(3) Ähnliche Vorstellungen im JohEv

Die Spannweite: gegenwärtige Begegnung und Vereinigung mit dem Herrn und volle Vereinigung in der Doxa beim Vater, als künftige Gabe, die sich gerade durch diese gegenwärtige Verbundenheit der Jünger mit ihrem Herrn anbahnt, findet sich noch öfters im JohEv. Ein typischer Begriff der neuen Existenz in Christus ist die ‚Zoe‘, die gegenwärtige Gabe des Erhöhten für den Glaubenden. Der Evangelist versteht die ‚Zoe‘ auch als den Lebensbereich, der seine volle Entfaltung erst jenseits des Todes findet. Bei den Synoptikern ist die ‚Zoe‘ die eschatologische Gabe der Endzeit. Auch für Johannes ist die ‚Zoe‘ endzeitliche Heilsgabe. Sie wird aber dem Glaubenden schon jetzt zuteil. Sie ist unzerstörbar und wirkt über den Tod des Glaubenden hinaus. In dem Begriff ‚Zoe‘ ist die Spannweite von gegewärtigem Leben und nicht aufhebbarer Zukunft enthalten (334f).

12,25: Wer sein Leben liebhat, der wird‘s verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt ‚hasst‘, der wird‘s erhalten zum ewigen Leben“.

(1) Während die synoptische Form durch das „um meinetwillen“ als Nachfolgebedingung formuliert ist, scheint Joh zunächst ein allgemeines Gesetz zu formulieren, das zum Weizenkornspruch parallel steht, und für alle Glaubenden gilt, nicht nur für die Märtyrer (336f).

(2) Die john Formel: „es für das ewige Leben bewahren“ meint die künftige, unzerstörbare, unaufhebbare Existenz des Heils.

(3) Durch die Einfügung „in dieser Welt“ zeigt sich, dass der Evangelist bewusst Akzente setzt und das „ewige Leben“ klar von diesem Kosmos abhebt, in das hinein das individuelle Leben gerettet werden kann. Da es im JohEv für „diesen Kosmos“ kein Äquivalent gibt und nie von einem kommenden Kosmos oder Äon gesprochen wird, das ‚touto‘ diese gegenwärtige Welt als den Ort der Heilsgeschichte nur hervorhebt, die Jesus wieder verlässt (13,1; 16,28), kann mit der ‚Zoe‘ auch nur jener Lebensbereich gemeint sein, der jenseits des Todes beginnt, auch wenn dieses Leben schon jetzt dem Glaubenden zuteil wird. Die ‚Zoe‘ ist bereits gegenwärtige Gabe, die die Kraft hat, den physischen Tod zu überdauern, sie ist aber zugleich das Leben, das erst beim Vater („im Haus meines Vaters“ 14,2) endgültig und vollendet zur Entfaltung kommt. Es gibt für den einzelnen ein Heil, das in dieser Welt so noch nicht möglich ist (337f).

16,33: in der Welt habt ihr Drangsal – aber seid getrost: ich habe die Welt überwunden“. Auch wenn die Jünger die Welt im Glauben an Jesus Christus überwinden (1Joh 5,4f), so haben sie doch in ihr Drangsal, so ist das Heil, das Leben, die Verbundenheit mit dem Herrn, noch vorläufig und kann noch verloren gehen (darum die stete Mahnung: „bleibt in meiner Liebe“ : 15,9f.13). Auch in der zweiten Abschiedsrede ist im Hintergrund das Wissen um eine künftige, letzte Vollendung des Gläubigen vorhanden, die nach dem Hass und der Verfolgung durch die ‚Welt‘ (15,18 - 16,4) beginnt (338).

Der Gottgezeugte besitzt nicht nur die beständige Kraft zur Überwindung der Welt in sich, sondern er hat den Sieg bereits durch den Glauben erfochten. In allen Stellen, die durch jene Spannweite von gegenwärtiger Gabe und künftiger, realer Vollendung bestimmt sind, ist eine lokale Vorstellung vorhanden, sei es dadurch, dass sie durch die Angabe „in dieser Welt“ oder durch die Präposition „zum Leben“ hervorgerufen wird. Bestimmend ist diese lokale Vorstellung vor allem in den christologischen Aussagen: Jesus ist in diese Welt gekommen und verlässt sie wieder und geht zum Vater; obwohl er immer schon mit dem Vater verbunden ist, ist er doch auf dem Weg zu ihm. Mit dem „Gehen zum Vater“ ist sowohl sein Weg in den Tod wie in die Herrlichkeit, die er vom Anfang der Welt an hatte, gemeint (17,24) (339).

