2. Der Tod Jesu beim Evangelisten Lukas

Vermeidung der Vorstellung vom Sühnetod (Lk-Ev, Apg)

2.1 Kreuz und Auferstehung Jesu in der lukanischen Tradition

W. Grundmann

Obwohl Lukas aus der Tradition für Jesus den Titel 'Knecht Gottes' kennt, stehen für ihn die Gottesknechtsschau prägenden Gedanken der Stellvertretung nicht im Vordergrund. Auch der dem Kultus entspringende Gedanke des Opfers bestimmt nicht die lukanische Schau des Todes Jesu. Tod und Auferstehung Jesu sind auch nicht unter dem Gesichtspunkt des äonenwendenden eschatologischen Ereignisses gesehen, wie das bei Paulus geschieht, so gewiss Kreuz und Auferstehung für ihn die Großtaten Gottes darstellen (454).

Die Großtat Gottes, die in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi geschieht, besteht darin, dass sein Weg durch das Leiden und Sterben zur Herrlichkeit, durch Erniedrigung zur Erhöhung führt. Das wird aus der Gestaltung der Leidensweissagungen ebenso deutlich wie aus dem Osterbericht (Lk 9,22-27.30f.43b-45;  12,49f;  13,31-33;  17,24f;  18,31-34;  24,6f.26.46). Diesen Weg geht er als erster. Es ist bezeichnend, dass Lk in Apg 2,25-31 den dort zitierten Ps 16 als Weissagung bezeichnet und betont, dass er an David nicht zu seiner Erfüllung gekommen ist, sondern auf Jesus bezogen werden muss. Der Weg durch Leiden und Sterben zur Herrlichkeit bei Gott ist der Weg des Messias, der durch Gottes Geist zu seinem Amt ausgerüstet und als Sohn von ihm angenommen ist, d.h., dieser Weg ist der Weg dessen, dem sich Gott zu besonderer Gemeinschaft verbunden hat. Auf diesem Weg folgen ihm seine Nachfolger (9,23-27). Stephanus wird in seinem Sterben Jesus gleich (Apg 7,55ff). 'Paulus' spricht (Apg 14,22): „Wir müssen durch viel Bedrängnisse in das Reich Gottes hineingehen“. Dem Passionsbericht Jesu im Evangelium entspricht der Passionsbericht des 'Paulus' in der Apg. Darum kann Jesus von Lk mit dem im NT seltenen Titel 'Anfänger des Lebens' belegt werden, der zugleich 'Anführer in das Leben' ist und darum 'Retter' (Soter) ist (Apg3,15;  4,12;  5,31;  Lk 2,11). Retter ist er, indem er Vergebung der Sünden spendet (die aber nicht als durch seinen Tod erworben verstanden ist) und als erster die Todesmacht durchbrechen darf und die Seinen auf diesem Weg ihm nachfolgen können (Lk 1,77-79). Dieser Weg ist „der Weg des Friedens“ (455).

Der Tod Jesu ist Durchgang zur Herrlichkeit, aber nicht Sühnetod für die Sünde der Menschheit. Die Vergebung wird mit seinem Kommen gespendet. Darum stellt Lk in besonders starker Weise Jesus im Umgang mit Sündern dar. Sein Tod deckt die Sünde auf (das scheint zu Gottes Ratschluss und Vorsehen zu gehören Apg 2,23) insbesondere die Sünde Israels, die sich im Verstoßen des verheißenen Messias vollendet. Daher werden bei Lk die Passion Jesu und das Schicksal Jerusalems so eng gekoppelt. Jesus geht in seinen Tod als der, der für seine Feinde betet (23,34), wie er auch für seine Jünger in ihrem Unverständnis und dem daraus resultierenden Versagen gebetet hat (Lk 22,31f). Darum bietet Petrus (der die Vergebung erfahren und auf den Weg Jesu zurückgebracht worden ist 22,61f;  24,34) den Männern von Israel, als er ihnen die Erhöhung dessen, den sie gekreuzigt haben, zum Messias und Herrn proklamiert, die Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden an (Apg 2,36-38) und bestätigt die Gültigkeit der Verheißung für sie (Apg 2,39), als sie betroffen von der Messiasverfehlung, die ihre Schuld ist (Apg 2,37), fragen, was sie nun in dieser Lage tun sollen. Erst das Beharren der Mehrzahl Israels in der Abweisung Jesu bringt für Jerusalem das Gericht. Die Vergebung geschieht auf der Grundlage der Vollmacht und Fürbitte Jesu, nicht seines Todes (455).

