(6) Schwierigkeiten mit der Auferweckung Jesu

H. Küng

Auferweckung Jesu: In den Ostergeschichten geht es nicht um Polizeirapporte, sondern um Glaubenszeugnisse (135).

Nicht durch das leere Grab, sondern durch Offenbarungen kamen die Jünger zum Glauben an Jesu Auferweckung zum ewigen Leben. Historisch lässt sich ein leeres Grab für uns heute nicht verifizieren. Weder Jesu noch unsere Auferweckung ist von einem leeren Grab abhängig. Die Wiederbelebung eines Leichnams ist keine Vorbedingung für eine Erweckung zum ewigen Leben. So ist auch für Paulus nicht das leere Grab, das er nicht erwähnt, sondern der Erweis Jesu als Lebendigen für seine Verkündigung entscheidend. Nicht zum leeren Grab ruft der christliche Glaube, sondern zur Begegnung mit dem lebendigen Christus selbst (137).

Die Auferweckung Jesu ist kein historischeres Ereignis. Auferweckung ist kein raum-zeitlicher Akt. Auferweckung meint nicht ein Naturgesetz durchbrechendes, innerweltlich konstatierbares Mirakel, nicht einen datierbaren supranaturalistischen Eingriff in Raum und Zeit. Zu photographieren und registrieren gab es nichts. Historisch feststellbar sind der Tod Jesu und die Osterbotschaft der Jünger. Die Auferweckung selber lässt sich nicht dingfest machen, nicht objektivieren. Auferweckung bezieht sich auf eine völlig neue Daseinsweise in der ganz anderen Dimension des Ewigen (138).

Jesus wird verkündigt, weil er lebt! Der Gekreuzigte lebt für immer bei Gott – als Verpflichtung und Hoffnung für uns (140).

Auferweckung des Leibes? Wie muss man sich die Auferweckung vorstellen? Antwort: Überhaupt nicht! Auferweckung und Auferstehung sind bildhafte Termini, übernommen vom Aufwecken und Aufstehen aus dem Schlaf. Das neue Leben bleibt für uns völlig unanschaulich und unvorstellbar, totalitär aliter, ganz anders. Paulus arbeitet zur Umschreibung der Auferstehungswirklichkeit mit paradoxen Chiffren: ein unvergänglicher „Geistleib“ (1Kor 15,44), ein „Leib der Herrlichkeit“ (15,43), der durch radikale „Verwandlung“ (15,52) aus dem vergänglichen Fleischesleib hervorgegangen ist und der so verschieden ist wie die Pflanze vom Samen (1Kor 15,36ff) (142f).

Eine leibliche Auferstehung, eine Auferweckung des Menschen mit seinem Leib? Nein und ja. Nein, wenn man unter Leib physiologisch den jeweiligen Körper versteht, den Leichnam, die Reliquien. Ja, wenn Leib im Sinn des ntl Soma nicht physiologisch sondern personal verstanden wird: als die identische personale Wirklichkeit, dasselbe Ich mit seiner ganzen Geschichte. Leibhafte Auferstehung bedeutet, dass die Lebensgeschichte und alle in dieser Geschichte gewordenen Beziehungen mit in die Vollendung eingehen und dem auferweckten Menschen endgültig gehören. Nicht die Kontinuität meines Körpers als einer physikalischen Größe steht hier auf dem Spiel, sondern die Identität der Person: Es stellt sich also die Frage nach der bleibenden Bedeutung meines ganzen Lebens (146).

