2.8 Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11) und die Bedeutung der Verklärungsgeschichte für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus

A. von Harnack

a. Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11)

Ich habe euch übergeben, was auch ich empfangen habe:

(1) “dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften und
dass er begraben worden ist und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag gemäß den Schriften und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen
(Vv 3-5).

(2) Danach ist er gesehen worden von mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch leben bis jetzt, einige aber sind entschlafen (V 6).

(3) Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln (V 7).

(4) Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer Fehlgeburt gesehen worden... Ob also ich, ob jene, so verkündigen wir und so seid ihr gläubig geworden“ (Vv 8-11).

(1) Die älteste Tradition (Vv 3-5): Die zwei Hauptsätze sind durch 'gemäß den Schriften' hervorgehoben. Sie bezeugen die beiden entscheidenden Tatsachen, auf die sich der Christusglaube gründet: Tod und Auferstehung. Das Begräbnis stellt den wirklichen Tod und die Vision stellt die wirklich erfolgte Auferstehung sicher. Somit erhalten beide Stücke (gestorben und auferweckt) je eine doppelte Ausführung: sie sind schriftgemäß, d.h. geweissagte Tatsachen, und sie sind durch Begräbnis bzw. Vision gesicherte Tatsachen (63f).

(2) Mit V 6 beginnt die Aufzählung einer Reihe von Visionen, die nicht zur überlieferten Formel gehörten. Die Visionen des Kephas und der Zwölfe gehören nach Galiläa. Die Vision “der mehr als 500 Brüder auf einmal“ (V 6) muss mit der Pfingstgeschichte identisch sein.* Lukas leitet von diesem Ereignis die Stiftung der Kirche ab (die bisher im Jüngerkreis nur präformiert war). Paulus setzt die Bedeutung des Vorgangs den apostolischen Erlebnissen gleich. Es ist schwer ersichtlich, wie Paulus sagen konnte, dass die Mehrzahl derer, die die Vision erlebt haben, noch am Leben sei, wenn sie nicht einer Gemeinde angehört haben. Wie war sonst eine Kontrolle über Lebende und Verstorbene möglich? Man hat sie gezählt, man behielt sie im Auge und man 'buchte' es, wenn sie starben (65).

“erschienen dem Kephas, dann den Zwölfen“ (V 5)
“erschienen dem Jakobus, dann allen Aposteln“ (V 7)

Die beiden Sätze erscheinen in formelhafter Parallele und jede trotz der Zweigliedrigkeit als eine Einheit. Das muss seinen Grund in dem Verhältnis haben, in dem jedesmal die Vision der ganzen Gruppe zu der des einzelnen gestanden hat (66).

Die beiden Formeln müssen schon zur Zeit des Paulus Rivalen gewesen sein. Keine der beiden Parteien, die sie verkündigten, brauchte dabei der anderen abzusprechen, dass auch Jakobus bzw. Petrus eine eigene Christusvision gehabt haben. Aber welche Vision die sachlich grundlegende und der Apostelvision vorangegangene gewesen sei, darauf kam es jeder Partei an. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Transposition von Petrus auf Jakobus schon bei den Jakobusleuten vollzogen war, als Paulus seinen Brief schrieb. Zu Paulus sind beide Formeln gekommen. Paulus hat die Petrusvision, wie sich's gebührt, vorangestellt und ihr die Jakobusvision folgen lassen. Indem er aber die rivalisierenden Formeln der Petrusleute und der Jakobusleute einsetzte, um die Zeugnisse in ihrer kürzesten und bekanntesten Gestalt wiederzugeben, ergab sich die Verdoppelung der Apostelvision (67f).

