(2) Schwierigkeiten mit der Auferweckung Jesu

H. Küng

Auferweckung Jesu: In den Ostergeschichten geht es nicht um Polizeirapporte, sondern um Glaubenszeugnisse (135).

Nicht durch das leere Grab, sondern durch Offenbarungen kamen die Jünger zum Glauben an Jesu Auferweckung zum ewigen Leben. Historisch lässt sich ein leeres Grab für uns heute nicht verifizieren. Weder Jesu noch unsere Auferweckung ist von einem leeren Grab abhängig. Die Wiederbelebung eines Leichnams ist keine Vorbedingung für eine Erweckung zum ewigen Leben. So ist auch für Paulus nicht das leere Grab, das er nicht erwähnt, sondern der Erweis Jesu als Lebendigen für seine Verkündigung entscheidend. Nicht zum leeren Grab ruft der christliche Glaube, sondern zur Begegnung mit dem lebendigen Christus selbst (137).

Die Auferweckung Jesu ist kein historischeres Ereignis. Auferweckung ist kein raum-zeitlicher Akt. Auferweckung meint nicht ein Naturgesetz durchbrechendes, innerweltlich konstatierbares Mirakel, nicht einen datierbaren supranaturalistischen Eingriff in Raum und Zeit. Zu photographieren und registrieren gab es nichts. Historisch feststellbar sind der Tod Jesu und die Osterbotschaft der Jünger. Die Auferweckung selber lässt sich nicht dingfest machen, nicht objektivieren. Auferweckung bezieht sich auf eine völlig neue Daseinsweise in der ganz anderen Dimension des Ewigen (138).

Jesus wird verkündigt, weil er lebt! Der Gekreuzigte lebt für immer bei Gott – als Verpflichtung und Hoffnung für uns (140).

Auferweckung des Leibes? Wie muss man sich die Auferweckung vorstellen? Antwort: Überhaupt nicht! Auferweckung und Auferstehung sind bildhafte Termini, übernommen vom Aufwecken und Aufstehen aus dem Schlaf. Das neue Leben bleibt für uns völlig unanschaulich und unvorstellbar, totalitär aliter, ganz anders. Paulus arbeitet zur Umschreibung der Auferstehungswirklichkeit mit paradoxen Chiffren: ein unvergänglicher „Geistleib“ (1Kor 15,44), ein „Leib der Herrlichkeit“ (15,43), der durch radikale „Verwandlung“ (15,52) aus dem vergänglichen Fleischesleib hervorgegangen ist und der so verschieden ist wie die Pflanze vom Samen (1Kor 15,36ff) (142f).

Eine leibliche Auferstehung, eine Auferweckung des Menschen mit seinem Leib? Nein und ja. Nein, wenn man unter Leib physiologisch den jeweiligen Körper versteht, den Leichnam, die Reliquien. Ja, wenn Leib im Sinn des ntl Soma nicht physiologisch sondern personal verstanden wird: als die identische personale Wirklichkeit, dasselbe Ich mit seiner ganzen Geschichte. Leibhafte Auferstehung bedeutet, dass die Lebensgeschichte und alle in dieser Geschichte gewordenen Beziehungen mit in die Vollendung eingehen und dem auferweckten Menschen endgültig gehören. Nicht die Kontinuität meines Körpers als einer physikalischen Größe steht hier auf dem Spiel, sondern die Identität der Person: Es stellt sich also die Frage nach der bleibenden Bedeutung meines ganzen Lebens (146).

Was heißt 'ewig leben'? Keine Rückkehr in dieses raumzeitliche Leben: Auch mit den Totenerweckungen der Antike darf Jesu Auferweckung nicht verwechselt werden. Wir finden sie in drei Fällen auch bei Jesus (die Tochter des Jairus, der Jüngling von Nain und Lazarus). Abgesehen von der historischen Glaubwürdigkeit solcher legendären Berichte (Markus, Matthäus und Lukas wissen nichts von der sensationellen Totenerweckung des Lazarus (Jh 11) vor den Toren Jerusalems): Gerade die vorübergehende Wiederbelebung eines Leichnams ist mit der Auferweckung Jesu nicht gemeint. Jesus ist nicht einfach in das biologisch-irdische Leben zurückgekehrt. Der Tod wird nicht rückgängig gemacht. Nach ntl Verständnis ist der Auferweckte in ein ganz anderes, himmlisches Leben eingegangen, in das Leben Gottes (147).

Jesus ist nicht ins Nichts hineingestorben. Er ist aus dem Tod in jene umfassende Wirklichkeit hineingestorben, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen. Der Tod ist Durchgang zu Gott, ist Heimkehr in Gottes Verborgenheit, ist Aufnahme in seine Herrlichkeit (aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare) (148f).

Der Christ glaubt primär nicht an die Auferweckung, sondern an den Auferweckten selber. Glauben an den zum neuen Leben Erweckten heißt Rückbesinnung auf das Leben, das er gelebt hat, auf den Weg, den er gegangen ist, heißt Einweisung in die Nachfolge des Einen, der mich verpflichtet, meinen eigenen Weg nach seiner Wegweisung zu gehen (150).

                   

(3) Die Auferstehung Jesu war keine historische Tatsache, sondern ein Glaubensurteil

G. Lüdemann (1995 Özen): Endete der Karfreitag in einer Katastrophe, so brach nicht lange nach dem Tod Jesu und der Rückkehr der Jünger nach Galiläa unverhofft ein neuer Frühling an. Der Durchbruch geschah in Galiläa. Nicht lange nach dem Todesfreitag erlebte Petrus in einer Vision den lebendigen Jesus und dieses Geschehen führte zu einer Kettenreaktion ohnegleichen. Hatte Petrus Jesus gesehen und gehört, so war damit der Inhalt der Christuserscheinung den anderen vorgegeben.  Der von Jesus zu seinen Lebzeiten gegründete Zwölferkreis wurde von Petrus mitgerissen und 'sah' ebenfalls Jesus. Und an dem Wochenfest, das auf das Todespassah folgte, ereignete sich jene Erscheinung vor den mehr als 500 (124f).

Auch Frauen waren unter denen, die Jesus sahen. Auf Einwände von jüdischer Seite und Fragen nach dem Verbleib des Leichnams Jesu wusste man alsbald zu entgegnen, dass die Frauen das Grab leer gefunden hatten und später, dass Jesus den Frauen am Grab sogar erschienen sei.

Ein neues Stadium erreichte die Bewegung, als sich ihr in Jerusalem griechischsprachige Juden anschlossen. Das mag bereits an jenem auf das Todespassah folgenden Wochenfest gewesen sein, als viele Pilger in Jerusalem anwesend waren und von Jesus hörten. Jedenfalls verbreiteten sie die Jesusbotschaft in Gegenden außerhalb Jerusalems und lenkten die Aufmerksamkeit des Pharisäers Saulus auf sich. Dieser schritt zur Tat und unterdrückte die neue Predigt, bis er ebenfalls in einer Vision vor Damaskus von Jesus überwunden wurde. Mit diesem Ereignis ist ein äußerster Punkt des ältesten Osterglaubens erreicht, obwohl Jesus auch in der Folgezeit immer wieder 'erschien' (125f).