Was heißt 'ewig leben'? Keine Rückkehr in dieses raumzeitliche Leben: Auch mit den Totenerweckungen der Antike darf Jesu Auferweckung nicht verwechselt werden. Wir finden sie in drei Fällen auch bei Jesus (die Tochter des Jairus, der Jüngling von Nain und Lazarus). Abgesehen von der historischen Glaubwürdigkeit solcher legendären Berichte (Markus, Matthäus und Lukas wissen nichts von der sensationellen Totenerweckung des Lazarus (Jh 11) vor den Toren Jerusalems): Gerade die vorübergehende Wiederbelebung eines Leichnams ist mit der Auferweckung Jesu nicht gemeint. Jesus ist nicht einfach in das biologisch-irdische Leben zurückgekehrt. Der Tod wird nicht rückgängig gemacht. Nach ntl Verständnis ist der Auferweckte in ein ganz anderes, himmlisches Leben eingegangen, in das Leben Gottes (147).

Jesus ist nicht ins Nichts hineingestorben. Er ist aus dem Tod in jene umfassende Wirklichkeit hineingestorben, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen. Der Tod ist Durchgang zu Gott, ist Heimkehr in Gottes Verborgenheit, ist Aufnahme in seine Herrlichkeit (aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare) (148f).

Der Christ glaubt primär nicht an die Auferweckung, sondern an den Auferweckten selber. Glauben an den zum neuen Leben Erweckten heißt Rückbesinnung auf das Leben, das er gelebt hat, auf den Weg, den er gegangen ist, heißt Einweisung in die Nachfolge des Einen, der mich verpflichtet, meinen eigenen Weg nach seiner Wegweisung zu gehen (150).

                   

(3) Die Auferstehung Jesu war keine historische Tatsache, sondern ein Glaubensurteil

G. Lüdemann (1995 Özen): Endete der Karfreitag in einer Katastrophe, so brach nicht lange nach dem Tod Jesu und der Rückkehr der Jünger nach Galiläa unverhofft ein neuer Frühling an. Der Durchbruch geschah in Galiläa. Nicht lange nach dem Todesfreitag erlebte Petrus in einer Vision den lebendigen Jesus und dieses Geschehen führte zu einer Kettenreaktion ohnegleichen. Hatte Petrus Jesus gesehen und gehört, so war damit der Inhalt der Christuserscheinung den anderen vorgegeben.  Der von Jesus zu seinen Lebzeiten gegründete Zwölferkreis wurde von Petrus mitgerissen und 'sah' ebenfalls Jesus. Und an dem Wochenfest, das auf das Todespassah folgte, ereignete sich jene Erscheinung vor den mehr als 500 (124f).

Auch Frauen waren unter denen, die Jesus sahen. Auf Einwände von jüdischer Seite und Fragen nach dem Verbleib des Leichnams Jesu wusste man alsbald zu entgegnen, dass die Frauen das Grab leer gefunden hatten und später, dass Jesus den Frauen am Grab sogar erschienen sei.

Ein neues Stadium erreichte die Bewegung, als sich ihr in Jerusalem griechischsprachige Juden anschlossen. Das mag bereits an jenem auf das Todespassah folgenden Wochenfest gewesen sein, als viele Pilger in Jerusalem anwesend waren und von Jesus hörten. Jedenfalls verbreiteten sie die Jesusbotschaft in Gegenden außerhalb Jerusalems und lenkten die Aufmerksamkeit des Pharisäers Saulus auf sich. Dieser schritt zur Tat und unterdrückte die neue Predigt, bis er ebenfalls in einer Vision vor Damaskus von Jesus überwunden wurde. Mit diesem Ereignis ist ein äußerster Punkt des ältesten Osterglaubens erreicht, obwohl Jesus auch in der Folgezeit immer wieder 'erschien' (125f).

(1995): Jesu Hinrichtung hat im Jüngerkreis eine Krise ausgelöst. Fluchtartig haben sich die Jünger nach dem Karfreitag nach Galiläa zurückgezogen. In Galiläa hat Petrus als erster Jesus lebendig gesehen (1Kor 15,5; Lk 24,34; Mt 16,17-19; Lk 5,1-11; Joh 21,1-14). Die Erscheinung vor Kephas ist ein Primärphänomen, das den Glauben an Jesu Auferstehung erst ermöglicht hat. Die pln Ostererfahrung ist ähnlich wie die ptrn strukturiert (31f).

