2. "MICHT EUCH"- die christo-logische und theo-logische Basis der Gemeinde nach Mt (mit euch)

Die Wendung ‚mit euch‘ ist eine theologische Leitidee des Redaktors des MtEv.


H.Frankemölle (1984)


Matthäus ist es, der diese vom AT vorgegebene Linie konsequent auszieht, sie christologisch und geschichtstheologisch - „ekklesioloisch“ interpretiert. Während die Seitenreferenten die Präposition meta wahllos für das Mitsein mit jeder Person ohne Unterschied anwenden, schränkt Mt es auf die Gemeinschaft mit Jesus ein; meta in der qualifizierten Bedeutung ist der besonderen Gemeinschaft der Jüngerschaft vorbehalten (10f).

1,23: Jesus, der Immanuel: Mt war es nicht nur darum zu tun, Jesus als den Davids- und Abrahams-Sohn zu erweisen, sondern als Davidide und Sohn Abrahams ist Jesus der Sohn Gottes! Auf diese Aussage zielt die Genealogie (1,16). Der Evangelist entnimmt seine Zitate keiner Testimoniensammlung, er sucht und findet sie im AT, übersetzt und redigiert sie für seine Zwecke (15f).

Nicht Israel als Bundesvolk Jahwes, sondern das neue Bundesvolk Jesu aus allen Völkern (1,21) wird Jesus den Immanuel nennen. Dies ist von Gott so gewollt und vorausgesagt (1,22). Dieser Hinweis auf den atl Bundesgott am Anfang des MtEv ist eine besondere Hervorhebung der Bedeutung Jesu für das neue Bundesvolk. Jahwe hat nach Mt vorherbestimmt, dass die im Kontext positive Verheißung des Immanuel in Jesus erfüllt wird, denn: Jesus ist der Immanuel, aber kein Retter vor politischen Gegnern, sondern Erlöser von den Sünden, wie Mt 1,21b antijüdisch argumentiert. Das gut atl gedachte Bundesverhältnis Jahwes zu Israel und umgekehrt wird von Mt christologisch durchbrochen, da es dem Evangelisten um die entscheidende Funktion Jesu zum Volk, d.h. zum atl Bundesvolk und zur ntl Gemeinde zugleich geht (16f).

Im atl, nicht weniger im mt Kontext ist die gesamte Bundesterminologie und -theologie bei „Gott ist mit uns“ impliziert. Gott ist in Jesus seinem Volk gegenwärtig; in Jesus als dem Immanuel ist der Gemeinde Jesu mit der Gegenwart des Christus Gottes gnändig Gegenwart gegeben. Wie Jesus der Retter von den Sünden ist (dies war im AT nur Jahwe), so ist er auch der Immanuel, d.h. der Gott „mitten“ unter uns. Jesus ist die Epiphanie Gottes auf Erden, in ihm ist Gottes Zusage personalgeschichtliche Realität (18f).

Das chronistische Werk, das dem Redaktor des MtEv entscheidende Denkmodelle lieferte, dürfte auch im Komplex „Jesus als Immanuel“, d.h. Jesus als leibhaftiger ‚Gott-mit-uns‘ die motivgeschichtliche Vorlage geboten haben. Der Chronist intregrierte das irdische Königtum in die Königsherrschaft Jahwes. Nach ihm sitzt der israelitische König als Statthalter auf Jahwes Königstrohn. Jahwes Theokratie gilt uneingeschränkt, doch der König ist jeweils sein Mandatar und Stellvertreter auf Erden (19).

Wenn Mt auch keine Jesus-Königs-Theologie entwickeln konnte (Jesus hätte auf gleicher Ebene mit den atl Königen gestanden), so hat er doch im Rahmen der Gottes-Sohn-Theologie an der Vorstellungsstruktur der Vertretung Gottes auf Erden festgehalten. Dabei hat er mit keinem Wort die Vorrangstellung der Theokratie Gottes vermindert, sie aber durch die ihm eigene „Vatertheologie“ transformiert. Diese Ausbildung einer eigenen Vatertheologie war eine notwendige Folge einer von atl Jahwe-Vorstellungen inspirierten Konzeption der Christologie, wie sie gerade im Kontext der Wendung ‚mit euch‘ sichtbar wird. So hat Mt innerhalb der Christologie den Gedanken des in Vollmacht handelnden Mandatars erheblich verstärkt. Jesus ist auf Erden der mit Gottes Autorität auftretende und Gottes Funktionen übernehmende Gesandte, sodass in seiner Person Gott selbst gegenwärtig ist. Jesus ist sogar der Immanuel, der Gott mit uns.

Jahwe-Bund und Christus-Kirche sind voneinander untrennbar; der eine Begriff ist immer nur in Beziehung zum anderen zu denken (20f).

17,17: Die Gottesklage über Israel:O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange soll ich euch ertragen“? Mt stellt die Jahweboten: Jesus (12,39.41f.45; 16,4; 23,36), Johannes den Täufer (3,7; 11,18f) und die Jünger Jesu (23,34-36) „diesem Geschlecht“ gegenüber, womit in der literarischen Konzeption des Evangelisten „Israel“ gemeint ist; dies bestätigt der Israel-Begriff im MtEv (23).

18,20: Jesus – mitten in der Gemeinde: Israels Glaube, dass Jahwe seine Gegenwart in der Bundesschließung dem Volk Israel zugesagt hat, gilt als theologische Mitte des ganzen Kanons, d.h. für Gesetz, Propheten und Psalmen. Das AT betont die theozentrische Perspektive: Gott ist es, der handelt, spricht und seinen Bund den Menschen anbietet. Jahwe ist der mitziehende und geleitende Gott, er ist „in Israels Mitte“ (Lev 26,12: „Ich will in eurer Mitte wandeln“. Gn 26,24: „Ich bin mit dir auf den Wanderungen“. Joel 2,27: „Ich bin in Israels Mitte“). Die adverbielle Bestimmung „in ihrer Mitte“ entspricht der Präpositionalwendung „mit euch“ (31f).

