2. Zum Auferstehungsglauben

M.Hengel: Ist der Osterglaube noch zu retten? Es wäre schlimm, wenn wir uns anmaßten, den Glauben an die Auferstehung Jesu retten zu können. Es ist gerade nicht unsere Aufgabe, hier 'vernünftig' begründen zu wollen, um irgend etwas zu retten. Der erhöhte Christus selbst hat die Verzweiflung und den Zweifel der Jünger überwunden und Glauben geschenkt, aus einem Simon wurde ein Petrus, aus einem Saulus ein Paulus. Dieser Glaube hat die Kirch bis heute getragen, er wird sie 'bis an der Welt Ende' weitertragen.

R. Pesch: Lukas gibt mit Hilfe der Himmelfahrtserzählung (Apg 1,9-11) eine theologische Deutung der Heilsgeschichte. Insofern er mit seiner Erzählung ein Geschehen an Jesus im Auge hat, meint er dessen Erhöhung, die kein historisches Ereignis ist. Der erhöhte Herr zeigt sich nur in der einmütigen Versammlung der Jüngergemeinde, die seinem Wort vertraut, seiner Weisung nachkommt, seiner Verheißung glaubt und seine Sendung als die ihrige, seinen Auftrag als den ihrigen übernimmt. Das sichtbare 'Wunder' ist weder ein leeres Grab noch ein wie eine Rakete zum Himmel fahrender Mensch, sondern die von Jesus gestiftete einmütige Versammlung (1,14) selbst, in der alle, die glauben und nicht zweifeln, ihren erhöhten Herrn 'schauen', der unsichtbar in ihrer Mitte real-präsent ist und durch seinen Geist alle miteinander verbindet. Die Unterscheidung von Auferweckung und Erhöhung/Entrückung nach der vierzigtägigen Zwischenzeit hat in der Thelogiegeschichte seit der Mitte des 2.Jh.; Immer mehr Raum gewonnen neben der ältesten Konzeption der Identität von Auferweckung und Erhöhung (75f).

2.1 War das Grab Jesu leer?

A. Vögtle (1975)

Die Auferstehungsbotschaft impliziert unter Berücksichtigung der damaligen jüdischen anthropologischen Vorstellungen die Leerheit des Grabes Jesu. Die Formulierung: “Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt seht den Platz, wo er gelegen hat” (Mk 16,5f) setzt eindeutig das atl ganzheitlich konzipierte Bild vom Menschen voraus: den in seiner individuellen Leiblichkeit toten und wieder lebendig gemachten Jesus. Warum aber spielte das leere Grab Jesu in der außer-evangelischen Verkündigung, speziell in der alten Bekenntnistradition keine Rolle (86)?

Man muss sich für die Möglichkeit offen halten, dass das Grab Jesu für die Vorstellung der glaubenden Jünger aufgrund der Auferweckung leer wurde, ohne dass diese Vorstellung empirisch verifiziert war, ohne dass das Leersein des Grabes festgestellt wurde. Es kann nicht die Rede davon sein, dass die Bekenntnistradition 1Kor 15, 3-5 das leere Grab als empirisches Faktum bezeugt und bezeugen will. Gute Gründe sprechen dafür, dass Paulus von der Auffindung des leeren Grabes nichts wusste.

Man versucht die Nicht-Erwähnung des leeren Grabes zu erklären: das geöffnete, leere Grab Jesu sei eine von niemandem bestrittene Tatsache gewesen, die von Christen so, von den Juden anders beantwortet wurde. Dann müssten sich die gegensätzlichen Antworten auch in der ältesten Osterverkündigung widerspiegeln (87).

Warum kennt die Bekenntnistradition nicht die Verbindung der Erscheinungen mit dem Hinweis auf das unbestrittene Faktum des leeren Grabes Jesu? Der Gedanke des Leichendiebstahls taucht erstmals in der nicht ursprünglichen Grabeswächter- und Betrugserzählung des gegen Ende des 1. Jh.s geschriebenen Mt-Ev auf. Der ntl Befund spricht gegen die Annahme, das Leersein des Grabes Jesu sei ein unbestrittenes Faktum gewesen (89).

Der Verbleib des Leichnams Jesu mußte die maßgeblichen jüdischen Kreise nicht unbedingt beschäftigen. Für jüdische Begriffe war der Auferstehungsglaube der Jünger barer Unsinn. Dass einer via Hinrichtung und nachfolgender Auferweckung/Erhöhung designierter Messias wird, als solcher im Himmel existiert, um von dort her als Repräsentant des Gerichts- und Heilshandelns Gottes zu kommen, spottet jeder zeitgenössischen Form der Vorstellung von einem von Jahwe unterschiedenen Heilbringer. Wenn die Synedristen, der hohe Rat, den Leichnam Jesu nicht vorweisen konnten, gleichzeitig aber unbedingt den Unsinn, dass die Abwesenheit des Leichnams Jesu durch ein Eingreifen Gottes erklärt wird, abstellen wollten, müsste sich ein Erklärungsversuch, z.B. die Behauptung des Leichendiebstahls, schon in alter Überlieferung reflektieren (90f).

Wenn man den Grabeserzählungen der Evangelien als historischen Kern die frühe Entdeckung des geöffneten und leeren Grabes (ohne den Engel und dessen Osterbotschaft) durch eine bzw. drei Frauen zu Grunde liegen lässt, kann man sich nur schwer vorstellen, die Nachricht der Frauen sei für Simon und seine Mitjünger so selbstverständlich oder gar so wenig von Belang gewesen, dass sie an einer persönlichen Bestätigung überhaupt nicht interessiert waren. Wenn die Jünger sich von der Richtigkeit der Nachricht der Frauen überzeugt hätten, fragt man sich: Warum soll ausgerechnet die Konstatierung des leeren Grabes durch die maßgebenden Verkündiger der Auferweckungsbotschaft keine Spur hinterlassen haben weder in den Kurzformulierungen noch in den älteren synoptischen Evangelien (93)?

