3. Anhang: Die Parusie ist kein endzeitliches sondern ein überzeitliches Ereignis

Der Hebräerbrief - eine fundamental hellenistische Schrift.

(N. Walter)

In christologischer Hinsicht spricht er ausschliesslich von der Erhöhung Jesu zur Rechten Gottes (Ps 110,1) und von seinem Eingehen in den Himmel bzw. in das Allerheiligste des himmlischen Tempels. Gerade dieses Geschehen - der Überschritt Jesu aus seiner irdischen Existenz durch das Leiden und Sterben in den Himmel - ist das ein-für-allemal gültige, vollgenugsame Heilsgeschehen, bei dem nichts mehr fehlt, nichts ergänzungsbedürftig ist (es ist ja himmlisches Geschehen) und an dem die Glaubenden jetzt schon Anteil haben. Dabei ist nach der Vorstellung des Hebr der himmlische Tempel vor aller irdischen Schöpfung geschaffen, als Urtyp aller irdischen, in ihrer Wirkung nur sehr begrenzten Heilsmöglichkeiten im Kult am irdischen Tempel in Jerusalem. Die himmlische Ruhe steht seit Ewigkeit bereit, die Frommen aufzunehmen. Die himmlische Welt ist die eigentliche, beständige von Gott als Ort des Heils zubereitete ‘Welt’, dergegenüber das Irdische nur der Ort vorläufiger Existenz und abgeschwächter Heilsmöglichkeiten ist, der nur ein ‘Schatten’ der himmlischen Güter aufweisen kann (10,1; 8,5). Christi ewiger himmlischer ‘Kultdienst’ am himmlischen Heiligtum (7,24f; 8,2) besteht, nach der grundlegenden Opferdarbringung bei seinem Eintritt in den Himmel, in dem beständigen Eintreten für die Seinen. Eine auf die weiterlaufende irdische Geschichte bezogene Funktion hat er nicht. Das “Sitzen zur Rechten des Herrlichkeits-Thrones” (8, 1) meint im Sinne des Hebr keine aktive Teilhabe an Gottes Weltregiment. Von der Welt und innerhalb der irdischen, menschlichen Geschichte wird kein Heil erwartet. Die Welt wird betrachtet als Durchgangsland, als Ort der Wanderung auf das ewige Ziel der himmlischen Ruhe zu (352f).

Die geschichtliche Sicht im Hebr bezieht sich nur auf das Irdisch-Vorläufige, sofern eben jeder auf Erden lebende Mensch bis zu seinem Tode der irdischen Geschichte verhaftet ist und deshalb das offenbare Heil, seine volle Anteilhabe am Heil noch vor sich hat und darauf zugeht. Die wahre Welt des vollen Heils ist bei Gott, im Himmel, vorhanden (353f).

3.1 Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit

P. Althaus: Der Ertrag der Geschichte liegt nicht in ihrem zeitlichen Endzustand vor, sondern wird in dem Jenseits der Geschichte erhoben. Und die Vollendung der Geschichte ist weder als ein geschichtlicher Endzustand zu denken noch in besondere Beziehung zu diesem zu setzen. Die ‘letzten Dinge’ haben mit der letzten Periode der Geschichte nichts zu tun. Die Eschatologie ist an der Frage nach einem geschichtlichen Endzustand nicht interessiert. Sie hat daher auch nicht die Aufgabe, Aussagen über eine zu erwartende Entwicklung oder über eine Abfolge von Perioden der Geschichte zu machen (64).