Es gibt eine Reihe von Aussagen, die betonen, dass dort, wo Jesus hingeht, die Juden (7,34; 8,21) wie auch die Jünger (13,33) nicht kommen können. Zwischen Jesus und ihnen gibt es eine deutliche Distanz; denn er ist nicht von dieser Welt (8,23). Dennoch scheint es für die Jünger, die er aus der Welt auserwählt hat (15,19) und die darum nicht mehr von der Welt sind (15,19; 17,14.16), so etwas wie eine Teilnahme auch auf seinem Weg zum Vater zu geben. Der Evangelist verwendet dafür den Begriff der Nachfolge (12,26) (340).

Die Jünger folgten Jesus (1,38.40; 18,15) und Jesus fordert sie dazu auf (1,43). Wenn Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in der Finsternis, sondern kommt zum Licht des Lebens“ (8,12), dann hat ‚nachfolgen‘ den Sinn von ‚glauben‘, wie in der Hirtenrede (10,4f.27), wo unter dem Bild der dem Hirten folgenden Herde die Glaubenshaltung der Seinen dargestellt wird. Die syn Aufforderung zur Nachfolge ist in diesen Stellen bei Joh weiter gefasst und bezeichnet die geistige Haltung des Glaubenden seinem Herrn gegenüber (340).

13,36: Auch hier denkt der Evangelist an eine Nachfolge auf dem Weg zum Vater. Mit dem „Wohin ich gehe, kannst du mir jetzt nicht folgen, aber du wirst mir später folgen“ greift er zwar 13,33 und die damit zusammenhängende Aussagenreihe (7,34; 8,21) auf, die die Sonderstellung Jesu hervorhebt, und das „wohin ich gehe, könnt ihr nicht hinkommen, sage ich jetzt auch euch“, klingt zwar hart, aber der Satz hat zunächst die Aufgabe, die eigentliche Situation bewusst zu machen. Auch sie werden von ihm getrennt sein und ihm nicht einfach folgen können. Wenn sie trotzdem später mit ihm vereinigt werden, so ist es das Werk Jesu (14,2f.6) (340f).

13,33:Kinder, ich bin noch eine kleine Weil bei euch. Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen“. Durch das ‚Kinder‘ hebt sich diese Aussage von der in 7,33-36 und 8,21 ab. Wenn 13,36 gesagt wird, Petrus werde Jesus nicht jetzt, aber später folgen, dann ist zwar zunächst das Martyrium gemeint, wie es die Antwort des Petrus in 13,37 nahelegt. Petrus wird Jesus zwar einmal in den Tod des Martyriums folgen und wie Jesus durch seinen Tod zugleich in die Doxa des Vaters geht, so wird auch er dadurch in die Doxa kommen (341).

12,26: Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren“. Nachfolgen ist ein Teilnehmen am Schicksal Jesu, an Tod und Herrlichkeit. Was 13,36 dem Petrus gesagt wird, gilt allen. Die john Fassung hat bis auf das verpflichtende „er folge mir nach“ mit den syn Fassungen nichts gemeinsam. Das john Logion ist durch den Satz „wo ich bin, da soll mein Dieser auch sein“ erweitert und durch den Parallelsatz: „wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren“ entfaltet (341f).

Gefragt wird nach dem Schicksal des Jüngers. Schon der Kontext (12,24f) zeigt, dass das Ziel, ein Ziel jenseits des Todes („für das Leben“), im Blick ist. Zwar wird der Jünger auch hier aufgefordert, Jesus zu folgen, zugleich aber knüpfen sich Verheißungen an, die die Schicksalsverbundenheit des Jüngers mit seinem Herrn zur Grundlage haben. Dort, wo Jesus ist, wird auch sein Jünger sein und damit es nicht übersehen wird, dass diese Verheißung auch für die Doxa beim Vater gilt, fügt Jesus den Satz hinzu: „wenn jemand mir dient, wird ihn der Vater ehren“, wobei ‚ehren‘ wie in 4Makk 17,20 und Hebr 2,9; 1Ptr 1,7; Röm 2,7.10 die himmlische, eschatologische Herrlichkeit meint (342).

