4. Die theologische Problematik des Sühnetodes Jesu

Die Kulttypologische Deutung des Todes Jesu
H. Merklein

„Jesus Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölfen“ (1Kor 15,3b-5). Diese Glaubensformel haben die Hellenisten in ihrem Kern von der Urgemeinde übernommen. Auf die Urgemeinde verweist die Erwähnung des Kephas und der Zwölf in der Formel. Dazu passt auch die Beteuerung des Paulus, dass die Formel inhaltlich das wiedergibt, was er und die übrigen (Jerusalemer) Apostel übereinstimmend verkündigen (1Kor 15,11) (158).

Der Sühnegedanke bei den 'Hellenisten' in Jerusalem und Antiochia

Die Hellenisten, die griechisch sprechenden Judenchristen um Stephanus und die Sieben, dürften die ersten gewesen sein, die erkannten, dass der Glaube an den Heilstod Christi zu einer neuen Beurteilung des kultischen Bereichs nötigte. Es ist kein Zufall, dass gegen Stephanus der Vorwurf erhoben wurde, er würde „gegen diesen heiligen Ort (= Tempel) und das Gesetz reden“, und dass in diesem Zusammenhang auf das Tempellogion verwiesen wird: „Dieser Jesus, der Nazoräer, wird diesen Ort zerstören und die Bräuche ändern, die uns Mose überliefert hat“ (Apg 6,13f). Dahinter steht der Tatbestand, dass die Hellenisten den (Sühne-)Kult im Tempel nicht mehr weiter mitvollzogen und die diesbezüglichen Bestimmungen der Tora für 'überholt' hielten. Die von Paulus in Röm 3,25f zitierte Formel dürfte von den Hellenisten stammen. Konkreter Entstehungsort dürfte Antiochien gewesen sein (163).

„Ihn (= Christus Jesus) hat Gott öffentlich eingesetzt als Sühneort in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit um der Vergebung der zuvor geschehenen Sünden willen in der (Zeit der) Geduld Gottes“ (Röm 3,25f). Mit Sühneort wird nicht Christus als Deckplatte der Bundeslade qualifiziert, sondern umgekehrt: der Ort der sühnenden Gegenwart Gottes, der bislang im Allerheiligsten zu finden war, wird nun von Christus her definiert. Der gekreuzigte Christus wird als der endzeitliche Sühneort verstanden. Der Tod Christi („in seinem Blut“) ist das endgültige Sühnegeschehen und insofern die objektive Voraussetzung zur Vergebung aller zuvor geschehenen Sünden. Der Sühnekult im Jerusalemer Tempel hatte nur die vorläufige Funktion des Typos. In der am Kreuz Christi gewährten Sühne (Anti-typos) ist er endzeitlich 'aufgehoben' und damit an sein Ende gekommen (164).

Wenn durch Jesu Tod eschatologische Sühne geschaffen ist, dann hat der Sühnekult in Jerusalem seine aktuelle Bedeutung verloren. Was der Kult als typologische, d.h. vor-verweisende Wirklichkeit beinhaltet, hat im Sterben Christi als dem eschatologischen Anti-typos seine wahre Verwirklichung erfahren. So wird deutlich, dass das Sühnegeschehen am Versöhnungstag ein nur vorläufiges Vor-Bild (Typos) für die eschatologische Wirklichkeit des Sühnegeschehens am Kreuz Christi war (165).

Nach der kulttypologischen Deutung des Todes Jesu ist nicht mehr der Tempel in Jerusalem, sondern Jesus der Ort der heilsamen Begegnung mit Gott. Nicht wer in Jerusalem opfert, sondern „wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet“ (Röm 10,13; Apg 2,21). Die Vorstellung, dass die Schekhina oder die Weisheit Gottes auf dem Zion in Jerusalem Wohnung genommen hat, muss nun auf Jesus übertragen werden. Jesus erscheint als die Personifizierung der präexistenten Weisheit und des präexistenten Wortes Gottes. Auch die ekklesiologische Vorstellung von der Gemeinde als dem eschatologischen Tempel Gottes (1Kor 3,16f; 2Kor 6,16; Eph 2,21; 1Petr 2,5; Hebr 3,6; 10,21 u.ä.) ist die Folge der kulttypologischen Deutung des Todes Jesu. Wenn Jerusalem nicht mehr das eigentliche Kultzentrum ist und das Heil an die Anrufung des Namens Jesu gebunden ist, kann man leicht, die Grenzen Israels überschreiten. Dies umso mehr, als die rituellen Bestimmungen der Tora (nach dem Vollzug der eschatologischen Sühne) ihre Bedeutung verloren haben. Es ist daher kein Zufall, dass von Antiochia aus die erste direkte Heidenmission begann (Apg 11,20) (165f).

4.1 W. Zager

a. Hat der historische Jesus selbst seinen Tod als Sühnegeschehen gedeutet?

Mk 10,45 par – das Lösegeldwort

„Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“.