(1995): Jesu Hinrichtung hat im Jüngerkreis eine Krise ausgelöst. Fluchtartig haben sich die Jünger nach dem Karfreitag nach Galiläa zurückgezogen. In Galiläa hat Petrus als erster Jesus lebendig gesehen (1Kor 15,5; Lk 24,34; Mt 16,17-19; Lk 5,1-11; Joh 21,1-14). Die Erscheinung vor Kephas ist ein Primärphänomen, das den Glauben an Jesu Auferstehung erst ermöglicht hat. Die pln Ostererfahrung ist ähnlich wie die ptrn strukturiert (31f).

Petri und Pauli Ostervision stimmen überein: Sowohl Petrus als auch Paulus erfahren eine originale Offenbarung, während alle anderen Osteroffenbarungen abhängige Offenbarungen sind. Die Schau Christi durch Petrus hat alle anderen Schauungen des Erhöhten im Jüngerkreis geprägt, mit Ausnahme der Vision des Paulus. Bei beiden steht die Vision Jesu in einer unauflösbaren Beziehung zur Verleugnung Jesu bzw. zur Verfolgung seiner Gemeinde. Bei beiden wird das Schuldgefühl durch die Gnadengewissheit abgelöst. Beide stimmen in der Rechtfertigungslehre überein: „Wir (Petrus und Paulus ) sind von Geburt Juden. Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen“ (Gal 2,15f) (40f).

Die Auferstehung Jesu - ein Interpretament unter anderen

W. Marxsen (1968): Nach Karfreitag erfahren Menschen, dass Jesus auch nach seinem Tod in den Glauben stellt. Der Ermöglichungsgrund für dieses Zum-Glauben-Kommen ist: Jesus lebt. Er ist nicht im Tode geblieben. Um Jesus als den Lebendigen auszusagen, benutzte man die Vorstellung von der Auferstehung der Toten: “Jesus ist auferstanden“ oder “Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“. Wir haben es hier mit einem Interpretament zu tun, denn gesehen hat die Auferstehung Jesu niemand. Wir kennen keinen, der das behauptet. Die Auferstehung Jesu ist vom eigenen Glauben aus erschlossen worden (141).

In der frühen Urgemeinde hat man die Wirklichkeit des eigenen Zum-Glauben-Gekommen-Seins interpretiert. Diese Wirklichkeit hat man als Wunder erfahren: Hier hat Gott gehandelt. Er hat Jesus auferweckt. Das Wunder ist das Zum-Glauben-Gekommen-Sein (142).

Im Hebräerbrief ist nicht ausdrücklich von der Auferstehung Jesu die Rede. Statt dessen wird gesagt, dass Christus in den Himmel eingegangen ist und jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns erscheint (9,24). Er hat die Himmel durchschritten (4,14), er hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt (1,3; 8,1; 10,12f). Erst in den letzten Versen klingt die Auferstehungsvorstellung an: “Der Gott aber des Friedens, der den großen Hirten der Schafe von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, unseren Herrn Jesus, der rüste euch mit allem Guten aus“ (13,20f). Im Hebr haben wir es mit der Vorstellung von der Erhöhung zu tun: Der Gekreuzigte ist erhöht worden. Und weil er erhöht worden ist, geht er die Gemeinde unbedingt an (147).

Ursprünglich kommen die Vorstellung von der Erhöhung und die von der Auferstehung unverbunden nebeneinander vor. Bei der Erhöhungsvorstellung wird das Wie des Lebendig-Werdens des Gekreuzigten zunächst nicht reflektiert. Man weiß nur (weil man das erfahren hat), dass Jesus lebt. Dieses “er lebt“ veranschaulicht man mit Hilfe der Vorstellung: Er ist erhöht, er sitzt zur Rechten Gottes (148).

Die Erhöhungsvorstellung als Interpretament ist alt (Phil 2,6-11). Im Rahmen dieser Erhöhungsvorstellung wird die Auferstehung nicht erwähnt. Auf die Erniedrigung folgt die Erhöhung. Diese ist der Grund dafür, dass Jesus einen Namen über alle Namen hat, dass sich im Namen Jesu alle Knie beugen sollen. Was man im Glauben, in den man sich gerufen weiß, erfahren hat, drückt man mit Hilfe eines Interpretaments als Wunder aus: Jesus ist erhöht worden (148).

Mt 28,18; “Mit ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Es ist die Frage, ob hinter diesem Schluss nicht die Auferstehungs- sondern die Erhöhungsvorstellung steht. Wir finden darin nur deswegen die Auferstehungsvorstellung, weil vorher vom leeren Grab die Rede ist. Beides gehört aber ursprünglich nicht zusammen (149).

Die Vorstellung von der Erhöhung Jesu findet sich auch in dem Hymnus 1Tim 3,16: “offenbart im Fleisch – aufgenommen in die Herrlichkeit“. Die Auferstehung wird nicht genannt, nicht einmal das Kreuz (149).

Das Joh-Ev schließt zwar mit der Auferstehungsvorstellung, aber im ganzen ersten Teil des Werkes wird, wenn auf den Ausgang des Lebens Jesu geblickt wird, nicht die Auferstehung genannt, sondern das Hinaufgehen Jesu zum Vater (7,33). Im ersten Teil des Evangeliums wird das Kreuz als Erhöhung verstanden (12,32). Jesu Kreuzigung ist schon seine Erhöhung (149).

Ursprünglich sagen alle diese Vorstellungen dasselbe aus. Das Bekenntnis zur Wirklichkeit des extra nos des erfahrenen Glaubens ist die Konstante. Variabel ist die Vorstellung, derer sich das Bekenntnis bedient (150).

Da es immer um den Glauben geht, den der irdische Jesus brachte, ist allein Jesus hier nicht auswechselbar. Er ist gestorben. Doch damit ist sein Angebot nicht außer Kraft gesetzt. Das hat man damals erfahren, das kann man auch heute erfahren. Jesus ist in seinem Angebot heute gegenwärtig. Mit dem Bekenntnis zum Auferstandenen bekennt man, dass man im eigenen Zum-Glauben-Gekommen-Sein Jesus als Lebendigen, Wirkenden erfahren hat, man bekennt die Gegenwart seiner Vergangenheit (150f).

Die Auferstehung Jesu als historisches und als theologisches Problem

W. Marxsen (1964): Kein Mensch der frühen Urgemeinde hat behauptet, die Auferstehung Jesu als Ereignis, als Faktum, als Geschehen gesehen oder erlebt zu haben. Behauptet das Kerygma das Geschehen-Sein der Auferstehung als Ereignis, dann spricht es damit lediglich eine Überzeugung aus, ohne dafür Zeugen angeben zu können (14).

Zur Tradition vom leeren Grab: Rede ich im Zusammenhang mit dem leeren Grab von der Auferstehung Jesu, ist 'Auferstehung Jesu' ein Interpretament, das das Zustandekommen des Faktums erklären will (15).

Die Erscheinung: In einer ersten Gruppe wird nur die Tatsache der Erscheinung als solche genannt. Die zweite Gruppe dagegen kennt ausgeführte Erscheinungserzählungen. Da spricht Jesus mit seinen Jüngern, isst mit ihnen, geht durch verschlossene Türen usw. Die erste Gruppe ist traditionsgeschichtlich älter als die zweite. Die von Paulus 1Kor 15,5-7 überlieferten Traditionen gehören zu den ältesten erhaltenen dieser ersten Gruppe. Die zweite Gruppe stellt dagegen eine literarische Weiterbildung aus der ersten Gruppe dar. Am Anfang der Tradition steht die bloße Behauptung eines Sehens des Gekreuzigten (15f).