Die Eschatologie ist von Haus aus als Lehre von einem geschichtlichen Idealzustand aufgetreten. Das Zukunftsbild der israelitischen Propheten ist, trotz übergeschichtlicher Züge, zunächst endgeschichtlich-realistisch, also diesseits gedacht. Als dann später die personalistische Eschatologie mit ihrer notwendig übergeschichtlichen Art in den Gesichtskreis tritt, bedeutet der Chiliasmus, als Annahme eines Zwischenreiches auf Erden, eine Verbindung beider Gedankenreihen: er bietet die Möglichkeit, die übergeschichtlich-jenseitige Form der Hoffnung und die endgeschichtlich-diesseitige durch Verteilung auf zwei Stadien gleichzeitig zu behaupten. Das ist der Sinn des Chiliasmus. Das Urchristentum erwartet eine geschichtliche Periode der vollkommenen Herrschaft Christi auf Erden, ist also chiliastisch bestimmt. Für Jesus ist das Nebeneinander des Realistischdiesseitigen und des Übergeschichtlichen bezeichnend und gibt einen Eindruck von seiner untheoretischen, ‘undogmatischen’ Gesammeltheit auf die Gotteserwartung selber nach ihrem zentralen Inhalt (65).

W. Kreck: Die biblische Ausdrucksweise, nach der die Heilsgeschichte von einem zeitlichen Anfang des Menschengeschlechts herkommt und auf ein endzeitliches Ziel hin fortschreitet, ist keine angemessene Vorstellung. Hier wird eine Geschichte, die ihrem Wesen nach nicht in der Zeit fortschreiten und sich vollenden kann, auf die Zeitlinie gestellt. Denn die Geschichte mit Gott, wo es um Hingabe und Selbstbehauptung, um Schuld und Vergebung, um Tod und Leben, um Lüge und Wahrheit geht, ist allgegenwärtig und wird von jedem durchlebt. So wie Urstand und Fall nicht als geschichtliche Ereignisse am Anfang der Menschheit gedacht werden können, sondern Ausdruck lebendiger Gewissenserfahrung und darum überzeitliche und allgegenwärtige Tatbestände sind, so auch das Ende. Die Weltgeschichte tendiert nicht auf zeitliche Vollendung, sondern will sich in jedem Geschlecht vollenden. Die Parusie ist eine universale, gemeinsame und ‘gleichzeitige’ Erfahrung aller, obwohl wir nacheinander als einzelne sterben. “Alle Senkrechten, die wir auf der Zeitlinie errichten um auf die Ewigkeit, die Parusie, die Vollendung zu stoßen, treffen sich im Überzeitlichen in einem Punkt. Was sich uns in ein Nacheinander menschlicher Tode, des Endes von Geschlechtern, Völkern, Zeiträumen zerlegt, das ist, von dort aus gesehen, der gleiche Akt und das eine, ‘gleichzeitige’ Erlebnis der Aufhebung der Geschichte, des Eintritts der Geschichte in die Ewigkeit”. Kann man von Parusie nicht mehr als einer sinnlichen Erscheinung für diese sichtbare Welt reden, so doch als von einer übergeschichtlichen Offenbarung im Unterschied zu der Offenbarung jetzt in der Geschichte (Kr. 40-42).

Die Offenbarung Christi in Herrlichkeit am Ende der Geschichte käme nur einer Generation, eben der letzten, zugute, nicht aber allen vorigen.

Der Jüngste Tag ist kein geschichtlicher Tag! “Geschichte und Parusie ist eine contradictio in adjecto. Das Wesen und der Gehalt der Parusie - überführende Offenbarung der Herrlichkeit Christi - machen sie als geschichtliches Ereignis unmöglich. Nirgends kann die Geschichte der Ort einer unmittelbaren, überführenden Gegenwart des Göttlichen sein, nirgends Stätte des Schauens der doxa. Das gilt auch von der letzten Epoche der Geschichte”. Das Sehen des Menschensohnes ist als solches kein endgeschichtliches, sondern das geschichtsendende Ereignis.

