “Wie werden die Toten auferstehen“ (1Kor 15,35ff), nicht auf seine Christusbegegnung vor Damaskus zurückgreift. Warum sagt er nicht: So sah er aus, ich sah ihn in dieser Gestalt. Vergleicht man die Schilderungen der Evangelien mit den Äußerungen des Paulus, dann wissen sie sehr viel genauer, wie der Herr aussah, er hatte Hände und Füße zum Betasten, Wundmale, vollzog Handlungen (Essen) wie die Irdischen und redete mit den Jüngern, wie einst der Irdische mit ihnen geredet hatte. Dagegen verzichtet Paulus auf jedes 'so sah ich ihn' (172).

Paulus hat sich das Grab Jesu aus dogmatischen Gründen leer gedacht. Der Annahme, dass er sich historisch dessen vergewissert habe, dass er in Jerusalem Nachforschungen darüber angestellt habe, selbst an das Grab gepilgert sei, steht entgegen, dass seine ganze Auferstehungsverkündigung kein Interesse am leeren Grab zeigt. Seine Gewissheit, der Herr ist auferstanden, bedurfte der Vergewisserung durch das leere Grab nicht, sondern gründete sich in der ihm gewordenen Erscheinung des Herrn. Hätte seine Auferstehungsverkündigung der Stütze des leeren Grabes bedurft, dann wäre nicht verständlich, wie Paulus in 2Kor 5,1 den pneumatischen Leib als einen im Himmel bereiteten von dort her erwarten kann, statt ihn als eine von Gottes Wundertat wiederbelebte und verwandelte alte Leiblichkeit zu erwarten. Wenn die Leerung der Gräber conditio sine qua non seines Auferstehungsglaubens war, dann hätte er schwerlich die Aussage 2Kor 5,1 machen können (172f).

b. Die Grablegungsgeschichte

Nach rabbinischen Zeugnissen wurden Hingerichtete nicht in den Gräbern ihrer Väter begraben, sondern in vom Gerichtshof bereitgestellten gemeinsamen Gräbern. Denn einen Gottlosen begräbt man nicht neben einem Gerechten (179).

Nach Mk 15,42ff müsste man annehmen, dass ein Ratsherr Joseph, der die Haltung des Synhedriums Jesus gegenüber nicht teilte, zum Statthalter vordringen konnte und die Freigabe der Leiche Jesu von ihm erreichen konnte. “(Er) fasste sich ein Herz, ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu“ (15,43b). Man müsste annehmen, dass Joseph mit einem kleinen Kreis von Helfern ohne Rücksicht auf den Feiertag die auch bei einer hastigen Bestattung beträchtlichen und Zeit erfordernden Arbeiten auf sich nahm. So konnte es nicht verborgen bleiben, wo das Grab sich befand, sobald durch die Auferstehungsverkündigung bei den Anhängern und dann auch bei den Feinden Jesu Interesse dafür entstand.

In Apg 13,29 sagt 'Paulus': “Ohne irgendeine todeswürdige Schuld zu finden haben sie von Pilatus gefordert, er solle ihn hinrichten. Nachdem sie aber alles, was über ihn geschrieben steht, vollbracht hatten, nahmen sie ihn vom Holz herab und legten ihn ins Grab. Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt“. Hier erscheint die Kreuzabnahme und Bestattung als eine Handlung, die die Jesus feindlichen Bewohner von Jerusalem und ihre Obersten vollbracht haben. Sie war ihre letzte böse Tat, bevor durch Gottes wunderbares Eingreifen die große Wendung herbeigeführt wurde. Hier fehlt noch jeder verklärende Schimmer, wie er bereits über der Erzählung von der Bestattung durch den frommen, auch auf das Reich Gottes wartenden Ratsherrn Joseph liegt (179).