Der Terminus ophthe kann übersetzt werden: (Christus) wurde gesehen (von Petrus usw.), oder  (Christus) erschien bzw. ließ sich sehen oder zeigte sich, oder „Gott hat … sichtbar werden lassen“. Wenn eine bewusste Verwendung des Terminus ophthe vorliegt, ist damit eine Interpretation des Widerfahrnisses eines Sehens in eine bestimmte Richtung erfolgt. Dass es sich um ein von Gott veranlasstes Widerfahrnis handelte, war am Widerfahrnis selbst nicht abzulesen. Das ist Interpretament (17).

Wir können mit großer Sicherheit sagen, dass Zeugen ein Sehen des Gekreuzigten widerfuhr. Zeugen behaupteten nach dem Tode Jesu, ihn gesehen zu haben. Auf Grund dieses Widerfahrnisses des Sehens, das Zeugen behaupteten, kamen sie dann durch reflektierende Interpretation zu der Aussage: Jesus ist von Gott auferweckt worden bzw. er ist auferstanden. Es handelt sich um ein Interpretament, dessen sich diejenigen bedient haben, die ihr Widerfahrnis (damals) reflektierten (19).

Historisch lässt sich nur feststellen, dass die Menschen nach dem Tod Jesu ein ihnen geschehenes Widerfahrnis behaupteten, das sie als Sehen Jesu bezeichneten. Die Reflexion dieses Widerfahrnisses führte diese Leute zur Interpretation: Jesus ist auferweckt worden. Die Zeugen, die die Erfahrung dieses Widerfahrnisses gemacht hatten, mussten dieses Geschehen  mit den Mitteln der Tradition zur Sprache bringen. Andere Sprachmittel als die, die ihnen ihre Tradition zur Verfügung stellte, hatten diese Zeugen nicht (20).

                   

(4) Die 'Erscheinungen' Jesu

W. Marxsen (1968)

1Kor 15,3-8: Wenn Paulus mit Hilfe dieser Zeugenkette darauf hinweisen will, dass sie alle die Auferstehung Jesu verkündigen (V 11: “Seien es nun ich oder jene – so verkündigen wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen“), dann sind die Genannten (wie auch er) nicht Zeugen für die geschehene Auferstehung selbst. Die 'Auferstehungs-Zeugen' haben die Auferstehung Jesu nicht erlebt. Ihr Erlebnis wird als ein Sehen Jesu angegeben (84f).

Die Ersterscheinung war die vor Petrus. Die Erscheinung vor den Zwölfen ist danach einzuordnen. Bei Lukas soll die Priorität der Erscheinung vor Petrus gewahrt werden. Das geschieht dadurch, dass die Jünger in Jerusalem den Emmaus-Jüngern ins Wort fallen. Die Erscheinung vor Petrus wird in einer Formulierung genannt, die an 1Kor 15,5 anklingt (85f).

In Lk 24,34 heißt es, dass die Jünger (in Jerusalem) zum Glauben gekommen sind, obwohl Jesus doch bisher nur dem Petrus erschienen ist. Den zurückkehrenden Emmaus-Jüngern rufen sie entgegen: “Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen“! Sie sagen das (und glauben an den Auferstandenen), bevor sie selbst eine Erscheinung erfahren haben. Von der wird erst nachher erzählt (92).

Die Reihenfolge der Erscheinungen in den Evangelien geht auf das Konto der Evangelisten. Nach Lk 24,34 glaubten die Jünger, bevor sie selbst eine Erscheinung erfuhren. Es gibt keinen Grund zu bezweifeln, dass Petrus wirklich der erste war, der nach Karfreitag zum Glauben an Jesus kam. Dieses Zum-Glauben-Kommen des Petrus wird begründet mit einem Sehen Jesu. Petrus kam nicht nur als erster zum Glauben, sondern er hat auch zu anderen davon gesprochen. Lukas stellt es so dar, dass die anderen durch die Verkündigung des Petrus zum Glauben kamen. Wer behauptet, dass es noch einer Erscheinung Jesu vor den anderen bedurfte, damit sie zum Glauben kommen konnten, müsste zugeben, dass man überhaupt (bis heute) nur dann zum Glauben kommen kann, wenn man eine Erscheinung Jesu erlebt hat (92f).

Warum wird die zweite Erscheinung noch erzählt, nachdem die Elf (Zehn) schon zum Glauben gekommen sind? Nicht ihr Gesehen-Haben ist ein Problem, sondern ein Problem ist, warum man ihr Gesehen-Haben, das nicht begründend war für den Glauben noch besonders erwähnt. Warum erzählte man von Erscheinungen vor über 500 Brüdern, vor Jakobus und vor allen Aposteln? Für das Zum-Glauben-Kommen der Zehn war die Erscheinung nicht nötig. Geglaubt haben sie schon vorher. D.h. dass auch ihr Glaube an der Erscheinung vor Petrus hing. Da die Erscheinung vor Petrus andere in den Glauben führte, war mit dieser Ersterscheinung von Anfang an das funktionale Moment verbunden (93f).

Es ist von den Zwölfen die Rede, nicht aber von Elf. Unklar ist das Verhältnis der Zwölf zu allen Aposteln. Auf jeden Fall überschneiden sich beide Kreise zum Teil. Warum wird erzählt, dass die mehr als 500 Brüder eine Erscheinung hatten? Warum wird das von Jakobus erzählt? Warum von allen Aposteln (94f)?

Der Kreis der Zwölf war der Träger der Jesus-Tradition. Die Funktion der Apostel war in erster Linie die Mission. Jakobus stand nach Petrus der Jerusalemer Gemeinde vor. Seine Funktion war die Leitung. Bei der Gruppe der mehr als 500 Brüder handelte es sich vielleicht um die Gesamtgemeinde. Diese (bestehenden) Gruppen überschnitten sich sicherlich mannigfach. Manche Christen gehörten zwei, manche vielleicht auch drei Gruppen an (95).

Was will man damit sagen, dass die einzelnen Gruppen eine Erscheinung Jesu erlebt haben? Ihr Glaube, die mannigfachen Funktionen, die sie ausübten, gründen alle in der Ersterscheinung vor Petrus. Sie alle werden in diese Ersterscheinung mit hineingenommen. Der Ausgangspunkt für die Formulierung der Formel liegt nicht beim Geschehen, sondern bei den Gruppen, die in der Gemeinde (später) da sind (95).

Der Glaube der Zwölf (!) hatte nicht in der Erscheinung Jesu vor ihnen seinen Grund, sondern er hatte ihn ausschließlich in der Erscheinung vor Petrus. Das zeigt uns, dass die Formel, wenn sie von den Zwölfen redet, von Glaubenden d.h. von der bestehenden Gemeinde aus konzipiert ist. Sie kann nicht begründen wollen, dass das Sehen den Kreis der Zwölf konstituierte. Es ist nun nicht mehr nötig, für Petrus das Erlebnis mehrerer Erscheinungen anzunehmen (zuerst allein, dann im Kreis der Zwölf, dann im Kreis aller Apostel, dazwischen auch noch im Kreis der mehr als 500 Brüder) (97).

Die Zwölf waren Träger der Jesus-Tradition. Es bildete sich eine Gruppe heraus, die Mission betrieb: Petrus, einige der Zwölf und andere, das waren die Apostel. Mit welcher Begründung betreiben sie Mission? Sie haben Jesus gesehen. Es gab diese Gruppen in der Urgemeinde und es gab Funktionen. Die Aufzählung in der Formel hat nicht den Sinn, ein mehrfach wiederholtes Sehen vor immer verschiedenen Personen und Gruppen darzustellen, sondern es sollen die verschiedenen Personen und Gruppen zusammengefasst werden, indem von allen das Gemeinsame gesagt wird: Sie haben gesehen (97f).