Exkurs: Die Verdrängung des Petrus als des ersten Zeugen der Auferstehung
Im Joh-Ev wird den Lesern gesagt, die Erscheinung Jesu vor Petrus sei die dritte gewesen (Joh 21,14). Das Mt-Ev hat sowohl die Petrus- als auch die Jakobusvision gestrichen und dafür eine Vision der Frauen eingeführt, auf die dann die Apostelvision folgt. Nach Johannes ist Maria Magdalena die erste Zeugin der Auferstehung gewesen (Petrus und Johannes haben nur das leere Grab konstatiert). Dann erfolgt die Erscheinung vor den Aposteln. Auch hier ist Jakobus ganz unterdrückt. Petrus kommt nur für das leere Grab in Betracht. Dann wird seine Vision an die 3./4. Stelle gerückt. Das Hebr-Ev hat die Jakobusvision an die erste Stelle gerückt und ihr die Visionen der Apostel folgen lassen. Eine Vorstellung von dem Verhältnis 'der um Jakobus' und 'der um Kephas' ergibt sich aus Gal 2,12 (69f).

Die Art der Christuserlebnisse

(1) Paulus braucht durchweg für sie den Ausdruck 'ophthe'. Dieses 'ophthe' entspricht der atl Verheißung, wie man Gott erleben wird, und der Verheißung Christi in Bezug auf das Erlebnis der Erscheinung des Menschensohnes in Herrlichkeit (Mt 24,30; 26,64; Mk 13,26; 14,62; Lk 21,27; Joh 16,16f; Offb 1,7 usw.). Es handelt sich um eine Vision, ein reines Schauen. Es überschreitet die Grenze des Sehens nicht. Paulus kennt nach unserem Bericht die Christuserlebnisse nur als Schauungen (ebenso Lk 24,34). Erst auf der nächsten Traditionsstufe verwandelt sich 'ophthe' in 'phainomai' oder 'phaneroo', welche alle möglichen Arten des Christuserlebnisses offenlässt, die nun auch gezählt werden (Mk 16,9.12.14; Joh 21,1.14) (70).

(2) Die Begleiter des Paulus auf dem Weg nach Damaskus haben nichts gesehen und nichts gehört. Nur ihr zusammengebrochener und umgewandelter Führer stand vor ihnen. Also war das Christuserlebnis des Paulus objektiv ein rein innerliches, eine Schauung, wie er sie selbst bezeichnet. Ist der Charakter des Christuserlebnisses des Paulus klar, so folgt für Paulus, dass auch die Christuserlebnisse des Petrus, Jakobus usw. diesen Charakter gehabt haben. Sie waren Visionen nicht des Menschen Jesus oder des Gekreuzigten, sondern Vision Jesu als des Menschensohnes in Herrlichkeit, denn so lautete die Verheißung und darauf richteten sich die Erwartungen (71).

(3) Das Erlebnis der 500 Brüder und die Pfingstgeschichte sind identisch.* Der Vorgang ist allgemein als Christusmanifestation empfunden und bezeichnet worden, bei der alle Teilnehmer die Glorie des Herrn gesehen oder gespürt zu haben sich bewusst waren, denn immer handelte es sich bei allen Schauungen um den Kyrios in Herrlichkeit (71).

(4) Paulus bezeichnet seine Schauung des Auferstandenen als die letzte. Er schließt seinen Bericht V 11: “Ob also ich, ob jene, so verkündigen wir, und so seid ihr gläubig geworden“. Paulus hat hier nicht nur das Evangelium im Auge, sondern auch seine Kraft, die es zur Gründung der Kirche gebracht hat. Hierfür kommen nach seinem Urteil nur Petrus, die Zwölfe, Jakobus und er selbst in Betracht, dazu jene große Versammlung, in der sich der Jüngerkreis zur Kirche Gottes umgestaltet hat, die Gemeinde der 'Erstlinge'. Sie alle (und nur sie) haben die Glorie des Auferstandenen in einer Schauung erlebt, die sie zu Grundsteinen der Kirche Gottes machen sollte. Die ihnen geschenkte Schauung galt nicht nur ihrer Person, sondern dem Bau des Reiches Gottes. Dann aber ist Paulus der letzte, denn mit seiner Berufung als Heidenapostel ist alles, was zur Grundlegung nötig ist, erfüllt (71f).

b. Die Bedeutung der Verklärungsgeschichte Jesu für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus

Die Verklärungsgeschichte Jesu (Mk 9,2ff) wird als wirkliche Vision des Petrus verteidigt und ihre Bedeutung für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus (1Kor 15,5; Lk 24,34) unter Berücksichtigung von 2Ptr 1,16-18 nachgewiesen.

