2.4 Schwierigkeiten mit der Auferweckung Jesu

H. Küng

Auferweckung Jesu: In den Ostergeschichten geht es nicht um Polizeirapporte, sondern um Glaubenszeugnisse (135).

Nicht durch das leere Grab, sondern durch Offenbarungen kamen die Jünger zum Glauben an Jesu Auferweckung zum ewigen Leben. Historisch lässt sich ein leeres Grab für uns heute nicht verifizieren. Weder Jesu noch unsere Auferweckung ist von einem leeren Grab abhängig. Die Wiederbelebung eines Leichnams ist keine Vorbedingung für eine Erweckung zum ewigen Leben. So ist auch für Paulus nicht das leere Grab, das er nicht erwähnt, sondern der Erweis Jesu als Lebendigen für seine Verkündigung entscheidend. Nicht zum leeren Grab ruft der christliche Glaube, sondern zur Begegnung mit dem lebendigen Christus selbst (137).

Die Auferweckung Jesu ist kein historischeres Ereignis. Auferweckung ist kein raum-zeitlicher Akt. Auferweckung meint nicht ein Naturgesetz durchbrechendes, innerweltlich konstatierbares Mirakel, nicht einen datierbaren supranaturalistischen Eingriff in Raum und Zeit. Zu photographieren und registrieren gab es nichts. Historisch feststellbar sind der Tod Jesu und die Osterbotschaft der Jünger. Die Auferweckung selber lässt sich nicht dingfest machen, nicht objektivieren. Auferweckung bezieht sich auf eine völlig neue Daseinsweise in der ganz anderen Dimension des Ewigen (138).

Jesus wird verkündigt, weil er lebt! Der Gekreuzigte lebt für immer bei Gott – als Verpflichtung und Hoffnung für uns (140).

Auferweckung des Leibes? Wie muss man sich die Auferweckung vorstellen? Antwort: Überhaupt nicht! Auferweckung und Auferstehung sind bildhafte Termini, übernommen vom Aufwecken und Aufstehen aus dem Schlaf. Das neue Leben bleibt für uns völlig unanschaulich und unvorstellbar, totalitär aliter, ganz anders. Paulus arbeitet zur Umschreibung der Auferstehungswirklichkeit mit paradoxen Chiffren: ein unvergänglicher „Geistleib“ (1Kor 15,44), ein „Leib der Herrlichkeit“ (15,43), der durch radikale „Verwandlung“ (15,52) aus dem vergänglichen Fleischesleib hervorgegangen ist und der so verschieden ist wie die Pflanze vom Samen (1Kor 15,36ff) (142f).

Eine leibliche Auferstehung, eine Auferweckung des Menschen mit seinem Leib? Nein und ja. Nein, wenn man unter Leib physiologisch den jeweiligen Körper versteht, den Leichnam, die Reliquien. Ja, wenn Leib im Sinn des ntl Soma nicht physiologisch sondern personal verstanden wird: als die identische personale Wirklichkeit, dasselbe Ich mit seiner ganzen Geschichte. Leibhafte Auferstehung bedeutet, dass die Lebensgeschichte und alle in dieser Geschichte gewordenen Beziehungen mit in die Vollendung eingehen und dem auferweckten Menschen endgültig gehören. Nicht die Kontinuität meines Körpers als einer physikalischen Größe steht hier auf dem Spiel, sondern die Identität der Person: Es stellt sich also die Frage nach der bleibenden Bedeutung meines ganzen Lebens (146).

Was heißt 'ewig leben'? Keine Rückkehr in dieses raumzeitliche Leben: Auch mit den Totenerweckungen der Antike darf Jesu Auferweckung nicht verwechselt werden. Wir finden sie in drei Fällen auch bei Jesus (die Tochter des Jairus, der Jüngling von Nain und Lazarus). Abgesehen von der historischen Glaubwürdigkeit solcher legendären Berichte (Markus, Matthäus und Lukas wissen nichts von der sensationellen Totenerweckung des Lazarus (Jh 11) vor den Toren Jerusalems): Gerade die vorübergehende Wiederbelebung eines Leichnams ist mit der Auferweckung Jesu nicht gemeint. Jesus ist nicht einfach in das biologisch-irdische Leben zurückgekehrt. Der Tod wird nicht rückgängig gemacht. Nach ntl Verständnis ist der Auferweckte in ein ganz anderes, himmlisches Leben eingegangen, in das Leben Gottes (147).

Jesus ist nicht ins Nichts hineingestorben. Er ist aus dem Tod in jene umfassende Wirklichkeit hineingestorben, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen. Der Tod ist Durchgang zu Gott, ist Heimkehr in Gottes Verborgenheit, ist Aufnahme in seine Herrlichkeit (aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare) (148f).

Der Christ glaubt primär nicht an die Auferweckung, sondern an den Auferweckten selber. Glauben an den zum neuen Leben Erweckten heißt Rückbesinnung auf das Leben, das er gelebt hat, auf den Weg, den er gegangen ist, heißt Einweisung in die Nachfolge des Einen, der mich verpflichtet, meinen eigenen Weg nach seiner Wegweisung zu gehen (150).