Paulus will sich mit diesem Kreis zusammenschließen. Er will sagen, dass auch er in diesen Kreis mit hineingehört: (“Sei es nun ich, seien es jene – so haben wir verkündigt und so seid ihr zum Glauben gekommen“ 1Kor 15,11). Die Formel will nicht die Zahl der Erscheinungen referieren, sondern sie will spätere Funktionen, den späteren Glauben der Gemeinde und auch die spätere Leitung durch Jakobus als aus einer Wurzel kommend begründen: aus der Erscheinung (98).

Die erste Erscheinung löste bei Simon den Glauben aus. Dadurch wurde Simon Fels, wurde er Petrus. Sein Glaube führte auch die anderen zum Glauben. Deshalb hat man in der frühen Urgemeinde formuliert: “Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24,34). Nach Karfreitag war Simon der erste, der zum Glauben an Jesus kam. Die Begründung für dieses Zum-Glauben-Gekommen-Sein wird angegeben, indem man sagt, Simon habe Jesus gesehen. Der Glaube des Simon wird verstanden in seiner gemeindegründenden Funktion. Feststellbar ist: der gemeindebildende Glaube des Simon und die Behauptung der Urgemeinde, dass dieser Glaube seine Wurzel in einem Sehen Jesu hatte (99).

Das 'Sehen' des Paulus

Paulus bringt die Auferstehung Jesu nicht in Beziehung zu seinem Damaskus-Erlebnis. Er weiß sich durch das Erlebnis vor Damaskus als zur Heidenmission ausgesandt (Gal 1,15-17) (103f).

Paulus spricht von seinem Erlebnis nicht mit Hilfe der Vokabel 'sehen' sondern 'offenbaren', als Enthüllen von etwas bisher Verborgenem: “Gott offenbarte seinen Sohn (in) mir“. Paulus begründet seine Unmittelbarkeit, indem er nachweist, dass er seine Mission unabhängig von Jerusalem begonnen hat (105).

1Kor 9,1-2: “Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn gesehen? Und seid ihr nicht mein Werk in dem Herrn? Wenn ich auch für andere nicht Apostel bin, für euch bin ich es, denn das Siegel meines Apostolats seid ihr in dem Herrn“. Die Korinther sind durch die Arbeit des Paulus zum Glauben gekommen. Durch die Predigt des Paulus in Korinth ist der Beweis des Geistes und der Kraft erbracht. Weil die Korinther das erfahren haben, darum müssen sie zugeben, dass Paulus ihr Apostel ist, darum kann der Apostolat des Paulus nicht fraglich sein (105f).

Historisch begründet Paulus seinen Apostolat mit dem Damaskus-Erlebnis, theologisch begründet er ihn mit der Existenz der Gemeinde (107).

Was immer Paulus erlebt hat, er sagt: Gott hat an mir gehandelt (1Kor 15,8). Dass sein Evangelium von Gott kommt, das kann die Gemeinde nur erfahren, wenn sie auf Grund des Evangeliums selbst zum Glauben kommt (109).

Das Widerfahrnis vor Damaskus hat Paulus nicht zu der Überzeugung gebracht, Jesus sei auferstanden. Das 'Ostern des Paulus' bedeutet sein Zum-Glauben-an-Jesus-Kommen. Dieses Zum-Glauben-Kommen kann ganz verschieden geschehen (109f).

In 1Kor 15,15-17 (“Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig“) führt Paulus nicht einen Tatsachenbeweis für die geschehene Auferstehung Jesu (den könnte er überhaupt nicht erbringen), sondern er führt einen 'Beweis' innerhalb einer bestimmten theologischen Logik: Weil ihr wisst, dass ihr zum Glauben gekommen seid, müsst ihr zugeben, dass euer Glaube eine Voraussetzung hat. Paulus argumentiert von den Folgen aus. Da diese (wie die Korinther wissen) unbestritten sind, müssen auch die Voraussetzungen stimmen (111).

Vom Glauben aus kann man nicht die geschehene Auferstehung Jesu erschließen. Darüber kann man nur informiert werden. Die Predigt von der Auferstehung Jesu kann zum Inhalt haben: Jesus lebt, darum geht er mich unbedingt an. Als Lebendigen kann man Jesus im durch die Predigt ausgelösten Glauben erfahren. Wie er lebendig wurde, kann der Glaube nicht ermitteln. Paulus war vom Geschehen-Sein der Auferstehung Jesu überzeugt. Aber er führt weder in 1Kor 15 noch sonstwo einen 'Tatsachenbeweis' dafür (113).

                   

(5) Die Auferstehungsgeschichte und der christliche Glaube

E. Hirsch

Kritische Untersuchung der Auferstehungsgeschichten

Jh 20 erzählt das Abgewälztfinden des Steins durch Maria von Magdala, das Leerfinden des Grabes durch den Lieblingsjünger und Petrus, die Erscheinung Jesu an Maria von Magdala als erste Erscheinung, die Erscheinung an die Jünger ohne Thomas am Ostersonntag abends bei verschlossener Tür in Jerusalem, die Erscheinung an die Jünger mit Thomas am Sonntag darauf abends bei verschlossener Tür in Jerusalem. Jh 21 fügt die Erscheinung an Petrus und sechs andere Jünger am galiläischen Meer hinzu. Bei der Erscheinung an Maria von Magdala ist ausdrücklich hervorgehoben, dass der Erscheinende aus dem Grab hervorgegangen, aber noch nicht zum Vater aufgefahren ist. Die Himmelfahrt ist nicht erzählt. Die Nachrichten über Ort und Zeit der Himmelfahrt werden in der kirchlichen Osterlegende aus dem Anfang der Apostelgeschichte (Apg) ergänzt. Zusammen mit dieser Ergänzung hat das kirchliche Jh-Ev den Grundriss der kirchlichen Vorstellung vom Ostergeschehen festgelegt (31f).

Die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu vierzig Tage nach Ostern vom Ölberg aus ist keine alte Überlieferung. Sie ist in der Apg ein nachträglicher Einschub. Der Verfasser der Apg hat auch das Lukasevangelium (Lk-Ev) geschrieben. Im Lk-Ev lässt er Jesus noch am Ostersonntagabend in Betanien von den Jüngern Abschied nehmen. Er denkt sich Jesus nach den Erscheinungen weiter zu dem himmlischen Wohnsitz Gottes fahrend, ebenso wie das Jh-Ev. Der zeitliche Rahmen ist so anderes, dass für die ganze kirchliche Osterlegende kein Platz mehr ist (32).

Das Jh-Ev ist mindestens in seinen Schlusskapiteln einer redaktionellen Erweiterung von späterer kirchlicher Hand unterworfen worden. Diese kirchliche Redaktion hat erstens das ganze 21.Kp. hinzugesetzt und zweiten in Kp.20 die Verse 20,2-11a eingeschoben. Nimmt man diese Zusätze fort, so ergibt sich, dass das ursprüngliche Jh-Ev einem Typus der Osterlegende folgt, der nur Erscheinungen Jesu in Jerusalem kennt (33).