Petri und Pauli Ostervision stimmen überein: Sowohl Petrus als auch Paulus erfahren eine originale Offenbarung, während alle anderen Osteroffenbarungen abhängige Offenbarungen sind. Die Schau Christi durch Petrus hat alle anderen Schauungen des Erhöhten im Jüngerkreis geprägt, mit Ausnahme der Vision des Paulus. Bei beiden steht die Vision Jesu in einer unauflösbaren Beziehung zur Verleugnung Jesu bzw. zur Verfolgung seiner Gemeinde. Bei beiden wird das Schuldgefühl durch die Gnadengewissheit abgelöst. Beide stimmen in der Rechtfertigungslehre überein: „Wir (Petrus und Paulus ) sind von Geburt Juden. Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen“ (Gal 2,15f) (40f).

Die Auferstehung Jesu - ein Interpretament unter anderen

W. Marxsen (1968): Nach Karfreitag erfahren Menschen, dass Jesus auch nach seinem Tod in den Glauben stellt. Der Ermöglichungsgrund für dieses Zum-Glauben-Kommen ist: Jesus lebt. Er ist nicht im Tode geblieben. Um Jesus als den Lebendigen auszusagen, benutzte man die Vorstellung von der Auferstehung der Toten: “Jesus ist auferstanden“ oder “Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“. Wir haben es hier mit einem Interpretament zu tun, denn gesehen hat die Auferstehung Jesu niemand. Wir kennen keinen, der das behauptet. Die Auferstehung Jesu ist vom eigenen Glauben aus erschlossen worden (141).

In der frühen Urgemeinde hat man die Wirklichkeit des eigenen Zum-Glauben-Gekommen-Seins interpretiert. Diese Wirklichkeit hat man als Wunder erfahren: Hier hat Gott gehandelt. Er hat Jesus auferweckt. Das Wunder ist das Zum-Glauben-Gekommen-Sein (142).

Im Hebräerbrief ist nicht ausdrücklich von der Auferstehung Jesu die Rede. Statt dessen wird gesagt, dass Christus in den Himmel eingegangen ist und jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns erscheint (9,24). Er hat die Himmel durchschritten (4,14), er hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt (1,3; 8,1; 10,12f). Erst in den letzten Versen klingt die Auferstehungsvorstellung an: “Der Gott aber des Friedens, der den großen Hirten der Schafe von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, unseren Herrn Jesus, der rüste euch mit allem Guten aus“ (13,20f). Im Hebr haben wir es mit der Vorstellung von der Erhöhung zu tun: Der Gekreuzigte ist erhöht worden. Und weil er erhöht worden ist, geht er die Gemeinde unbedingt an (147).

Ursprünglich kommen die Vorstellung von der Erhöhung und die von der Auferstehung unverbunden nebeneinander vor. Bei der Erhöhungsvorstellung wird das Wie des Lebendig-Werdens des Gekreuzigten zunächst nicht reflektiert. Man weiß nur (weil man das erfahren hat), dass Jesus lebt. Dieses “er lebt“ veranschaulicht man mit Hilfe der Vorstellung: Er ist erhöht, er sitzt zur Rechten Gottes (148).

Die Erhöhungsvorstellung als Interpretament ist alt (Phil 2,6-11). Im Rahmen dieser Erhöhungsvorstellung wird die Auferstehung nicht erwähnt. Auf die Erniedrigung folgt die Erhöhung. Diese ist der Grund dafür, dass Jesus einen Namen über alle Namen hat, dass sich im Namen Jesu alle Knie beugen sollen. Was man im Glauben, in den man sich gerufen weiß, erfahren hat, drückt man mit Hilfe eines Interpretaments als Wunder aus: Jesus ist erhöht worden (148).