Für das letzte Geschlecht ist die Parusie der Tod, das Ende allen geschichtlichen Lebens. Die Parusie, der Jüngste Tag liegt über und jenseits dieser Geschichte. Auch die Auferstehung Jesu Christi als Vorwegnahme des Endes ist in ein Jenseits der Geschichte zu verlegen, als es sich in der Tat bei den Ostererscheinungen um Vorgänge handelt, welche geschichtlichen Menschen in Raum und Zeit widerfuhren, aber selbst kein geschichtliches Erleben mehr waren, sondern jenseits aller Möglichkeiten menschlich-irdischen Sehens und Hörens lagen. “Die Augen und Ohren, denen der Herr sich zeigte, waren andere als die Augen und Ohren, mit denen wir Geschichte erleben”. Die Offenbarung des Herrn in Herrlichkeit kann kein geschichtlicher Tag mehr sein (Kr. 186).

W. Kreck: K. Barth: In seiner Auslegung von 1Kor 15 spricht Barth sein völliges Desinteresse an einer endgeschichtlichen Eschatologie aus. Das Ende ist jeder Zeit nahe, und die größten, auch ‘supranaturalen’ Katastrophen würden kein Mehr oder Weniger bedeuten gegenüber anderen Zeiten (Kr. 42f).

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Dass auch die Gegenstände der biblischen Anschauungswelt zum Vergänglichen gehören, dass sie dienen und nicht herrschen, bedeuten und nicht sein wollen, darüber lässt uns die Bibel selbst jedenfalls nicht im Zweifel. Von letzten Dingen würde nur reden, wer vom Ende aller Dinge reden würde, vom Ende der Geschichte, vom Ende der Zeit (B. 59).

In seiner Auslegung von Röm 13,11ff sagt Barth: “Unvergleichlich steht der ewige Augenblick allen Augenblicken gegenüber, gerade weil er aller Augenblicke transzendentaler Sinn ist”. Barth redet von diesem ewigen Augenblick als der qualifizierten Zeit, die mit keiner Stunde an sich zusammenfällt, aber doch immer da Ereignis wird, wo Gottes Wort uns aus dem Schlaf aufweckt. Die Ewigkeit von der hier die Rede ist, ist die Aufhebung aller Zeit. Darum ruft er uns zu: “Will das unnütze Gerede von der ‘ausgebliebenen’ Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn ‘ausbleiben’ was seinem Begriff nach überhaupt nicht ‘eintreten’ kann? Denn kein zeitliches Ereignis, kein fabelhafter ‘Weltuntergang’ ist das im NT verkündigte Ende, sondern wirklich das Ende, so sehr das Ende, dass die neunzehnhundert Jahre nichts zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft (Kr. 43).

Wer heißt uns diese ewige Wahrheit abzuschwächen zu einer zeitlichen Wirklichkeit? Wer heißt uns die Erwartung des Endes zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht ‘ausbleibt’, uns getrost wieder schlafen zu legen? Nicht die Parusie ‘verzögert’ sich, wohl aber unser Erwachen. Erwachten wir, erschräken wir vor der Tatsache, dass wir in jedem zeitlichen Augenblick tatsächlich an der Grenze aller Zeit stehen. Wir würden darin, dass der ewige Augenblick nicht ‘eintritt’ (nie eingetreten ist und nie eintreten wird) die Würde und die Bedeutung des uns gegebenen zeitlichen Augenblicks, seine Qualifizierung und sein ethisches Gebot erkennen” (B. 484f).

G. Lohfink: Es kann keine letzte Generation geben, die als noch lebende Generation den Christus der Parusie und die Herrlichkeit der Basileia sehen wird. Was dies betrifft, hat die Passion Jesu ein für allemal gezeigt: Die Basileia kommt in ihrer Herrlichkeitsgestalt nur durch Ohnmacht und Entäußerung. Alle Menschen, auch eine letzte Generation (wenn es sie gibt), werden ohne Ausnahme in die Dunkelheit und in die Leere hineinsterben. D.h. es gibt kein in irdischer Geschichte erlebbares Ende der Welt. Erlebbar ist immer nur der Tod. Er ist schon immer das eigentliche Ende gewesen und wird es stets bleiben. Deshalb stehen die Eschata nicht am Ende der Zeitlinie, sondern quer zu aller Zeit. Sie können nur im Tod angesetzt werden - nicht nur im Tod der ‘letzten’ Menschen, sondern im Tod aller Menschen (Lo. 154).