Der Bericht 1Kor 15 kennt die Vorstellung einer die Auferstehungserscheinungen abschließenden Himmelfahrt Jesu noch nicht. Paulus ordnet seine Damaskuserscheinung als den übrigen Erscheinungen gleich und ebenbürtig ein. Für ihn sind alle Erscheinungen Jesu Erscheinungen eines schon zu Gott in die himmlische Herrlichkeit Entrückten gewesen. Die Erscheinung eines bei Gott in der himmlischen Herrlichkeit Seienden geschieht nach allen Analogien im 'Gesicht', d.h. in einem enthusiastischen Zustand, dem sonst verborgene Wirklichkeit sich enthüllt. So hat er auch seine Damaskuserscheinung als der Geisterfahrung zugehörig beurteilt. Die offizielle kirchliche Osterlegende hingegen hat eine viel mehr irdische Vorstellung von dem Sehen des Herrn, demgemäß, dass ihr der auferstandene Herr eine noch nicht die himmlische Herrlichkeit entrückte Gestalt ist (34).

Die Geschichte des ältesten Osterglaubens

a. Der Bericht 1Kor 15: „Christus ist gestorben für unsere Sünden nach der Schrift und ist begraben und ist auferstanden am dritten Tag nach der Schrift und ist erschienen zuerst (1) dem Kefas (=Petrus), dann (2) den Zwölfen, alsdann (3) mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, alsdann (4) erschienen dem Jakobus, dann (5) allen Aposteln“.

(1) Die Erscheinung an Petrus und die an die Zwölf sind in Galiläa geschehen, wohin die Jünger nach dem Zusammenbruch ihres Glaubens am Karfreitag geflohen sind und ihr altes Handwerk wieder aufgenommen haben.

(2) Es handelt sich bei diesen Erscheinungen um Gesichte, die in einem das gewöhnliche Bewusstsein überhöhenden Zustand, im Geist, geschaut werden. Petrus ist dies zuerst widerfahren. Er ist aus anderen Geschichten als visionär veranlagt bekannt.

(3) Die Vorstellung, die dies Sehen des Herrn in den es Erfahrenden auslöst, ist die, dass Jesus nicht im Tod geblieben, sondern zu Gottes Thron entrückt ist und von dort aus zu den von ihm Erwählten kommt und sich kundmacht.

(4) Alle Vorstellungen, die man aus den Auferstehungsgeschichten der Evangelien über das urchristliche Verständnis der Erscheinungen gewinnt, sind falsch. Die einzige an die Sache heranführende Analogie ist das Damaskuserlebnis des Paulus. Eine Beziehung auf das leere Grab ist nicht vorhanden (61).

Wenn Paulus seine Erscheinung als sechste und letzte der Reihe anfügt, so tut er es, um seine Stellung als Apostel zu begründen. Sein Damaskuserlebnis hat ihm dies beides zugleich bedeutet: Hinwendung zum Glauben an Jesus Christus und Berufung zum Heidenapostel (Gal 1,15f). Apostel sein und den Herrn gesehen haben sind ihm nahezu Wechselbegriffe (1Kor 9,1). Nach allgemeiner urchristlicher Anschauung ist es der Geist, der Jesus als den Herrn erkennen lässt (1Kor 12,3). Den Geist empfangen und an Jesus als den Herrn gläubig werden, das fällt so gut wie in eins (62).

Petrus, der Jünger, der Jesus am nächsten gestanden und sich am tiefsten von ihm geschieden hatte, gewinnt in Galiläa durch das Gesicht die Gewissheit: Jesus sei von Gott aus dem Tod zu seinem Thron entrückt und zum demnächst kommenden Herrn und Christus eingesetzt worden und sei nun zu ihm gekommen, um ihn wieder als Jünger anzunehmen und zum Verkündiger dieses ungeheuren Geschehnisses zu bestellen.

(2) Er verkündigt diesen neu gewonnenen Glauben den andern in die galiläischen Verhältnisse Zurückgekehrten aus Jesu Gefolge und es begibt sich, dass er sie in sein Erlebnis hineinreißt: sie sehen gemeinsam den Herrn, so dass Unglaube und Zweifel überwunden werden und wissen sich nun als die Zwölf zu Sendboten Jesu als des kommenden Herrn und Christus bestellt.

(3) Sie ziehen zusammen an den Ort, da der Christus nach jüdischer Überzeugung proklamiert werden muss, nach Jerusalem. Es kommt der Augenblick, wo trotz allem Widerstand der führenden jüdischen Kreise ihr Wort einschlägt: eine ganze Versammlung von fünfhundert Menschen wird in den Zustand der Verzückung im Geist hinein gerissen und schaut den Herrn als gegenwärtig in ihrer Mitte. Die erste Gemeinde ist da.

(4) Jetzt greift der neue Glaube über auf Jakobus: er wird vom Geist ergriffen, schaut den Herrn und tritt als leitende Persönlichkeit neben die Zwölf.

(5) Die Gemeinde, die sich so bildet, besteht zunächst in Jerusalem, die zugezogenen Galiläer in ihr haben die Führung. Ein ganzer Kreis von Männern schaut den Herrn und weiß sich zu Aposteln, d.h. Sendboten bestellt.

(6) Wenn Paulus seine Christuserscheinung als sechste und letzte an diese Reihe anschließt, so stellt er damit die Entstehung der Heidenkirche als letztes und größtes Ereignis im Werden der Kirche Christi an den gebührenden Platz. Erst die Christuserscheinung des Paulus ist etwas anderes als ein Fortwirken des Erlebnisses des Petrus (63f).

b. Die geschichtlichen Bedingungen der Auferstehungsgeschichte: Für die vom Judentum herkommenden Menschen gab es keine andere Möglichkeit, an Jesus zu glauben, als vermöge der Vorstellung, er sei der Kommende (von dem die Hoffnung der Frommen ihres Volks träumte), er sei durch den Tod zu Gott entrückt und werde nun in Kürze als der Herr erscheinen, um das Gericht an allem Unglauben zu vollziehen und das Reich Gottes zu offenbaren. Der älteste Osterglaube versteht sich als Kennen und Erfahren des im Kommen befindlichen Herrn. Die kurze Zeit zwischen Ostern und dem Kommen des Herrn ist ein Nichts. Dass aus diesem Augenblick die ganze Welt- und Kirchengeschichte werden würde, das hat dieser älteste Oster- und Endglaube nicht geahnt. An die Stelle des unbekannten Kommenden ist nun der von den Juden dem Tod preisgegebene und zu Gott entrückte Mensch Jesus getreten, der als der himmlische Herr kommen und das ewige Reich von Gott bringen wird. An die Stelle der jüdischen Volksgemeinde sind nun die von Gnade und Geist dieses Herrn Ergriffenen die Gemeinde Gottes. Der christliche Oster- und Endglaube ist eine Neubildung aus Elementen atl-jüdischer Weissagung und Hoffnung (68f).