Der entscheidende Grund für Gottes vorbedachten Rat und Vorsehen (aus dem heraus Jesu Preisgabe in Menschenhände erfolgt) besteht darin, dass auf diesem dunklen Hintergrund Gottes Großtat geschieht, die das Vornehmen der Menschen beantwortet, indem sie die Fesseln des Todes sprengt. In diesem Zusammenhang wird gesagt: „Es war unmöglich, dass Jesus vom Tod festgehalten werden konnte“ (Apg 2,24). Dieses 'Unmöglich' wird durch den Hinweis auf Ps 16 begründet. Die Aussage dieses Psalms, der als Verheißung bezeichnet wird, die auf Jesus deutet, hat darum für das Verständnis des Lk entscheidende Bedeutung (455f).

Für den Sänger dieses Psalms ist das Glück der Gottesgemeinschaft, die sein Leben bestimmt, Ausgangspunkt seines Betens. Gott ist aus seinem Leben nicht wegzudenken. Ihm bekennt er seine Treue, weil er bei ihm Zuflucht gefunden hat. Was er zum Leben und im Leben empfängt, wird ihm zum Beweis der Güte und Huld seines Gottes. Er lässt Gott nicht aus seinen Augen und empfängt dadurch für sein Leben Festigkeit. Auf der Grundlage der 'Lebensgemeinschaft' mit Gott kommt er zu der Überzeugung, dass diese durch den Tod nicht mehr aufgehoben werden kann. Die Lebensgemeinschaft mit Gott begründet die Ewigkeit des Lebens in dieser Gemeinschaft und schafft die Überzeugung, dass für die Lebensmacht Gottes Tod und Unterwelt kein unüberschreitbares Hindernis mehr sind, woran jene Lebensgemeinschaft zerbrechen müsste. Was hier ausgesagt wird, ist der Durchbruch der Einsicht, dass Gott den nicht im Tod lässt, den er sich erwählt und verbindet (456).

Diesen Psalm nimmt Lk auf. Seine Aussage sieht er in Jesus erfüllt. Jesus ist der, den Gott sich zum Sohn erwählt und mit seinem Geist begabt und aus ihm gebildet hat. Darum kann er nicht im Tod bleiben. Wenn dieser Jesus „der Anführer in das Leben“ ist, so bedeutet das, dass denen, die sich ihm verbinden, aus der Gemeinschaft mit ihm widerfährt, was ihm auf der Grundlage seiner Lebensgemeinschaft mit Gott widerfahren ist. Er nimmt die Seinen in seine Gemeinschaft mit Gott hinein (Lk 11,1ff), stellt sie in seine Nachfolge und gibt ihnen den Geist, den er vom Vater empfangen hat (Apg 2,33). Er hat als der durch den Tod Gegangene den Namen empfangen, dessen Anrufung den, der ihn anruft, zu retten vermag. Scheitert der Versuch der Juden, Jesus durch Tötung zu beseitigen, an seiner Auferweckung durch Gott, so scheitert der Versuch, die Proklamation seines rettenden Namens durch Totschweigen dieses Namens zu verhindern (Apg 3,6,16;  4,7.19.12.17f.30) an der Gabe des Heiligen Geistes, die den Zeugen das nicht mehr totzuschweigende Wort und diesem Wort Vollmacht und denen, die es ausrichten, Schutz gibt und sich als Kraft erweist. Ruft Ostern den Getöteten ins Leben mit Gott, so überwindet Pfingsten, dass der rettende Name, den er empfangen hat, totgeschwiegen wird, indem den Zeuge der 'Freimut' geschenkt wird (Apg 4,29.31) (456f).

Der vom Griechentum herkommende Mensch der hellenistischen Zeit hat keinen unmittelbaren Zugang zu dem, was eschatologisches Geschehen ist, wie ihm auch Stellvertretung und Sühnetod fremd bleiben. Ihm öffnet sich der Zugang zum Verständnis vom Handeln Gottes her, das dadurch ins Leben eingreift, dass es einen Weg öffnet und ein Beispiel setzt. Darum tritt bei Lk auch an die Stelle der zeitlichen Komponente im Verstehen der Gottesherrschaft die räumlich (457).