2. Die visionär vermittelte Erkenntnis der eschatologischen Auferstehung Jesu

Anhang: Auferstehung Jesu und historisch-kritische Methode: Der Historiker muss davon ausgehen, dass es sich um subjektive Phänome gehandelt hat (86)

2. Die visionär vermittelte Erkenntnis der eschatologischen Auferstehung Jesu

U.B.Müller (1998)

Im Blick auf den Situationshintergrund der Jünger eröffnet sich die Möglichkeit, Ostern als denkwürdigen Ausgang einer Krisenerfahrung zu begreifen. Als solche setzt Jesu Tod gleichzeitig jenes vorangehende Neuheitserlebnis voraus, jenen Überschuss an Heilsgewinn, den die Verkündigung der Gottesherrschaft in Taten und Worten mit sich brachte. Wenn Jesus sein punktuelles Wirken in einzelnen Dämonenaustreibungen als Bestandteil der eschatologischen Herrschaftsdurchsetzung Gottes verständlich zu machen suchte, so agierte er nicht nur als Prophet oder Bote der Gottesherrschaft, sondern als ihr eschatologischer Repräsentant, der sein Handeln unmittelbar mit ihr verband (Lk 11,20). Es ging um den eschatologischen Einbruch der Gottesherrschaft als Macht in die Unheilswirklichkeit Israels, was sich in den Exorzismen und Tischgemeinschaften als Befreiungserfahrung real vollzog (Jes 52,7), was spätere Prophetie auf ihre Weise konkretisierte (Jes 24,23; 25,6-8; 35,5f; 61,1) und Apokalyptik in visionärer Schau vorwegnahm (AssMos 10,1ff). Hier war ‚mehr als Salomo‘, ‚mehr als Jona‘ (Lk 11,31f par) – hier geschah alles das, was vergangene Generationen Israels nur zu hoffen wagten (Lk 10,23f par). Dieser Überschusscharakter in Jesu Verkündigung und Auftreten prägte auch die Vollendungsankündigungen (Lk 12,49f; 13,31f), die in verhüllter Form Jesu Tod implizieren, dennoch aber von der Gewissheit über die Macht des Gottes durchdrungen sind, der die Teilnahme des irdischen Repräsentanten der Gottesherrschaft am Freudenmahl der Heilszeit garantiert (Mk 14,25) (67).

Das schreckliche Ende des Todes Jesu am Kreuz drohte alles zunichte zu machen. Wenn dennoch in den Ostererfahrungen eine erfolgreiche Bewältigungsstrategie dieses Konfliktes sichtbar wird, so mag dies, psychodynamisch betrachtet, seine Analogie im Trauerprozess haben, der zunächst insofern missglückt scheint, als es nicht zur Ablösung der Jünger von dem getöteten Jesus kommt, der aber gerade darin überraschend kreativ endet, dass die Schau des ‚Auferstandenen‘ eine Bewusstseinserweiterung darstellt, die neue Horizonte geschichtlichen Wirkens erschließt. Diese Verarbeitung der Krisenerfahrung des Todes Jesu artikuliert sich im Medium visionärer Kommunikationen. In ihnen verdichtet sich jener Reflexionsprozess, der mit dem Negativerlebnis des Todes Jesu einsetzen musste, der etwa in der Emmausgeschichte eine legendarische Darstellung gefunden hat: Jesu Jünger reden miteinander und suchen den Sinn des scheinbar ganz unbegreiflichen Geschehens zu ergründen, aber sie sind weit davon entfernt, das scheinbare Ende Jesu und ihrer Hoffnungen als Gegebenheiten hinzunehmen. Man wird bei den Jüngern Jesu mit einem erheblichen Ausmaß an Denkbemühungen zu rechnen haben. Nicht erst der aufgrund von Ostern rasant in Gang gekommene theologische und christologische Reflexionsprozess spielt hier eine wesentliche Rolle; dieser setzt vielmehr ein vorgängiges Nachdenken voraus, das in den visionären Akten der Ostererscheinungen nur einen vorläufigen Abschluss gefunden hat. Visionen wie Erscheinungen rezipieren und mutieren Traditionen als vorgegeben Deutungsmuster. Dies gilt spätestens für das Osterbekenntnis „er ist dem Kephas erschienen“, wenn hier auch der Gebrauch der atl Theophanieformel schon ein fortgeschrittenes Stadium der Reflexion indiziert, weil Jesus bereits ‚zu gottgleicher Aktionsmacht‘ erhöht erscheint (67f).

Menschen sind damit beschäftigt, durch Interpretationen ihre Erlebnisse, Wünsche und Konflikte in eine ‚gedeutete Welt‘ zu integrieren. Träume begegnen als Fortsetzung dieser Interpretationsarbeit, ebenso auch Visionen. Die Erfahrung des Kreuzestodes Jesu wird den Jüngern ‚die Sprache verschlagen‘ haben. Dass nach Mk keiner der Jünger bei der Kreuzigung dabei war, spricht für sich. Historische Analyse vermag bestimmte Dimensionen des Osterglaubens zu erfassen, am ehesten wohl jene traditionellen Deutungssysteme zu bestimmen, die beim Zustandekommen der als Visionen zu verstehenden Ostererscheinungen mitbeteiligt waren (68f).