Wer im damaligen Judentum als Prediger des nahen Gottesreichs mit solcher Klarheit und Kühnheit nicht allein den Autoritäten, sondern auch den Bestimmungen des heiligen mosaischen Gesetztes und der darauf gegründeten Art der Frömmigkeit entgegentritt, der besitzt ein tiefes Vollmachtsbewusstsein. Dass in Jesu Jüngern der Glaube sich entzündete, er sei der Kommende, durch den Gott sein Reich aufrichte, zeigt uns das von ihm selbst herausgeforderte Petrusbekenntnis (Mk 8,27ff). Er hat auf dieses Bekenntnis hin sie langsam in das Geheimis hineinblicken lassen, dass er der Menschensohn im Sinn der Endhoffnung sei, aber Gott einen ganz anderen Weg gehe mit dem Reich und dem Menschensohn, als es die Hoffnung der jüdischen Frommen erwarte: der Menschensohn werde sterben und in seinem Tod werde Gott einen neuen Bund aufrichten, der die Gotteserkenntnis und Gotteskindschaft an die Unfrommen und die Heiden gebe. Von diesem Augenblick an wurde Jesus von den Jüngern nicht mehr verstanden. Sie haben aber zweierlei im Gedächtnis behalten: Einmal, dass Jesus seinen eigenen Tod als von Gott dem Menschensohn bestimmten Rat ihnen in geheimnisschweren Worten geweissagt hat (Mk 8,31;  14,22ff). Sodann, dass er ihnen in Verbindung mit dem Kommen des Gottesreichs die Zerstörung Jerusalems geweissagt hat (Mk 12,1-12;  13,2.34ff). Petrus hatte an Jesus als den kommenden König des Gottesreichs im atl-jüdischen Sinn geglaubt und sich dann beim Zusammenbruch dieses seines Glaubens von Jesus losgesagt. Dass sich ihm das Dennoch des Glaubens an Jesus gebar, das konnte ihm nichts anderes sein als ein ihm von Jesus nachträglich von Gottes Thron her gegebenes Verständnis eben der Worte und Weissagungen, für die sein Ohr einst stumpf gewesen war (70f).

Nach Paulus hat das urchristliche Lehrstück von Ostern die ausdrückliche Aussage enthalten, Jesus sei am dritten Tage auferstanden nach der Schrift (1Kor 15,4). Danach hat man die Vorstellung, dass Jesus am dritten Tag auferstanden sei, aus der Schrift des AT begründet (Hos 6,2). Nach Jona 2,1 ist Jona, der als Typus Christi gilt, drei Tage und drei Nächste im Bauch des Fisches gewesen. Es ist dies nicht der einzige Fall, dass der Weissagungsbeweis, den die erste Gemeinde für Jesus aus dem AT zu führen suchte, die Vorstellung vom tatsächlichen Hergang beeinflusst hat. Das berühmteste Beispiel ist, dass man der Prophetenstelle Mi 5,1 zuliebe die Geburt Jesu von Nazaret in Galiläa nach Bethlehem in Judäa verlegt hat (72f).

c. Der tiefere Gehalt des ersten Osterglaubens: Indem Jesus Christus sich von Gottes Thron her gegenwärtig kundmacht und eine Gemeinde erwählt und schafft, die in und aus seinem Geist lebt und so der Ewigkeit zugehört, ist die Ewigkeit des Gottesreichs schon über die Zeit hereingebrochen und den Gliedern dieser Gemeinde die Gewissheit geschenkt, dass ihnen die Offenbarung und Vollendung des an ihnen verborgen wirklich Gewordenen unmittelbar bevorsteht. Die atl-jüdische Religion hat ihre Hoffnung auf ein Wunderreich gerichtet, das der kommende gottgesalbte König von Jerusalem her auf Erden gegen die anderen Weltreiche aufrichten wird. Demgegenüber scheidet der neue Oster- und Endglaube an Gottes Reich sich innerlich von jeder irdischen Erwartung und geht auf das, was in Wahrheit kein Auge schauen und kein Ohr vernehmen kann (74f).

In dem den Oster- und Endglauben entbindenden Sehen des Herrn wird das ewige Leben zum Leben des Menschen. Ewiges Leben wird geschenkt, man gibt oder erwirbt es sich nicht. Petrus und die Jünger kommen aus der atl-jüdischen Religion her, für deren Verständnis von Gottes Walten und Richten Jesus durch seine Ausstoßung aus dem jüdischen Bund und seinen Untergang am Kreuz ein von Gott Verurteilter, ein als gottlos Erwiesener war. Im urchristlichen Oster- und Endglauben wird das Gefühl der Abhängigkeit von Gott daran erlebt, dass der Mensch einen Herrn hat, der ihn mit seinem Geist belebt, bestimmt, regiert (76f).

Paulus steht als ein ganz in Christus Lebender, von ihm durch den Geist Geführter vor uns in seinen Briefen. Er hat diese Art seines persönlichen Lebens auf das Ostererlebnis zurückgeführt. Die Christuserscheinung vor Damaskus legt ihm Richtung und Ziel seines Wirkens fest, indem sie eine Herz und Sinn in sich hineinnehmende Kraft und Vollmacht des Herrn in ihm wirkt. Das Gesetz hat nicht die entscheidende Stelle als Kundmachung des Willens Gottes in der Frömmigkeit bei einer Gemeinde, die in unmittelbarer Gnadengewissheit lebt, die sich vom Herrn im Geist leiten lässt, die ihre Entscheidungen im Namen Jesu durch das Gebet sich schenken lässt. Man kann nicht leugnen, dass das Ostergeschehen in den Jüngern und den Gliedern der ersten Gemeinde das wesentliche Moment aus Jesu Kampf gegen den Pharisäismus zum Durchbruch gebracht hat und dass ihnen die Geisterfahrung die Gotteskindschaft erschlossen hat, die das letzte Wort des Evangeliums ist. Jesus von Nazareth hat mit seinem Wort und seiner Geschichte seine Jünger durch den Tod hindurch überwunden. Er ist an ihnen als der durch den Tod Gegangene mächtiger gewesen als der atl-jüdische Glaube, der auf seine Weise ihn durch den Tod widerlegte (78f).

d. Die Verwandlung des Osterglaubens: Wir haben in den Paulusbriefen noch das Zeugnis dafür, dass man ursprünglich erwartete, die große Erscheinung des Herrn werde so schnell kommen, dass kein Gläubiger den Tod noch sehen werde. Es hat in den pln Gemeinden schwere Erschütterungen ausgelöst, als man im Hingang der Zeit das Sterben von Christen erlebte (1Thess 4,13ff; 1Kor 15,12ff). Wie unnatürlich das Sterben von Christen erschien, sehen wir auch an der Vorstellung, die sich gleichsam zum Ersatz für die enttäuschte Erwartung bildete: der Herr werde wenigstens erscheinen, ehe der letzte Zeuge der Anfangszeit der Gemeinde dahingegangen sei (Jh 21,23). Auch dies wurde durch den schlichten Gang der Dinge von selbst widerlegt. D.h. die ursprüngliche Einheit von Osterglauben und Endglauben wurde sehr schnell angefochten und endlich ganz zersprengt (80f).

Der für den Wandel des Osterglaubens entscheidende Punkt ist, dass sich neue Gedanken über das Verhältnis von Christ und Tod erzeugen mussten. 1Thess 4 und 1Kor 15 zeigen sowohl, dass diese Frage die Gemeinden in Ratlosigkeit versetzte, als auch, welche Antwort man fand. Ausgangspunkt war die pharisäische Lehre von einer allgemeinen Leibesauferstehung der Toten. Unter dem Einfluss dieser pharisäischen Lehre bildete sich nun die christliche Lehre von der Leibesauferstehung aus. Dabei war das Neue die Verknüpfung mit der Auferstehung Jesu. Grundaussage dieser Verknüpfung ist, dass Jesus durch die Auferstehung ein Erstling, ein Vorläufer und Bahnbrecher, der Christen geworden ist (81).