In Joh 19,31 schimmert noch eine Tradition durch, dass die Kreuzabnahme und Beiseiteschaffung der Leichname auf Wunsch der Juden durch die Römer geschah: “Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über..., baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden“. Deshalb ist zu vermuten, dass die Grablegung durch Joseph von Arimathia nicht die älteste Tradition darstellt. In Apg 13,29 sind es die Juden, die Jesus ins Grab legen, während man nach Joh 19,31 die Römer vermuten müsste (179f).

Hat die Beiseiteschaffung des Leichnams Jesu wirklich durch seine Feinde stattgefunden, dann wäre die Tradition so gewachsen: Jesus wurde nach Art der Hingerichteten in ein gemeinsames Grab gelegt. Das ertrug man alsbald nicht mehr, wusste aber, dass keiner der Seinen ihm den letzten Liebesdienst getan hatte und erweisen konnte. Ein Fremder hat es getan und seinen Leichnam vor der letzten Schande bewahrt. Es konnte nun kein unbedeutender Fremder sein, sondern einer, der einen Schritt bei der Gerichtsbehörde wagen konnte, es musste ein Ratsherr sein. Der Name wurde hinzuerfunden und allmählich wurde aus dem frommen Fremden ein heimlicher (Joh 19,38) oder gar ein offener (Mt 27,57) Jünger Jesu, einer, der den Rat und die Tat des Synhedriums nicht billigte (Lk 23,51), einer, der nicht nur Jesu, sondern auch des Pilatus Freund war (Ptr-Ev 3) (180).

Es ist das Fehlen jeglicher Argumentation mit dem leeren Grab im ältesten Kerygma, was die Annahme erschwert, dass die Urchristenheit das Grab Jesu kannte (181).

Nach Mk 15,47 waren neben Joseph von Arimathia noch zwei Frauen zugegen bei der Grablegung Jesu: “Maria von Magdala aber und Maria, die (Mutter) des Joses, schauten zu, wo er beigesetzt war“. Dieser Vers klingt wie ein Nachtrag zur Grablegungsgeschichte und wie eine redaktionelle Überleitung zu der daran anschließenden Geschichte von der Auffindung des leeren Grabes. Hatte die Gemeinde in den Frauen die einzigen Augenzeugen der Kreuzigung Jesu, während der Jüngerkreis bereits geflohen war, dann lag es nahe, sie auch zu Augenzeugen der Geschichten zu machen, die man sonst noch vom Ausgang der Geschichte Jesu zu erzählen wusste (181).

Das Erschrecken der Frauen (Mk 16,5f.8) ist mit der Engelerscheinung verbunden. Als die Frauen das geöffnete Grab erblicken, treten sie ein, ohne dass von einem Schrecken berichtet wird. Aber wie sie dort den Jüngling im leuchtenden Gewand sitzen sehen, da erschrecken sie. Als dieser ihnen die unerhörte Botschaft gesagt hat, fliehen sie entsetzt. Nicht das leere Grab, sondern die Nähe des Göttlichen lässt sie erschrecken. Die Furcht der Frauen am leeren Grab stammt nicht aus historischer Erinnerung an den überstandenen Schrecken, sondern gehört zum Stil solcher Erzählungen. Aus diesem Zug ist die Historizität des leeren Grabes nicht zu sichern. Die Vermutung, dass es sich bei dieser Geschichte um eine spätere Glaubenslegende handelt, hat sich bestätigt. Die Auffindung des Grabes hängt nur an der Legende vom Besuch der Frauen am Grab am Ostermorgen (182f).

c. Ergebnis und theologische Folgerungen

Die Auseinandersetzungen über den Verbleib des Leichnams können sich an eine erst später auftretende realistische Ostertheologie, die an das leere Grab glaubte, angeschlossen haben.