In Lk 22,24-27 findet sich eine parallele Überlieferung: „Es entstand aber unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll wie der Jüngste werden, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer: der zu Tische liegt oder der dient? Ist es nicht der, der zu Tische liegt? Ich aber bin mitten unter euch wie der Dienende“.

Hier wurden von beiden Evangelisten verschiedene, voneinander abhängige Ausprägungen ein und derselben Grundtradition benutzt. Lk 22,27c hat mit dem Fehlen der Sühneaussage das Ursprüngliche bewahrt. „Und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“ in Mk 10,45b ist eine spätere Erweiterung. Dagegen gehört die Rede vom Dienen Jesu zur Markus und Lukas gemeinsamen Grundtradition (37f).

Innerhalb der synoptischen Tradition werden die drei Gruppen von Menschensohnworten (vom kommenden, vom gegenwärtig handelnden und vom leidenden Menschensohn) klar voneinander unterschieden. Daran ist zu erkennen, dass eine Kombination vom Lebensdienst des Menschensohnes einerseits und von seiner Lebenshingabe als Lösegeld andererseits sekundär sein muss (38).

Die Urfassung von Mk 10,45a besaß das ‚Ich’ Jesu als Subjekt und nicht den ‚Menschensohn’: „Ich bin nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen“ (39).

Kann die von dem Spruch Mk 10,45a unabhängige Sühneaussage in Mk 10,45b auf den historischen Jesus zurückgeführt werden? Anders als im palästinisch-jüdischen Kultur- und Religionsbereich, dem die geschichtliche Person Jesu zuzurechnen ist, findet sich zur Deutung des Todes Jesu als Sühnegeschehen eine unmittelbare Parallele allein in der hellenistisch-jüdischen Tradition vom stellvertretenden Sühnetod: Die jüdischen Märtyrer geben ihr Leben hin als ‚Lösegeld’ für die Sünden ihres eigenen Volkes (4 Makk 6,29; 17,21).

Mk 10,45b repräsentiert ein jüngeres Überlieferungsstadium der frühchristlichen Dahingabeaussagen, was daran zu erkennen ist, dass nicht Gott als handelndes Subjekt der Dahingabe genannt, sondern Jesus als solches vorausgesetzt wird (41).

Markus 14,24 par - das Kelchwort beim Abendmahl
Nachdem die Lösegeldaussage in Mk 10,45 als nachösterliche Bildung erkannt ist, bleibt allein das Kelchwort als Möglichkeit übrig, die Sühnetodvorstellung bei Jesus selbst festzumachen. Diese Möglichkeit scheidet aus folgenden Gründen aus:

Anfangs lag nach 1 Kor 11,25 zwischen den beiden Deuteworten die Sättigungsmahlzeit, die dann in einem späteren Stadium in Mk 14,23 wegfiel. Durch das Aneinanderrücken von Brotwort und Kelchwort fand eine sprachliche und inhaltliche Angleichung statt (41f).

Das Nebeneinander von dem als Deutewort gestalteten Kelchwort Mk 14,24 und dem Verheißungswort Mk 14,25, das ja ein weiteres Kelchwort ist, weil Jesus hier ansagt, dass er seinen nächsten Wein im Reich Gottes trinken werde, kann kaum ursprünglich sein. Das Logion Mk 14,25 schließt sich nahtlos an Mk 14,23 an. Das legt den Schluss nahe, dass ursprünglich Mk 14,25 das einzige Kelchwort war. Damit verbietet sich auch das Verständnis des letzten Mahles Jesu als einer kultstiftenden Symbolhandlung. Das Deutewort über dem Kelch lässt sich am besten als Analogiebildung zum Brotwort begreifen. Mk 14,25 kann man begründet auf den historischen Jesus zurückführen. Dieses Wort steht nämlich im Einklang mit seiner Proklamation der angebrochenen und sich in einem endzeitlichen Prozess durchsetzenden Gottesherrschaft, deren Vollendung als Reich Gottes sich in naher Zukunft ereignen wird. Jesus verstand seinen erwarteten Tod nicht als Infragestellung seiner Botschaft und Hoffnung (42f).

Hätte der historische Jesus seinem Tod eine universale Heilsbedeutung beigemessen und beim letzten Mahl davon klar gesprochen, wäre es nie zu den Auseinandersetzungen im frühen Christentum um die Heidenmission gekommen, weil deren Rechtmäßigkeit damit offenkundig gewesen wäre (43).

Innerhalb der authentischen Jesusüberlieferung wird Gottes Vergeben nie an Jesu Lebenshingabe als Voraussetzung gebunden (44).