Der Glaube an die sichtbare Wiederkunft Christi kann "nicht mehr als gewiß gelehrt werden"

‘Un décret du Saint-Office’
Beschluß des heiligen Offiziums vom 19. Juli 1944

M. Werner: Über die Lehre, nach welcher der Christus am Ende der Zeiten sich von neuem in sichtbarer Gestalt unter den Menschen offenbaren wird, wird nun entschieden, dass sie „nicht als gewiss gelehrt werden könne“. Was auch unter der endzeitlichen Wiederkunft Christi zu verstehen sein mag - jedenfalls kann nach päpstlicher Entscheidung nicht mehr als sicher gelehrt werden, dass es sich um ein sichtbares Wiedererscheinen Christi handeln soll. Nicht irgendeine traditionelle Auffassung, sondern gerade die biblische Lehre selbst ist in diesem Fall der päpstlichen Glaubensbehörde zweifelhaft geworden.

Mit dem neuzeitlich-wissenschaftlichen Weltbild hat sich als unvereinbar erwiesen: himmlische Wolken, auf denen man durch den Weltraum fahren kann, gibt es in und an dem wirklichen Himmel, mit dem es die Meteorologie und Astronomie zu tun haben, nirgends, ebenso wenig einen himmlischen Thron, auf dem man ‘zur Rechten Gottes sitzen’ und den man zur Erdenfahrt durch das Universum der Fixsterne und Planeten wieder verlassen kann.

M. Mezger: Die Wiederkunft Jesu zur Bekenntnisauflage gemacht, fördert den Irrtum, der Glaube beginne mit dem Opfer des Verstandes und erweise seine Ernsthaftigkeit durch die Bereitschaft zur Anerkennung physikalischer Absurditäten. Der tatsächliche Sachverhalt hängt nicht an der apokalyptischen Sprachgestalt. Die Übersetzungsaufgabe ist unverzichtbar.

In seinem Artikel "Kommt Jesus wieder"? schreibt Manfred Mezger: Wie und woher kommt die Wiederkunft? Man kann schwerlich einen Begriff verteidigen ohne Anschauung, sonst wird ein Gefühl daraus. Die Vorstellung der Wiederkunft stimmt weder heute noch morgen; sie stimmt überhaupt nicht. Die Beharrlichkeit der Unentwegten, sie schlankweg zu behaupten, als wäre sie das Sicherste der Welt, kann nur Naiven imponieren (Me 7).

"Von dort wird er kommen" (- wo ist 'dort'?)

Die Vorstellungen von Himmel, Hölle und Wiederkunft Jesu gehören zusammen. Alle drei Vorstellungen können nicht mehr räumlich verstanden werden. Die Hölle ist kein Ort unter der Erde, der Himmel ist kein Ort im Weltraum, die Parusie Jesu ist kein Ereignis in Raum und Zeit. Das Offenbarwerden Jesu ist ein absolut transzendentes Phänomen. Mit unseren irdischen Augen können wir die Parusie Jesu nicht sehen.

E. Haenchen: Der Schlusssatz Mt 28,20: "Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt", zeigt deutlich, dass von einer Naherwartung des Endes keine Rede mehr ist: praktisch ist die Eschatologie ausgeschieden. Jesus ist stets gegenwärtig und damit ist, wenn auch in anderer Form, das gegenwärtig geworden, was man zuvor als Ergebnis eines eschatologischen Dramas erhofft hatte. Jesus braucht nicht mehr zu kommen, weil er schon da ist (550)!