Grundlegend war die Neuheitserfahrung des Reiches Gottes, die die Jünger in und mit dem Wirken Jesu von Nazareth gemacht haben. Von fundamentaler Bedeutung war jener alle Negativität überwältigende Überschuss an Heilsgewinn, der in Jesu Worten und Taten zum Ausdruck kam, insofern in ihnen Gottes eschatologischer Herrschaftsantritt Gestalt annahm, so sehr angesichts aller Widerstände und Zweideutigkeiten dieser Unheilswelt das Reich Gottes der Vollendung erst noch entgegen ging. Jesu war trotz der Gefahr seines gewaltsamen Todes der Vollendung der Gottesherrschaft gewiss (Mk 14,25) (69f).

Jesu Jünger haben ihre visionären Erfahrungen sprachlich mit der Deutungskategorie „Gott hat ihn/Jesus von den Toten auferweckt“ versehen. Die Individualisierung der Auferstehungshoffnung war im Märtyrergedanken vorgeprägt. Den Jüngern konnte sich die Assoziation aufdrängen, dass Jesus den Märtyrertod gestorben und deshalb der himmlischen Auferstehung teilhaftig geworden ist. Davon nicht zu trennen ist die Interpretation mit Hilfe jener jüdischen Vorstellung, Jesus sei als leidender Gerechter getötet worden, aber durch Gott in himmlische Wirklichkeit entrückt und damit rehabilitiert. Beide Deutungsmuster sind in jüdischen Texten vermischt worden. Der Märtyrer stirbt nur ‚als modellhafter Repräsentant der Gottesverehrung Israels‘. Die eigentlich bedeutsame Implikation der Ostererfahrungen und damit die entscheidende Reduktion kognitiver Dissonanz lag in dem Vermögen der Jünger, Jesu originäre Leistung, sein eigenes punktuelles Wirken als Bestandteil der eschatologischen Durchsetzung der Gottesherrschaft zu begreifen und im Blick auf die Krisenerfahrung des Todes Jesu ganz neu zu aktivieren. Sie haben Jesu Todesgeschick als eschatologisches Ereignis gesehen, nämlich als eschatologische Totenauferstehung, die eine Abfolge weiterer Endereignisse nach sich ziehen würde. D.h. die eschatologische Durchsetzung der Herrschaft Gottes ist durch Jesu Tod nicht tangiert, Jesus als Repräsentant der Gottesherrschaft (Lk 11,20) würde beim Freudenmahl der Heilszeit selbst daran teilnehmen (Mk 14,25). In den Sog dieser Endereignisse gehört auch aufgrund der Erscheinungen in Galiläa die Rückkehr der Jünger nach Jerusalem. Infolge der Zentrierung der Endereignisse auf die Heilige Stadt und den Zion musste man den Fortgang derselben in Jerusalem erwarten. Man erhoffte die Parusie des Herrn und erlebte stattdessen die endzeitliche Ausgießung des Geistes Gottes – Pfingsten als Erfüllung von Joel 3,1-5 (70f).

Die Erhöhung Jesu als besonderer Aspekt des Osterglaubens

Zwischen den Erscheinungen vor Petrus und den sog. Zwölfen wird man inhaltlich kaum unterscheiden dürfen, da davon auszugehen ist, dass der Gegenstand der Visionen im Prinzip derselbe ist: Jesus als der von den Toten Auferweckte und Erhöhte (72).

Im Gegensatz zu der Vorstellung, dass ausgezeichnete Gerechte, Märtyrer oder die Frommen sich zur Rechten Gottes aufhalten, bedeutet die Erhöhung des Gekreuzigten eine einzigartige Auszeichnung. Die älteste Osterdeutung dürfte sich auf eine theologische Aussage beschränkt haben: Gott hat Jesus, den Repräsentanten der Gottesherrschaft, von den Toten auferweckt und damit seine Botschaft neu legitimiert. Diese eschatologisch verstandene Totenauferweckung impliziert auch den Anbruch der Endereignisse und die Teilnahme des auferweckten Jesus am eschatologischen Heilsmahl (Mk 14,25). (Ps 110 und Ps 2 setzen bereits eine entfaltete Christologie voraus). Nur unter der Voraussetzung, dass der Auferweckte als im Himmel befindliche und mit gottgleicher Aktionsmacht ausgestattete Größe vorgestellt ist, konnte man auf die Idee kommen, das „er ließ sich sehen“ der Gotteserscheinungen vom auferweckten Jesus auszusagen. Dies sichert die Annahme, dass die Glaubensformel 1Kor 15,3-5 den Erhöhungsgedanken einschließt, aber noch nicht, dass die ersten Ostererfahrungen der Jünger bereits die Überzeugung beinhalteten, dass sich Jesus ‚im Besitz gottesgleicher Aktionsfähigkeit vom Himmel her‘ zu sehen gegeben habe (72f).