Mt 28,18; “Mit ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Es ist die Frage, ob hinter diesem Schluss nicht die Auferstehungs- sondern die Erhöhungsvorstellung steht. Wir finden darin nur deswegen die Auferstehungsvorstellung, weil vorher vom leeren Grab die Rede ist. Beides gehört aber ursprünglich nicht zusammen (149).

Die Vorstellung von der Erhöhung Jesu findet sich auch in dem Hymnus 1Tim 3,16: “offenbart im Fleisch – aufgenommen in die Herrlichkeit“. Die Auferstehung wird nicht genannt, nicht einmal das Kreuz (149).

Das Joh-Ev schließt zwar mit der Auferstehungsvorstellung, aber im ganzen ersten Teil des Werkes wird, wenn auf den Ausgang des Lebens Jesu geblickt wird, nicht die Auferstehung genannt, sondern das Hinaufgehen Jesu zum Vater (7,33). Im ersten Teil des Evangeliums wird das Kreuz als Erhöhung verstanden (12,32). Jesu Kreuzigung ist schon seine Erhöhung (149).

Ursprünglich sagen alle diese Vorstellungen dasselbe aus. Das Bekenntnis zur Wirklichkeit des extra nos des erfahrenen Glaubens ist die Konstante. Variabel ist die Vorstellung, derer sich das Bekenntnis bedient (150).

Da es immer um den Glauben geht, den der irdische Jesus brachte, ist allein Jesus hier nicht auswechselbar. Er ist gestorben. Doch damit ist sein Angebot nicht außer Kraft gesetzt. Das hat man damals erfahren, das kann man auch heute erfahren. Jesus ist in seinem Angebot heute gegenwärtig. Mit dem Bekenntnis zum Auferstandenen bekennt man, dass man im eigenen Zum-Glauben-Gekommen-Sein Jesus als Lebendigen, Wirkenden erfahren hat, man bekennt die Gegenwart seiner Vergangenheit (150f).

Die Auferstehung Jesu als historisches und als theologisches Problem

W. Marxsen (1964): Kein Mensch der frühen Urgemeinde hat behauptet, die Auferstehung Jesu als Ereignis, als Faktum, als Geschehen gesehen oder erlebt zu haben. Behauptet das Kerygma das Geschehen-Sein der Auferstehung als Ereignis, dann spricht es damit lediglich eine Überzeugung aus, ohne dafür Zeugen angeben zu können (14).

Zur Tradition vom leeren Grab: Rede ich im Zusammenhang mit dem leeren Grab von der Auferstehung Jesu, ist 'Auferstehung Jesu' ein Interpretament, das das Zustandekommen des Faktums erklären will (15).

Die Erscheinung: In einer ersten Gruppe wird nur die Tatsache der Erscheinung als solche genannt. Die zweite Gruppe dagegen kennt ausgeführte Erscheinungserzählungen. Da spricht Jesus mit seinen Jüngern, isst mit ihnen, geht durch verschlossene Türen usw. Die erste Gruppe ist traditionsgeschichtlich älter als die zweite. Die von Paulus 1Kor 15,5-7 überlieferten Traditionen gehören zu den ältesten erhaltenen dieser ersten Gruppe. Die zweite Gruppe stellt dagegen eine literarische Weiterbildung aus der ersten Gruppe dar. Am Anfang der Tradition steht die bloße Behauptung eines Sehens des Gekreuzigten (15f).

Der Terminus ophthe kann übersetzt werden: (Christus) wurde gesehen (von Petrus usw.), oder  (Christus) erschien bzw. ließ sich sehen oder zeigte sich, oder „Gott hat … sichtbar werden lassen“. Wenn eine bewusste Verwendung des Terminus ophthe vorliegt, ist damit eine Interpretation des Widerfahrnisses eines Sehens in eine bestimmte Richtung erfolgt. Dass es sich um ein von Gott veranlasstes Widerfahrnis handelte, war am Widerfahrnis selbst nicht abzulesen. Das ist Interpretament (17).