Paulus kennt nur eine Auferstehung derer, die in Christus gestorben sind, die andern bleiben tot. Er hat alles getan, um die Auferstehung der Christen gegen eine Wiederkehr in das irdische Leibesleben abzugrenzen und so den Charakter der christlichen Hoffnung als einer Ewigkeitshoffnung gegen den Einbruch jüdischer Gedanken zu wahren. Paulus dachte sich nicht nur Jesu, sondern auch unsere Auferstehung als Verklärung in die göttliche Herrlichkeit. Die Vorstellung von Lk und der kirchlichen Bearbeitung des Jh-Ev, dass der auferstandene Jesus gegessen und getrunken habe, hätte er als lästerlich abgelehnt. Und doch bedeutet die Verknüpfung des Ostergeschehens mit der Auferstehung des Christen unweigerlich eine Schwerpunktverlagerung. Statt dessen, dass Jesus sich als der lebendige Herr kund macht, wird an Ostern dies wichtig, dass er aus dem Grab auferweckt worden ist. D.h. unter der Einwirkung des Glaubens an die Auferstehung des Christen wird der Osterglaube in schärfer betonter Weise als bisher Glaube an das Auferstandensein Christi. Ostern wird eine Tatsache von selbstständigem und eigenem Gewicht gegenüber dem Kommen Jesu am letzten Tage. Die Geschichte der christlichen Gemeinde hat mit ihrer Nötigung zu neuen Gedankenbildungen angefangen, die Einheit des ersten Oster- und Endglaubens zu zersetzen (82f).

1Kor 15,20-28: Der Mensch Jesus mit seinem Wort und seiner Geschichte geht Paulus deshalb an, weil Gott ihn zu dem lebendigen Herrn erhöht hat, der von ihm durch den Glauben Besitz ergreift und mit seinem Geist ihm das Leben ist. Man sollte erwarten, dass er einfach so argumentiert: ich weiß im Glauben, dass Jesus durch den Tod zum Leben gedrungen ist; denn er ist mir lebendig nahe und gegenwärtig. Statt dessen führt er einen Zeugenbeweis dafür, dass Jesus erschienen ist, mithin tatsächlich auferstanden ist und reiht seine eigene Christuserscheinung in diesen objektivierenden Beweis mit ein. Paulus brauchte das Auferstandensein Jesu als Unterlage seiner Predigt von der Auferstehung des Christen (83f).

Gesiegt hat in der Kirche nicht die pln Lehre von der Auferstehung der Christen, sondern die pharisäische Lehre von der allgemeinen Totenauferstehung. Die Heidenkirche wird in ihrer Hoffnung unter palästinischem Einfluss stärker von pharisäischen Ideen bestimmt als Paulus, dem bei der Hinwendung zum Glauben an Jesus sein jüdisches Denken zerbrochen worden ist (84f.)

Die Vorstellungen von der Auferstehung Jesu verändern sich und gleichen sich den Vorstellungen an, die man von der Totenauferstehung sonst hat. Das ist der entscheidende Faktor in der Umwandlung der Vorstellung von Jesu Auferstehung geworden. Dieser Faktor erklärt, dass man in den Erscheinungen Jesu nun Bekundungen nicht des zu Gottes Thron Erhöhten, sondern des aus dem Grabe Kommenden zu sehen begann und auch anfing, nach Zeugnissen für das Leersein des Grabes zu verlangen. Denn so, als Hervorgehen aus dem Grab zum Leben vor allen, war die eigene Auferstehung des Christen ja gedacht. Man begann, sich den Auferstandenen so leibhaft wie möglich vorzustellen und man dachte ihn sich auch essend und trinkend, denn nur so war an ihm die Auferstehung vollzogen, die man einst für sich selbst von Gott erwartete und erhoffte (85).

e. Die kirchliche Festlegung des Ostermythus: Der Gegensatz zur gnostischen Entstellung der christlichen Überlieferung legte den Ton erst recht auf die Leibhaftigkeit sowohl des den Jüngern erscheinenden Auferstandenen wie der Totenauferstehung. Kraft des Gegensatzes zur Gnosis bildete sich eine Gleichläufigkeit zwischen dem Glauben an eine wahrhaftige geschichtliche Menschheit Jesu und dem an Mythus und Legende von seinen Erscheinungen in dem wiederbelebten Leib auf dem Weg vom Grab zum Himmel; ebenso wie sich eine Gleichläufigkeit bildete zwischen der christlichen Anschauung von der uns die Ewigkeit erschließenden erlösenden Gnade und der Hoffnung auf eine Wiederbelebung der in die Gräber gelegten Leichen von Christen zu wahrhaftem Leibesleben am Jüngsten Tag. So wurde der mythische Realismus des kirchlichen Auferstehungsglaubens gleichsam zum antimythischen Schutzschild des Wirklichkeitsernstes im Glauben an den geschichtlichen Menschen Jesus und darüber hinaus im christlichen Erlösungsglauben überhaupt (89).

Erst im Kampf gegen die Gnosis hat sich in Ostermyhtus und –legende der Kirche die letzte Unterstreichung der handfesten Leibhaftigkeit der Auferstehungserscheinungen herausgebildet. Wenn in Lk 24,41-43 das Essen des Auferstandenen vor den Augen der Jünger und in Jh 21,25 sein Bedürfnis nach Speise betont wird, so ist da bewusste Kirchlichkeit am Werk, die wider gnostizierende Vorstellungen der Auferstehungserscheinungen zu Felde zieht (89f).

In den Anfängen der Gemeinde war, wie die Erscheinung an die Fünfhundert beweist, jedem Christen das Sehen des Herrn gegeben. Solange das Sehen des Herrn als letzte Steigerung und Höhe der Geisterfahrung galt und die Geisterfahrung echtes Erlebnis jedes Christen war, blieb auch ein Anteilhaben des einfachen Christen an der Ostererfahrung der Zeugen bestehen. Mit der Festlegung von Ostermythus und-legende durch die Kirche wird die Ostererfahrung etwas, das ganz allein den ersten Zeugen gehört. Christenglaube ist fortan insofern Glaube und nicht freie Erkenntnis, als sich zwischen ihn und die Erkenntnis Jesu Christi eine Autorität stellt, der er sich zu beugen hat, das kirchlich beglaubigte Wort der Apostel, wie es in den heiligen Schriften der Christen niedergelegt ist. Damit nimmt das Christentum Züge einer Buchreligion an und die Auferstehung Jesu aus dem Grab wird eine durch die heiligen Schriften der Christen beglaubigte wunderhafte Tatsache der Vergangenheit (90f).

f. Ausblick: Mit der Reformation ist ein Einbruch in diesen Stand der Dinge geschehen. Gilt Luthers Aussage von der Vollmacht und Freiheit des Christenglaubens, dann kann kein Christ in dem, was den Glauben gründet, von fremder menschlicher Erfahrung abhängig sein. D.h. dann ist das Ostergeschehen nach dem, was daran seinem Wesen zufolge allein uns verschlossene Erfahrung und Gewissheit der ersten Zeugen sein kann, für den Glauben belanglos. Es gibt für uns eigene, von Erfahrung und Gewissheit dieser Zeugen unabhängige Wege zu dem Glauben an Jesus Christus, der uns Ewigkeit, Gnade und Freiheit im Geist erschließt. Wenn Luthers Aussage gilt, kann kein Christ an das kirchliche oder apostolische Zeugnis vom Ostergeschehen gebunden sein (92f).