Es muss die Möglichkeit offen bleiben, dass Jesus nicht nur von den Seinen verlassen gestorben ist, sondern dass sich auch keiner fand, der ihm den letzten Liebesdienst einer ordnungsgemäßen Bestattung erwies, dass auch das, was wir heute in den Evangelien über die liebende Fürsorge um seinen Leichnam lesen, sich erst langsam in der Tradition bildete, als man die Schmach nicht mehr ertrug, dass ihn alle verließen und er von allen verlassen war. Es muss weiter die Möglichkeit offen bleiben, dass, als die Jünger nach Wochen (frühestens wohl am Pfingstfest) nach Jerusalem zurückkehrten und mit der Verkündigung vom auferstandenen Herrn begannen, keine sichere Auskunft über den Verbleib des Leichnams mehr zu erhalten war, dass ein Nachforschen von Freund und Feind vergeblich blieb, von den Freunden allerdings auch nicht mit besonderem Eifer betrieben wurde, weil man des auferstandenen Herrn durch die Erscheinung gewiss war.

Wie der Auferstehungsglaube der Jünger nicht am leeren Grab entstand, sondern durch die Begegnung mit dem Auferstandenen in Galiläa, so hat sich ihre Auferstehungsbotschaft ursprünglich nicht auf den Aufweis des Grabes gestützt, sondern auf die Erfahrung des lebendigen Herrn. Erst eine spätere Zeit, die über die Auferstehungsleiblichkeit sehr viel realistischer dachte als Paulus (für die Urapostel dürfen wir dasselbe vermuten), war an dem leeren Grab direkt interessiert (184).

Paulus stellt in 1Kor 15,35ff das totaliter – aliter der Auferstehungsleiblichkeit und in 2Kor 5,1 den von Gott im Himmel bereiteten Leib heraus. Es besteht zwar personhafte Identität zwischen dem irdischen und dem eschatologischen Ich, aber es besteht nicht notwendig eine Kontinuität zwischen irdischem und himmlischen Leib, so dass dieser durch Verwandlung aus den Elementen jenes entstanden sein muss. Was wäre das für eine seltsame Vorstellung, die freilich im Judentum weit verbreitet ist, dass Gott die Elemente der längst vergangenen Leiblichkeit wieder aus Staub und Asche zusammensammeln und zur Gestaltung der neuen Leiblichkeit benutzen sollte. Die Leibhaftigkeit unserer Auferstehung... fordert nicht, dass unsere Gräber leer werden: Gott weckt uns auf zu neuer Leiblichkeit, nicht unseren verwesten Leib (185).

Auch bei Jesus fordert die Leibhaftigkeit seiner Auferweckung aus dem Tod und die Identität mit ihm selbst, in der ihn seine Jünger sahen, nicht das leere Grab. Gott brauchte das Grab nicht leer zu machen, um sein Osterwunder zu tun. Gott konnte auch Jesus einen Auferstehungsleib geben, ohne die Elemente seiner irdischen Leiblichkeit einzubeziehen. Er konnte die Jünger auch ohne aufweisbares leeres Grab der Auferstehung des Herrn gewiss machen und er hat das getan, denn der Osterglaube ist fern von der Grabstätte und unabhängig von ihr entstanden. Die historische Wirklichkeit des leeren Grabes ist nicht ein articulus stantis et cadentis resurrectionis. Die kann und darf nicht als conditio sine qua non des Auferstehungsglaubens dogmatisch postuliert werden. Wir glauben nicht an das leere Grab, sondern an den auferstandenen, lebendigen Herrn (185).

Die Art der Erscheinungen: Die Einmaligkeit und Unwiderholbarkeit der Ostererscheinungen (266f). Die Sonderstellung liegt nicht in der Form, sondern im Inhalt der Erscheinungen: Identität von Auferstehung und Erhöhung