Dies Mitsein Jahwes mit Israel wird als ein gegenwärtiges, geschichtliches geglaubt. Ebenso wird Jahwes „Wohnen“ beim und unter dem Volk als Beistand und Führung erfahren. Das „Wohnen“ Jahwes „in der Mitte“ Israels ist eine bildliche Vorstellung und Konkretisierung des mit euch unter anderen. So geht nach der Auslegung von Num 35,34 („in dessen Mitte ich wohne“) durch Sifre Num die Schechina mit Israel in die Verbannung der Diaspora: „Lieb sind (Gott) die Israeliten. Denn überall, wohin sie in die Verbannung gingen, war die Schechia mit ihnen...Und wenn sie wieder heimkehren, kehrt die Schechina mit ihnen heim“. Mt 18,20 steht in der Tradition der atl Vorstellungswelt von Jahwes „Mitsein“ bzw. „Wohnen“ in Israels Mitte (33f).

28,16-20: Die Bundeserneuerung durch Jesus: Die Gegenwart des Erhöhten in der Gemeinde

18a. Jesus trat herzu, redete mit ihnen

b. und sprach: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden

19a. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker,

b. tauft sie …

20a. und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.

b. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.


18 das Vollmachtswort des Auferstandenen

19a. der Sendungsbefehl

19b-20a.

20b. der Beistandsspruch

Das eigentliche motivgeschichtliche Vorbild bei der Gestaltung von 28,16-20 waren für den Evangelisten Mt die Schlußverse des chronistischen Werkes (2 Chr 36,22f). 2 Chr 36,22f enthält das historisch nicht zu verifizierende, also literarisch-theologisch zu verstehende Edikt des Perserkönigs Kyros, das allen Juden nach dem Chronisten die Heimkehr nach Jerusalem erlaubte (50f).

Das Edikt des Kyros 2Chr 36,23

23a. So spricht Kyros, der König von Persien

alle Königreiche der Erde

hat mir der HERR, der Gott des Himmels, gegeben

und hat mir befohlen,

ihm ein Haus zu bauen

zu Jerusalem in Juda.

b. Wer unter euch von seinem Volk ist,

mit dem sei der HERR, sein Gott!

c. und er ziehe hinauf!


23a. Vorgeschichte

b. Beistandsspruch

c. Befehl


Den Abschluss des MtEv bildet nicht der Befehl, sondern das Wort vom Beistand, und zwar nicht als Verheißung, sondern als präsentische Zusage (ich bin mit euch/bei euch), nicht als Aussage über Gott, sondern als Wort des erhöhten Herrn selbst. Dieses Offenbarungswort des „Menschensohnes“ (28,18b) und Erhöhten ist als Schlusswort zugleich auch das entscheidende Stichwort (53).

Als Form von 28,16-20 lässt sich – entsprechend dem Bundesformular – ein fünfgliedriges Schema feststellen:

1. 16-17 Präambel,

2. 18 Vorgeschichte mit erfolgter Machtübertragung,

3. 19a Grundsatzerklärung

4. 19b-20a. Einzelbestimmungen

5. 20b. Segen als Verheißung der Gegenwart Christi

Mt 28,16-20 ist nach dem Verständnis des Evangelisten die Bundesbestätigung Gottes durch Jesus für sein Volk. Der Skopus dieser Vv enthält eine Bundeserneuerung, die durch den Mandatar Jahwes auf Erden, d.h. durch Jesus als erhöhten Herrn ausgesprochen wird. Urchristliche Theologie und atl-jüdische Theologie gehen in der Theologie des Mt eine Symbiose ein, sie verschmelzen sogar derart ineinander, dass sie eine Einheit werden (60).

In 28,20b (bis zum Ende der Welt) liegt eine apokalyptische Terminologie vor, die darüber hinaus im NT nur bei Mt vorkommt (13,39.40.49; 24,3 und 28,20) und als terminus technicus für das Ende der Geschichte aus der Danielapokalypse stammt. Diese Wendung sagt nichts über das Ende der Welt, sondern muss zeitlich als Ende der Weltzeit, d.h. der Geschichte verstanden werden (61).

Neben den urchristlichen Schriften (Q, Mk) war das AT in der LXX-Form für Mt eine gleichwertige parallele Tradition, deren Motive er verarbeiten konnte. So ist es nicht fraglich, dass Dan 7,14 sowohl in 24,30 und 26,64 wie in 28,18 eingewirkt hat. Der Einfluss von apokalyptischen Topoi aus Dan 7,13f auf 28,18-20 ist eindeutig. Da Mt den irdischen Jesus bereits im Evangelium mit dem Menschensohn identifiziert (5,11; 10,32f; 16,21; 26,2), genügt in 28,17 das Motiv, um das damit gemeinte Vorstellungsfeld in 28,17 freizusetzen: der auferstandene Jesus lebt in Identität mit dem irdischen Menschensohn (66).

28,18.20: Der Redaktor hat apokalyptisch festgeprägte Vorstellungen aufgenommen, sie stehen aber nicht im Parusie-, sondern im Auferstehungs-Kontext und werden darüber hinaus von der atl geprägten Bundestheologie neu strukturiert. Der Auferstandene ist es, der die Herrschaft ausübt über Himmel und Erde, er ist es, der bei seiner Gemeinde bis zum Ende der Geschichte gegenwärtig ist. Christologie, Apokalyptik und Bundestheologie gehen ineinander über und bilden aufgrund der redaktionellen Komposition eine Einheit (67).