Wir können mit großer Sicherheit sagen, dass Zeugen ein Sehen des Gekreuzigten widerfuhr. Zeugen behaupteten nach dem Tode Jesu, ihn gesehen zu haben. Auf Grund dieses Widerfahrnisses des Sehens, das Zeugen behaupteten, kamen sie dann durch reflektierende Interpretation zu der Aussage: Jesus ist von Gott auferweckt worden bzw. er ist auferstanden. Es handelt sich um ein Interpretament, dessen sich diejenigen bedient haben, die ihr Widerfahrnis (damals) reflektierten (19).

Historisch lässt sich nur feststellen, dass die Menschen nach dem Tod Jesu ein ihnen geschehenes Widerfahrnis behaupteten, das sie als Sehen Jesu bezeichneten. Die Reflexion dieses Widerfahrnisses führte diese Leute zur Interpretation: Jesus ist auferweckt worden. Die Zeugen, die die Erfahrung dieses Widerfahrnisses gemacht hatten, mussten dieses Geschehen  mit den Mitteln der Tradition zur Sprache bringen. Andere Sprachmittel als die, die ihnen ihre Tradition zur Verfügung stellte, hatten diese Zeugen nicht (20).

                   

(4) Die 'Erscheinungen' Jesu

W. Marxsen (1968)

1Kor 15,3-8: Wenn Paulus mit Hilfe dieser Zeugenkette darauf hinweisen will, dass sie alle die Auferstehung Jesu verkündigen (V 11: “Seien es nun ich oder jene – so verkündigen wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen“), dann sind die Genannten (wie auch er) nicht Zeugen für die geschehene Auferstehung selbst. Die 'Auferstehungs-Zeugen' haben die Auferstehung Jesu nicht erlebt. Ihr Erlebnis wird als ein Sehen Jesu angegeben (84f).

Die Ersterscheinung war die vor Petrus. Die Erscheinung vor den Zwölfen ist danach einzuordnen. Bei Lukas soll die Priorität der Erscheinung vor Petrus gewahrt werden. Das geschieht dadurch, dass die Jünger in Jerusalem den Emmaus-Jüngern ins Wort fallen. Die Erscheinung vor Petrus wird in einer Formulierung genannt, die an 1Kor 15,5 anklingt (85f).

In Lk 24,34 heißt es, dass die Jünger (in Jerusalem) zum Glauben gekommen sind, obwohl Jesus doch bisher nur dem Petrus erschienen ist. Den zurückkehrenden Emmaus-Jüngern rufen sie entgegen: “Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen“! Sie sagen das (und glauben an den Auferstandenen), bevor sie selbst eine Erscheinung erfahren haben. Von der wird erst nachher erzählt (92).

Die Reihenfolge der Erscheinungen in den Evangelien geht auf das Konto der Evangelisten. Nach Lk 24,34 glaubten die Jünger, bevor sie selbst eine Erscheinung erfuhren. Es gibt keinen Grund zu bezweifeln, dass Petrus wirklich der erste war, der nach Karfreitag zum Glauben an Jesus kam. Dieses Zum-Glauben-Kommen des Petrus wird begründet mit einem Sehen Jesu. Petrus kam nicht nur als erster zum Glauben, sondern er hat auch zu anderen davon gesprochen. Lukas stellt es so dar, dass die anderen durch die Verkündigung des Petrus zum Glauben kamen. Wer behauptet, dass es noch einer Erscheinung Jesu vor den anderen bedurfte, damit sie zum Glauben kommen konnten, müsste zugeben, dass man überhaupt (bis heute) nur dann zum Glauben kommen kann, wenn man eine Erscheinung Jesu erlebt hat (92f).