Gesehen wurde Christus als der Auferstandene, d.h. als der erhöhte Herr, denn für das älteste Zeugnis fallen Auferstehung und Erhöhung zusammen. Eine quasi irdische Existenz zwischen Tod und Erhöhung wird nicht angenommen. In dem vorpaulinischen Christushymnus Phil 2,5ff folgt auf das „gehorsam bis zum Tod am Kreuz“ sofort das „darum hat ihn auch Gott erhöht“. Wenn nach Mk 14,62 Jesus auf die Frage seiner Richter, ob er Christus, der Sohn des Hochgelobten, sei, antwortet: „Ich bins und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels“, so scheint auch hier die Vorstellung die zu sein, dass die Erhöhung unmittelbar dem Tod folgt. Das altertümliche Wort Apg 2,36 (dass Gott diesen Christus zum Herrn und Christus gemacht habe, den ihr gekreuzigt habt), fasst auch Auferstehung und Erhöhung in eins zusammen. Ebenso scheint Apg 5,30f: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Kreuz geschlagen und getötet habt. Diesen hat Gott zum Führer und Heiland zu seiner Rechten erhöht“ nicht so gemeint zu sein, dass erst die Auferstehung und dann die Erhöhung erfolgte, sondern beide Sätzen sagen dasselbe. Die Erhöhung geschah in der Auferweckung. Auch hinter Stellen wie Apg 2,23ff;  3,13ff lässt sich dieselbe Auffassung von einem aus dem Tod ohne Zwischenzustand in die himmlische Herrlichkeit erhöhten Herrn noch erkennen. Gesehen wurde der erhöhte Herr. Es scheint so gewesen zu sein, dass sich die Auferstehungsvisionen ursprünglich dadurch von allen anderen Visionen und ekstatischen Erlebnissen unterschieden, dass in ihnen eben der erhöhte Herr selbst gesehen wurde. Jedenfalls denkt Paulus, wenn er ausdrücklich davon spricht, dass er den Herrn gesehen habe 1Kor 9,1 (dass Christus ihm erschienen sei 15,8), an das eine grundlegende Erlebnis vor Damaskus. Wäre Paulus bei der ekstatischen Entrückung ins Paradies (2Kor 12,1ff) eine Christusschau zuteil geworden, dann hätte er das sicher nicht unerwähnt gelassen, denn Christus in seiner Herrlichkeit zu schauen, das war für ihn unendlich viel mehr als himmlische Stimmen zu hören. Die glossolalischen Phänomene in 1Kor 14 und in der Urgmeinde Apg 2 sind eindeutig als Wirkungen des Geistes geschildert (229f).

Der Herr wurde in der Gestalt gesehen, die Paulus das 'Soma der Herrlichkeit' nennt. Dieses Soma pneumatikon war von ganz anderer Art als das Soma, das die evangelischen Berichte voraussetzen. Aber es hat denen, die ihn sehen durften, nicht nur die Wirklichkeit der Begegnung und die Herrlichkeit des Herrn, sondern auch die Identität der erhöhten mit der irdischen und gekreuzigten Person zur vollen Gewissheit gebracht. Hinzu kommt, dass dieses Sehen nicht nur ein Sehen war, sondern zugleich das Vernehmen eines klaren Auftrags, der im Leben der Zeugen eine entscheidende Wende bedeutete und die neue Gemeinde begründete. Es besteht keine Möglichkeit, um der Sonderstellung der Ostererscheinungen willen ihren visionären Charakter zu bestreiten (232).

e. Rechte theologische Interpretation der Ostervisionen: Das Handeln Gottes an Christus (vor all seinem Handeln an den apostolischen Zeugen und vor all seinem Handeln an uns durch das Zeugnis, das dann die Grundlage der Verkündigung der Kirche ist) muss festgehalten werden. Das heißt freilich nicht, dass dieses Handeln Gottes an Christus im großen ganzen der Art und Weise entspricht, in der die ntl Osterberichte dieses Handeln darstellen. Die naive Rezeption dieser Berichte ist uns durch ihre kritische Analyse unmöglich geworden.