Der Umstand, dass weder die synoptische Überlieferung noch die kerygmatischen Formulierungen die Jünger selbst das geöffnete und leere Grab konstatieren lassen, berechtigt zum Zweifel, ob das Grab Jesu wirklich geöffnet und leer vorgefunden wurde.

Die älteste Grabeserzählung Mk 16,1-8 enthielt von Anfang an die Proklamation der erfolgten Auferweckung Jesu und war in ihren Details konsequent auf die Botschaft des Engels als zentralen Inhalt der Erzählung ausgerichtet. Diese, ein geläufiges biblisches Stilelement verwendende Engelproklamation ist kein Faktum der Geschichte, sondern verweist auf eine Zeit, in der das Bekenntnis zur Auferweckung Jesu bereits existierte und die Reflexion über das Wie der Auferstehung zu dem Bedürfnis geführt hatte, die für palästinische Anthropologie einzig folgerichtige Leibhaftigkeit der Auferstehung Jesu explizit zu machen. Das wurde nur durch einen Boten Gottes ermöglicht. Es geht der Perikope vorrangig weder um die liebevolle Fürsorge der Frauen noch um die historische Feststellung, dass das Grab nachprüfbar leer gewesen ist, sondern es geht ihr vor allem um die Botschaft: Jesus, der gekreuzigte Nazarener, ist auferweckt worden. Die Frage nach der Leiblichkeit Jesu hat die ersten Zeugen des Auferstandenen offenbar nicht bedrückt (VöO 94f).

Das leere Grab im Mt-Ev (28,1-10)

E. Haenchen: Markus berichtet, dass die Frauen am Ende des Sabbats Spezereien kaufen, um Jesu Leichnam zu salben (Mk 16,1). Bei Matthäus wollen die beiden Frauen nicht den Leichnam salben, sondern nur das Grab sehen. So entfällt das Kaufen der Spezereien (548).

Matthäus hatte in 27,62-66 von den Grabeswächtern erzählt, die sich vor dem Grab befinden. Damit wird es ihm unmöglich, so wie Markus zu erzählen, dass die Frauen ins Grab hineingingen und dort den Engel sahen. Also muss er zunächst die Wache ausschalten: Ein großes Erdbeben ereignet sich, denn der Engel des Herrn kommt vom Himmel herab und stößt den Stein fort (28,2), auf den er sich dann setzt. So lässt sich nun sein Aussehen beschreiben und damit dessen Wirkung auf die Wache begreiflich machen: Der Engel sieht aus wie ein Blitz; ein unerträgliches Leuchten geht von ihm aus. Und sein Gewand ist weißer als Schnee. Dieser Anblick packt die Wächter, dass sie vor Furcht wie tot werden (548f).

Damit ist nun der Weg für die Frauen frei geworden, die der Engel jetzt anspricht (28,5f). Die Frauen gehen rasch vom Grab fort mit Furcht und großer Freude und laufen zu den Jüngern. Sie schweigen nicht wie bei Markus, sondern sie eilen zu den Jüngern, um die Botschaft des Engels auszurichten. Aber bevor sie die Jünger erreicht haben, begegnet ihnen Jesus und grüßt sie mit dem Segensgruß. Sie treten hinzu, berühren seine Füße und werfen sich vor ihm nieder. Jesus aber sagt zu ihnen: “Fürchtet euch nicht! Geht, meldet meinen Brüdern, sie sollen (von Jerusalem) weggehen nach Galiläa. Dort werden sie mich sehen“! (28,8f). Es bleibt nicht dabei, dass die Frauen das Grab leer finden und die Weisung eines Engels empfangen. Sie treffen Jesus selbst und indem sie seine Füße berühren, werden sie seiner körperlichen Wirklichkeit inne. Jesus hat ihnen nicht mehr zu sagen, als was sie schon vom Engel vernommen haben. Nur dass Jesus hier die Jünger 'meine Brüder' nennt, ist etwas Neues (549).

Während die Frauen hingehen, um Jesu Weisung auszuführen, kommen einige von der Grabeswache in die Stadt und melden den Hohenpriestern alles, was geschehen ist. Die versammeln sich, halten mit den Ältesten Rat und geben den Soldaten viel Geld mit den Worten: “Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr sicher seid“ (28,31f). Die Soldaten gehen auf diesen Handel ein “und so verbreitete sich das Gerücht bei den Juden bis auf den heutigen Tag“. Hier versucht die spätere Gemeinde (“bis auf den heutigen Tag“), den jüdischen Vorwurf aus der Welt zu schaffen, dass die Jünger Jesu Leichnam gestohlen haben und ihn dann als auferstanden ausgaben (549f).

Wo ist der 'mit Haut, Knochen und Sehnen' wiederbelebte historische Jesus geblieben?

L.M.: Lazarus wurde wiederbelebt, Jesus wurde auferweckt - zwei grundverschiedene Vorgänge. Lazarus ist Jahre nach seiner Wiederbelebung gestorben, aber Jesus 'lebt'. Apokalyptisches Denken konnte zwischen Wiederbelebung und Auferweckung nicht unterscheiden, weil für apokalyptisches Denken 'Leben' nur irdisch leiblich möglich ist. Deshalb musste das Grab 'leer' gedacht werden. Paulus weiß um einen 'himmlischen' Leib, einen Leib der Herrlichkeit. Nirgendwo argumentiert Paulus mit einem angeblich leeren Grab Jesu.