Das Nachfolgen bedeutet, wie der Kontext zeigt, zunächst die Nachfolge in den Tod (V 24). Die Verben ‚hassen‘ und ‚lieben‘ in V 25 zeigen, dass die Nachfolge ins Martyrium auch übertragen verstanden werden kann, als Bereitschaft zur Selbstaufgabe im Dienst Christi (vgl. 1Joh 3,15ff). Unter diesem Gesichtspunkt bietet sich das Herr-Knecht-Motiv (13,16; 15,20) als Parallele an, denn dieses scheint hier das Verhältnis Jesus-Jünger zu bestimmen und letztlich für das ‚Dienen‘ verantwortlich zu sein. Ähnlich wie im Liebesgebot (13,34) und in der Paränese der Fußwaschung (13,15) steht das Beispiel Jesu im Hintergrund, das hier die Funktion hat, die Schicksalsgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern zu beschreiben. So bezeichnet das ‚Nachfolgen‘ nicht nur die Nachfolge in den Tod und die dadurch bedingte Lebenshaltung der Jünger, sondern auch das Eingehen in die Doxa des Vaters, wo sie vom Vater geehrt werden. Damit verheißt Jesus seinen Jüngern auch jenseits des Todes sein Schicksal und eröffnet ihnen trotz aller Gegenwärtigkeit des Heils eine reale Zukunft (342f).

17,24:Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir sind, die du mir gegeben hat, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war“. Hier begegnen wir dem gleichen Gedankengang, wenn auch nicht mehr im Bild des Weges. Nachdem Jesus in seinem Abschiedsgebet für die Bewahrung (17,11-15), die Heilung (17,16-19) und die Einheit (17,20-23) der Jünger in dieser Welt gebeten hatte, erbittet er nun vom Vater, dass die Jünger, die ja schon die Doxa erfahren haben (17,22), dort seien, wo er ist und die Doxa schauen, die ihm der Vater gegeben hat. Die Doxa, die die Jünger dort schauen sollen, wo er ist, ist die Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, ehe die Welt war (17,5). Da er nun zum Vater geht und insofern nicht mehr in dieser Welt ist (17,11.13), wird ihm diese Herrlichkeit beim Vater zuteil. Der Vater wird sie ihm geben, da er bereit ist, ihn durch seinen Tod, durch den er sein Werk vollendet (17,4), hier auf Erden zu verherrlichen (343f).

Die dringende Bitte Jesu, die wie eine Forderung ausgesprochen wird, dass die Seinen mit ihm dort seien, wo er ist, zielt auf eine gleiche Vollendung der Jünger beim Vater hin, wie er sie in diesem Gebet für sich selbst erbittet. Sie werden schon jetzt in dieser Welt Gottes Herrlichkeit erfahren (17,22) und Jesus ist schon in ihnen verherrlicht (17,10), aber das hindert Jesus nicht, ihnen auch eine Teilnahme mit ihm an seiner Doxa beim Vater zu verheißen (17,24). Wiederum zeigt sich diese Spannweite von gegenwärtigem, bereits in dieser Welt erfahrbarem Heil und einer realen Zukunft, in der die Seinen endgültig die von ‚der Hülle der Sarx befreite Doxa‘ schauen werden. Es ist die Schau gemeint, von der 1Joh 3,2 sagt: „Wir werden ihn sehen, wie er ist“. Der Hintergrund dieser Verheißung Jesu, dass er die Seinen in die Wohnungen beim Vater nehmen werde, d.h. in den der Welt transzendenten Bereich des Vaters, damit sie seien, wo er ist, obwohl er mit ihnen in dieser Welt verbunden bleibt, ist die Christozentrik des Evangeliums. Im Glauben an ihn, den Offenbarer des Vaters, werden die Jünger in sein Schicksal hinein genommen und er ist es, der ihnen dies erst ermöglicht (344f).