Schon das älteste Osterzeugnis ist bei aller unmittelbaren Nähe zum Geschehen bereits ein menschlicher Versuch das Geheimnis auszusagen in den Vorstellungsformen der damaligen Zeugen. Alles, was im ntl Osterzeugnis berichtet wird, reduziert sich uns auf die schlichte Tatsache: Gott hat Christus nicht im Tode gelassen, er hat ihn zum neuen Leben erweckt und zu sich erhöht. Und er hat einem erwählten Jüngerkreis Christus als lebendigen und erhöhten Herrn offenbart, so dass sie gewiss wurden: Er lebt. Mehr kann nicht gesagt werden, und auch das kann nur der Glaube sagen und bekennen. Alles andere, die Auffindung des leeren Grabes, der leibhaftige, welthaftige Umgang des Auferstandenen mit den Jüngern, ist deutlich spätere Interpretation des ursprünglichen Geschehens oder wie das leere Grab, so wenig gesichert, dass es zur Näherbestimmung des Handelns Gottes an Christus nicht herangezogen werden kann. Das österliche Handeln Gottes an Christus entzieht sich jeder objektiven Kontrollierbarkeit und Konstatierbarkeit, die das Ereignis noch abgesehen vom Glauben feststellen und sichern möchte (246).

Eine in innerer Schau zuteil gewordene Begegnung der Jünger mit Christus ist uns verständlich, als wir in Berufungen und Bekehrungen von Gottesmännern, die sich bei den Propheten auch oft in der Form von Visionen und Auditionen vollzog, Gottes Walten anerkennen können, und als wir in unserem eigenen Leben Gottes Ruf an unser Herz und Gewissen vernehmen und unseren Glauben nicht auf uns selbst, sondern auf Gott zurückführen (248).

Das Ostergeschehen bleibt für den neutralen Beobachter unkontrollierbar. Keine Versetzung der Vorgänge in die räumlich körperliche Welt, wie sie in den evangelischen Osterberichten geschieht, hat seine Kontrollierbarkeit ermöglicht. Bürge ist allein der in der Christophanie überwundene Zeuge. “Wir können ja (auch unter Lebensbedrohung) nicht lassen, zu reden von dem, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Neben Petrus stehen Jakobus und Paulus, neben den Zwölfen die Fünfhundert und alle Apostel. Diejenigen, die sich im Glauben diesem Zeugnis öffnen, dürfen in mannigfachen Erweisen die Gegenwart des lebendigen erhöhten Herrn erfahren, wenn sie ihn auch nicht schauen dürfen. Aber objektiv feststellbar ist hier nichts, auch im Ostergeschehen nicht. Gottes Offenbarung entzieht sich auch hier der objektiven Feststellbarkeit (248f).

Glaube ist nicht primär Glaube an berichtete wunderbare Vorgänge, sondern Vertrauen auf den lebendigen Herrn und auf Gott, der an diesem Herrn und durch diesen Herrn an uns handelt (280).

E. Hirsch (1940): das Argument: Die Vorstellung, dass das Grab leer war, habe zum Osterglauben von Anfang an notwendig hinzugehört und daher habe man auch sofort des leeren Grabes sich vergewissern müssen scheint auf dem Unvermögen zu beruhen, sich hineinzudenken in Verhältnisse, wo Grab und Leiche von tabuähnlichem Schauer umgeben sind, wo also niemand an die Öffnung von Grabkammern denken kann, um Leichen herauszuholen und durch wissenschaftliche Untersuchungen zu identifizieren. Das Begräbnis Jesu ist unter Umständen erfolgt, die schon wenige Wochen nachher ein ganzes moderndes polizeiliches und wissenschaftliches Aufgebot erfordert hätten, um zu klären, ob die richtige Leiche (keine andere) an der wirklichen Beerdigungsstätte (keiner andern), noch vorhanden sei. Für die Nichtgläubigen war jeder Gedanke und jede Möglichkeit, auf diesem Wege den Glauben an Jesu Erweckung vom Tode zu widerlegen, ausgeschlossen (Problem 298).