Petrus hat als erster nach der Kreuzigung Jesu eine Christusvision erlebt. Von dieser Schauung her hat der Glaube an Jesus als den Auferstandenen seinen Anfang genommen, ihr sind die Visionen der anderen gefolgt (die erste Vision hat kausierend gewirkt). Dieser Schauung verdankt es Petrus, dass er auch nach seiner Verleugnung das Haupt der Christenheit geblieben bzw. wieder geworden ist (72).

Eduard Meyer schreibt: “Aus der Verklärung sind die Auferstehung und die Erscheinungen des Auferstandenen erwachsen. Sie ist die Wurzel des Christentums. Um ihretwillen sind die Drei** die Säulen und die ersten Oberhäupter der sich bildenden Kirche“. Statt Auferstehung ist präziser Auferstehungsglaube zu sagen. “Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29) (73).

Die Verklärungsgeschichte gehört aufs engste zum Bericht über das Petrusbekenntnis (Mk 8,27 – 9,8). Petrus hat sein Bekenntnis auf dem Weg nach Cäsarea Philippi abgelegt. Sechs Tage später (Mk 9,2) hat die Verklärungsvision stattgefunden. Dem Petrusbekenntnis folgt nicht eine hohe Belobigung (wie Mt 16,17), vielmehr verbietet Jesus die Weitererzählung. Dann aber wird berichtet, dass er bald darauf Petrus aufs härteste angefahren habe: “Weg von mir, Satan“ (Mk 8,33), als dieser ihn vom Leidensweg abführen wollte (wer kann diese für Petrus so beschämende Geschichte berichtet haben, wenn nicht er selbst?). Die Verklärungsgeschichte erlebt trotz der sachlich engen Beziehung zu seinem Bekenntnis nicht Petrus allein, sondern auch Jakobus und Johannes, obwohl sie in der Erzählung nur Statisten sind (hätte ein Erfinder nicht diese beiden fortgelassen oder sie irgendwie beteiligt?). Dem Petrus wird in der Erzählung ein Wort in den Mund gelegt, das der Erzähler mit dem härtesten Urteil abtut: “Er wusste nicht, was er sagte, denn sie waren völlig bestürzt“ (Mk 9,6) (wer kann der Urheber dieser schonungslosen Kritik sein als Petrus selbst?). Worte, die Jesus mit Elias und Moses gesprochen hat, werden nicht berichtet. Der Erzähler sah sie nur zusammen sprechend. Die Stimme Gottes (aus der Wolke), die bei der Vision gehört wurde, enthielt nichts anderes, als was Petrus schon wusste, weil er es selbst sechs Tage vorher bezeugt hatte, nämlich dass Jesus der Messias sei (74f).

Petrus lebte seit dem Tag von Cäsarea Philippi in dem Gedanken, der Rabbi Jesus ist der Messias. Die zwei anderen, sich ganz passiv verhaltenden Jünger (Johannes und Jakobus) haben wahrscheinlich nichts gesehen (wie die Begleiter des Paulus bei dessen Vision) (75).

Indem Petrus Elias und Moses neben dem Messias sieht und jedem der drei eine Hütte bauen will, beweist er, dass er noch auf jenem Standpunkt messianischer Hoffnung stand, der später in der Urgemeinde nicht mehr galt und auch in keiner Auferstehungsvision mehr zum Ausdruck kommt. Der leidende und sterbende Messias hat nichts mehr mit Elias und Moses zu tun. Er hebt diese Vorstufen nicht auf, sondern schließt sich ihnen an. Man hat allen Grund zum Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Berichterstattung auch an diesem Punkt, da von Leiden und Sterben nicht die Rede ist. Weil Jesus das Bekenntnis zu seiner Messianität bestätigt hatte, musste Petrus bei seiner noch beschränkten Auffassung annehmen, die sichtbare Aufrichtung des irdischen Reiches werde nun sofort stattfinden. Die Verklärungsvision ist nichts anderes als die visionäre Antizipation der Ouverture dieser Judenhoffnung. Deshalb 'sah' Petrus Elias und mit ihm auch Moses, weil er glaubte, sie würden zusammen mit Christus das Reich sofort aufrichten (75f).