Warum wird die zweite Erscheinung noch erzählt, nachdem die Elf (Zehn) schon zum Glauben gekommen sind? Nicht ihr Gesehen-Haben ist ein Problem, sondern ein Problem ist, warum man ihr Gesehen-Haben, das nicht begründend war für den Glauben noch besonders erwähnt. Warum erzählte man von Erscheinungen vor über 500 Brüdern, vor Jakobus und vor allen Aposteln? Für das Zum-Glauben-Kommen der Zehn war die Erscheinung nicht nötig. Geglaubt haben sie schon vorher. D.h. dass auch ihr Glaube an der Erscheinung vor Petrus hing. Da die Erscheinung vor Petrus andere in den Glauben führte, war mit dieser Ersterscheinung von Anfang an das funktionale Moment verbunden (93f).

Es ist von den Zwölfen die Rede, nicht aber von Elf. Unklar ist das Verhältnis der Zwölf zu allen Aposteln. Auf jeden Fall überschneiden sich beide Kreise zum Teil. Warum wird erzählt, dass die mehr als 500 Brüder eine Erscheinung hatten? Warum wird das von Jakobus erzählt? Warum von allen Aposteln (94f)?

Der Kreis der Zwölf war der Träger der Jesus-Tradition. Die Funktion der Apostel war in erster Linie die Mission. Jakobus stand nach Petrus der Jerusalemer Gemeinde vor. Seine Funktion war die Leitung. Bei der Gruppe der mehr als 500 Brüder handelte es sich vielleicht um die Gesamtgemeinde. Diese (bestehenden) Gruppen überschnitten sich sicherlich mannigfach. Manche Christen gehörten zwei, manche vielleicht auch drei Gruppen an (95).

Was will man damit sagen, dass die einzelnen Gruppen eine Erscheinung Jesu erlebt haben? Ihr Glaube, die mannigfachen Funktionen, die sie ausübten, gründen alle in der Ersterscheinung vor Petrus. Sie alle werden in diese Ersterscheinung mit hineingenommen. Der Ausgangspunkt für die Formulierung der Formel liegt nicht beim Geschehen, sondern bei den Gruppen, die in der Gemeinde (später) da sind (95).

Der Glaube der Zwölf (!) hatte nicht in der Erscheinung Jesu vor ihnen seinen Grund, sondern er hatte ihn ausschließlich in der Erscheinung vor Petrus. Das zeigt uns, dass die Formel, wenn sie von den Zwölfen redet, von Glaubenden d.h. von der bestehenden Gemeinde aus konzipiert ist. Sie kann nicht begründen wollen, dass das Sehen den Kreis der Zwölf konstituierte. Es ist nun nicht mehr nötig, für Petrus das Erlebnis mehrerer Erscheinungen anzunehmen (zuerst allein, dann im Kreis der Zwölf, dann im Kreis aller Apostel, dazwischen auch noch im Kreis der mehr als 500 Brüder) (97).

Die Zwölf waren Träger der Jesus-Tradition. Es bildete sich eine Gruppe heraus, die Mission betrieb: Petrus, einige der Zwölf und andere, das waren die Apostel. Mit welcher Begründung betreiben sie Mission? Sie haben Jesus gesehen. Es gab diese Gruppen in der Urgemeinde und es gab Funktionen. Die Aufzählung in der Formel hat nicht den Sinn, ein mehrfach wiederholtes Sehen vor immer verschiedenen Personen und Gruppen darzustellen, sondern es sollen die verschiedenen Personen und Gruppen zusammengefasst werden, indem von allen das Gemeinsame gesagt wird: Sie haben gesehen (97f).

Paulus will sich mit diesem Kreis zusammenschließen. Er will sagen, dass auch er in diesen Kreis mit hineingehört: (“Sei es nun ich, seien es jene – so haben wir verkündigt und so seid ihr zum Glauben gekommen“ 1Kor 15,11). Die Formel will nicht die Zahl der Erscheinungen referieren, sondern sie will spätere Funktionen, den späteren Glauben der Gemeinde und auch die spätere Leitung durch Jakobus als aus einer Wurzel kommend begründen: aus der Erscheinung (98).

