2.2 Das lukanische 'Weg-Schema'

R. Schnackenburg

Der Tod Jesu hat bei Lukas (Lk) keine Heilsbedeutung, wenn man paulinische (pln) Maßstäbe anlegt. Die Formel „zur Vergebung eurer Sünden“ (Apg 2,38) ist mit der Taufe auf den Namen Jesu Christi verbunden. Man empfängt die Vergebung der Sünden durch den Namen Jesu (10,43), durch Christus nach seiner Auferweckung (13,38), als Frucht der Umkehr (5,31;  26,18). Eine Beziehung zum Tod Jesu als Ursprung und Quelle der Erlösung wird nicht hergestellt. Auch Apg 20,28 erweist sich als unbrauchbar für den Sühnegedanken. Für Lukas hat die Kirche als Ort des Heilsempfangs eine hervorragende Bedeutung und in diesen Zusammenhang gehört die formelhafte Wendung „durch das Blut seines Sohnes“. Die einzige Stelle, die von der Heilsbedeutung des Todes Jesu innerhalb des lkn Doppelwerks spricht, ist die eucharistische Stiftung (Lk 22,19f). Hier nimmt Lk eine Tradition auf, aber maßgeblich für seine Theologie ist dieser Gedanke nicht geworden. Lk hat die entscheidende pln Aussage des Todes Jesu als des Christus 'für uns' in seiner theologischen Konzeption bewusst übergangen (214f).

Der archegos (Anführer) ist christologischer Titel für die rettende Funktion Christi (Apg 3,15;  5,31). In Apg 3,15 wird Jesus seinen jüdischen Hörern als messianischer Anführer vorgestellt; mit seiner Auferstehung ist die messianische Heilszeit angebrochen. Er führt die ihm Nachfolgenden in das Verheißungsland des 'Lebens' hinein. Jesus erlangt eine einmalige und endgültige Heilsbedeutung, weil er, alle Propheten und früheren Führer Israels übertreffend, in das eschatologische Leben der 'Auferstehung' vorangegangen ist und dahin zu führen vermag. In Apg 5,31 wird der von Gott Erhöhte außerdem noch der Retter (soter) genannt, der Israel „Umkehr und Vergebung der Sünden“ geben soll. Die Sündenvergebung ist die Konsequenz der Metanoia zu Jesus. So erhält auch die Sündenvergebung ihren 'Ort' im Wirken des erhöhten Christus. Der irdische 'Ort' zu ihrer Vermittlung ist die Taufe, die mit der Gabe des Heiligen Geistes verbunden ist (Apg 2,38;  10,47;  19,5f;  22,16). Diese Sicht auf Jesus, den Anführer zum Leben und endgültigen Retter, in dessen Person allein das Heil begründet ist (Apg 4,12), erklärt sich aus der heilsgeschichtlich orientierten Theologie des Lk. Das Kommen Jesu ist der Beginn der erwarteten Heilszeit, die Erfüllung aller darauf bezüglichen Prophetie des AT. Diese Zeit gliedert sich in die Zeit Jesu, des messianischen Geistträgers und die Zeit der Kirche, in der die an Jesus Glaubenden mit dem Heiligen Geist getauft und neue Gläubige durch die Mission gewonnen werden. Jesus selbst geht seinen Weg von Galiläa nach Jerusalem, wo sich für ihn „die Tage seiner Hinaufnahme“ erfüllen und wird dann zum Anführer der ihm Nachfolgenden, die auf Erden noch durch viele Drangsale schreiten müssen (Apg 14,22), bis die „Zeiten der Erquickung“ und der „Wiederherstellung aller Dinge“ kommen (Apg 3,20f) bzw. mit der Parusie Christi die Erlösung vollendet wird (Lk 21,28). Es ist eine Theologie der voranschreitenden Entfaltung und Verwirklichung des göttlichen Heilsplans, eine Theologie des 'Weges'. In ihr hat auch der Tod Jesu seine Bedeutung: „Musste nicht der Messias all das erleiden und so in seine Herrlichkeit eintreten“ (Lk 24,26) (215f)?

In der lkn Konzeption ist der Tod Jesu nicht die Quelle, aus der alles Heil für die anderen fließt, sonder eine notwendige Station auf seinem Weg zum Heilsführer für diejenigen, die ihm auf dem gleichen Weg folgen, allein durch ihn dazu befähigt und allein durch ihn und seinen Geist vorangeführt. Die Vergebung der Sünden ist nicht anders als vom erhöhten Christus, der das aufgrund seines freiwillig übernommenen Todes geworden ist, zu erlangen (216f).

Folgende Aspekte der lkn Konzeption können dem heutigen Menschen den Zugang zum Verständnis der christlichen Erlösungsbotschaft erleichtern:

a) Die über den Tod Jesu ausgreifende Beachtung des gesamten Weges Jesu, die sein irdisches Heilswirken einbezieht z.B. „wie er umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38). Die 'Pro-Existenz' Jesu findet schon in seinem Leben zu allen Menschen, besonders zu den Kranken und Bedrückten, den Armen und Missachteten, Ausdruck. Gottes Erbarmen wird in Jesu Erbarmen mit den Sündern anschaulich (217f).

b) Der geschichtliche Prozess, wie Gottes Heil in und seit Jesus zu den Menschen kommt, sich in die menschliche Geschichte einstiftet und trotz der Macht des Bösen in sie eindringt und in ihr vordringt.

c) Die Verlorenheit und Verlassenheit des Menschen in der Welt, aus der ihm Jesus einen Ausweg zeigt. Jesus ist der einmalige und exemplarische Mensch, lebendige Gegenwart, gegenwärtig Helfender und Heilender. In seiner Person wird Gottes Gegenwart in unserer Welt gewiss, wird Gott als der Liebende und Erbarmende, aber auch als der Liebe und Erbarmen Fordernde erfahrbar.

d) Die Kirche als Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden: In der Gemeinde der gemeinsam auf dem Weg zum endgültigen Heil Voranschreitenden geschieht Vergebung der Sünden, herrscht Freude und Trost des Heiligen Geistes, bemüht man sich um brüderliche Liebe, die der „Anführer zum Leben“ vorgelebt und in Leiden und Tod durchgehalten hat.

Die lkn Konzeption ist als apostolisches Kerygma in den Kanon der ntl Schriften eingegangen (218f).