(4) Joh 14,2f – ein Teilaspekt der john Christologie

Die Reden Jesu sind in diesem Evangelium aus der Sicht des Erhöhten gesprochen. Sie sollen der joh Gemeinde ihre neue Existenz im erhöhten Jesus bewusst machen. Da für den Evangelisten das erste Kommen Jesu und infolge davon sein Tod und seine Auferstehung das eschatologische Ereignis ist, bildet auch die Gemeinde in dieser Welt bereits die eschatologische Heilsgemeinde, die der eschatologischen Heilsgaben schon teilhaftig ist. Weil die Jünger an Jesus glauben, sind sie bereits aus dem Tod ins Leben geschritten. Der Evangelist weiß aber, dass es sich hier um ein Glaubensgeschenk handelt, dass die Jünger in dieser Welt noch bedrängt sind, dass für ihre Bewährung noch gebetet werden muss und dass sie selbst alles daran zu setzen haben, in der Liebe Jesu zu bleiben. Die in Jesus Christus erfüllte Zeit, die Christusgemeinschaft ist die Heilszeit in der Vorläufigkeit des Irdischen. Darum steht dem Einzelnen noch eine reale Hoffnung offen (345f).

So wie Jesus, der immer schon mit seinem Vater verbunden war, in Tod und Auferstehung zum Vater geht, so ist auch für die Jünger der Vater jenseits des Todes das Ziel. Dieses Ziel können die Jünger nicht aus sich erreichen. Jesus selbst erwirkt es ihnen durch und sein Wiederkommen als Auferstandener, das sie in ganz neue Beziehung zu ihm setzt. Schon durch dieses im Kreuzestod erwirkte Kommen Jesu und sein Weiterwirken durch den Parakleten bezieht er die Jünger in die Gemeinschaft mit sich und durch ihn mit dem Vater ein. Er zieht sie an sich (12,32). Diese Verbundenheit mit ihm vollendet sich dann über den Tod hinaus in der Doxa beim Vater. Jesus nimmt die Seinen zu sich. Dort, wo er ist, in der Doxa beim Vater, die ihm schon von Anfang an zu eigen war, werden sie auch durch ihn eine Bleibe finden. So wie für Jesus der Tod die Wende und die eschatologische Stunde bedeutet, die ihm die Doxa des Vaters wiederschenkt, so vollendet sich das Schicksal des Jüngers im Tod. Er darf nun auch die Doxa sehen (17,24). So hat der Jünger eine wirkliche Zukunft vor sich und ist durch Jesus doch bereits in diese hineingenommen. Jesus ist der Garant aller Hoffnung. Der Evangelist gibt nur das Ziel an, das Vaterhaus Jesu und den Weg, den Glauben an ihn, der dem Jünger jetzt schon das Leben schenkt und es bei Vater vollendet. Die Verheißung gilt allen und sein Kommen beginnt mit Ostern. Die Formel des Evangelisten ist die Nachfolge als die Schicksalsgemeinschaft des Jüngers mit seinem Herrn (346f).

Im JohEv ist die geschichtliche Einmaligkeit vom Kommen und Wirken Jesu und der Tod am Kreuz die unerlässliche Voraussetzung der Verheißung und der Gehorsamsakt des Glaubens die Bedingung der Nachfolge. Das Thema von der Nachfolge als Schicksalsgemeinschaft ist die Konsequenz der joh Christologie. In seinem christologischen Konzept gibt es keinen Platz für eine zukünftige allgemeine Heilserwartung. Das Entscheidende ist schon geschehen. Jesus ist nicht nur der Offenbarer, sondern auch der Vermittler des Heils. Jesus lässt die Seinen an seinem Schicksal teilnehmen, er erwirkt ihnen beim Vater, dort, wo er ist, eine Bleibe und nimmt sie zu sich (347f).

Literatur

Dibelius, Martin
1953, Jungfrauengeburt und Krippenkind, in: Botschaft und Geschichte

Fischer, Günter
1975, Die himmlischen Wohnungen, Untersuchungen zu Joh 14,2f

Frankemölle, Hubert
1974 und 1984, Jahwe-Bund und Kirche Christi

Luz, Ulrich
2002, Das Evangelium nach Matthäus