Die erste Erscheinung löste bei Simon den Glauben aus. Dadurch wurde Simon Fels, wurde er Petrus. Sein Glaube führte auch die anderen zum Glauben. Deshalb hat man in der frühen Urgemeinde formuliert: “Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24,34). Nach Karfreitag war Simon der erste, der zum Glauben an Jesus kam. Die Begründung für dieses Zum-Glauben-Gekommen-Sein wird angegeben, indem man sagt, Simon habe Jesus gesehen. Der Glaube des Simon wird verstanden in seiner gemeindegründenden Funktion. Feststellbar ist: der gemeindebildende Glaube des Simon und die Behauptung der Urgemeinde, dass dieser Glaube seine Wurzel in einem Sehen Jesu hatte (99).

Das 'Sehen' des Paulus

Paulus bringt die Auferstehung Jesu nicht in Beziehung zu seinem Damaskus-Erlebnis. Er weiß sich durch das Erlebnis vor Damaskus als zur Heidenmission ausgesandt (Gal 1,15-17) (103f).

Paulus spricht von seinem Erlebnis nicht mit Hilfe der Vokabel 'sehen' sondern 'offenbaren', als Enthüllen von etwas bisher Verborgenem: “Gott offenbarte seinen Sohn (in) mir“. Paulus begründet seine Unmittelbarkeit, indem er nachweist, dass er seine Mission unabhängig von Jerusalem begonnen hat (105).

1Kor 9,1-2: “Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn gesehen? Und seid ihr nicht mein Werk in dem Herrn? Wenn ich auch für andere nicht Apostel bin, für euch bin ich es, denn das Siegel meines Apostolats seid ihr in dem Herrn“. Die Korinther sind durch die Arbeit des Paulus zum Glauben gekommen. Durch die Predigt des Paulus in Korinth ist der Beweis des Geistes und der Kraft erbracht. Weil die Korinther das erfahren haben, darum müssen sie zugeben, dass Paulus ihr Apostel ist, darum kann der Apostolat des Paulus nicht fraglich sein (105f).

Historisch begründet Paulus seinen Apostolat mit dem Damaskus-Erlebnis, theologisch begründet er ihn mit der Existenz der Gemeinde (107).

Was immer Paulus erlebt hat, er sagt: Gott hat an mir gehandelt (1Kor 15,8). Dass sein Evangelium von Gott kommt, das kann die Gemeinde nur erfahren, wenn sie auf Grund des Evangeliums selbst zum Glauben kommt (109).

Das Widerfahrnis vor Damaskus hat Paulus nicht zu der Überzeugung gebracht, Jesus sei auferstanden. Das 'Ostern des Paulus' bedeutet sein Zum-Glauben-an-Jesus-Kommen. Dieses Zum-Glauben-Kommen kann ganz verschieden geschehen (109f).

In 1Kor 15,15-17 (“Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig“) führt Paulus nicht einen Tatsachenbeweis für die geschehene Auferstehung Jesu (den könnte er überhaupt nicht erbringen), sondern er führt einen 'Beweis' innerhalb einer bestimmten theologischen Logik: Weil ihr wisst, dass ihr zum Glauben gekommen seid, müsst ihr zugeben, dass euer Glaube eine Voraussetzung hat. Paulus argumentiert von den Folgen aus. Da diese (wie die Korinther wissen) unbestritten sind, müssen auch die Voraussetzungen stimmen (111).

Vom Glauben aus kann man nicht die geschehene Auferstehung Jesu erschließen. Darüber kann man nur informiert werden. Die Predigt von der Auferstehung Jesu kann zum Inhalt haben: Jesus lebt, darum geht er mich unbedingt an. Als Lebendigen kann man Jesus im durch die Predigt ausgelösten Glauben erfahren. Wie er lebendig wurde, kann der Glaube nicht ermitteln. Paulus war vom Geschehen-Sein der Auferstehung Jesu überzeugt. Aber er führt weder in 1Kor 15 noch sonstwo einen 'Tatsachenbeweis' dafür (113).