Die Wahrheit des Glaubens an Jesus den Herrn

Soll uns Jesus der Herr sein, d.h. uns mit seinem Wort und seiner Geschichte, mit dem, was er als Mensch ist, das Gottesverhältnis bestimmen, dann muss er sich vollmächtig an unserem Herzen und Gewissen erweisen. Er ist nur insofern der Herr, als er einem Menschen sich als der Herr kund macht in persönlicher Geschichte. Einen anderen Ausweis als die Bewegung des Glaubens selber, die er mit dem Evangelium oder als das Evangelium im Herzen entzündet, gibt es nicht (97f).

Die Ewigkeitshoffnung empfängt ihren eigentlichen Gehalt für den Christen nicht aus irgendwelchen Bildern und Begriffen, sondern aus der Gewissheit der göttlichen Liebe, die das Evangelium im Herzen zu erwecken vermag. Der Schleier, der uns das ewige Geheimnis verhüllt, ist uns im christlichen Glauben insofern zerrissen als uns mit Jesus, mit seinem Wort und seiner Geschichte, ein menschliches Sein gezeigt ist, das dem ewigen Gott als der Liebe hingegeben ist, das alle Wirklichkeit aus den Händen Gottes als das zu empfangen vermag, darin sie ihm gehört und ihm gehörend wahrhaftig ist (102f).

Geöffnetsein für den Weg Jesu: Von Luther an hat man auf den Gegensatz hingewiesen, den der Papst als Herr seiner Kirche und gleichzeitig Prätendent auf die Weltherrschaft zu dem macht, dessen Stellvertreter zu sein er vorgibt, zu dem Jesus, der auf Erden ein schlichter armer Prediger war und wehrlos gegen seine jüdischen Todfeinde, gehorsam unter seinem himmlischen Vater, den Weg in den Tod ging. Der Papst beansprucht der Stellvertreter nicht des Erniedrigten sondern des zur Rechten Gottes Erhöhten zu sein, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist (Mt 28,18) und daher komme ihm selbstverständlich die Kirchenherrschaft und grundsätzlich auch die Weltherrschaft zu (111f).

Was vom Papst gesagt ist, gilt von jedem Kirchtum, das im Namen des auferstandenen Christus, des himmlischen Herrn, über die Herzen und Gewissen gebieten will, das sich gewissermaßen als Gestalt des Reichs Gottes und Christi auf Erden ansieht. Es wolle wie die Papstkirche Osterkirche im Sinn von Ostermythus und –legende in deren endgültigen Fassung sein. Dieser Jesus ist ihr durch die Auferstehung und Erhöhung in eine ganz andere Daseinsform übergegangen. Er ist nicht mehr der Erniedrigte, er hat die Königsgewalt. Die Kirche ist die Kirche des triumphierenden Herrn (112f).

Der Karfreitag wird als der schwarze Tag gemalt, da Jesus unterliegt und die Macht der Christusfeinde triumphiert. Aber Gott hat das jeden Glauben unmöglich machende Ärgernis eines unterliegenden Christus beseitigt und uns zu Ostern einen gegeben, der über alle seine Feinde den Sieg gewinnt und den Triumpf dieses Sieges demnächst bei seiner Wiederkunft durch ihre Bestrafung und Vernichtung endgültig besiegeln wird. Schon jetzt ist die Herrlichkeit dieses himmlischen Königs feierlich kundgemacht durch die zweifelsfrei feststehende Auferstehung und Himmelfahrt (113).

Die Anschauung von Christus und dem Gottesreich, die in diesen Gedanken lebt, ist die, von der aus die führenden jüdischen Kreise Jesus mit seiner Art des Glaubens an das Reich als fremd, unverständlich, als einen des Todes würdigen Lästerer ansahen. Die Verschiebung: Das messianische Reich, das den Juden verheißen war, wird nicht den Gliedern der jüdischen Volksgemeinde, sondern den Gliedern der Kirche gegeben, die die Auferstehung als Jesu gültige Proklamation zum messianischen König anerkennen und in der Zeit des Wartens auf seine Wiederkunft vom Himmel her statt des mosaischen Gesetztes sein Gesetz erfüllen. Nach diesem Gedankengang hebt die Auferstehung den Anstoß, den Jesus zu seinen Lebzeiten gab, so auf, dass man an ihn glauben kann, ohne eine eigentliche Umkehrung aller als der atl-jüdischen Religion von Gott und Gottesherrschaft herkommenden Begriffe zu erfahren. Es ist nichts nötig, als kraft des Glaubens an das Osterzeugnis einzusehen, dass Jesus der erwartete Messias, der Christus ist (114f).

Jesu Wort und Glaube zeigt, dass ihm Gottes Gnade und Ehre frei von aller gesetzlichen Satzung sind, grundlos und überschwänglich sich ausschenkend, ohne Unterschiede zu kennen und zu machen. Gottes Gnade wird nicht erkannt an dem sichtbaren Erweis (wo Unglück, Untergang, Tod den Menschen treffen, da ist Strafe und Zorn). In Jesu Hingegebensein an den Vater ist diese Unmittelbarkeit völlig zerbrochen. Er bleibt auch im Gang zum Kreuz, auch im Angefochtensein und Verlassensein des Sterbens, das unmittelbar nichts als Untergang ist, der vom Vater Geführte und Gehaltene. Dadurch wird das Gottesverhältnis herausgenommen aus aller irdischen Kundbarkeit, es hat seine Wahrheit in der verborgenen Ewigkeit. Dadurch überwindet es auch Anfechtung und Tod, denn alles Widerfahrnis ist solchem Glauben eine Stätte, da verborgene Ewigkeit mit lebensgewährender Hoheit den Menschen begnadet (115f).

Kann uns Jesus nur dann der Träger der göttlichen Wahrheit sein, wenn er als Regent einer Gottes Wort und Willen verwaltenden geschichtlichen Gemeinschaft einen greifbaren Machtbereich hat, dann wollen wir einen Jesus, der auf atl-jüdische Weise als Herr von Gott bestätigt ist. Dies Unmögliche sucht die Kirche des zu Ostern siegreich über seine Feinde triumphierenden Christus zu bieten und fällt damit vom Glauben an Jesus den Herrn in einen christlich überdeckten jüdischen Messianismus zurück (116f).

Gottes wahre Wunder ehren: Anders als mit Ostermythus und –legende der Kirche steht es mit dem ersten Oster- und Endglauben, so wie er in dem ursprünglichen Erlebnis des Petrus und des Paulus für uns sichtbar wird. Wir haben ihn als Durchbruchsgestalt eines Glaubens an Gottes Liebe verstehen müssen. Jesu Lebendigsein bei Gott und sein Sichbezeugen an Herz und Gewissen derer, zu denen er mit der Geisterfahrung kommt, sind ganz in das Element des unfasslichen Geheimnisses getaucht. Es ist vor der Vernunft und den Sinnen verborgen, dass er lebendig und dass er der Herr ist: nur indem Jesus über einen Menschen die Macht bekommt, ihm das Gottesverhältnis im Glauben zu bestimmen, wird das Wunder dem Menschen Wahrheit. Das ging verloren dadurch, dass aus dem Sehen im Geist ein gewöhnliches Sehen, aus dem erscheinenden Herrn eine wiederbelebte Leiche ward und die Legende vom leeren Grab alles in Tatsächliche zog. Die Geburt des Glaubens an Jesus riss Petrus, Paulus und ebenso die, die ihren Weg des Glaubens teilten, heraus aus dem Boden der atl-jüdischen Religionsgemeinschaft, d.h. es zerbrach ihnen das, was ihnen Frömmigkeit und Gottesdienst gewesen war. Sie sind mit den Maßstäben und Autoritäten des frommen Judentums in Widerstreit geraten (119f).