Der historische Jesus eröffnet in seinen Mahlgemeinschaften und in seiner Verkündigung den direkten Zugang zu Gottes Verzeihen und Barmherzigkeit, dem der Mensch in seinem Verhalten zum Mitmenschen entsprechen soll. Von diesem Grundgedanken seiner Reich-Gottes-Botschaft war Jesus offenbar auch in seinem Tod durchdrungen, wenn er in Mk 14,25 die Hoffnung auf die sich in Bälde durchsetzende Gottesherrschaft durchhielt und von sich lediglich als Teilnehmer am endzeitlichen Heilsmahl sprach. Der historische Jesus hat seinen Tod nicht als Sühnegeschehen begriffen (45).

b. Wie kam es zur nachösterlichen Deutung des Todes Jesu als Sühnegeschehen?
Im AT gibt es nur einen Text, der vom stellvertretenden Sühnetod handelt: Jes 53,4-6.12: „Führwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. (5) Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (6) Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. (12) Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet worden ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“.

Der Sühnetod Jesu
(1) eine aus Jes 53 entwickelte Deutung?
Von den sieben Zitaten aus Jes 53 im NT (Mt 8,17; Lk 22,37; Joh 12,38; Apg 8,32f; Röm 10,16 ; 15,21; 1Ptr 2,22-25), greift nur das eine in 1 Ptr 2,24 („durch seine Wunden seid ihr geheilt worden“) den Gedanken vom stellvertretenden Leiden des Gottesknechtes auf, um damit Jesu Tod als Sühnegeschehen zu interpretieren. Dabei handelt es sich um einen relativ späten Beleg (47).

Die älteste urchristliche Aussage vom Sühnetod Jesu: „Christus ist für uns gestorben“, nimmt keinen Bezug auf Jes 53. Auch die „Dahingabe“-Aussagen, die davon sprechen, dass Gott seinen Sohn oder Christus sich selbst dahingegeben habe, zitieren aus dem vierten Gottesknechtslied nicht, sondern enthalten allenfalls wie Röm 4,25 eine Anspielung auf Jes 53,12, wobei die hier vorliegende Verbindung von Sterbens- und Auferweckungsaussage samt der soteriologischen Deutung von Jesu Auferweckung auf eine entwickeltere Traditionsstufe hinweist (47).

Die jüdische Exegese interpretiert zwar Jes 53 durchaus messianisch, aber sie nahm dabei nur die Hoheitsaussagen von Jes 53 auf. Umgekehrt fehlt in den zeitgenössischen jüdisch-hellenistischen Texten jeder Bezug zu Jes 53 (48).

(2) ein Interpretament aus dem Kontext hellenistisch-jüdischen Martyriumsverständnisses?
Die Berichte über die Martyrien des Eleazar sowie der sieben Brüder und ihrer Mutter enthalten für das Verständnis des Todes Jesu als Sühnegeschehen folgende Anknüpfungspunkte: die Wendung vom ‚Sterben für’, die Rede von der Hingabe des eigenen Lebens und die Deutung des gewaltsamen Todes als ‚eine Art Ersatzleistung’ für das aufgrund der Sünde verwirkte Leben des Volkes (50f).

In 4 Makk tritt der Gedanke stellvertretenden Strafleidens durch die Benutzung von Opferterminologie deutlich hervor. Das zeigt sich in Eleazars Fürbitte 4Makk 6,28f: „Sei gnädig deinem Volk. Lass dir an unserer Bestrafung genügen, die wir für sie auf uns nehmen. Zu einem Reinigungsopfer für sie mache mein Blut und nimm mein Leben als Ersatz für ihr Leben“ (Anm. 59).

Die frühchristliche Rede vom Sühnetod Jesu verdankt sich dem Bedürfnis seiner Anhänger, Jesu Kreuzestod einen positiven Sinn abzugewinnen und nicht lediglich als durch die Auferweckung überwundene Schmach oder als heilsgeschichtliche Notwendigkeit zu betrachten. Laut Dtn 21,22f galt der am Holz Aufgehängte als von Gott Verfluchter. Der Gedanke des stellvertretenden Sühnetodes bot die Möglichkeit, das Skandalon zu überwinden und in einem höheren Sinne aufzuheben: Christus hat für uns den uns als Sündern drohenden Fluchtod auf sich genommen, um uns von diesem zu befreien. Dies können wir Gal 3,13 entnehmen (52).

Erstmals haben wahrscheinlich die griechisch sprechenden Judenchristen um Stephanus Jesu Tod als Sühnegeschehen interpretiert. Zum einen dürfte ihnen aufgrund ihrer kulturellen und religiösen Herkunft das Martyriumsverständnis vertraut gewesen sein, wie es seinen literarischen Niederschlag in 4Makk gefunden hat (53).

c. Fazit
Der historische Jesus hat seinem ihm bevorstehenden Tod keine Sühnefunktion beigemessen. Vielmehr hat er sehr wahrscheinlich noch beim letzten Mahl mit den Jüngern seine Hoffnung auf die völlige Durchsetzung der Gottesherrschaft bekräftigt. Diese steht nach Jesu Botschaft allen offen, die sich Gottes Barmherzigkeit öffnen und der erfahrenen Vergebung in ihrem Verhalten entsprechen, ohne dass die menschliche Schuld zuvor gesühnt werden müsste (Za 54).