Die Verklärungsgeschichte ist in ihrer Paradoxie und spröden Einzigartigkeit, in ihrer Verknüpfung mit dem Petrusbekenntnis und als schwer erfindbare Erzählung als Erlebnis des Petrus anzuerkennen (77).

Dann aber gewinnt der Vorgang eine außerordentliche Bedeutung. Als die Katastrophe der Kreuzigung hereingebrochen war und Petrus sich nicht nur an Worte Jesu und den tiefen Eindruck seines irdischen Lebens zu klammern brauchte – das schien alles Lügen gestraft zu sein - , stand ihm eine über den Kreuzestod schon im voraus triumphierende Erinnerung zu Gebote. Er hatte Jesus als Messias in himmlischer Glorie einst auf dem Berg gesehen. Dies war ihm eine Tatsache. Aus dieser Tatsache heraus überwand sein neu aufkeimender Glaube alle Zweifel und ließ ihn eine zweite Vision des Herrn in der Glorie erleben. Die erste Christusvision hatte sein Bekenntnis und die Bejahung durch den Meister zur Voraussetzung. Jetzt kam sie seinem verlöschenden Glauben zu Hilfe. Der, der da gekreuzigt war, stand allein in seiner Herrlichkeit vor ihm. Es war derselbe, den er einst auf dem Berg geschaut hatte (77f).

2Ptr 1,16-18: “Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren“.

'Petrus' erinnert seine Leser daran, dass er ihnen die Macht und Parusie Christi auf Grund bester Versicherung kundgetan habe, nämlich auf Grund eigener persönlicher Erlebnisse. Zu diesem Zweck beginnt er mit der Verklärungsgeschichte, verweilt aber bei dieser solange und ist von ihrer Bedeutung für seine Zwecke so überzeugt, dass er auf die Fortsetzung, auf die es eigentlich ankam, nämlich auf die Auferstehungsschauung, verzichtet. Schon das Gesagte scheint ihm genug, um damit den Satz zu begründen, dass das prophetische Wort (der heiligen Schriften von der Auferstehung und der göttlichen Erscheinung Christi) durch die erlebte Wirklichkeit gesichert und der Glaube an den herrschenden Christus fundamentiert sei (78f).

'Petrus' beruft sich zur Begründung der Herrlichkeit des erhöhten Christus auf die Verklärungsgeschichte (er begnügt sich sogar mit ihr). Vermutlich hat Petrus sich bei seinen Predigten auf sein Verklärungserlebnis gleichwertig neben sein Erlebnis der Vision des Auferstandenen berufen, für ihn gehörten sie zusammen (79).

Petrus hat zwei Visionen erlebt, eine vor und eine nach der Kreuzigung. Die zweite stand mit der ersten in engstem Zusammenhang und ist durch sie mit ermöglicht worden. So wunderbar es ist, einen noch lebenden Menschen in himmlischer Glorie zu schauen, so ist es noch viel wunderbarer, einen am Kreuz Gestorbenen in dieser Herrlichkeit zu sehen. Die erste Vision hat eine der wichtigsten Voraussetzungen für die zweite geschaffen. Beide haben sich später in der Seele des Petrus gleichsam verschmolzen. Von ihnen sind dann die Erlebnisse der anderen in Bezug auf den auferstandenen Christus ausgegangen. Die Anerkennung Jesu als des Messias ist eine Folge des Eindrucks der Person und des Wirkens Jesu gewesen. Sie ist die tiefste Wurzel des Christentums (80).