Schon die Tatsache, dass Jesus den Jüngern als ‚Lebender‘, d.h. für sie als ‚Auferweckter‘ visionär erscheint, kennzeichnet seinen gegenwärtigen Zustand. Er ist für sie in einer Position , die eine Kommunikation mit ihnen ermöglicht, sodass er auf sie hin wirksam ist. Anhand von Lk 11,20 wird deutlich, dass Jesus mit dem Anspruch auftrat, eschatologischer Repräsentant der Gottesherrschaft zu sein, insofern in seinen eigenen Exorzismen die Herrschaft Gottes auf Erden anbrach. Er ist heilsmittlerischer Prophet: Sein Wirken ist Bestandteil der Durchsetzung des Reiches Gottes. Ergänzend gilt auch, dass Jesus das eschatologische Geschick der Menschen von der Stellungnahme zu sich und seiner Botschaft abhängig machte. Blickt man auf Lk 11,31f, so wird deutlich, dass Jesus nicht nur die Relevanz seines Auftretens über den Anspruch des Jona oder Salomos stellte, sondern auch die Verurteilung ‚dieses Geschlechts‘ im endzeitlichen Gericht von der Stellungnahme zu sich und seiner Botschaft abhängig machte. Lk 11,23: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“. Für die Jünger Jesu dürfte die Würdestellung Jesu beim zukünftigen Mahl (Mk 14,25) der vollendeten Gottesherrschaft bedeutungsvoller gewesen sein als die der verehrten Erzväter oder sonstiger Gestalten der Geschichte Israels, die ebenfalls anwesend sein sollten (Mt 8,11f) (73f).

Anhang: Auferstehung Jesu und historisch-kritische Methode: Der Historiker muss davon ausgehen, dass es sich um subjektive Phänome gehandelt hat (86)

Anmerkungen zur Psychologie der Visionen

W. Zager (1999)

Die Deutung der Erscheinungen Jesu als subjektive Visionen, als visuelle Halluzinationen, wird bestätigt durch die neuere Halluzinationsforschung. Bei Halluzinationen wird … immer etwas gesehen, gehört, gesprochen, geschmeckt, am Leib verspürt, was nicht da ist. Das ‚nicht da‘ ist objektiv, vom Beobachter aus festgestellt, nicht vom Erlebenden. Stresssituationen bzw. kritische Lebensereignisse spielen bei Halluzinationen eine bedeutende Rolle. Eine Untersuchung 1983 beziffert die Rate visueller und akustischer Halluzinationen im Rahmen von Trauerreaktionen von Geschwistern und Eltern über den Tod verstorbener Kinder mit ca. 50%. Die Situation der Jünger war nach Jesu Kreuzestod durch eine Reihe von Halluzinationen begünstigenden Stressfaktoren bestimmt. Dabei kann der von Jesus in den Jüngern geweckten Hoffnung auf die Vollendung der endzeitlichen Gottesherrschaft (die nach Jesu Urteil mit seinem Auftreten bereits begonnen habe), sich durchzusetzen, eine suggestive, die Entstehung von Halluzinationen fördernde Wirkung zugeschrieben werden (81f).

Religionsgeschichtliche Parallelen zu den Ostertexten: Erscheinungen von Verstorbenen werden sowohl in der heidnischen Antike als auch im biblischen und frühjüdischen Überlieferungengsbereich berichtet. Erscheinungen des Mose in der Verklärungsgeschichte der synoptischen Evangelien oder die Vision der nach ihrem gewaltsamen Ende in den Himmel aufgenommenen Kinder Hiobs im Testament Hiobs. Zwei Erscheinungen von hingerichteten Männern aus der Kirchengeschichte sind uns bekannt: Thomas Becket und Hieronymus Savonarola (82f).

Ertrag und Ausblick

Die historisch-kritische Analyse der ntl Ostertexte ergab, dass die Geschichten vom leeren Grab und von den Erscheinungen des Auferstandenen späte Gemeindebildungen sind. Da Paulus sein Damaskuserlebnis mit den Erfahrungen der übrigen Osterzeugen auf eine Stufe stellt, müssen sämtliche Erscheinungen Jesu als Visionen beurteilt werden. Tiefenpsychologische Exegese, Halluzinationsforschung sowie die angeführten religionsgeschichtlichen Parallelen legen es nahe, von subjektiven Visionen zu sprechen.

Wenn Kreuz und Auferstehung Jesu nicht mehr das eine große Heilsereignis darstellen, so werden wir ganz auf die geschichtliche Person Jesu geworfen (86f).